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Montag, 24.06.2019

3 Termine gefunden

ICS Export
14:00 Uhr Datum: 24.06.2019

Ausschuss für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Medien

28. Sitzung
06618 Naumburg, Henne 1, Gasthaus und Hotel "Zur Henne"

eur028e7.pdf (PDF, 473 KByte)


15:00 Uhr Datum: 24.06.2019

Treffen der Landtagspräsidentin mit dem Frauenclub der Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg

Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg, Gröperstr. 1a, 39106 Magdeburg

18:00 Uhr Datum: 24.06.2019

Parlamentarischer Abend des Landestourismusverbandes Sachsen-Anhalt

Grußwort der Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch
Schloss Neuenburg, Schloß 1, 06632 Freyburg (Unstrut)

Plenarsitzung

Transkript

Birke Bull-Bischoff (DIE LINKE):

Ja, meine Damen und Herren, ich will nur wenige Bemerkungen dazu machen. Zwei Redner vor mir haben schon gesagt, vielfältige Lebensformen erfordern immer auch vielfältige Lernstrategien, vielfältige Methoden. Das war schon immer so, aber im Zuge der Inklusionsdebatte erkennen wir es an und erkennen wir auch die Konsequenzen daraus an.

(André Poggenburg, AfD: Damit hängt es also zusammen!)

Das heißt eben auch immer, dass Didaktik und Methodik ein Werkzeugkoffer sind, in dem sehr viele unterschiedliche Angebote, sehr viele unterschiedliche Strategien sind, die man Kindern anbietet, um sie beim Lernen zu begleiten.

Der Klassiker ist auch schon genannt worden, die Fibel-Methode. In der Tat. Es gibt aber eben auch jene Methode, Lesen durch Schreiben. Die gibt es seit 40 Jahren. Sie ist im Übrigen mit Unterstützung der Schweizer Wirtschaft damals entwickelt worden. Solange es diese Methode gibt, solange gibt es auch den Streit darüber, welche nun die effektivste ist.

Ich will Sie jetzt nicht damit belästigen, die Methode zu erklären, obwohl das durchaus interessant ist. Eines ist aber absoluter Schnulli, zu sagen, Kinder würden nicht korrigiert. Es ist in etwa damit vergleichbar, wenn Kinder das Sprechen lernen. Sie experimentieren mit Sprache. Sie probieren sich aus. Sie haben schon allein deshalb - das liegt in der Natur der Sache - ein korrektives Feedback, weil sie Eltern haben, weil sie Freunde haben. So ist es beim Schriftspracherwerb auch. Diese Methode ermöglicht einfach, sich von Anfang an mit Sprache zu beschäftigen, aber von Anfang an gibt es auch dieses korrektive Feedback.

Der Streit über die Methode oder über die Effektivität dieser Methode wird leider nicht nur wissenschaftlich geführt, sondern ist auch immer wieder verbunden mit Unterstellungen, mit Halbwahrheiten, mit Autoritätsbeweisen. Ich neige sonst nicht zur Medienschelte, aber in den Medien wird eine Menge Kauderwelsch hierüber erzählt und geschrieben.

Ebenso lange, wie es die Methode gibt, gibt es natürlich auch die Forschungen. Es ist so, wie es mit vielen Methoden in der Pädagogik ist, es gibt keine Forschung, es gibt nicht so etwas wie den - ich sage immer - gut hörbar einrastenden Kippschalter, dass man genau sagen könnte, das ist die Ursache und das ist die Wirkung, weil Bildung einfach niemals unter Laborbedingungen untersucht werden kann.

Jetzt haben wir das. Dann machen wir das. Deshalb ist das Ergebnis genau darauf zurückzuführen. - So etwas gibt es nicht. Pädagogik ist immer Arbeit in Ungewissheit.

Ganz davon abgesehen - das hat Frau Prof. Kolb-Janssen schon gesagt -, dass diese Methode in den seltensten Fällen - ich kenne keinen - in Reinform unterrichtet wird. Selbst die großen Schulbuchverlage, die Fibeln herausgeben, arbeiten alle auch mit Anlauttabellen oder fast alle auch mit Anlauttabellen. Wir würden uns also irgendwo auch komplett lächerlich machen, meine Damen und Herren,

(André Poggenburg, AfD: Schon passiert!)

wenn wir an dieser Stelle sagen, wir verbieten das Arbeiten mit Anlauttabellen, was auch ein Bestandteil dieser Reichen-Methode ist.

Ich selber habe eine Lehrerin an der GB-Schule erlebt. Ich stütze also nicht die These, die gemeinhin vertreten wird, dass es insbesondere für schwächere - was auch immer das sein soll - Kinder nicht geeignet wäre. Ich habe es über mehrere Jahre verfolgt. Sie gehört zu meiner Hausgemeinschaft. Deshalb habe ich das ein bisschen von Nahem beobachten können.

Worüber ich mich etwas ärgere - das will ich auch hier auf offener Bühne sagen -: Ich weiß, dass es im Landeselternrat und im Landesschülerrat auch gefordert wurde, diese Methode zu verbieten. Ich hätte einfach den Rat oder den Wunsch, vor solch einer schweren Forderung einfach einmal zu sagen, wir holen uns Praktiker und Praktikerinnen heran, wir holen uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heran und lassen uns illustrieren, was sind die Chancen und was sind die Risiken einer solchen Methode, bevor man mit einer solchen Keule daherkommt.

Also, es ist keine Methode, die das Nonplusultra ist. Das gibt es in der Bildung überhaupt nicht. Es ist aber eben auch keine Methode, die besondere Aufmerksamkeit, besonderer Kontrolle und dergleichen bedarf.

Ein letztes Wort noch zur Besorgtheit, die ja auch im Antrag der AfD-Fraktion mitschwingt, die Besorgtheit über den Zustand der orthografischen Kompetenz unserer Kinder. Dazu will ich ganz klar sagen: Es gibt in Deutschland keine Rechtschreibkatastrophe. Der Durchschnitt der Schülerinnen und Schüler ist heute sehr viel kompetenter mit der Schriftsprache unterwegs. Es gibt Langzeitstudien, die besagen, dass die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen die sichersten Rechtschreiberinnen sind.

Es ist problematisch mit sogenannten Randgruppen. Das ist aber auch nichts Neues. Deshalb ist es wichtig zu schauen, auf welches Kind passt welche Methode. Ich sage, die effektivsten Triebfedern sind nicht der Drill, nicht der Rohrstock,

(André Poggenburg, AfD: Wer will denn das!)

nicht die Drohung und auch nicht der frontale Festvortrag, das ist immer noch Spaß am Lernen und Neugier.

(Zustimmung bei der LINKEN, bei den GRÜNEN und von Silke Schindler, SPD)

Ihnen sage ich, wenn Sie das nächste Mal mit dem Antrag kommen, die Sütterlinschrift hier wieder einzuführen, dann werden wir auch das ablehnen. Sie werden den Fortschritt nicht aufhalten, und das ist die gute Nachricht.

(Beifall bei der LINKEN - André Poggenburg, AfD: Sagt die Partei von vorgestern!)


Vizepräsident Wulf Gallert:

Frau Bull-Bischoff, ich würde Sie noch einmal kurz aufhalten. Dann können Sie immer noch frei entscheiden. Es gibt zur Überraschung aller zwei Nachfragen aus der AfD-Fraktion.

(Birke Bull-Bischoff, DIE LINKE: Nein!)

- Gut. - Der Kollege Lieschke hat sich gemeldet. Sie müssen entscheiden, ob Sie eine Intervention machen wollen, offensichtlich eine Intervention; denn Frau Bull-Bischoff hat schon gesagt, dass sie nicht antworten will. Aber bitte, Sie haben die Chance.


Matthias Lieschke (AfD):

Ja, eine Intervention. - Für mich ist es so, meine Kinder haben beide Versionen in der Grundschule kennengelernt, wie man nach dem Schweizer und dem anderen System lernt. Für mich wäre es ein riesengroßer Fortschritt, wenn wir erst einmal in der Lage wären, von einer Grundschule zur anderen Grundschule das gleiche Bildungssystem zu haben, damit die Kinder komplikationslos umziehen können, wozu wir nicht einmal jetzt in der Lage sind.

(Beifall bei der AfD)

Das wäre für mich großartig zu sagen: ein gleiches System, damit jedes Kind ohne Schuldunterschiede umziehen kann.

(Zuruf von der AfD: Hört, hört!)


Vizepräsident Wulf Gallert:

Jetzt, Herr Tillschneider, haben Sie die Chance.


Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD):

Ja, Sie haben gesagt, den Fortschritt werden wir nicht aufhalten. Das klingt so in meinen Ohren, wie: Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs, noch Esel auf.

(Heiterkeit bei der AfD)

Wie dem auch sei, ich finde es jedenfalls unredlich, dass Sie uns hierbei unterstellen, ein Pseudoproblem zu spielen, denn wir beschäftigen uns damit nicht erst seit gestern.

(Hendrik Lange, DIE LINKE: Das kann ich mir vorstellen!)

Seit wir in dieses Parlament gewählt wurden und seitdem ich bildungspolitischer Sprecher bin, bekomme ich in der Eigenschaft immer wieder E-Mails von Eltern, die sich darüber beschweren, dass nach dieser Methode unterrichtet wird. Deshalb haben wir das heute auf die Agenda gesetzt. Zufälligerweise kam es auch in anderen Bundesländern zur Sprache. Ja? Aber das war bei uns im Arbeitskreis schon lange Thema und schon lange geplant, dass das beraten wird. Das war Punkt eins.

Punkt zwei, was Sie erklärt haben mit den Anlauttabellen; natürlich verwendet man immer Anlauttabellen. Aber es geht darum, ob man den Kindern den Eindruck vermittelt, unser Alphabet sei eine phonetische Lautschrift. Das ist es aber nicht, sondern es ist ein aus dem Lateinischen übernommenes Schriftsystem, das auch seine eigene Gesetze hat und sich keinesfalls als Lautschrift eignet. Deshalb kann man mit diesem Ansatz nicht beginnen, sondern muss damit beginnen, den Kindern dieses System mit seinen eigenen Gesetzen beizubringen.

(Beifall bei der AfD)