Kathrin Tarricone (FDP):
Vielen Dank, Herr Präsident. - Hohes Haus! Herr Siegmund!
(Ulrich Siegmund, AfD: Ja? Sie wollen mir eine Frage stellen!)
- Nein, ich wollte Ihnen keine Frage stellen. Lassen Sie mich einmal ausreden. Ich wollte Ihnen einfach sagen, dass ich glücklich bin, dass ich für mich ganz frei entschieden habe, wo ich lebe. Und das können viele meiner Kolleginnen auch tun. Dafür brauchen wir die Alternative für Deutschland ganz sicher nicht. Wir haben unsere eigenen Entscheidungen getroffen.
(Beifall bei der FDP, bei der CDU, bei der Linken, bei der SPD und bei den GRÜNEN)
Dann sage ich Ihnen noch etwas, bevor ich mit meinem Redebeitrag beginne, auch auf die Gefahr hin, dass mir ein paar Sätze weggehen: Dass Sie jedes Thema, aber auch jedes Thema, egal welches es ist, auf Migration drehen und biegen, bis es knackt,
(Zurufe aus allen Fraktionen)
müsste Ihnen selber einfach einmal über sein; immer wieder. Wie kriegen Sie das denn hin, dass Sie jede Rede, jedes Thema auf diese Migration beziehen. Und dann erzählen Sie auch noch, die Frauen, die sich in den Städten nicht wohlfühlen, kommen alle aufs Land. Die sind aber nicht da; diese Logik habe ich nicht verstanden.
(Zuruf von Daniel Roi, AfD)
Vielleicht erklären Sie es mir nachher noch einmal. Jetzt versuche ich mich zu fassen, zu beruhigen und zum Antrag zurückzukommen.
Als ich den Antrag der Linken mit der Überschrift „Der ländliche Raum muss für Frauen attraktiver werden“ gelesen habe, war ich zuerst neugierig, auch, weil ich eine Frau bin und vor allem eine Frau bin, die extrem gern im ländlichen Raum lebt. Ein Glück, dass ich das frei für mich entscheiden konnte.
(Zustimmung bei der FDP und bei der CDU - Zurufe von der AfD)
Ich wollte aus dem Antrag erfahren, warum andere Frauen meine diesbezügliche Leidenschaft nicht teilen und auch wie man das ändern könnte. Aber ganz ehrlich: Je öfter ich den Antrag gelesen habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, er beschreibt Probleme, aber er trifft den Kern nicht.
(Zuruf von der AfD: Ja, wie immer!)
Über die Feststellung, dass die Landfrauen großartige Arbeit leisten, sind wir uns absolut einig.
(Zustimmung bei der FDP und bei der CDU)
Denn wir wissen das haben Frau Feußner und auch Frau Eisenreich, glaube ich, sehr eindrucksvoll gesagt : Frauen tragen den ländlichen Raum. Sie engagieren sich im Verein, organisieren Dorffeste, halten soziale Strukturen am Laufen.
(Lothar Waehler, AfD: Wer ist denn hier eine Landfrau?)
- Ganz ruhig. Ich bin auch eine Landfrau, wenn Sie das wissen wollen. Ich bin auch in dem Verein.
(Zustimmung bei der FDP)
Ich bin darin und aus gutem Grund und mit meinem ganzen Herzen. - Sie halten Strukturen am Laufen, gründen Unternehmen, stemmen Familienalltag und den Beruf. Ohne sie würde vieles schlicht nicht funktionieren auf dem Land.
(Zustimmung bei der FDP)
Aber genau deshalb, liebe Kollegin Eisenreich, müssen wir ehrlich sein, wenn wir darüber reden, warum gerade junge Frauen gehen.
(Zurufe von der Linken und von der AfD)
- Sie sind heute völlig unentspannt. Was ist denn heute mit Ihnen los?
(Zustimmung von Jörg Bernstein, FDP)
Die junge Abiturientin aus der Altmark geht nicht nach Magdeburg, Leipzig, Hamburg oder München, weil es dort ein besseres Gleichstellungskonzept gibt. Sie geht dorthin, weil sie dort Studiengänge findet, die es zu Hause nicht gibt, weil sie dort zwischen zehn Jobs wählen kann, statt zwischen zwei, weil sie dort ihre Perspektiven sieht.
Die junge Handwerksmeisterin gründet ihren Betrieb nicht, weil die Förderprogramme fehlen, sondern weil sie sich fragt: Schaffe ich das mit der Bürokratie, mit diesen Abgaben, mit diesen Auflagen? - Das sind die Fragen, die sich die Leute stellen. In den 1990er-Jahren sind die jungen Frauen ganz sicher nicht deshalb in den Westen gegangen, weil dort die Kinderbetreuung besser war.
(Zustimmung bei der FDP)
Klar ist, dass wir bessere Rahmenbedingungen für Gründerinnen und Gründer brauchen. Das hilft uns allen. Aber nochmals: Es sind nicht die Gründungskosten, sondern die Abgabenlasten, die viele aufgeben oder gar nicht erst anfangen lassen.
(Zuruf von Eva von Angern, Die Linke)
Da haben die Linken einen Beschlusspunkt und wollen sogar noch draufsatteln. Das kann nicht die richtige Lösung sein.
Jetzt muss ich hier viel weglassen, weil ich mich über Herrn Siegmund so aufgeregt habe.
(Ulrich Siegmund, AfD: Dann habe ich alles richtig gemacht! - Ulrich Siegmund, AfD, lacht)
Im Antrag werden viele allgemeine Ziele beschrieben und bekannte Forderungen wiederholt - viel Richtiges, aber wenig Konkretes. Ja, wir wollen gleichwertige Lebensverhältnisse. Ja, wir brauchen eine gute Infrastruktur. Ja, wir wollen mehr Frauen in Ehrenamt und Kommunalpolitik.
Im Ehrenamt und in der Kommunalpolitik das haben meine Kollegen und Kolleginnen vorhin schon gesagt müssen alle einmal ein bisschen mitdenken. Warum ist es denn für eine Frau schwierig, um 18 Uhr in einer Sitzung zu sitzen? Wie bekommen wir die Leute denn wirklich eingebunden? Wir haben alle ein bisschen zu tun. - Ich sehe die Uhr, um Gottes Willen.
Es ist ein Sammelsurium von mehr oder weniger guten Vorschlägen, die alle irgendetwas mit Frauen im ländlichen Raum zu tun haben. Das ist alles gut gemeint, aber es ist zu wenig, zu schwammig. Damit stellen wir bei den Frauen ganz gewiss nicht auf Landlust um. Das wäre allerdings ein sehr hehres Ziel, das würde ich extrem gern unterstützen. Weil das so ist, werden wir uns auch nicht verweigern und diesen Antrag in den Landwirtschaftsausschuss überweisen. Vielleicht kommen uns dort gemeinsam noch tolle Ideen für Landlust. - Vielen Dank.

