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Plenarsitzung

Transkript

Tagesordnungspunkt 19

Beratung

Begabtenförderung stärken - Korrespondenzzirkel erhalten

Antrag Fraktion DIE LINKE - Drs. 7/2694



Einbringer ist der Abg. Herr Lippmann. - Herr Lippmann, Sie haben das Wort.


Thomas Lippmann (DIE LINKE):

Vielen Dank, Herr Präsident. - Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das, was uns heute beschäftigt, die Abschaffung der Korrespondenzzirkel mit Beginn dieses Schuljahres, ist wieder einmal eine Nacht-und-Nebel-Aktion von Minister Tullner, bei der man sich nur die Augen reiben und über die man den Kopf schütteln kann. Keiner der Betroffenen versteht, was den Minister antreibt, solche Aktionen in Gang zu setzen.

(Beifall bei der LINKEN)

Unser Schulgesetz spricht im Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schulen vom Recht eines jeden jungen Menschen auf eine seine Begabungen, seine Fähigkeiten und seine Neigungen fördernde Erziehung, Bildung und Ausbildung. Entsprechend gibt es in Sachsen-Anhalt neben dem grundlegenden Unterrichtsangebot auch einige eher bescheidene Angebote und Maßnahmen der Begabtenförderung. Dazu zählen unter anderem Angebote verschiedener Träger, zum Beispiel Sommercamps oder Sommerakademien und Schülerlabore. Das Bildungsministerium unterstützt bisher lediglich verschiedene Schülerwettbewerbe und eben auch das seit mehr als 25 Jahren bestehende Angebot der Korrespondenzzirkel.

Die Korrespondenzzirkel sind eine speziell in Sachsen-Anhalt entstandene Form einer dezentralen Begabtenförderung vor allem im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften. Es sind engagierte Lehrkräfte des Cantor- und des Siemens-Gymnasiums sowie der Latina und Angehörige der Martin-Luther-Universität, die an interessierte und leistungsstarke Schülerinnen und Schüler regelmäßig mehrmals im Schuljahr Aufgabenblätter versenden.

Die Aufgaben werden dann von den Schülerinnen und Schülern bearbeitet und zurückgeschickt. Von den Leiterinnen und Leitern werden die Bearbeitungen durchgesehen, kommentiert und mit einem neuen Aufgabenblatt wieder an die Schülerinnen und Schüler verschickt. So funktionieren im Prinzip die Korrespondenzzirkel. Die Korrespondenzzirkel sind also ein niederschwelliges Förderangebot, das sich grundsätzlich an alle Schulformen richtet und oft über die Fachkräfte in den Schulen vermittelt wird.

Mit diesem Angebot wurden in den letzten Jahren kontinuierlich mehr als 2 000 Schülerinnen und Schüler der unterschiedlichsten Klassenstufen und an den unterschiedlichsten Orten erreicht. Es ist ein Angebot, das sich gerade auch für den ländlichen Raum besonders gut eignet und insgesamt deutlich ausgebaut und eben nicht eingestellt werden sollte. Das gilt im Übrigen auch für die sogenannten Kreisarbeitsgemeinschaften. Die Zirkel sind zudem ein Instrument zur Gewinnung von mehr Studierenden in den MINT-Fächern und dienen letztlich auch deren Studienvorbereitung.

Die Kosten für die Zirkel, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind außerordentlich gering. Wir reden hier über nicht einmal 15 000 € im ganzen Jahr. Und es kann nicht ernsthaft angeführt werden, dass es am Geld liege. Es liegt ausschließlich am Verstand,

(Beifall bei der LINKEN - Zuruf von der AfD: Am Unverstand!)

also daran, ob man versteht, was hier stattfindet und was damit erreicht werden kann.

Dennoch wurden die Korrespondenzzirkel vom Bildungsministerium ohne jedwede Diskussion im November 2016 im Zuge der Aufstellung des Doppelhaushalts schlicht einkassiert. Noch bevor der Haushalt überhaupt beraten, geschweige denn verabschiedet war, wurde den Leiterinnen und Leitern der Zirkel mitgeteilt, dass die Zirkel ab diesem Schuljahr nicht mehr stattfinden können und man sich von der Unterstützung durch die Kolleginnen und Kollegen dankend verabschiedet. Als Grund wurde offiziell mitgeteilt, dass es nicht möglich gewesen sei, im Landeshaushalt die bisher verfügbaren Mittel weiterhin zur Verfügung zu stellen.

An wen, frage ich den Minister, wenden sich die bisher betreuten Schülerinnen und Schüler und die Fachlehrkräfte in den Schulen jetzt? Aktuell findet man auf dem Bildungsserver des Landes nur noch den Satz - ich zitiere -: „Korrespondenzzirkel als Angebot der Begabtenförderung werden im Schuljahr 2017/18 nicht fortgesetzt.“

Einen ebenso bedauernden Satz findet man auf der Seite der Martin-Luther-Universität, verbunden mit dem Hinweis, dass die mathematisch interessierten Grundschülerinnen und Grundschüler in diesem Schuljahr lediglich die Möglichkeit haben, anhand der Aufgabenblätter der letzten Jahre und entsprechender Lösungen per Selbststudium ihre Begabung zu fördern. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist unwürdig und peinlich.

(Beifall bei der LINKEN)

Wir haben nach Kenntnisnahme dieses Umstandes versucht, dieses unverständliche Vorgehen des Ministeriums durch Anfragen und durch eine anschließende Diskussion im Bildungsausschuss aufzuklären und zu korrigieren. Die Aufklärung ist soweit gelungen, die Korrektur allerdings nicht.

Der Minister hatte mehrfach erklärt, die Zirkel würden angeblich nicht mehr so angenommen; sie wären nicht effektiv und hätten sich quasi überholt. Den Nachweis für diese Thesen ist er uns bis heute schuldig geblieben.

Stattdessen wollte er einmal etwas Neues konzipieren und nicht immer nur an alten Strukturen festhalten. Da waren wir sehr gespannt und haben uns darüber im Ausschuss berichten lassen. Dabei hat sich sehr schnell herausgestellt, dass das Ministerium natürlich keine eigenen Ideen und keine Initiativen als Alternative zu den Korrespondenzzirkeln entwickelt hat.

Die Alternative soll vielmehr darin bestehen, dass sich Sachsen-Anhalt an einem neuen Bund-Länder-Projekt mit acht ausgewählten Schulen beteiligt. In diesem Projekt soll über einen Zeitraum von zehn Jahren versucht werden, an Regelschulen ein schulisches Leitbild mit Ausrichtung auf das Fördern und Fordern im Regelunterricht zu entwickeln. Anschließend sollen die Erfahrungen an den ausgewählten Pilotschulen anderen Schulen zugänglich gemacht werden. Hierbei geht es also um eine langfristige Entwicklung an wenigen Pilotschulen und eben nicht um kurzfristige Angebote in der Fläche des Landes.

Die Auswahl dieser acht Pilotschulen ist im Übrigen teilweise entgegen der Intention des Projektes erfolgt. Ich zitiere kurz aus der Pressemitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung über die Auftaktveranstaltung im Januar 2018. Darin heißt es:

„Kriterien waren unter anderem die regionale Verteilung, die Beteiligung aller länderspezifischen Schularten, die Ausgewogenheit von Schulen mit ‚Expertise‘ […] und Schulen mit wenig ‚Expertise‘, des Weiteren die Einbeziehung von Schulen mit hohem Migrantenanteil sowie sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern…“

Dieser Auswahl genügt Sachsen-Anhalt nicht; denn ausgewählt wurden lediglich vier Grundschulen und vier Gymnasien, von denen mit dem Cantor-Gymnasium und der Landesschule Pforta, ebenso wie mit der privaten Christophorusschule in Droyßig auch noch fast alle bereits über Expertise in der Begabtenförderung verfügen.

Dagegen fehlen Schulen der Sekundarstufe I völlig. Und von „Schulen mit hohem Migrantenanteil“ sowie von „sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern“ kann auch nicht die Rede sein.

Ob wir mit diesem Projekt bei uns also überhaupt erfolgreich sein können, ist schon wegen der einseitigen Auswahl der Schulen fraglich.

(Beifall bei der LINKEN)

Auch die regionale Verteilung lässt mit dem Fehlen von Schulen aus dem Norden und aus dem Osten des Landes deutlich zu wünschen übrig. Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist jetzt so und heute nicht Gegenstand unseres Antrags.

Eines ist aber sicher auch nach diesen kurzen Ausführungen deutlich geworden: Die Korrespondenzzirkel haben mit diesem neuen Bund-Länder-Projekt im Grunde erst einmal nichts zu tun. Beides kann sich sicher gegenseitig ergänzen, aber auf gar keinen Fall ersetzen. Es sind zwei völlig unterschiedliche Säulen, um bei der Förderung von Begabungen und besonders leistungsfähigen Schülerinnen und Schülern weiter voranzukommen; denn insgesamt, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind wir bei der Begabtenförderung eher ein Entwicklungsland mit viel Luft nach oben. Deshalb begrüßen wir den Impuls aus dem Bund-Länder-Programm. Aber es gilt eben, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen.

Wir brauchen solche Pilotprogramme, die der Bund unterstützt. Wir brauchen aber auch die Pflege bewährter Strukturen wie die der Korrespondenzzirkel und auch der Kreisarbeitsgemeinschaften.

Wir können es nicht hinnehmen, dass erst alles plattgemacht wird, was über die Jahre gewachsen ist, und dass wir uns dann vom Bildungsminister jahrelang auf nebulöse Konzepte vertrösten lassen;

(Zustimmung bei der LINKEN - Oh! bei der CDU)

denn genau das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist der Stand im Moment im Ausschuss für Bildung und Kultur.

Meine Hoffnung, dass wir im Ausschuss aus den Bildungsministerien zeitnah irgendetwas vorgelegt bekommen, das die Bezeichnung „Konzept“ verdient, ist nach allen bisherigen Erfahrungen äußerst gering.

Es bedarf aus unserer Sicht auch keiner langwierigen konzeptionellen Anstrengungen und auch keiner langen Ausschussdebatten, um so etwas Einfaches wie die Korrespondenzzirkel weiterzuführen. Hier ist eine klare Entscheidung nötig und möglich, und zwar rechtzeitig vor dem neuen Schuljahr.

(Zustimmung bei der LINKEN)

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bitte Sie, gerade unsere begabten und leistungsstarken Kinder hier nicht hängen zu lassen. Deshalb soll mit unserem Antrag dem Bildungsministerium schlicht der Auftrag erteilt werden, die Korrespondenzzirkel schnellstmöglich wiederzubeleben; denn noch sind die Strukturen vorhanden.

Die wenigen Euro, die wir dafür brauchen, sind im Haushalt des Bildungsministeriums ohne jedwede Probleme zu finden, wenn man sich an verschiedenen Stellen den teilweise schlechten Mittelabfluss anschaut.

Ich finde es im Übrigen beschämend, dass wir immer wieder mit solchen Anträgen ins Plenum gehen müssen, um unseren Bildungsminister hier zum Jagen zu tragen und seine Hausaufgaben zu erledigen.

(Beifall bei der LINKEN)

Ich bitte um Zustimmung zu diesem Antrag. - Vielen Dank.

(Beifall bei der LINKEN)