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Plenarsitzung

Transkript

Tagesordnungspunkt 2

Regierungserklärung der Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie Frau Prof. Dr. Claudia Dalbert zum Thema: „Für die Wälder der Zukunft: Was wir jetzt tun müssen.“

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich erteile das Wort zunächst der Ministerin Frau Prof. Dr. Dalbert zur Abgabe der Regierungserklärung. Sie haben das Wort. Bitte.


Prof. Dr. Claudia Dalbert (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie):

Danke, Frau Präsidentin. - Liebe Kolleginnen und Kollegen! Seit dem Jahr 2017 befindet sich die Forstwirtschaft in Sachsen-Anhalt und in Deutschland insgesamt in einer Extremsituation, die niemand erwartet hätte. Weder die Waldbesitzer und Waldbesitzerinnen noch die Förster und Försterinnen oder die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben diese Abfolge von Sommer- und Winterstürmen, von Dauertrockenheit und Schädlingsbefall in dieser Ausprägung vorhersehen können.

Dennoch: Diese Extremsituation kam nicht zufällig; sie ist eine Folge der Klimakrise, der zweifellos größten Herausforderung der Menschheitsgeschichte.

(Zustimmung)

Bereits in den 70er- und 80er-Jahren machten die ersten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf die globalen Klimarisiken aufmerksam. Ab den 90er-Jahren begann die Politik, eher halbherzig darauf zu reagieren. Aber insgesamt war das Thema für viele Menschen weit weg. Denn wer konnte schon etwas mit einer nackten Zahl anfangen?

Die Durchschnittstemperatur in Deutschland und in Sachsen-Anhalt ist seit dem Beginn der systematischen Wetteraufzeichnung im Jahr 1881 im Jahresmittel um 1,5 °C angestiegen. Das klingt doch gar nicht bedrohlich, wenn man sich vorstellt, dass die Temperatur an einem Normaltag auch um 10 °C oder mehr schwanken kann.

Seit der Sturmserie in den Jahren 2017 und 2018 und vor allem ab dem Sommer 2018 ist dies - ich denke, das ist nicht nur meine Empfindung - anders. Die extreme Trockenheit und die Hitze des gesamten Sommerhalbjahrs 2018 wurden von vielen Menschen als bedrohlich wahrgenommen und haben unserer Landwirtschaft schwer zugesetzt. Das Thema ist spätestens seit diesem Zeitpunkt generationsübergreifend in den Familien angekommen. Die Bewegung „Fridays for Future“ ist quasi eine Konsequenz daraus.

Der Begriff Klimawandel ist nicht mehr streitig, und der Begriff Klimakrise - denn nichts anderes ist es - wurde seitdem immer öfter genannt. Selbst in dem im Januar 2021 veröffentlichten Weltrisikobericht des Weltwirtschaftsforums in Davos wird die Klimakrise - ebenso wie bereits im Jahr 2020 - trotz der aktuellen Pandemieproblematik als Hauptrisiko benannt.

Das extreme Sommerhalbjahr 2018, das übrigens den angeblichen Jahrhundertsommer 2003 abgelöst hat, wirkt bis heute fort. Seitdem gab es fast keinen Monat mit normalen Temperaturwerten. Nach dem Jahr 2018 war das Jahr 2020 das zweitwärmste und das Jahr 2019 das drittwärmste Jahr seit 1881.

Diese nackten Zahlen kommentierten die ernüchterten Beamtinnen und Beamten des Deutschen Wetterdienstes in ihrer Jahresauswertung für das Jahr 2020 wie folgt - ich zitiere  :

„Das sehr warme Jahr 2020 darf uns nicht kaltlassen. Die wissenschaftlichen Klimafakten des Nationalen Wetterdienstes sind alarmierend. Klimaschutz ist das Gebot der Stunde. Wir müssen jetzt handeln.“

(Zustimmung)

Die hohen Jahresdurchschnittswerte sind aber nur   e i n   Aspekt. Für unsere Wälder ist die Dauertrockenheit viel problematischer. Schon seit 2011 war in Deutschland mit Ausnahme des Jahres 2017 jedes Jahr zu trocken. Und seit 2018 verschärfte sich die Situation dann abrupt. Das muss uns zu denken geben. Denn bisher gehen die Klimaprognosen davon aus, dass die Niederschlagsmenge im Jahr nicht abnehmen wird. Zwar wurde in den Klimamodellen weniger Regen in der Vegetationszahl prognostiziert, aber die Winterhalbjahre sollten feuchter werden. In den Jahren 2019 und 2020 war das aber nicht der Fall, sodass die Defizite aus den Sommerhalbjahren nicht ausgeglichen werden konnten.

Aber für den Wald sind die Winterniederschläge extrem wichtig. Im Winter bilden sich die Bodenwasservorräte neu und können Schäden im heißen Sommer vermeiden. So hatten wir auch im Jahr 2018 noch keine Trockenschäden im Wald. Erst der Sommer 2019 brachte uns dieses Problem.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Schäden haben in unserem Bundesland, aber auch in anderen Ländern, ein historisches Ausmaß angenommen. Über alle Waldbesitzarten ist in dem Zeitraum 2018 bis 2020 ein Schadholzumfang von 13 Millionen Festmetern zu verzeichnen. Damit verbunden sind ca. 25 000 ha Blößen, also Freiflächen, die wiederaufgeforstet werden müssen. Das entspricht einem Anteil von rund 5 % der gesamten Waldfläche Sachsen-Anhalts.

Damit gehört Sachsen-Anhalt zu den sechs am stärksten betroffenen Bundesländern in Deutschland. Ob es im Jahr 2021 weitere Schadenszuwächse geben wird, entscheidet der Witterungsverlauf. Die Monate November und Dezember des letzten Jahres waren abermals viel zu trocken.

Der Waldzustandsbericht 2020 weist für die Waldbäume in Sachsen-Anhalt eine mittlere Kronenverlichtung von 25 % aus; im Jahr 2019 waren es knapp 26 %. Das heißt, jedem vierten Baum geht es nicht gut.

Die Absterberate ist bei der Baumart Fichte mit 31,1 % besonders hoch. Ca. 60 % des gesamten Schadholzumfangs entfallen auf diese Baumart, die durch ihre Monokulturen den Harz prägt.

Die gegenwärtige Extremsituation in den Wäldern Sachsen-Anhalts ist aber nicht nur eine Folge der menschengemachten Klimakrise. Vielmehr hat der Mensch auch durch Fehler bei der Baumartenwahl seinen Beitrag zur gegenwärtigen Situation geleistet. Ich will es mit aller Deutlichkeit sagen: Es steht mir nicht zu, dies mit erhobenem Zeigefinger zu kritisieren. Frühere Generationen wussten vieles oft nicht besser. Welche Ahnung von der heutigen Klimakrise hatten denn die Förster und Försterinnen, die Waldbesitzer und Waldbesitzerinnen im Jahr 1920, als sie die Fichtensetzlinge im Harz in Reih und Glied gepflanzt haben? - Die Antwort ist einfach: Nichts wussten sie von den klimakrisenbedingten Problemen des 21. Jahrhunderts.

Andererseits glaube ich, dass die früheren Generationen auch schon damals in Teilen wider besseres Wissen gehandelt haben. Denn die Sturm- und Schädlingsanfälligkeit von gleichaltrigen Monokulturen war auch vor 100 Jahren nicht gänzlich unbekannt. Man ging auch damals schon mit Monokulturen ein Stück weit bewusst ins Risiko, um möglichst hohe finanzielle Erträge zu generieren. Vielleicht hat sich das finanziell sogar lange Zeit ausgezahlt. Aber durch die Klimakrise haben sich die Karten noch einmal neu gemischt.

Ich denke, wir sollten, nein, wir müssen aus früheren Fehlern lernen. Dies sind wir nicht in erster Linie uns schuldig, sondern unseren Kindern und unseren Enkeln.

(Beifall)

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Wald der Zukunft benötigt heute breit angelegte Hilfe. Die forstliche Förderung in Sachsen-Anhalt beinhaltet sechs Programme: Hilfen für die Bewältigung der Schäden durch die Extremwetterereignisse und für die anstehenden Waldumbaumaßnahmen bieten insbesondere die beiden im Jahr 2019 neu gestarteten Richtlinien „Waldschutz“ und „Forst“. Immer mehr Forstbetriebe haben über diese eine Förderung erhalten. So sind bis zum 31. Dezember 2020 Mittel in Höhe von 15 Millionen € ausgezahlt worden - so viel wie noch nie. Die GAK-Förderung des Bundes mit Kofinanzierung aus dem Land ermöglicht diese langfristige Unterstützung beim Umbau unserer Wälder. Auch in den Jahren 2021, 2022 und 2023 wollen wir für diese beiden zentralen Förderrichtlinien jährlich Mittel in Höhe von rund 17 Millionen € bereitstellen.

Weiterhin fördern wir Waldumweltmaßnahmen, wie zum Beispiel die Erhaltung von Altholzbeständen oder Biotopbäumen mit Geldern aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes. Für die Förderperiode 2021 bis 2027 sind hierfür Mittel in Höhe von 5,1 Millionen € vorgesehen.

Der Wald der Zukunft braucht langfristige Unterstützung. Im Jahr 2020 und auch in diesem Jahr standen und stehen in Sachsen-Anhalt zur Unterstützung unserer Wald Besitzenden insgesamt Fördermittel in Höhe von 21,5 Millionen € zur Verfügung, das ist mehr als das Dreifache der Vorjahre. Die Planaufstellungen für den nächsten Doppelhaushalt sind angelaufen. Um den Waldumbau weiter voranzutreiben, werden wir weiterhin investieren müssen, auch mit Mitteln aus dem eigenen Haushalt. Hierfür möchte ich Sie schon jetzt sensibilisieren.

Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, finanzielle Hilfen allein lösen die Probleme in den Wäldern nicht. Wir müssen uns von den Fehlern der Vergangenheit lösen und in der Gegenwart und in der Zukunft mit den richtigen Baumarten arbeiten. Den Wald der Zukunft müssen wir strategisch aufbauen. Ich bin sicher, dass Sie meine Überzeugung teilen, dass in unseren Wäldern großflächige Wiederaufforstungen stattfinden müssen.

(Zustimmung)

Aber diese müssen an einen klimastabilen Waldumbau gekoppelt sein.

(Zustimmung)

Wiederaufforstung bedeutet in der Forstwirtschaft das Anpflanzen von Bäumen, die Beteiligung von Naturverjüngung oder die Aussaat von Samen mit dem Ziel der Bewaldung. Dabei stellt sich natürlich die große Frage: Welche Baumarten sind die Baumarten der Zukunft? Um es gleich vorwegzunehmen: Genau wissen wir es nicht. Die Forstwissenschaft erforscht deshalb, welche Baumarten mit höheren Temperaturen und weniger Niederschlag besser zurechtkommen und welche nicht.

Die Baumart der Zukunft wird nur noch an wenigen Standorten die Fichte sein. Bekannt ist schon länger, dass die Fichte im Tiefland und in den unteren und mittleren Lagen des Mittelgebirges keine Zukunft hat. Die Fichte war ursprünglich auch nur in den höheren Lagen der Mittelgebirge verbreitet; erst der Mensch hat sie quasi falsch verpflanzt, um möglichst hohe Erträge zu erzielen. Das Ergebnis lässt sich eindrucksvoll im Harz beobachten.

Die Baumarten der Zukunft stehen nicht allein. Diversifizierung ist das Stichwort.

(Zustimmung)

Mehrere Baumarten gemeinsam bilden den klimastabilen Mischwald. Damit wird das Risiko auf mehrere Baumarten verteilt. Das ist die einzig sinnvolle Strategie. Die bisherige Forstwirtschaft und die Monokulturen sind gescheitert.

Auch wenn noch nicht alle wissenschaftlichen Fragen geklärt sind, haben wir bereits eine gute Orientierung und verfügen über eine Waldbaustrategie. Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt hat Modelle entwickelt, die die Leistungsfähigkeit der Baumarten auf bestimmten Standorten einschätzen. In einer Broschüre sind alle Ergebnisse zusammengefasst und leicht verständlich dargestellt. So findet sich für jeden Standort in Sachsen-Anhalt die passende Hauptbaumart mit passenden weiteren Baumarten.

Diese Unterstützung bei der Waldbaustrategie stellt eine wissenschaftlich abgesicherte Entscheidungsgrundlage dar, natürlich auch für die künftigen Fördermaßnahmen des Landes.

Darüber hinaus ist die Beschaffung von hoch qualitativem Saatgut von großer Bedeutung. Gegenwärtig verfügt Sachsen-Anhalt über Samenplantagen von rund 87 ha in den unterschiedlichen Qualitätskategorien einschließlich der gebietsheimischen Gehölze. Unser Ziel ist es, bis 2025 den heimischen Pflanzenmarkt für alle Waldbesitzer und Waldbesitzerinnen im Land Sachsen-Anhalt zu versorgen.

(Zustimmung)

Der Wald der Zukunft braucht heimisches Saatgut. Um die Wiederaufforstung zu sichern, werden etwa 20 ha an Samenplantagen in den nächsten Jahren hinzukommen. In den Jahren 2019 und 2020 wurden bereits zwei Samenplantagen der Baumart Traubeneiche unter wissenschaftlicher Begleitung der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt angelegt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Wald der Zukunft braucht viel Pflege in der Kinderstube. Durch die zunehmende Frühjahrs- und Sommertrockenheit ist die Anwachswahrscheinlichkeit bei Jungbäumen je nach Standort deutlich reduziert. Junge Bäume haben in den ersten zwei bis drei Jahren, teilweise sogar in den ersten zehn Jahren, ein hohes Risiko, in langfristigen Trockenperioden einzugehen. Daher muss an manchen Standorten zweimal oder öfter nachgepflanzt werden. Darauf stellen wir uns ein, indem wir in unseren Programmen auch das Nachpflanzen fördern. Auch verstärkte Containerpflanzungen oder gar professionelle Gießtechniken können trotz der Mehrkosten lokal durchaus eine sinnvolle Lösung sein.

Der Wald der Zukunft gefällt auch dem Wild. Der Wildverbiss durch Reh- und Rotwild ist ein Problem. Das ist es grundsätzlich schon länger, nicht erst seit 2018. Deswegen werden Neuanpflanzungen und Naturverjüngungen großflächig per Drahtzaun oder per Einzelverdrahtung geschützt. Aber dieser Aufwand kostet natürlich erheblich und ist auch ökologisch nachteilig, weil er ganze Waldflächen dem Wild als Nahrungs- und Wanderungsraum entzieht.

Eines ist gewiss: Ohne die Unterstützung und den festen Willen der Verantwortlichen in der Fläche - dazu zählen neben den Grundeigentümern unsere rund 12 000 Jäger und Jägerinnen in Sachsen-Anhalt - werden wir es schwer haben, unsere wald- und umweltpolitischen Zielstellungen der kommenden Jahre zu erreichen.

Aus heutiger Sicht setze ich auf die Weiterentwicklung des Jagdrechts, zunächst auf der Bundesebene, durch die Novellierung des Bundesjagdgesetzes, und vertraue gleichzeitig auf die Unterstützung durch den Landesjagdverband.

(Zustimmung)

Lassen Sie uns zu einem weiteren Risiko kommen: das Risiko Waldbrände. Insgesamt gehen wir davon aus, dass das Waldbrandrisiko im Kontext der Klimakrise in den nächsten Jahren steigen wird, auch wenn dies bei uns in den letzten beiden Jahren glücklicherweise nicht der Fall war.

Neben gut ausgestatteten Feuerwehreinsatzkräften ist vor allem die Erhöhung des Laubholzanteils die zentrale Stellschraube, um die Waldbrandgefahr zu reduzieren. Zur Früherkennung von Waldbränden wurde die Überwachung mit Kameras modernisiert. Um die Waldbrandbekämpfung zu verbessern, fördern wir den Wegebau und den Brunnenbau im Wald. Darüber hinaus stimmt sich das Landeszentrum Wald eng mit den Feuerwehren vor Ort ab und erstellt Waldbrandeinsatzkarten für die Wälder.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich habe jetzt viel über Herausforderungen gesprochen. Diese Herausforderungen müssen unter äußerst schwierigen Rahmenbedingungen angegangen werden. Seit nunmehr drei Jahren sind alle Forstleute, Waldbesitzer und Waldbesitzerinnen, Forstunternehmer und Forstunternehmerinnen im Ausnahmezustand.

Sie arbeiten buchstäblich an ihrer Belastungsgrenze. Denn die reinen Waldschäden sind das eine. Aber mindestens im gleichen Maße problematisch sind die geringen Holzpreise aufgrund des Überangebots. Der Holzpreis ist in allen Sortimenten um bis zu zwei Drittel eingebrochen. Ausnahmen sind hochwertige Laubhölzer.

Die privaten, kommunalen und staatlichen Betriebe müssen mit unplanmäßiger Betriebsführung, Zuwachsverlusten und höheren Aufarbeitungskosten umgehen. Und dazu kommt natürlich der außerordentliche Verschleiß an Gerät und Wegen durch den hohen Maschineneinsatz.

Oft hat der Erlös in den Nadelhölzern nicht einmal mehr die Werbungs-, geschweige denn die Holzlagerkosten decken können. Und da der Holzverkauf die hauptsächliche Einnahmequelle darstellt, wären ohne Hilfe von außen die Wiederaufforstungen und der Waldumbau gefährdet.

Aber der Wald der Zukunft ist ein unerlässlicher Baustein im Ökosystem. Der Wald der Zukunft ist Lebensraum für bisweilen sehr seltene Pflanzen und Tiere. Er dient als Wasserspeicher, als Luftfilter und nicht zuletzt als CO2-Speicher. Und der Wald der Zukunft dient natürlich der Erholung und auch dem möglichst naturnahen Tourismus.

Deshalb bin ich davon überzeugt, dass der Landesforstbetrieb den richtigen Weg in die Zukunft eingeschlagen hat, indem er seine Arbeit an Klimaschutz und Artenreichtum ausrichtet. Es ist aus meiner Sicht sinnvoll, die Reviere des Landesforstbetriebes zu verkleinern und den gesamten Landeswald schrittweise der FSC-Zertifizierung zu unterziehen. Gerade die FSC-Zertifizierung besitzt gegenüber anderen Zertifizierungen einen höheren Standard. Und sie erfolgt umweltgerecht, sie ist sozial förderlich und für ein zertifiziertes Unternehmen wirtschaftlich tragfähig.

Der Wald der Zukunft wird zu einem Teil Wildnisgebiet sein. 8,4 % des Landeswaldes sind schon Wildnisgebiet. Hier ist die Natur sich selbst überlassen. Hier haben Pflanze und Tiere freien Raum, ohne menschliche Eingriffe. Man kann sozusagen von Reallaboren des Naturschutzes sprechen, die zugleich auch wertvolle Hinweise für die nachhaltige Holzwirtschaft in Wirtschaftswäldern geben können. Ich gehe davon aus, dass wir unser 10-%-Ziel noch in der laufenden Legislaturperiode erreichen werden. Damit leistet Sachsen-Anhalt einen wichtigen Beitrag, um die Artenvielfalt zu erhalten und um seltene Arten zu schützen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Wald der Zukunft hat starke Partner in der Wirtschaft. Auch wenn 10 % der Fläche dem Naturschutz vorbehalten sind, werden 90 % ja aktiv bewirtschaftet. Holz ist ein wertvoller nachhaltiger Rohstoff, den wir sehr vielfältig einsetzen können. In der stofflichen Nutzung bleibt das CO2 gebunden. Ich denke, da haben wir noch viel Luft nach oben, zum Beispiel beim Bauen mit ökologischen Baustoffen. Der Holzbau liegt mir als Klimaministerin natürlich sehr am Herzen. Der Punkt wurde ja auch als eigene Maßnahme in das Klima- und Energiekonzept Sachsen-Anhalts integriert.

Natürlich ist Holz der historische Baustoff schlechthin, wobei Sachsen-Anhalt zudem auch ein klassisches Lehmbauland ist. Im 20. Jahrhundert ist die Holzbautradition durch die Moderne in der Architektur doch etwas aus dem Blick geraten. Von daher kann ich dem Vorstoß von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, eine am Klimaschutz orientierte neue europäische Bauhaus-Bewegung anzustoßen, viel abgewinnen. Herr Kollege Robra hat im Oktober des letzten Jahres ebenfalls bereits seine Unterstützung zugesagt. Eine an Klimaschutz und Nachhaltigkeit orientierte Bewegung „Bauhaus 2.0“ wäre eine großartige Chance, die Bauhaus-Tradition Sachsen-Anhalts für das Bauen der Zukunft zu nutzen.

(Zustimmung)

Dabei können Häuser zu großen Teilen und eben nicht nur Dachstühle aus Holz gebaut werden. Auch mehrgeschossig, wie beispielsweise unsere Weltkulturerbestadt Quedlinburg zeigt, kann gebaut werden. Dank moderner Techniken gibt es weltweit auch bereits Holzbauprojekte bei Hochhäusern.

Daher war sich die Regierungskoalition bei der Novellierung der Bauordnung im letzten Jahr einig, dass die Potenziale beim Holzbau gefördert werden müssen, auch bei mehrgeschossigen Bauten. Die Anforderungen an den Brandschutz wurden mit der Bauordnungsnovelle angepasst. Ich hoffe sehr, dass diese Novellierung einigen Holzbauprojekten einen Schub geben wird.

Dies gilt aber nicht nur vorwiegend für Einfamilienhausprojekte, sondern es eröffnet auch zum Beispiel bei der Quartierverdichtung neue Potenziale. So kann der eher leichte Baustoff Holz bei Dachaufbauten auf Bestandsbauten statische Hürden überwinden helfen. Insofern kann ich nur alle Bauherren und Bauherrinnen und alle Architekten und Architektinnen dazu aufrufen, über möglichst hohe Holzanteile im Rahmen ihrer Bauprojekte nachzudenken. Damit fördern sie im Idealfall die heimische Holzwirtschaft. In jedem Fall tun sie aber etwas Gutes für den Klimaschutz.

(Zustimmung)

Und auch in der Industrie gibt es Absatzpotenziale für Waldbesitzende. Ich möchte hier allen voran auf das finnische Unternehmen UPM verweisen, welches sich im letzten Jahr im industriellen Herz Sachsen-Anhalts, in Leuna, angesiedelt hat und innovative Biochemikalien auf Laubholzbasis produzieren wird. Insofern passt die Ansiedlung von UPM zu unserer Waldumbaustrategie.

So hat der Landesforstbetrieb im Oktober des letzten Jahres mit UPM einen Rahmenvertrag zur Belieferung mit Buchenindustrieholz unterzeichnet. Dabei handelt es sich um Durchforstungsholz, welches auf dem Holzmarkt schwer oder nur zu geringen Preisen verkaufsfähig ist. Und die Buche ist ein wichtiger Baum beim Waldumbau in Sachsen-Anhalt.

Der Wald der Zukunft braucht also Ideen und Innovationen. Ich bin davon überzeugt, dass bei der stofflichen Nutzung von Holz noch mehr möglich ist. Weitere Unternehmensansiedlungen könnten gerade dem Strukturwandel im Süden Sachsen-Anhalts große Impulse geben.

Um dem gesamten Thema moderne Holznutzung und Strukturwandel noch mehr Schwung zu geben, haben das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie und der Landkreis Mansfeld-Südharz im Dezember eine Absichtserklärung zur Schaffung eines Innovationshubs „Zukunft Holz und Klima“ unterzeichnet. Finanziert werden soll das aus Strukturwandelgeldern.

Das Ziel des Innovationshubs ist die Vernetzung mit bereits vorhandenen Informationsclustern im Fachgebiet Holz und angrenzenden Bereichen. Es sollen Projekte zu Forschung und Entwicklung mit regionalen Forschungsinstituten, zur Aus- und Weiterbildung sowie zur Verfahrens-, Produkt- und Konzeptentwicklung rund um das Thema Holz umgesetzt werden. Der Schwerpunkt liegt dabei natürlich auf nachhaltigen und klimaneutralen Systemen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die durch die Extremwetterereignisse der letzten drei Jahre verursachten Waldschäden in Deutschland und in Sachsen-Anhalt haben ein historisches Ausmaß eingenommen. Die Beseitigung der Schäden bedarf erheblicher gesellschaftlicher und privater Anstrengungen.

Der Wald der Zukunft braucht uns und unser vorausschauendes Handeln. Wir haben jetzt die einmalige Chance, die Wälder Sachsen-Anhalts zukunftsfest zu machen, damit sie der Klimakrise trotzen können. Dabei sitzen Holzwirtschaft und Ökologie in einem Boot.

Monokulturen mögen in der Vergangenheit zeitweilig finanzielle Vorteile gebracht haben. Aber sie sind immer anfälliger für Schäden, bis hin zum Totalverlust. Zukunftsfähig ist allein der eingeschlagene Weg des Waldumbaus. Durch die Mehrbaumartenstrategie werden die Risiken für Waldbesitzende überhaupt erst wieder kalkulierbar.

Der Wald der Zukunft wird am besten nachhaltig bewirtschaftet. Wenn man sich an der wirklich nachhaltigen Dauerwaldbewirtschaftung orientiert, werden auch die Kinder und Kindeskinder der jetzigen Waldbesitzergeneration eine Perspektive haben. Nur mehrschichtig aufgebaute Mischwälder haben eine reale Chance, in der Klimakrise zu bestehen.

Wir können jetzt sehr viel gestalten. Gehen wir es gemeinsam an. Dann hat unser Wald eine Zukunft, meine Damen und Herren.

(Zustimmung)