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Plenarsitzung

Demokratie zwischen zwei Diktaturen

Sachsen-Anhalt gab‘s vor 1990 schon mal? Und ob! Im Jahr 1946 konstituierte sich in Halle (Saale) der erste Landtag des neu entstandenen Landes Sachsen-Anhalt und läutete eine kurze Phase der parlamentarischen Demokratie ein. Ein Forschungsprojekt des Politikwissenschaftlers Prof. Dr. Everhard Holtmann vom Zentrum für Sozialforschung Halle (Saale) widmete sich in den vergangenen Jahren akribisch der Geschichte des Parlaments und den Abgeordneten des ersten und zweiten Landtags – im Spannungsfeld zwischen Demokratie und zweier Diktaturen.

Die Forschungsergebnisse – basierend auf unzähligen Archivfunden – wurden am Donnerstag, 2. Juli 2026, im Stadthaus Halle öffentlich präsentiert und zudem in einem internationalen wissenschaftlichen Kolloquium diskutiert. Das Buch mit den Forschungsergebnissen erscheint im Verlag De Gruyter Oldenbourg.

„Orientierung für Gegenwart und Zukunft“

„Ich danke Ihnen im Namen des Landtags für die mehr als beeindruckende wissenschaftliche Publikation“, sagte Landtagspräsident Dr. Gunnar Schellenberger in Richtung Everhard Holtmann. Sie sei nun Teil der parlamentarischen Traditionspflege des Landtags von Sachsen-Anhalt. Die Erkenntnisse gäben Orientierung für die Gegenwart und die Zukunft und verdeutlichten die Errungenschaften und die Verletzlichkeit der Demokratie. Das Projekt knüpfe an den thematischen Vorgänger „VER|FOLGT“ an, der sich mit Parlamentsabgeordneten aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt beschäftigte, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, entrechtet und ermordet worden waren.

„Die Frühphase des Parlamentarismus in Sachsen-Anhalt war besonders spannend, ein prägendes Kapitel der Nachkriegsgeschichte, ein Interim zwischen zwei Diktaturen“, erklärte Landtagspräsident Schellenberger. Es sei kurz aufeinanderfolgend ein demokratischer Neubeginn, dann aber eine autokratische Verdichtung durch die sowjetische Militärbesatzung gewesen. Die Ereignisse vor achtzig Jahren zeigten die Wichtigkeit auf, politische Freiräume zu schützen.

„Gewisse demokratische Entwicklungsoffenheit“

Es sei im Auftrag des Landtags darum gegangen, die systemische und personelle Dimension der beiden ersten Landtage (1946–1952) zu untersuchen, erklärte Prof. Dr. Everhard Holtmann im Rahmen eines Podiumsgesprächs mit dem früheren sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Dr. Reiner Haseloff. Die sowjetische Militäradministration habe nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zwar die Rahmenbedingungen einer politischen Neuordnung gesetzt, aber dennoch habe es eine gewisse demokratische Entwicklungsoffenheit gegeben, so Holtmann. Die Auflösung des Landtags im Jahr 1952 sei dann schon ein Systembruch gewesen. Was fast schon in Vergessenheit geraten sei: Walter Ulbricht, der spätere Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, war von 1946–1949 Abgeordneter im ersten Landtag von Sachsen-Anhalt.

„Kontinuität zum ersten Landtag erkannt“

Schon mit dem Ländereinführungsgesetz der Volkskammer aus dem Jahr 1990 habe man sich in einer Kontinuität zum ersten Landtag von 1946 gewusst, sagte Ministerpräsident a. D. Dr. Reiner Haseloff. Sachsen-Anhalt war 1990 – nach 37 Jahren in Bezirke aufgeteilt – in fast denselben Grenzen von 1946 wiedererstanden. Haseloff erinnerte an den ersten Ministerpräsidenten Erhard Hübener, der sich als wichtige politische Figur jener Jahre für die Ausprägung des mitteldeutschen Raums starkgemacht habe. Er habe sich auch für eine gemeinsame Ministerpräsidentenkonferenz aus West und Ost eingesetzt, die schließlich 1957 in Bayern stattfand, wo allerdings der Wunsch, über die Einheit Deutschlands zu diskutieren, vonseiten der Westalliierten nicht erfüllt wurde.

Biographisches Lexikon im Buch

Die neue Publikation enthält unter anderem ein biographisches Lexikon der Abgeordneten. Von den zunächst 110 Abgeordneten waren im Laufe der ersten Wahlperiode schon mehr als die Hälfte ausgeschieden. Über deren Nachrücker gibt es kaum Aufzeichnungen bzw. Übersichten. Darunter befänden sich wenige Fälle, bei denen es nur noch den Namen des Abgeordneten gebe, aber kein Bild, keine biographischen Angaben, so Holtmann

Das Ende durch Selbstauflösung

Das singuläre Merkmal des ersten Landtags von Sachsen-Anhalt nach dem Zweiten Weltkrieg bestand darin, dass nach seiner Konstituierung alsbald eine Umkehrung der demokratischen Institutionenbildung in Richtung einer Entdemokratisierung im Sinne der SED eintrat. Der zweite Landtag von Sachsen-Anhalt – seiner demokratischen Natur bereits beraubt – beschloss am 25. Juli 1952 seine Auflösung.

Die DDR-Staatsführung verfolgte eine Umgestaltung der Staatsverwaltung. Der zentralisierten Macht in Berlin standen eigenverantwortliche Länder mit ihren jeweiligen Landtagen im Wege. Die Länderstruktur wurde aufgelöst, die Landesfläche Sachsen-Anhalts in die Bezirke Magdeburg und Halle aufgeteilt.

„Was wir heute parlamentarisch genießen, ist ein absolutes Privileg, das in den wenigsten Ländern der Welt selbstverständlich ist“, sagte Reiner Haseloff. Dieses demokratische System sei unbedingt zu bewahren und auf hohem Niveau zu erhalten. „Im Gegensatz zu den Menschen in der SBZ/DDR haben wir den unschätzbaren Vorteil einer freien und öffentlichen Debatte“, konstatierte Everhard Holtmann, diese sollte gezielt und entschieden dafür genutzt werden, die Resilienz der demokratischen Institutionen zu unterstützen.