Dr. Katja Pähle (SPD):
Vielen Dank, Herr Präsident. - In der Analyse sind wir uns einig. Wir müssen beim Thema Lehramtsausbildung neue Wege gehen. Der Minister hat es ausgeführt, Herr Tullner, und selbst aus der Opposition gab es Anerkennung dafür Herr Bernstein hat es auch gesagt , dass wir schon vieles auf den Weg gebracht haben.
Das duale Studium hier in Magdeburg für den Bereich der Sekundarschule und Gemeinschaftsschule ist auf einem guten Weg. Auch die Zielvereinbarungen, insbesondere mit der Martin-Luther-Universität, in die genau dieses Modell aufgenommen wurde, sind ein richtiger Weg. Von der Warte her sprechen wir über etwas, das schon auf dem Weg ist.
Ich will das nicht falsch finden; denn sich über diese Sachen auch hier im Plenum noch einmal miteinander auszutauschen, ist ja nicht verkehrt, insbesondere deshalb, weil ich gerade an der einen oder anderen Stelle wieder ein paar Vorurteile gehört habe.
Ich will ganz deutlich sagen, das, worum es uns geht, was wir auch als SPD immer gefordert haben, ist eine gemeinsame Studienanfangsphase von künftigen Sekundarschul- und Gymnasiallehrern; denn die Menschen, die sagen, ich will Lehrer werden, kennen in ihrem Lebensverlauf, wenn man grob rechnet, vier Bildungseinrichtungen: Kita, Grundschule, Gymnasium und dann die Universität. Die Sekundarschule, die Gemeinschaftsschule kommt in dem Normalfall in diesen Lebensverläufen eher selten vor.
Ich soll mich dann für eine Schulform entscheiden, die ich selber nie erlebt habe, werde aber insbesondere beim Thema Sekundarschule mit allen möglichen Vorurteilen konfrontiert. Deshalb ist es wichtig, mit einer gemeinsamen Eingangsphase ehemaligen Schülerinnen und Schülern und Studierenden die Chance zu geben, die Sekundarschule als wichtige Schule kennenzulernen.
Deshalb haben wir in der Koalition immer darüber geredet, auch diese Phase mit verstärkten Praktika zu untersetzen. Dazu bekenne ich mich ganz deutlich. Ob man ein Vorpraktikum verpflichtend machen kann, obwohl die Menschen alle ein Abitur in der Tasche haben, das die einzige Zugangsvoraussetzung für ein Studium ist, darüber kann man streiten ich halte das für falsch , aber ein Praktikum im Studium ist keine Frage. Einheitslehrer ist dafür die falsche Formulierung.
Ich möchte noch einmal auf die Idee aus Dessau-Roßlau zurückkommen. Ich sage es unabhängig von Lokalpatriotismus ganz deutlich: Wer glaubt, dass es für die künftige Sekundarschulausbildung von Schülerinnen und Schülern ausreicht, Lehrerinnen und Lehrer zu haben, die auch nur Sekundarschulerfahrung haben, und wer sagt, für diese Schulform reicht das, der muss den Schritt auch in Richtung Gymnasium gehen.
(Zustimmung bei der SPD)
Ansonsten haben wir eine Differenzierung in der Lehrerschaft, die dafür sorgt, dass wir wieder unterschiedliche Bezahlungen haben, eine unterschiedliche Anerkennung der Leistung dieser Lehrkräfte.
(Jörg Bernstein, FDP: Warum denn?)
Ich kenne noch Kolleginnen und Kollegen, auch hier im Landtag, die der Meinung sind, dass ein Student für das Lehramt Sekundarschule
(Ulrich Siegmund, AfD: Student!)
das Lehramt Gymnasium gar nicht schaffen würde und dass er es deshalb wählte. Das ist eine Missbilligung der Leistung von Studierenden. Diesem wollen wir an keiner Stelle Vorschub leisten. - Herzlichen Dank.
(Beifall bei der SPD)
Präsident Dr. Gunnar Schellenberger:
Danke. - Herr Tullner, bitte.
Marco Tullner (CDU):
Frau Dr. Pähle, Sie scheinen eine koalitionsinterne Debatte ausgelöst zu haben, wenn ich das hier so sehe.
(Jörg Bernstein, FDP, lacht)
Dr. Katja Pähle (SPD):
Wir haben uns vorher nicht so oft gesehen.
Marco Tullner (CDU):
Aber keine Sorge, Sie sehen mich weder erregt noch irgendwie in Wallung.
(Lachen bei der CDU)
Ich wollte nur mit einem Missverständnis aus meiner Sicht aufräumen. Ich höre relativ oft, dass man sagt, die Wahl der Schulform läge sozusagen an der eigenen Lebenswirklichkeit. Ich meine, das passt schon deswegen nicht, weil wir es sozusagen durch Berufsorientierung und andere Dinge schaffen, dass junge Leute auch nach dem Abitur oder nach dem Schulabschluss in Sphären ihrer beruflichen Entwicklung wechseln, die sie vorher noch nie erlebt haben. Das funktioniert ja auch. Deswegen, glaube ich, ist es ein Fehlschluss, die Sekundarschule würde nur deswegen so wenig gewählt werden, weil das niemand kennt. Das glaube ich nicht. Wer erinnert sich schon an die Grundschule? Trotzdem wählt er am Ende das Lehramt Grundschule. Es kommt, glaube ich, darauf an, dass wir die besonderen Stärken der Sekundarschule hervorheben und das sozusagen auch aktiv den Schülerinnen und Schülern beibringen.
Ich hätte Ihnen noch viel mehr zu erzählen, aber der Präsident ist heute schlecht gelaunt. Ich will mich dem an der Stelle fügen.
(Lachen und Zustimmung bei der CDU)
Präsident Dr. Gunnar Schellenberger:
Nein, er achtet nur auf die Einhaltung der Geschäftsordnung. Sie wollten eine Frage stellen. - Herr Bernstein, Ihre Frage, bitte.
Dr. Katja Pähle (SPD):
Darf ich antworten?
Präsident Dr. Gunnar Schellenberger:
Ja, klar, wenn Sie erst antworten möchten.
Dr. Katja Pähle (SPD):
Sehr geschätzter Kollege Tullner, an der Stelle, glaube ich, ist es wirklich eine Glaubensfrage. Wir wissen, dass junge Menschen aktuell, insbesondere am Gymnasium, nur an wenigen Schulen eine tatsächlich gute und strukturierte Berufs- und Studienorientierung erhalten.
Welcher Beruf ist der richtige? Wer sind Ratgeber für junge Menschen? - Es ist vorrangig das familiäre Umfeld und es ist das, was man so hört. Deswegen sind mittlerweile auch so viele Unternehmen bei „TikTok“ und all dieses. Damit erhält man eine Einschätzung, was dieser Beruf bedeutet. Ich glaube nicht daran das haben Sie indirekt zugegeben , dass unsere Sekundarschulen in Sachsen-Anhalt, und übrigens bundesweit, einen so guten Ruf haben, insbesondere vor dem Hintergrund der schlechten Unterrichtsversorgung wenn wir nach Halle gucken, dann wissen wir, welche besonderen Probleme die Sekundarschulen in Halle haben , dass sich junge Menschen vollkommen frei für diese Sekundarschullaufbahn entscheiden. Daran glaube ich nicht. Man muss ihnen aktiv zeigen, dass das gute Schulen sind. Das schafft man am besten dann, wenn sie sich schon für den Schritt ins Lehramt entschieden haben und man ihnen zeigt, wo verschiedene Einsatzfelder sind. Das ist aber, wie gesagt, eher eine Glaubensfrage als eine Evidenzfrage.
Präsident Dr. Gunnar Schellenberger:
Danke. - Herr Bernstein, bitte.
Jörg Bernstein (FDP):
Danke, Herr Präsident.
(Marco Tullner, CDU: Mikro!)
Jörg Bernstein (FDP):
Ja, Herr Tullner. - Danke, Herr Präsident. - Danke, Frau Kollegin Dr. Pähle. Ich habe nur eine Frage, worin Sie den Unterschied sehen zwischen einem Berufsschullehrer, dessen Ausbildungsweg z. B. die folgenden Phasen gehabt hat, er hat ein ingenieurwissenschaftliches Studium an der Hochschule Merseburg absolviert, dann in Magdeburg meinetwegen einen Master of Education gemacht, ist dann in das Referendariat gegangen und wird dann an einer Berufsschule als Studienrat eingesetzt, und einem Sekundarschullehrer, der sein Studium z. B. in Dessau beginnt, einen Bachelorabschluss erlangt und meinetwegen den Master of Education an der Universität in Magdeburg anhängt. Der hätte doch genau den gleichen Abschluss und vielleicht sogar den Vorteil, dass er die Sekundarschule aus aktiver Zeit tatsächlich selbst kennengelernt hätte.
Dr. Katja Pähle (SPD):
Herr Bernstein, es gibt in unserem Schulwesen aus gutem Grund bisher immer Unterscheidungen zwischen den Lehramtsstudierenden für die allgemeinbildenden Schulen und denen für die Berufsschule, mit besonderen Zugängen und an manchen Stellen sogar mit dem Springen aus der Praxis in die Berufsschule hinein aus gutem Grund! Für die allgemeinbildenden Schulen haben wir das in Deutschland immer vermieden.
Wir haben es auch überwunden, dass man bis vor einigen Jahren der Meinung war, dass es für bestimmte Schulformen reicht, wenn man weniger lernt, wenn man weniger quasi Bildungsaufstieg nachweisen muss als für das Gymnasium. Deshalb haben wir in Sachsen-Anhalt übrigens auch so lange für die Bezahlung der Grundschullehrer kämpfen müssen, weil man nämlich der Meinung war, dieses Studium und das nachher im Beruf zu vermittelnde Wissen wären doch nicht zu vergleichen mit dem von Gymnasiallehrern. Deshalb wurde daraus abgeleitet, dass eine schlechtere Bezahlung richtig ist und auch beibehalten werden soll. Ich habe geglaubt, dass wir genau über diesen Punkt und darüber, dahin zurückzugehen, längst hinweg sind. Ich hoffe, dass das auch tatsächlich so ist und nicht nur mein Empfinden.
(Beifall bei der SPD)
Jörg Bernstein (FDP):
Aber die Frage, die ich gestellt habe, haben Sie immer noch nicht beantwortet. Was macht den Unterschied, wenn ich mit einem Master abschließe, dann in ein Referendariat gehe und dann ganz normal in die Beamtenlaufbahn einsteigen könnte? Das ist nun keine Abqualifizierung. Es ist nicht so, wie es früher bei den Grundschullehrern war, dass sie beim Institut für Lehrerbildung nur einen Fachschulabschluss hatten.
Dr. Katja Pähle (SPD):
Herr Bernstein, wenn man über diesen Zugang nachdenkt, dann muss man genau differenzieren, was unsere Erwartung ist. Alle Diskussionen aus der Hochschule Anhalt waren ein System an der Hochschule Anhalt, mit dem Aufwuchs von Professoren etc. pp. verbunden, sodass diejenigen gesagt haben: Ich bleibe dort und ich mache dort auch den Abschluss. Das ist etwas anderes.
Die Frage, die sich daran anschließt, habe ich gerade erläutert, plus die Frage, wollen wir tatsächlich in einem System, das wir aktuell haben und das nicht mit Studienbewerbern ausgelastet ist, einen Aufwuchs an der Hochschule Anhalt oder auch an einer anderen Hochschule für angewandte Wissenschaften haben, um zu sagen: Wir Investieren in Professuren etc. pp. und nicht in die Attraktivität des Lehrerberufs. Diese Frage muss man dann auch beantworten.

