Cornelia Lüddemann (GRÜNE):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Dampf- und Dieselloks sind mehr als nur Maschinen. Sie sind lebende, atmende Geschichten der deutschen Industrialisierung des 19. und 20. Jahrhunderts. Angekommen im 21. Jahrhundert, müssen wir kreative Lösungen finden, um moderne Technologien in eine laute, staubige, heiße und ungeschützte Umgebung zu integrieren und dabei gleichzeitig den authentischen Charakter der Schmalspurbahn zu bewahren.
Das aktuelle Gutachten zeigt: Die Züge können nicht so weiterfahren wie bisher. Steinkohle ist zu teuer, immer schwerer verfügbar, die Arbeit immer weniger vermittelbar. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an die Menschen, die sich das antun,
(Zustimmung von Susan Sziborra-Seidlitz, GRÜNE, und von Olaf Meister, GRÜNE)
die mit Herz und wirklich mit Muskelkraft dabei sind, diese schweren Maschinen in Gang zu setzen.
Mir ist klar, dass aus ganz Deutschland Eisenbahnenthusiasten in den Harz pilgern, um diese Harzer Schmalspurbahn zu erleben. Auch international versetzt insbesondere die Brockenbahn immer mehr Menschen ins Schwärmen. Aber wir müssen mehrgleisig in die Zukunft fahren und endlich andere Antriebe in Betracht ziehen, nicht ausschließlich, aber als Alternative.
(Zustimmung von Olaf Meister, GRÜNE, und von Susan Sziborra-Seidlitz, GRÜNE)
Schon vor Jahren habe ich Leichtöl nach Zittauer Vorbild ins Spiel gebracht. Viele alte Bahnbetriebe in ganz Deutschland suchen nach modernen Lösungsmöglichkeiten. Diesbezüglich muss die HSB den Dialog verstärken - regional, deutschlandweit und international.
Das riesige Millionenloch - die Kolleginnen haben es schon angesprochen - hat uns wohl alle erschreckt. Auch wenn die Brockenbahn ein besonderes Erlebnis ist - die Preisspirale für die Kundinnen und Kunden ist keine, die man weiter drehen kann.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Ich denke, die aktuelle Drehung war der Gipfel für lange Zeit. Die Preissteigerungen führen dazu, dass das Angebot weiter auf Touristinnen und Touristen zentriert wird. Für Alltagsfahrer oder Pendelverkehre wäre es ohne das Deutschlandticket nicht denkbar. Wenn man wie Landrat Balcerowski die Schweizer Bahn zum Vorbild nimmt, dann erkennt man, dass für den Erfolg sehr viel mehr erforderlich ist als nur die Elektrifizierung.
Die Elektrifizierung der Strecken ist eine, wie ich finde, ziemlich schwierige Diskussion in diesem Kontext. Denn die Kosten dafür würden im dreistelligen Millionenbereich liegen. Und wollen wir den Harz wirklich mit Oberleitungen durchziehen? Darüber sollten wir doch noch einmal nachdenken. Vielleicht ist batterieelektrischer Antrieb eine Möglichkeit, um einige Strecken in die Zukunft zu führen.
Die CDU-Fraktion hat eine UNESCO-Bewerbung ins Spiel gebracht. Das klingt gut, das ist immer eine tolle Sache. Das hilft aber aktuell nicht. Wir haben aktuell sehr massive Probleme. Auch am Ende ist das nur eine Sache - „nur“ , die dem Marketing hilft. Aber das alles dauert zu lange. Wenn wir in Betracht ziehen, dass wir in Deutschland schon 55 Stätten haben, dann denke ich, wird das vermutlich auch nicht den Ausschlag geben, den wir brauchen. Wir müssen also unsere eigene Lösung finden.
Für uns ließe sich hier gut an den Status eines Industriedenkmals anknüpfen. Das hat Herr Gürth bereits erwähnt. Schauen wir nach Großbritannien mit seinem Heritage-Railway-System. Mit mehr als 300 Mitgliedern wurde eine Vereinigung geschaffen, in der mehr als 180 Zugattraktionen gebündelt werden, Wissen vermittelt wird und Netzwerke mit Politik, Industrie und Tourismus geschaffen werden - ein Netzwerk, das viel erfolgreicher wäre als ein UNESCO-Titel, so meine Einschätzung. Denn nur wenn wir überregional Lösungen finden und zusammenarbeiten, sowohl im Tourismus als auch bei der Beschaffung und der Instandhaltung der Züge sowie in der Forschung, können wir dieses Erbe erhalten.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Wir sollten uns vergegenwärtigen: Die Harzer Schmalspurbahn ist mehr als Spaß und Freizeit. Sie ist auch ein wichtiges Zahnrad im ländlichen öffentlichen Nahverkehr, deswegen auch die Gültigkeit des Deutschlandtickets und der Beschluss zum Streckenerhalt.
Noch ist die HSB leider kein wirklich gut funktionierender Bestandteil des ÖPNV, da die Züge zu langsam und zu teuer sind und abgesehen von der Brockenbahn viel zu selten fahren. Die HSB wird nur dann eine langfristige Zukunft haben, wenn es gelingt, sie in den Alltag der Menschen im Harz zu integrieren und sie als alltagstaugliches Verkehrsmittel zu begreifen.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Wenn die HSB zukunftsfähig werden will, dann muss sie auch mehr Aspekte als nur den Antrieb und die Verkaufszahlen berücksichtigen. Welche Fahrzeiten können nach dem Streckenausbau erreicht werden? Welche Umbaumaßnahmen wären dafür nötig und wie teuer wäre dies? Welche Züge können mit einem höheren Beschleunigungsvermögen vielleicht batterieelektrisch oder elektrisch eingesetzt werden? - All das sind Fragen, die in der angesprochenen Studie teilweise beantwortet werden müssen. Deswegen unterstütze ich ausdrücklich die Initiative von Landrat Balcerowski, sich hierzu noch tiefer gehend beraten zu lassen.
Gleichzeitig müssen wir auf die HSB im Gesamtkontext des Tourismus- und Alltagsverkehrs im Harz schauen. Für die Region heißt das konkret: Bahnfahrten allein reichen nicht. Wir brauchen vielfältige Angebote, um als Urlaubsregion attraktiv zu bleiben. Historische oder kulturelle Highlights entlang der Strecke sind Magneten für Besucherinnen und Besucher.
Die Bahnstrecken haben den Vorteil, dass sie kleine abgelegene Örtchen mit größeren Städten wie Wernigerode oder Nordhausen verbinden. Es ist zu prüfen, ob Busse Zu- und Abbringerfunktionen zu der und von der HSB mit gesicherten Anschlüssen übernehmen können. Kann die HSB in einen integralen Taktfahrplan eingebunden werden? Zudem müssen Busfahrpläne integriert werden, d. h., sie dürfen nicht mehr parallel zur HSB fahren - das können wir uns nicht leisten , sondern sie müssen das Angebot so erweitern, dass es sich wirklich sinnvoll integriert.
(Zustimmung von Olaf Meister, GRÜNE)
Das bisher vorliegende Gutachten beantwortet diese Fragen offensichtlich nicht und sieht die HSB weiterhin nur als vorrangig touristische Bahn. Dabei genügt ein Blick in den Südharz. Die Nordhäuser Straßenbahn fährt seit mehr 20 Jahren auf dem Thüringer Teil des HSB-Netzes im Stundentakt und demnächst auch elektrisch. Wenn so etwas in Thüringen möglich ist, warum nicht auch in Sachsen-Anhalt?
(Zustimmung bei den GRÜNEN)
Gebirge waren schon immer Verkehrshindernisse. Mit der Eröffnung der Harzquerbahn im Jahr 1899 wurde dieses Problem mit einer Fahrzeit von etwa drei Stunden für 60 km gelöst. 126 Jahre später sind die Ansprüche gewachsen, Bahnstrecken wurden schneller. Doch im Harz dauert die Fahrt von Wernigerode nach Nordhausen noch immer drei Stunden. Mit dem Auto ist das - wenn man Glück hat und alles gut geht - in einer Stunde zu schaffen.
(Angela Gorr, CDU: Aber nicht so! - Zuruf von Hendrik Lange, Die Linke: Nicht so schön!)
- Es ist nicht so schön; das ist richtig, Herr Kollege, willkommen.
Wir sind optimistisch, dass mit einem konsequenten Ausbau hin zu einer Fahrzeit von deutlich weniger als zwei Stunden gerechnet werden kann. Ein moderner Regionalexpress im Stundentakt kann helfen, die Strecke zu finanzieren und instand zu halten. All dies könnte in die - ich habe sie bereits erwähnt - von Landrat Balcerowski angedachte Studie einfließen. Vor allem sollte klar zwischen touristischem Verkehr und dem Verkehr für den Alltag der Menschen im Harz unterschieden werden.
Wenn wir über Modernisierung sprechen, dann dürfen wir digitale Lösungen nicht vergessen. Mit einem digitalen und smarten Messsystem, dem European Train Control System, kurz ETCS, werden heute schon moderne Züge ausgestattet. Jetzt werden Sie sagen, wir reden doch aber hier über Dampfloks. Auch dabei kann man von Großbritannien, finde ich, etwas lernen. Dort hat man nämlich so etwas in eine Dampflok eingebaut.
Wenn ich jetzt einmal groß denke - ich glaube, wir brauchen jetzt Ideen, und ich habe die Aktuelle Debatte auch so verstanden, dass wir ein bisschen über den Tellerrand schauen müssen , dann frage ich: Warum zukünftig nicht auch einmal an eine autonom fahrende Dampflok denken? Die Digitalisierung oder der Einsatz von KI bringen das 19. Jahrhundert in das 21. Jahrhundert.
Was ich damit sagen will: Wir sind an einer Stelle der Diskussion angelangt, wo es Kreativität braucht, wo man out of the box denken muss. Wir als grüne Fraktion sind für alle Lösungen offen. Eine andere Fraktion würde das vielleicht „technologieoffen“ nennen.
(Olaf Meister, GRÜNE, lacht)
Aber eines ist klar: So wie bisher kann es nicht weitergehen,
(Beifall bei den GRÜNEN)
weswegen ich es ausdrücklich begrüße, dass wir schnell nach neuen Lösungen suchen. Denn es braucht massive Anstrengung und die Anerkennung, dass Veränderung notwendig ist. Denn ein Sterben der HSB ist für uns als Grüne keine Option. - Vielen Dank.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Vizepräsidentin Anne-Marie Keding:
Vielen Dank, Frau Lüddemann. - Es gibt eine Intervention von Herrn Bernstein. - Herr Bernstein, bitte schön.
Jörg Bernstein (FDP):
Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Ich wollte bloß einmal Ihren Gedanken der batterieelektrischen Lokomotiven aufgreifen und das Ganze um einen Punkt aus unserer gemeinsamen Heimatstadt Dessau-Roßlau anreichern. Das WTZ forscht zusammen mit dem Trains-Projekt an wasserstoffbetriebenen Zügen. Das wäre doch auch eine Idee, die man in diese Thematik mit einbringen könnte. Dann brauchte man keine Batterie, sondern könnte Technologie aus unserer Heimatstadt in einem solchen wunderbaren Einsatzfeld mit anführen. Das zum Thema Technologieoffenheit. - Vielen Dank.
Vizepräsidentin Anne-Marie Keding:
Frau Lüddemann.
Cornelia Lüddemann (GRÜNE):
Ich möchte dazu nur ergänzen. Soweit ich das verfolgt habe, geht es in erster Linie darum, dieselbetriebene Loks auf Wasserstoff umzustellen, vor allen Dingen im laufenden Betrieb. Das ist eine gute Sache. Klar, an der Stelle kann Wasserstoff hilfreich sein. Ich hoffe, dass Sie die Botschaft so verstanden haben, wie ich sie gehofft habe zu senden.
(Jörg Bernstein, FDP: Genau!)
Ich bin viel zu wenig Fachfrau, um zu sagen, was die HSB in die Zukunft fährt. Deswegen müssen wir das vorliegende Gutachten noch erweitern, damit wir das Geld auch wirklich so investieren, dass es am Ende Sinn ergibt. Dabei gibt es vielfältigste Möglichkeiten. Deswegen dürfen wir eben nicht mehr nur dem Dampf anhängen aus verschiedensten Gründen, sondern müssen schauen, wie wir das schaffen.
(Zustimmung von Olaf Meister, GRÜNE)

