Stefan Gebhardt (Die Linke):
Vielen Dank, Herr Präsident. - Sehr geehrte Damen und Herren! Ich habe eine Frage an die Landesregierung zum Thema Bildungspolitik. Ich will mit einem positiven Satz beginnen. Es ist gelungen, in den letzten Jahren verstärkt Quer- bzw. Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger für den Lehrerberuf zu finden. Insgesamt machen diese laut den aktuellen Zahlen einen Anteil von ca. 13 % bis 15 % des gesamten Lehrerpersonals aus. Wir müssen aber konstatieren, dass ca. ein Drittel derjenigen über kurz oder lang mit dem Beruf wieder aufhört und aussteigt. Die Gründe hierfür sind sicherlich differenziert, aber die Schlechterstellung in der Bezahlung sowie die mangelnde Unterstützung und Begleitung gerade im ersten Jahr ihres Wirkens als Lehrerin oder Lehrer werden häufig als Gründe genannt.
Daher ist meine Frage: Was tut die Landesregierung ganz konkret? Welche Maßnahmen werden oder wurden eingeleitet, um genau diesen Trend zu stoppen und Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger künftig stärker im Beruf zu halten, wenn sie sich schon für diesen entschieden haben?
Präsident Dr. Gunnar Schellenberger:
Herr Minister, bitte.
Jan Riedel (Minister für Bildung):
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Sehr geehrter Herr Gebhardt, vielen Dank für diesen Hinweis zu den Seiteneinsteigern. Kurz zur Einordnung: Wir schreiben im Jahr mehr als 1 000 Stellen für Lehrerinnen und Lehrer aus. Uns gelingt es, je nach Jahr zwischen 850 bis 900 solcher Stellen zu besetzen. Gut die Hälfte davon sind Seiteneinsteiger.
Sie haben recht. Unsere Erhebungen zeigen, dass im ersten Jahr rund ein Drittel dieser Personen wieder aus dem Schuldienst aussteigt. Das hat vielfältige Gründe. Das hat natürlich auch oft den Grund der persönlichen Eignung. Es sind häufig auch persönliche Entscheidungen, die dahinterstehen. Denn der Lehrerberuf - das muss man einfach so sagen - ist nichts für Zartbesaitete; so würde ich das einmal an dieser Stelle sagen.
(Stefan Gebhardt, Die Linke, und Thomas Lippmann, Die Linke, lachen)
- Herr Lippmann stimmt mir zu. - Vor allen Dingen in den Schulformen, in denen Seiteneinsteigende verstärkt zum Einsatz kommen das sind die Gemeinschaftsschulen, das sind die Sekundarschulen und das sind auch die Förderschulen , braucht man wirklich ein gutes pädagogisches Geschick, um die Herausforderungen zu meistern.
Dennoch möchte ich betonen, dass wir die Seiteneinsteiger nicht alleinlassen. Sie haben gefragt, welche Maßnahmen es gibt. Wir sorgen seit Jahren dafür, dass mit verschiedensten Maßnahmen auf die verschiedensten Hintergründe der Seiteneinsteiger reagiert wird. Sie müssen sich vorstellen, es können Erzieher, es können Bachelor mit und ohne Fachableitung, Master mit und ohne Fachableitung usw. in den Seiteneinstieg eintreten. All diese Lehrkräfte müssen qualifiziert werden, damit sie aufsteigen können, auch Sie haben über Bezahlung gesprochen entgeltmäßig aufsteigen können. Das LISA hat im Auftrag des Ministeriums in den letzten Jahren sehr viele Möglichkeiten geschaffen, damit all diesen besonderen Lagen Rechnung getragen wird. Das muss man auch einmal lobend hervorheben.
Dieser Baukasten sorgt dafür, dass wir auf viele Erfordernisse reagieren können. Wir merken aber auch daher kommt vielleicht auch die Stoßrichtung Ihrer Frage , dass die Seiteneinsteiger vermehrt auf uns zukommen und ihre Unzufriedenheit äußern, bzw. auch wir im System erkennen, dass es hier und da noch Optimierungsbedarf gibt.
Wir sind gerade dabei, diese Begleitung vor allen Dingen im ersten Jahr, in dem die meisten Seiteneinsteiger wieder aus dem Lehrerberuf aussteigen, zu intensivieren. Wir sind gerade mit dem LISA in einem engen Austausch dazu, wie wir Strukturen schaffen können, die doch sehr vereinzelt stattfindenden bzw. über die gesamte Woche verteilten, unsteten und zum Teil stark im Block stattfindenden Veranstaltungen zu zentralisieren. Der derzeitige Zustand führt dazu, dass in den Schulen sehr oft umgeplant werden muss, dass die Seiteneinsteiger sehr häufig vertreten werden müssen, weil sie zu Fortbildungen müssen am Dienstag, am Montag, am Donnerstag usw.
Wir sind dabei, einen Studientag oder mehrere Studientage zu organisieren in der Form, dass Seiteneinsteiger A immer montags ans LISA fährt und Seiteneinsteiger B dienstags, um den Schulen die Organisation zu erleichtern. An diesem Tag soll geballt die Begleitung durch Seminar- oder Studientagsleitende stattfinden, die professionell auf die Seiteneinsteiger und auf ihre Entwicklung im Unterricht schauen und auch beratend tätig sind. Zugleich sollen an diesem Tag weitere fachdidaktische, pädagogische Fortbildungen stattfinden, die sonst im Verlauf der Woche besucht werden müssten. Das ist eine Forderung, die sehr oft in den Papieren ich glaube, auch der GEW stand, aber auch schon von vielen Seiteneinsteigern an das Ministerium herangetragen wurde.
Dazu versuchen wir gerade, die Strukturen im LISA noch einmal zu verändern und eine feste Fachgruppe für den Seiteneinstieg einzurichten derzeit ist das ein Querschnittsthema in verschiedenen Fachbereichen im Landesinstitut , die sich dezidiert mit den Seiteneinsteigern und ihren Herausforderungen auseinandersetzt.
Eine Sache vielleicht noch: Auch die Zieltransparenz muss klar sein. Ich habe erwähnt, wie groß der Baukasten ist und wie unterschiedlich die Seiteneinsteiger sind, die zu uns kommen. Es muss uns gelingen, klar den Weg zu definieren, wohin es am Ende führen muss. Ich glaube, der optimale Weg muss sein, dass diese Lehrkräfte, sollten sie noch das notwendige Alter und auch noch die Kräfte dazu haben, den Weg der Qualifizierung gehen. Wenn ihnen noch ein Fach fehlt, dann sollten sie über Zertifizierungskurse so heißen diese ein Fach nachstudieren in Kooperation mit der Universität, um dann einen berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst abzuleisten und um dann regelhaft in den Schuldienst einzusteigen. Denn was wir es uns dauerhaft nicht leisten können und auch nicht wollen, ist zu viel Verschiedenheit im Lehrerzimmer. Sie haben die Struktur der Bezahlung angesprochen. Dazu braucht es aber Qualifizierung. Wir können gemäß den tarifrechtlichen Bedingungen oder auch beamtenrechtlichen Bedingungen Lehrkräfte, die die Qualifizierung nicht aufweisen, nicht in die gleiche Besoldungs- oder Bezahlungsstruktur bringen wie grundständig ausgebildete Lehrkräfte. Dazu müssen wir Qualifizierung anbieten. Das tun wir in Kooperation mit den Universitäten und das wollen wir auch weiterhin klar so formulieren.
Sie wissen auch um die Anstrengungen und die Versuche, auch im Tarifvertrag der Länder dafür zu sorgen, die Seiteneinsteiger über Bewährungsaufstieg etc. über bestimmte Modalitäten auch in ihrem Verdienst anzugleichen an die grundständig ausgebildeten Lehrkräfte. Das ist aber noch ein schwieriger Weg.
Zuletzt möchte ich sagen, dass die Seiteneinsteiger ein wichtiger Bestandteil sind und die Hälfte der Lehrkräfte ausmachen, die wir im Jahr einstellen. Wir können gar nicht anders, als sie möglichst gut zu qualifizieren und sie im System zu halten. Denn wir werden sie noch über eine lange Zeit brauchen. - Vielen Dank.

