Положение о конфиденциальности
Plenarsitzung

Transkript

Tagesordnungspunkt 33

Beratung

Damit die Pflege zukunftsfest wird. Rahmenbedingungen der Ausbildung verbessern.

Antrag Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drs. 8/6259


Die Einbringung des Antrages erfolgt durch Frau Sziborra-Seidlitz, die bereits am Start ist, das Rednerpult erreicht, und sofort das Wort bekommt. - Bitte sehr.


Susan Sziborra-Seidlitz (GRÜNE):

Vielen Dank. - Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Es tut mir leid, dass ich Sie am heutigen Abend so viel mit Pflege quälen muss und das vor Ihren Weihnachtsfeiern, aber einige werden sie morgen vielleicht brauchen.

Wir sprechen über eines der zentralen Zukunftsthemen unseres Landes, und zwar über die Sicherstellung einer guten und nachhaltigen pflegerischen und gesundheitlichen Versorgung. Alle Prognosen zeigen   und die Praxis bestätigt es täglich  , der Fachkräftemangel in der Pflege ist längst keine drohende Entwicklung mehr, sondern harte Realität, wie es die Bundesagentur für Arbeit in ihrem Arbeitsmarktbericht vom Mai dieses Jahres für die Pflege feststellt   ich zitiere: „Nahezu alle Indikatoren der Engpassanalyse weisen auf deutlich bestehende Fachkräfteengpässe hin.“

Eine Relation zeigt das sehr deutlich: „Im Jahresdurchschnitt des Jahres 2023 waren 278 Pflegefachkräfte arbeitslos gemeldet. Im gleichen Zeitraum wurden den Arbeitsagenturen über 500 offene Stellen für die Pflegefachkräfte gemeldet.“

Der steigende Fachkräftebedarf ist leicht erklärbar. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Sachsen-Anhalt hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht, und zwar haben wir auch im Bereich der Beschäftigten einen enormen Aufwuchs. Zwischen den Jahren 2013 und 2023 hat sich deren Zahl um 31 % erhöht. Ca. 54 000 Pflegekräfte waren Stand Dezember 2023 im Land in der ambulanten und stationären Pflege und in Krankenhäusern beschäftigt.

Auch die Ausbildungszahlen nehmen zu. Im Juni 2023 haben sich beinahe 5 000 junge Menschen zu Pflegefachkräften ausbilden lassen. Die Anzahl der Nachwuchskräfte ist in den letzten fünf Jahren um beinahe 1 600 gestiegen. Das bedeutet eine Steigerung von 46 %. Das ist eine tolle Entwicklung für meine Profession. Aber das reicht halt trotz allem nicht.

Die große Zahl an Renteneintritten in den nächsten Jahren - jede zehnte Fachkraft ist heute schon über 60 Jahre alt - und die weitere Zunahme an Pflegebedürftigen erzeugt einen enormen Bedarf an neuen Fachkräften. Gute Ausbildungsbedingungen sind damit das A und O für die Gewinnung der Fachkräfte von morgen. Denn gute Pflege beginnt nicht erst am Bett der Patientinnen und Patienten. Gute Pflege beginnt mit einer guten Ausbildung. An dieser Stelle besteht in Sachsen-Anhalt dringender Handlungsbedarf. Das zeigte sich in einem Gespräch mit Pflegeschulen im Harz-Klinikum vor zwei Monaten.

Mit unserem Antrag wollen wir die Rahmenbedingungen in der Pflegeausbildung modernisieren, attraktiver machen und qualitativ stärken. Denn eine zukunftsfeste Pflege gibt es nur mit Menschen, die sich bewusst und motiviert für diesen Beruf entscheiden und dann auch Ausbildungsbedingungen vorfinden, die ihnen Erfolg ermöglichen, statt ihnen Steine in den Weg zu legen.

Es braucht ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Erstens einen flexiblen Arbeitsbeginn, weil das System zur Lebensrealität und zur Ausbildungsrealität passen muss. Derzeit können Pflegeausbildungen in Sachsen-Anhalt anders als in vielen anderen Bundesländern zu drei Zeitpunkten begonnen werden.

Das führt bei den Praxiseinsätzen zu Stoßzeiten und zu Organisationsproblemen in den Einrichtungen. Sie können schlichtweg nicht alle, die gleichzeitig eine praktische Ausbildung, z. B. in der Psychiatrie oder in der Pädiatrie, machen müssen, weil dies in der Pflegeausbildung so vorgesehen ist, unterbringen. Das sind Schwierigkeiten, die in anderen Bundesländern nicht auftreten und die den Pflegeschulen das Arbeiten in Sachsen-Anhalt schwermachen.

Wir schlagen deshalb vor, dass der Ausbildungsstart zukünftig zu jedem Monatsbeginn möglich sein soll.

Das bedeutet nicht, dass jede Pflegeschule das genauso anbieten muss, aber dass der gesetzliche Rahmen es offenlässt, wie die Schulen sich zeitlich organisieren möchten. Das schafft Flexibilität bei den Ausbildungsanbietern und das ermöglicht Abstimmungen untereinander, um die Überlastung bei den Praxiseinsatzorten zu verhindern. Das löst den Engpass bei den besonders schwer zu organisierenden Pflichteinsätzen in bestimmten Fachgebieten. Ich habe gerade schon Psychiatrie und Pädiatrie erwähnt.

Zweitens, mehr Vielfalt in der Praxis, weil Pflege vielfältiger ist als Klinik, ambulante Pflege und Altenheim. Wir wollen auch Rehabilitationskliniken und Hospize als Praxislernorte anerkennen. Auch dort findet täglich hochqualifizierte Pflege statt. Voraussetzung ist natürlich das Vorhandensein von Praxisanleitern. Eine moderne Pflegeausbildung muss das ganze pflegerische Spektrum abbilden. Das erleichtert außerdem die Einsatzplanung für die praktische Ausbildung und erweitert den beruflichen Horizont der Auszubildenden.

Drittens, faire Finanzierung. Die Träger der praktischen Ausbildung sorgen für einen erheblichen Wertschöpfungsanteil im System, aber genau das wird bisher unzureichend berücksichtigt. Wir fordern daher eine faire Finanzierung, eine vollständige Anerkennung der Ausbildungsleistungen und vor allem die Streichung der Umlagefähigkeit von Ausbildungskosten auf Bewohnerinnen und Bewohner. Pflegebedürftige dürfen nicht für die Ausbildungskosten herangezogen werden. Sie sind aus den Eigenanteilen der Betroffenen herauszunehmen.

Viertens, Teilzeitausbildung stärken, weil Pflege Menschen braucht, die mitten im Leben stehen. Professionelle Pflege wird oft in mehreren Stufen erlernt: zunächst die Helferinnenausbildung und dann die zur Fachkraft. Viele potenzielle Auszubildende, insbesondere die schon erwachsenen Frauen, scheuen dann die Ausbildung, weil sie nicht in Vollzeit möglich oder eben schlecht planbar ist. Wir wollen deshalb die Teilzeitausbildung ausbauen. Das eröffnet neue Zugänge für Menschen mit familiären Verpflichtungen und hilft uns, zusätzliche Fachkräfte zu gewinnen.

Fünftens, Bürokratieabbau, damit mehr Zeit für echte Ausbildung bleibt. Pflegeeinrichtungen und Schulen klagen zu Recht über überbordende Dokumentationspflichten. Vieles davon ist gut gemeint, aber schlecht gemacht. Wir fordern die Landesregierung auf, Bürokratie spürbar zu reduzieren und die Dokumentation auf das notwendige Maß zu begrenzen. Das entlastet die Einrichtungen und erhöht die Ausbildungsqualität.

Sechstens   das ist relevant  , gute Curricula für die Praxisausbildung, weil sie zentral ist. Die neue sogenannte generalistische Pflegeausbildung legt wesentlich mehr Lehrverantwortung als bisher in den Lernort Praxis. Doch dafür fehlen klare und einheitliche Vorgaben. Die gute Ausbildung in der Praxis ist abhängig von den individuellen Qualitäten der Praxisausbilder. Wir setzen uns deshalb für standardisierte Curricula ein, die die Ausbildungsqualität in der Praxis sichern, Vergleichbarkeit schaffen und den Auszubildenden in allen Regionen des Landes faire Bedingungen bieten.

Siebtens, bundesweite Einheitlichkeit. Die Praxis zeigt, zwischen den Bundesländern gibt es immer noch große Unterschiede in der Pflegeausbildung. Das erschwert Wechselmöglichkeiten und führt zu Ungleichbehandlungen. Deshalb fordern wir die Landesregierung auf, sich auf der Bundesebene für eine Vereinheitlichung der Ausbildung stark zu machen.

Achtens, Schulsozialarbeit für die Pflegeschulen, weil soziale Unterstützung kein Luxus ist. Auszubildende in der Pflege stehen unter erheblichem Druck, und zwar emotional, organisatorisch und persönlich. Sie sind von Beginn der Ausbildung an mit den Grenzbereichen des Lebens konfrontiert: Geburt, Krankheit, Schmerzen, Leiden, glückliche Genesung und auch Tod.

Dazu kommen Lerndruck, Schichtarbeit und körperliche Belastungen. Gerade für junge Pflegende mit gerade noch reifender Persönlichkeit kann das sehr herausfordernd sein. Trotzdem haben Pflegeschulen meistens keine Schulsozialarbeit. Das wollen wir ändern. Schulsozialarbeit muss Teil der Landesfinanzierung für die Pflegeausbildung werden. Sie stärkt die Ausbildungswege, verhindert Abbrüche und hilft jungen Menschen in schwierigen Situationen.

Neuntens, ein runder Tisch Pflegeausbildung, weil die besten Lösungen gemeinsam entstehen. Wir wollen einen dauerhaften Austausch mit Pflegeschulen, Praxispartnern, Trägern und, ganz wichtig, den Auszubildenden selbst. Ein runder Tisch Pflegeausbildung soll kontinuierlich Verbesserungsbedarfe identifizieren und Lösungen entwickeln, und zwar nicht erst dann, wenn Probleme eskalieren.

Mir ist bewusst, dass es noch einer Menge mehr Ansätze bedarf, um zukünftig den Personalbedarf in der Pflege zu decken. Ja, wir warten alle auf die Evaluation der neuen generalistischen Ausbildung durch die Bundesseite. Man kann dann vom Bund aus auch noch einiges nachsteuern.

Ohne die Anwerbung ausländischer Fachkräfte, ohne eine Erhöhung des Vollzeitanteils, ohne eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, um den Verbleib in der Pflege zu steigern, und ohne den Ausbau der Möglichkeit von Quereinstiegen, werden wir den Herausforderungen der Pflege nicht gewappnet sein.

Dieser Antrag ist keine eierlegende Wollmilchsau und kein Rundumschlag, sondern er formuliert die Wünsche von Pflegeschulen. Er formuliert gezielte, konkrete und vor allem umsetzbare Maßnahmen, um die reguläre Pflegeausbildung besser zu machen. Das sind Maßnahmen, die die Träger der Pflegeausbildung sich wünschen, um die Pflege in Sachsen-Anhalt weiter und besser sichern zu können.

(Unruhe)


Vizepräsident Wulf Gallert:

Frau Sziborra-Seidlitz, warten Sie einmal. - Meine lieben Kollegen! Noch ein Tagesordnungspunkt - das muss doch irgendwie gehen.

(Zustimmung von Stefan Gebhardt, Die Linke, und von Olaf Meister, GRÜNE)

Das ist jetzt inzwischen wieder eine hohe Lautstärke. Wenn Sie das Thema gar nicht interessiert, dann gehen Sie bitte hinaus. - So, jetzt versuchen Sie, es in Ruhe zu Ende zu bringen.


Susan Sziborra-Seidlitz (GRÜNE):

Gern. - Zeigen wir ihnen gemeinsam, dass wir sie und dass wir die Herausforderungen für die berufliche Pflege ernst nehmen. - Vielen Dank.