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Plenarsitzung

Transkript

Jan Riedel (Minister für Bildung):

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Es ehrt Sie erst einmal sehr, dass Sie sich über gute Bildung Gedanken machen und dass wir hier darüber debattieren. Die Landesregierung teilt das Anliegen, alle Schülerinnen und Schüler beim Erwerb eines bestmöglichen Bildungserfolges zu unterstützen.

Der vorliegende Antrag fordert uns jedoch dazu auf, in einer sehr hohen Komplexität in die strukturellen Rahmungen des Schulsystems einzugreifen. Deswegen teilen wir die vorgesehenen Ansätze nicht. Ich hatte eher den Eindruck, dass ich hier meinen Teil dazu beitrage, um ein Wahlprogramm zu promoten. Aber ich möchte dennoch in den folgenden Minuten auf einige der Ansätze eingehen.

Vorab: Als Pädagoge kann ich die großen Visionen, die hier geäußert wurden, verstehen. Ich möchte aber dazu mahnen, dass wir verantwortungsvoll handeln müssen. Wenn Sie in den Schulen in diesem Bundesland unterwegs sind, dann bemerken Sie, dass eine Müdigkeit herrscht, immer wieder und wieder Neues ausprobieren zu müssen. Man sehnt sich nach Stabilität, nach Ruhe, nach Verlässlichkeit. Dem kann ich nur zustimmen. Wir müssen Stabilität statt Aktionismus wahren, und wir müssen Dinge bewahren, bevor wir sie kopflos weiterentwickeln.

(Zustimmung von Angela Gorr, CDU - Marco Tullner, CDU, zustimmend: Das ist gute konservative Politik!)

Ich möchte auf ein paar wenige Dinge eingehen. Die Antragstellerin verweist auf die Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre. Das sei für die Optimierung des Bildungserfolges notwendig. Ich denke, es lohnt sich ein Blick über die Landesgrenze hinaus, nach Berlin oder Brandenburg, wo dies bereits langjährig geübte Praxis ist. Mir ist nicht bekannt, dass dort damit mehr Bildungserfolg generiert wird, meine Damen und Herren.

(Zustimmung von Susan Sziborra-Seidlitz, GRÜNE)

Man muss sich in Bezug auf die Hinweise, die ich gerade gegeben habe zur Frage des Systems, auch vor Augen führen, was das organisatorisch bedeuten würde. Wir müssten, wenn wir das umsetzen würden, einen Zug, der 35 Jahre lang in eine Richtung gefahren ist, aufhalten. Wir müssten in der Lehrkräftebildung, in der Organisation des Lehrkräfteeinsatzes, in der curricularen Untersetzung, bei den Gebäuden, meine Damen und Herren, bei der Schulorganisation, bei der Ausbildung und auch bei der Besetzung der Grundschulen mit Fachlehrerinnen und Fachlehrern für bestimmte Fächer so extrem nachsteuern, dass das nicht sinnvoll erscheint. Die vergleichenden länderübergreifenden Studienergebnisse belegen im Vergleich jedenfalls keine Evidenz für die Annahme, dass sich daraus für Sachsen-Anhalt irgendeine Optimierung der Ergebnisse ergäbe.

(Zustimmung von Angela Gorr, CDU)

Weiterhin möchte ich, meine sehr geehrten Damen und Herren, auf das Ansinnen der Abschaffung der Sekundarschulen reagieren. Dem möchte ich entschieden widersprechen. Wir haben sehr starke Sekundarschulen in diesem Land. Sie haben darauf angesprochen, dass wir auch bei den Gemeinschaftsschulen und Sekundarschulen darauf hinwirken, eine starke mittlere Schulform vorzubereiten. Sie haben es erwähnt, die sogenannte Oberschule. Sie sagen, das sei eine Mogelpackung, bei der nur ein Schild verändert wird. Ich kann Ihnen guten Gewissens sagen, dass das nicht so sein würde, sondern dass wir uns sehr intensiv und dezidiert darüber Gedanken machen, wie wir die Vorteile beider Schulen ineinander vereinen können, die Praxisorientierung der Sekundarschule und den Willen zur Schulentwicklung der Gemeinschaftsschulen. Ich halte es für falsch, hier das Signal auszusenden, dass die Sekundarschulen fehl am Platz seien.

Zu der Senkung der Mindestschülerzahlen in der gymnasialen Oberstufe. Haben Sie einmal daran gedacht, dass das auch organisatorische Hintergründe hat? Haben Sie Praktiker gefragt, wann man eine Oberstufe sinnvoll organisieren kann, in einer angemessenen Breite vorhalten kann? Dazu sind Mindestschülerzahlen wichtig, auch vor dem Hintergrund des Einsatzes der Lehrkräfte und der Effizienz, aufgrund des Mangels, den wir noch einige Jahre lang erleben werden.

(Zustimmung von Angela Gorr, CDU, von Matthias Redlich, CDU, und von Jörg Bernstein, FDP)

Überhaupt fehlt mir die Gesamtschule in Ihren Überlegungen. Es ist die Schulform, die in den beiden Großstädten in Sachsen-Anhalt mit oder sogar die beliebteste ist, die Sie hierbei völlig ausklammern und deren Berechtigung Sie im Kontrast zur Gemeinschaftsschule infrage stellen. Wenn Sie sich näher mit dem Konzept der Gemeinschaftsschule auseinandersetzen würden, dann würden Sie sehen, dass wir damit ein wirkmächtiges Instrument haben, das dem Wunsch vieler Elternhäuser nach längerem gemeinsamem Lernen entspricht, obwohl wir in der Gesamtschule durchaus auch eine Differenzierung schon ab der siebten Klasse sehen. Diese ist auch sinnvoll, meine Damen und Herren.

Ich sehe schon, die Anzeige wird rot. Ich weiß schon, der Präsident wird gleich etwas sagen. Ich möchte noch etwas zu dem Vorschlag sagen, dass Gymnasien selbst über G8 und G9 entscheiden sollen. Ich glaube, das verkennt enorm die erforderlichen Vorlaufzeiten und überhaupt die Realitäten in den Schulen. Das ist ein Stück weit ein Vorschlag aus Wolkenkuckucksheim.

Ansonsten möchte ich auch noch etwas zu den Förderschulen sagen. Wenn Sie in den Förderschulen dieses Landes unterwegs sind   es wurde darauf hingewiesen  , dann bemerken Sie extrem engagierte Kolleginnen, die sich um jeden einzelnen Schüler Gedanken machen. Ich möchte auch betonen, dass der gemeinsame Unterricht in Sachsen-Anhalt nicht abgeschafft ist, sondern dass die Eltern auch die Möglichkeit haben, diese Form zu wählen.

(Zuruf von Susan Sziborra-Seidlitz, GRÜNE)

Schauen Sie sich bitte die Tatsachen vor Ort an. Schauen Sie sich die Arbeit der Förderschulen an und Sie werden ein anderes Bild über diese Schulform bekommen. Ich möchte ganz klar sagen, dass wir als Landesregierung zu den Förderschulen hier im Land stehen.

Zum Abschluss. Ihre Ausführungen zu den Ganztagsschulen sind sehr interessant, vor allen Dingen, weil sie verkennen, dass hierfür alles schon bereitet ist. All das, was Sie schreiben, kann realisiert werden - die Einbindung der Partner, außerschulische Experten, außerschulische Lernorte usw. Es hängt vom Engagement der Schulen vor Ort ab.

(Zustimmung von Thomas Krüger, CDU)

Gerade deren Vertrauen und deren Kraft sollten wir nicht missbrauchen mit unnötigen Experimenten. Wir sollten diese Akteure stärken und Stabilität sowie Verlässlichkeit im System walten lassen. - Vielen Dank, meine sehr geehrten Damen und Herren.