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Plenarsitzung

Transkript

Cornelia Lüddemann (GRÜNE):

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Bei mir steht ganz oben auf dem Redemanuskript: Ohne Frauen läuft dort nichts.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der Linken)

Ich finde, das hat die Kollegin Tarricone soeben sehr richtig eingeordnet. Es ist gut, wenn Frauen in dieser Debatte über Frauen im ländlichen Raum sprechen. Alle Kolleginnen und Kollegen, die dazu gesprochen haben, haben genau diese Intention verfolgt, wenn auch mit anderen Worten. Genau das ist es auch, was den ländlichen Raum in Sachsen-Anhalt trägt.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der Linken)

Dafür sollte man nicht nur den Landfrauen, sondern tatsächlich den Frauen im ländlichen Raum einmal ganz doll Danke sagen. Die arbeiten nämlich dort. Sie arbeiten in der Landwirtschaft, sie arbeiten im Büro, sie arbeiten in der Kita, sie engagieren sich ehrenamtlich in unterschiedlichsten Weisen, sie halten die Dorfgemeinschaft zusammen. Trotzdem sind sie in Gemeinderäten unterrepräsentiert. Höfe gehen weiterhin häufiger an Söhne als an Töchter. Das ist kein Zufall; denn man muss klar sagen, auch in Sachsen-Anhalt gibt es im ländlichen Raum immer noch mehr gelebtes Patriarchat als in den Städten.

(Zustimmung bei den GRÜNEN und von Eva von Angern, Die Linke - Lachen bei und Zurufe von der AfD - Sebastian Striegel, GRÜNE: Sie sind der Beweis! - Sandra Hietel-Heuer, CDU: Na ja!)

Gleichzeitig wird es gerade den Frauen, die den ländlichen Raum tragen, immer schwerer gemacht. Die Wege werden bspw. immer länger. Die Kita oder die Grundschule vor Ort schließt. Was sich daraus an Mehrarbeit ergibt, das tragen im Wesentlichen Frauen. Der Arzt nimmt keine neuen Patienten mehr auf. Der Bus fährt seltener. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist weg.

(Florian Schröder, AfD: Ich kann bestimmt besser kochen als Sie!)

Ich weiß nicht, mit wem Sie reden, Herr Siegmund, aber mit faktischen Zahlen arbeiten Sie auf keinen Fall; denn dann wüssten Sie, dass gerade Frauen nach wie vor den ländlichen Raum verlassen.

(Zustimmung bei den GRÜNEN und bei der Linken)

Zurück bleiben Orte, die weiter an Attraktivität verlieren, zurück bleiben einsame Männer, die sich im Rechtsextremismus und im Frauenhass verlieren.

(Oh! bei der AfD)

Das ist die Realität in diesem Land.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der Linken - Lothar Waehler, AfD: So ein Käse! - Weitere Zurufe von der AfD)

Wer also den ländlichen Raum stärken will, wer Demokratie stärken will, der muss Gleichberechtigung schaffen. Wenn Frauen bleiben können, dann bleiben Familien und dann bleiben auch Ehrenamt, Vereine, Unternehmen und soziale Infrastruktur. Gleichstellungspolitik ist deshalb ganz klar Strukturpolitik.

(Zustimmung bei den GRÜNEN und bei der Linken)

Deswegen finde ich es richtig und im Antrag der Fraktion Die Linke wird einiges Richtiges benannt: Arbeit, Mobilität, Digitalisierung, politische Beteiligung und Begegnungsorte. All das sind Punkte, bei denen Frauen unterrepräsentiert sind, bei denen ihnen Unterstützung fehlt.

Es fehlt aber ein wichtiger Punkt. Die Antragsteller sprechen darüber, dass der ländliche Raum für Frauen attraktiver werden muss, aber kaum darüber, wie er für Frauen sicherer wird. Seien wir einmal ehrlich: Wenn es enger wird, wenn sich alles auf die Häuslichkeit zurückbesinnt, dann ist - wir wissen es alle - der gefährlichste Ort für Frauen - das ist eben im ländlichen Raum so, wenn es wenig Unterstützungsstrukturen gibt - gerade die Familie.

(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE)

Deswegen ist das tatsächlich eine Leerstelle, die ich hier der Vollständigkeit halber benennen möchte.

Deswegen brauchen Frauen auf dem Land nicht nur Busverbindungen oder Gründungsberatung, sie brauchen eben auch Schutz vor Gewalt. Gerade in ländlichen Regionen fehlen Frauenhausplätze sowie Beratungs-, Informations- und Hilfsstellen; oder sie sind eben schwer zugänglich und nicht mit dem ÖPNV erreichbar. Wer über Frauen im ländlichen Raum spricht und das Gewalthilfesystem ausspart, der lässt eine zentrale Lebensrealität weg. Gleichstellung ohne Gewaltschutz bleibt Fassade.

Es fehlt der intersektionale Blick. Wo sind die Maßnahmen für von Rassismus betroffene Frauen?

(Beifall bei den GRÜNEN - Zustimmung bei der Linken - Lachen bei der AfD - Daniel Rausch, AfD: O Leute!)

Das ist eine Frage, die ich stelle. Die Kollegin kann ja dann noch einmal ausführen. Es braucht mehr mobile Beratungsangebote für Opfer rechter Gewalt. Wo sind Angebote für queere Frauen im ländlichen Raum? - Auch hierbei braucht es aufsuchende Beratung. Was ist mit Frauen und Mädchen mit Behinderungen? - Wir brauchen mehr barrierefreie öffentliche Räume, barrierefreie Einrichtungen und Kulturangebote sowie eine Landeskoordination für ein inklusives Gewalthilfesystem. Gleichstellung im ländlichen Raum bedeutet mehr als einzelne Förderprogramme. Es bedeutet, Strukturen so zu gestalten, dass alle bleiben können und wollen.

Wenn wir, verehrte Kolleginnen und Kollegen, Perspektiven ernst nehmen, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft, dann verbessern wir nicht nur die Lebensrealität von Frauen, sondern die Attraktivität des ländlichen Raums insgesamt. Wer heutzutage Frauen fördern will, der schafft eine moderne Infrastruktur; denn von schnellem Internet, von besserem ÖPNV oder von belebten Kneipen profitieren alle Menschen,

(Lothar Waehler, AfD: Belebte Kneipen!)

egal ob Frau, Mann, Kind oder Migrant. - Vielen Dank.