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Samstag, 14.12.2019

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Plenarsitzung

Transkript

Holger Stahlknecht (Minister für Inneres und Sport):

Herr Präsident, herzlichen Dank. - Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich glaube, jeder von uns hat schon einmal ein Buch aus den 20er- oder 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der Hand gehabt oder eine Zeitung aus der unmittelbaren Nachkriegszeit gesehen oder gar gelesen. Beide Publikationen haben rein äußerlich betrachtet gemein, dass sie vergilbt sind. Beide haben auch an Elastizität verloren. Wenn der Leser nicht aufpasst, brechen die Seiten und das Schriftstück ist für immer zerstört. Ähnliche Probleme treten auch bei jeder Unterlage auf, die Sie und ich zu Hause aufbewahren: Familienbilder vergilben; die Briefe unserer Vorfahren werden immer fragiler.

Was man im privaten Leben eventuell als weniger schön bewertet, aber letztlich hinnehmen muss, ist für die öffentlichen Archive und Bibliotheken unseres Landes ein riesiges und tendenziell - meine Vorrednerin hat es gesagt - zunehmendes Problem.

Zehntausende Dokumente und Bücher, die dort aufbewahrt worden sind, sind in ihrer Substanz bereits heute erheblich gefährdet oder bereits ganz oder teilweise zerstört. Diese Situation ist, ohne zu übertreiben, dramatisch. Es ist fünf vor zwölf. Es gilt, Maßnahmen einzuleiten, die dem Papiersterben wirkungsvoll entgegenwirken; denn den Archiven droht, dass sie ihre Funktion als das Gedächtnis der Gesellschaft zumindest teilweise verlieren. Auch der Wissensverlust in den Bibliotheken wäre, wenn wir nicht gezielt entgegenwirken, immens, von dem Untergang enormer kultureller Schätze ganz zu schweigen.

Die Ursachen für diese Situation sind vielfältig. Zunächst ist die veränderte Papierherstellung seit 1850 zu nennen. Das industriell hergestellte Papier wurde und wird in der übergroßen Zahl noch heute mit Leim versetzt, der über die Jahrzehnte säurehaltige Stoffe aussondert, sodass das Papier sauer wird und sein ph-Wert kontinuierlich sinkt. Die Säure zerstört die Struktur des Papiers und zersetzt es letztlich. Doch auch die Lagerung unter klimatisch ungünstigen Bedingungen führt zu unwiederbringlichen Schädigungen von Papier durch Feuchtigkeit und Schimmelbildung.

Die vom Bund finanzierte Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes führte im Jahr 2013 eine bundesweite Erhebung zur Ermittlung der Situation beim Bund und in den Ländern durch. Diese kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass ca. die Hälfte des Archivbestandes säuregefährdet ist.

Lassen Sie es mich so sagen: Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs und der Brand Anna-Amalia-Bibliothek lösten ein riesiges Medienecho aus. Der schleichende Prozess des Papierzerfalls wird auf Dauer deutlich schwerwiegendere Folgen haben, wenn wir dem nicht entgegenwirken.

Die Palette der möglichen Gegenmaßnahmen reicht von der einfachen Verpackung der Akten oder den Schutzhüllen für die Bücher bis zur Massenentsäuerung und  restaurierung.

Für die Durchführung dieser Maßnahme wurde aufgrund der Umfrageergebnisse von 2013 für die öffentlichen Archive und Bibliotheken unseres Bundeslandes ein Kostenvolumen von 188 Millionen € ermittelt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass längst nicht alle betroffenen Einrichtungen an der Umfrage teilgenommen haben.

Diese Zahlen müssen uns alarmieren, aber nicht mutlos machen. Doch allen Beteiligten muss klar sein, dass wir, das heißt, der Bund, die Länder, die Kommunen, die Kirchen und natürlich auch die betroffenen Einrichtungen, nur gemeinsam diese riesige kulturpolitische Aufgabe meistern können.

Der Bund hat zusätzlich zu seiner seit mehreren Jahren erfolgenden Modellprojektförderung im laufenden Jahr erstmals ein Sonderförderprogramm für substanzerhaltende Maßnahmen in Höhe von 1 Million € aufgelegt. Auch Archive und Bibliotheken in Sachsen-Anhalt profitieren hiervon.

Der Bund hat inzwischen signalisiert, dass er bereit sei, seine Mittel in den nächsten Jahren deutlich aufzustocken. Doch die Bundesmittel sind das eine. Wichtig ist auch, dass wir uns im Land darüber verständigen, wie wir den Verlust von unwiederbringlichem Kulturgut und damit kultureller Identität verhindern. Hierzu benötigen wir sicherlich zusätzliches Personal und Geld, aber zunächst Strategien und Konzepte.

Deshalb befürworte ich im Namen der Landesregierung diesen Antrag uneingeschränkt. Ich finde ihn auch deshalb so gut, weil Sie als Gesetzgeber über den Haushalt des Landes und damit auch über die für den Erhalt des schriftlichen Kulturgutes einzusetzenden Mittel entscheiden.

Unser Ziel sollte es nach meiner Auffassung sein, dafür zu sorgen, dass jährlich 1 % des betroffenen Schriftgutes durch Erhaltungsmaßnahmen gesichert wird. Das ist - das weiß ich - anspruchsvoll. - Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Zustimmung bei der CDU, bei der SPD und von Wolfgang Aldag, GRÜNE)