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Plenarsitzung

Transkript

Tagesordnungspunkt 38

Beratung

Gemeinsam statt Einsam: Runden Tisch und Strategie für sozialen Zusammenhalt initiieren

Antrag Fraktion Die Linke - Drs. 8/6508


Einbringen wird diesen Antrag Frau Hohmann.


Monika Hohmann (Die Linke):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine verehrten Damen und Herren! Wir Menschen sind soziale Wesen und benötigen die Gemeinschaft. Wir sind nicht nur voneinander abhängig, um uns gegenseitig mit Lebensmitteln, Kleidung, Unterkunft oder Medikamenten zu versorgen. Zusätzlich brauchen wir auch den zwischenmenschlichen Kontakt und Austausch, um uns seelisch wohlzufühlen.

Natürlich ist selbstgewähltes Alleinsein und Rückzug gelegentlich wichtig. Allerdings ist Einsamkeit, also das subjektive Empfinden von fehlenden sozialen Kontakten und dem Zugehörigkeitsgefühl, etwas anderes und sollte sehr ernst genommen werden; denn sie beeinträchtigt die Lebensqualität und Gesundheit der Betroffenen. Besonders seit dem Jahr 2020, und zwar während und nach den Coronamaßnahmen, hat die Einsamkeit in allen Altersgruppen dramatisch zugenommen.

(Zustimmung)

Die OECD-Studie mit dem Titel „Social Connections and Loneliness in OECD Countries“ aus dem Jahr 2025 spricht von einem Rekordhoch in Westeuropa und Deutschland. Auch die Zeitungen sind täglich voll von Berichten über immer mehr Jugendliche, die sich isoliert und psychisch geschwächt fühlen.

Von einer Krise der mentalen Gesundheit bei jungen Menschen sprach jüngst die Bundesschülerkonferenz. Sie beschlossen am letzten Wochenende unter anderem die Stärkung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern. Außerdem appellierten sie an die Politik, mehr Ressourcen für Schulpsychologen bereitzustellen und Programme zur Stressbewältigung und Resilienzförderung in den Schulalltag zu integrieren.

(Beifall)

Sehr geehrte Damen und Herren! Bei Alleinerziehenden finden wir das Problem ebenfalls und es ist seit langem bekannt. Auch Seniorinnen und Senioren sind aufgrund veränderter gesellschaftlicher und familiärer Strukturen oftmals von Einsamkeit betroffen. Dies zeigt die starke Nachfrage nach dem Nachbarschaftshilfeprogramm des Landes, das daher unbedingt auch über das Jahr 2026 hinaus weitergeführt, ausgebaut und finanziert werden muss.

Sehr geehrte Damen und Herren! Das Einsamkeitsbarometer 2024 des Bundes zeigt, dass Einsamkeit in Deutschland seit dem Höhepunkt der Coronapandemie zwar wieder abgenommen hat, jedoch insgesamt höher bleibt als vor dem Jahr 2017, wobei nur Daten bis zum Jahr 2021 erfasst wurden.

Besonders betroffen sind demnach ältere Menschen über 75 Jahre, junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren, Frauen, erwerbslose Personen sowie Menschen mit intensiver Care-Arbeit, wie etwa Alleinerziehende und pflegende Angehörige.

Der Anteil einsamer Menschen lag in der Gesamtbevölkerung im Jahr 2017 bei knapp 8 %. Im Jahr 2020, also auf dem Höhepunkt der Pandemie, bei ca. 28 % und im Jahr 2021 noch immer bei mehr als 11 %.

Das Einsamkeitsbarometer selbst formuliert keine Praxisprojekte, sondern leitet übergreifende Handlungsfelder ab. Im Mittelpunkt stehen Prävention, der Abbau von Risikofaktoren, wie Armut und Care-Belastungen, sowie die Stärkung von Resilienzfaktoren, wie Bildung, sozialen Beziehungen und Teilhabe.

(Beifall)

Diese Maßnahmen müssen auf Sachsen-Anhalt, auf die lokale Ebene, auf alle Felder heruntergebrochen werden.

(Zustimmung)

Sehr geehrte Damen und Herren! Wie viele Menschen sich in Sachsen-Anhalt ausgegrenzt und einsam fühlen, kann die Landesregierung laut Antworten auf Kleine Anfragen bedauerlicherweise nicht benennen. Sie hat das Thema nicht im Blick. Somit fehlt es folglich an transparenten und bekannten Unterstützungsprogrammen und Strukturen gegen Vereinsamung sowie an statistischen Untersuchungen zu Betroffenen und Entwicklungen.

Im Projektbericht der Studie mit dem Titel „Risiken und Chancen der Einsamkeit in der digitalen Lebens- und Arbeitswelt Sachsen-Anhalts“ der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg aus dem Jahr 2023 heißt es, dass insbesondere Frauen und ältere Menschen in unserem Land vermehrt Einsamkeit erleben.

Die Projektleiterin Frau Prof. Heike O. sagt weiter: Leider sei es bisher üblich, Einsamkeit als individuelles Problem und persönliche Angelegenheit zu betrachten. Aus der soziologischen Perspektive zeigt sich jedoch, dass die Frage nach der Betroffenheit von Einsamkeit unter anderem auch sozioökonomischen, generations-, aber auch geschlechtsspezifischen Bedingungen, wie Einkommen, folgt.

Aus diesem vom Sozialministerium geförderten Projekt wurden meines Wissens bis jetzt leider keine weiteren Untersuchungen oder politischen Maßnahmen abgeleitet, um Bedingungen und Strukturen zu schaffen, die Menschen zusammenführen und verbinden können. Fehlende zwischenmenschliche Kontakte führen, wie gesagt, zu gesundheitlichen Belastungen bei Betroffenen und gefährden den sozialen und gesellschaftlichen Frieden und Zusammenhalt.

(Zustimmung - Unruhe)

Sehr geehrte Damen und Herren! Wir müssen als Gesellschaft viel mehr hinschauen: Alleinerziehende Frauen, ältere Menschen und besonders auch Jugendliche sind zunehmend von unfreiwilliger Einsamkeit betroffen. Dies wurde auch im Abschlussbericht des Runden Tisches gegen Einsamkeit im Alter deutlich, der in Mecklenburg-Vorpommern eingerichtet wurde und von Sachsen-Anhalt aufgegriffen werden sollte, jedoch dann nicht nur auf ältere Menschen beschränkt.

Auch wenn sich die Legislaturperiode ihrem Ende neigt, ist es aus unserer Sicht nach wie vor möglich, bei entsprechendem Willen, bis zum zweiten Quartal 2026 einen solchen Runden Tisch einzurichten.

(Zustimmung - Unruhe)


Vizepräsidentin Anne-Marie Keding:

Meine Damen und Herren! Könnten wir dem Redner bitte auch beim letzten Tagesordnungspunkt eine gewisse Aufmerksamkeit schenken. - Bitte.


Monika Hohmann (Die Linke):

Er soll eine Landestrategie erarbeiten und ein landesweites Bündnis gegen Einsamkeit etablieren. Daran sollen Vertreter von Kinder- und Jugend-, Gesundheits-, Wohlfahrts-, Senioren- und Frauenorganisationen sowie Vertreter aus Wissenschaft und Kommunen teilnehmen. Über die Frage, ob analog zum Einsamkeitsbarometer des Bundes auch ein Einsamkeitsbarometer des Landes etabliert wird, kann dort dann ebenfalls diskutiert werden.

Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist sicherlich nicht die Aufgabe der Landesregierung, die Menschen zur Kontaktaufnahme zu bringen. Jedoch müssen die Kommunen aus unserer Sicht vom Land finanziell unterstützt werden, um die soziale Infrastruktur zu erhalten und auszubauen. Denn es fehlt immer mehr an offener Jugendarbeit, an Gemeindetreffpunkten, an Schulsozialarbeit und Nachbarschaftshilfe.

Außerdem wünschen wir uns eine digitale Landesplattform und Broschüren, die öffentlichkeitswirksam und transparent über Vernetzungs- und Fördermöglichkeiten informieren. Solche Projekte gibt es bspw. in Nordrhein-Westfalen, bspw. das Projekt mit dem Titel „einsamkeit.nrw“ oder auch in Rheinland-Pfalz, wo das Projekt „MitMenschen!“ heißt.

Letztlich wird jedoch ein eigenes Landesprogramm zur Förderung lokaler Projekte benötigt, um das Vernetzen von Sozialdiensten, Gesundheitswesen, Vereinen und kirchlichen Trägern zu unterstützen. Es ist wichtig, Netzwerke auszubauen und flächendeckend eine Koordination von Ehrenamt und Seelsorge im Land zu ermöglichen. Viele Menschen wissen nicht, dass und wo es ehrenamtliche Besuchsdienste, Sterbebegleitungen oder auch telefonische Notfall- und Seelsorgehilfe gibt.

Kleinteilige Projekte sollten vor Ort, in den Kommunen einsamkeitssensibel gestaltet werden. Dies muss vom Land finanziell unterstützt werden, da die Kommunen dies nicht mehr leisten können. Wir bitten nicht um eine Überweisung in die Ausschüsse; denn damit verlieren wir sehr viel Zeit. Deshalb bitten wir um eine Direktabstimmung, um zeitlich noch alles in die Wege leiten zu können. - Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Ein besonderer Dank geht an die AfD-Fraktion, die heute besonders aufmerksam war. - Danke schön.

(Beifall)


Vizepräsidentin Anne-Marie Keding:

Frau Hohmann, es gibt eine Intervention von Frau Gorr.

(Zurufe: Oh!)

Frau Gorr, bitte. - Ich bitte darum, Unmutsäußerungen oder Beifallsbekundungen zu unterlassen, wenn ich nur referiere, dass jemand am Mikrofon steht. - Frau Gorr, bitte.


Angela Gorr (CDU):

Es ficht mich nicht an. - Werte Kollegin Hohmann! Sie haben von Vernetzung gesprochen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass die Vernetzung der eine Aspekt ist, aber der andere Aspekt die Bekanntmachung ist. Ich bin der Meinung, dass der Akzent darauf gesetzt werden sollte, die zahlreichen vorhandenen Angebote publik zu machen und sie niedrigschwellig an die Menschen, die Einsamkeitsgefühle haben, heranzutragen. Das sollte uns als Abgeordnete durchaus etwas angehen. Es wurde bereits über Gemeindestrukturen gesprochen. Es gibt sehr viele Fraueninitiativen, auch kleine Initiativen in den Kommunen.

Ich möchte die Aufmerksamkeit auf das Bildungssystem lenken. Es gibt sehr viele niedrigschwellige Angebote in Erwachsenenbildungseinrichtungen usw. usf., die es sich zur Aufgabe gemacht haben, speziell diese Menschen anzusprechen und durch ihre Bildungsangebote zu Vernetzungen beizutragen.


Vizepräsidentin Anne-Marie Keding:

Frau Hohmann.


Monika Hohmann (Die Linke):

Frau Gorr, vielen Dank für die Intervention. Sie haben recht. Es stellt sich aber die Frage, warum die Zahl der einsamen Menschen auf ein Höchstniveau steigt, obwohl wir all das haben?

Wir müssen wahrscheinlich schauen, wo wir noch besser werden können, wo wir das Ganze noch besser vernetzen können. Denn, wie gesagt, die Zahl ist von 8 % auf 11 % gestiegen; auch nach der Coronapandemie bleibt ja die Zahl hoch. Wir haben sehr viele Jugendliche, die jetzt davon betroffen sind. Es ist richtig, dass es Angebote gibt. Es gibt sie, das will ich nicht verneinen. Aber die Frage ist: Wie kriegen wir es hin, dass alles viel besser vernetzt werden kann, damit die Einsamkeitsquote, die wir jetzt haben, wieder gesenkt werden kann?