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Donnerstag, 21.11.2019

3 Termine gefunden

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13:00 Uhr Datum: 21.11.2019

Ausschuss für Arbeit, Soziales und Integration

43. Sitzung zu Beginn der Mittagspause der Landtagssitzung
Landtag von Sachsen-Anhalt, Landtagsgebäude, Domplatz 6-9, 39104 Magdeburg

soz043e7.pdf (PDF, 472 KByte)


19:30 Uhr Datum: 21.11.2019

Parlamentarischer Abend der Deutschen Automatenwirtschaft e.V.

Grußwort durch Herrn Vizepräsident Wulf Gallert in Vertretung der Landtagspräsidentin
Theater in der Grünen Zitadelle, Breiter Weg 8a, 39104 Magdeburg

Plenarsitzung

Transkript

Tagesordnungspunkt 28

Beratung

Gesunde Ernährung von Kita- und Schulkindern und regionale Versorgung fördern

Antrag Fraktion DIE LINKE - Drs. 7/1486



(Anhaltende Unruhe - Die Präsidentin unterbricht ihre Ausführungen)

- Vielen Dank, dass Sie mich ausreden lassen. - Einbringer wird der Abg. Herr Höppner sein. Sie haben das Wort. Bitte schön.


Andreas Höppner (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Man stelle sich vor, mit schlechtem Schulessen ist Schluss und allen Kindern in Kita und Schule schmeckt es.

Man stelle sich vor, alle Kinder und Jugendliche nehmen an der Schulspeisung teil und das Essen wird auch noch direkt vor Ort in der eigenen Schulküche gekocht.

Man stelle sich auch vor, das Essen kann in ansprechenden Räumlichkeiten in Kita und Schule ohne Hektik eingenommen werden.

Leider sieht die Realität in Sachsen-Anhalt etwas anders aus. Kita- und Schulverpflegung ist in Sachsen-Anhalt in vielerlei Hinsicht mangelhaft.

Die Qualität erfüllt ernährungsgesundheitliche Anforderungen nicht. Die Mahlzeiten sind zu fett, zu süß, enthalten zu wenig frisches Obst und frisches Gemüse. Es fehlt an Vitaminen und Ballaststoffen, und es fehlt am Geschmack.

Es fehlt an Geld, an Fachleuten und an geeigneten Räumen. Am Ende sind die Mahlzeiten zerkocht, von langen Steh- und Transportzeiten fade und sogar mit Krankheitskeimen belastet.

Nach einer Studie meidet jede zweite Schülerin oder jeder zweite Schüler an Ganztagsschulen die Kantine.

Erfreulich ist, dass fast alle Schulen irgendeine Mittagsversorgung anbieten, aber weniger erfreulich ist der Rückgang der Nutzung. Nur 2 % der Schulen in Sachsen-Anhalt bewirtschaften die Mittagsversorgung noch selber.

Ebenso wurde in verschiedenen Studien festgestellt, dass zum Beispiel Warmhaltezeiten zu einem Großteil mit mehr als 3 Stunden und bei 12 % sogar mit mehr als 4 Stunden überschritten wurden, und mehr als 70 % der Schulen überschritten die zulässige Höchstwarmhaltezeit von Gemüse und Kurzgebratenem insgesamt.

Auch bei den Speiseplänen gab es erhebliche Mängel. Es fehlte an Vielfalt, an vegetarischen Auswahlmöglichkeiten und an Ersatzangeboten für Schweinefleisch. Grundsätzlich fehlt es an Gemüse. Dafür gab es aber viel zu viele süße oder stark gesüßte Gerichte.

(Siegfried Borgwardt, CDU: Wie bei uns im Landtag!)

- Genau.

In Sachen Gemeinschaftsverpflegung hat sich zwar in den letzten Jahren einiges getan. Qualitätsstandards und Ausschreibungen sind jedoch nach wie vor uneinheitlich und nicht zufriedenstellend. In 62 % der Fälle wird die Ausschreibung sogar ohne die Schüler- oder Elternvertretung organisiert.

Die Anbieter von Schul- und Kita-Essen müssen mit knapp kalkulierten Kosten wirtschaften. Auch die Träger, Schulen und Kitas müssen investieren, um eine gute Verpflegung möglich zu machen. Hohe Anforderungen an Lebensmittelhygiene, Qualität und Abwechslung müssen erfüllt werden. Auch besondere gesundheitliche und kulturelle Anforderungen wollen berücksichtigt sein.

Was zeichnet nun eine gute Kita- oder Schulverpflegung überhaupt aus?

Erstens. Zuallererst muss es natürlich schmecken. Dazu gehört, dass wir die Kinder und Jugendlichen beteiligen; denn nur wenn wir sie danach fragen, was sie mögen, besteht die Option, dass die Kinder und Jugendlichen das auch essen.

Wenn Kinder beim Essen mitreden und mitmachen dürfen, dann erhöht das die Akzeptanz für das Mittagsangebot. Die Gerichte und Portionsgrößen sollten grundsätzlich altersgerecht sein und den Wünschen der Kinder und Jugendlichen entsprechen.

(Beifall bei der LINKEN)

Zweitens. Es muss natürlich frisch gekocht werden; denn nichts ist schlimmer als Essen, das seit Stunden warm gehalten wird, in der Gegend herumsteht oder herumgefahren wird. Das würden wir Erwachsene nicht zu uns nehmen wollen, und die Kinder wissen das auch nur zu gut. Sie wissen sehr genau, was gut und was schlecht ist. Also wird es nicht gegessen. Das muss geändert werden. Es muss verstärkt frisch und vor Ort gekocht werden.

(Beifall bei der LINKEN)

Meine Damen und Herren, diese Gesellschaft hat sehr viel davon, wenn die Kinder anständig versorgt werden. Ich möchte nur daran erinnern, wie viel Geld die Krankenkassen in die Hand nehmen müssen, um ernährungsbedingte Krankheiten zu behandeln.

Es gibt aber auch noch eine weitere Baustelle. Selbst bei Schulneubauten oder auch bei Komplettsanierungen wird eine Küche oft nicht ausreichend berücksichtigt. Auch wird nicht immer sichergestellt, dass alle Kinder am Essen teilnehmen können.

Gutes Kita- und Schulessen sollte heute eine Selbstverständlichkeit sein. Familien sind darauf angewiesen, auch weil das Zusammenleben stark von der Arbeitswelt der Eltern geprägt ist.

Die Eltern sind oft an ihrer Leistungsgrenze. Die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt im Hinblick auf Flexibilität und Mobilität, weite Wege zum Arbeitsplatz, gerade bei uns im Pendlerland Sachsen-Anhalt, und ständige Verfügbarkeit lassen es nicht zu, dass die Eltern kochen und um ein Uhr das Mittagessen zu Hause auf dem Tisch steht.

(Bernhard Daldrup, CDU: Um zwölf!)

Außerdem verbringen Kinder immer mehr Zeit des Tages in Schule oder Kindergarten. Auch häufiger Nachmittagsunterricht führt zu längeren Schultagen. Immer mehr Kinder besuchen eine Ganztagseinrichtung. Das beeinflusst schon früh das Essverhalten vieler Kinder. Eine gute Schulküche bildet aber leider die Ausnahme.

Eine Versorgung vor Ort erreicht alle Kinder gleichermaßen und trägt dazu bei, dass sie gesund aufwachsen und ihre Bildungschancen nutzen können.

Für eine selbstbestimmte Ernährung der Kinder und Jugendlichen muss eine vielfältige, abwechslungsreiche und frische Verpflegung auch kulturellen und religiösen Bedürfnissen Rechnung tragen.

(Beifall bei der LINKEN)

Das Thema Ernährung soll und kann zum Beispiel durch eine gemeinsame Zubereitung von Mahlzeiten in Lernküchen fest in den Lernalltag einbezogen werden. Dazu gehören auch Informationen über die regionale, saisonale und ökologische Erzeugung.

Die Zubereitung der Mahlzeiten soll möglichst durch eigene oder schulnahe Küchen erfolgen. Die fachliche Qualifizierung und eine tarifliche Bezahlung des Personals müssen dabei natürlich sichergestellt werden. Zudem soll das Land zur Unterstützung aller Beteiligter, also hauptsächlich der Kommunen und Schulträger, ein Programm zur Beratung, Einrichtung, Unterhaltung und zum Aus- und Neubau von Schulküchen, also von Eigenversorgungseinrichtungen, auflegen.

(Beifall bei der LINKEN)

Für den Umbau von eventuell vorhandenen Altküchen sollten ebenfalls geeignete Investitionsmöglichkeiten bereitgestellt werden.

In Sachen Schul- und Kita-Verpflegung vor Ort ist Sachsen-Anhalt leider ein Entwicklungsland. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Ernährung und Lernerfolg unbestritten. Aus diesem Grund sollte bei der Planung einer Schule oder Kita die Küche bzw. Kantine und im Lernalltag die Verpflegung in den Mittelpunkt gerückt werden.

(Beifall bei der LINKEN)

Dass so etwas geht, zeigt zum Beispiel die Grundschule Riestedt bei Sangerhausen. Dort wird Essen in hauseigener Küche für etwa 200 Kindergarten- und Schulkinder selbst gekocht. Alles frisch aus der Region, zum Teil aus dem Schulgarten und, wie gesagt, direkt auf den Teller.

Auch sollte Schulverpflegung fester Bestandteil des Unterrichtstages sein. Die Kinder und Jugendlichen planen gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern sowie mit den Eltern ein vielfältiges Angebot und abwechslungsreiche Menüs   Bio und möglichst aus regional erzeugten Produkten. Das wird von allen gerne angenommen.

Die Umsetzung muss aber gemeinsam mit dem Land, mit den Kommunen bzw. den Schulträgern, mit den Lehrerinnen und Lehrern, den Schülerinnen und Schülern und den Eltern erfolgen.

Ernährung ist übrigens kein Thema für den Frontalunterricht. Schülerinnen und Schüler sollten selbst kochen, einkaufen und vielleicht auch in einem Schulgarten Obst und Gemüse selbst anbauen und ernten.

Schul- und Kita-Verpflegung soll möglichst mit Erzeugnissen aus der Region frisch vor Ort zubereitet werden. Das Essen soll abwechslungsreich, ohne Geschmacksverstärker, Aromen und andere Zusatzstoffe sein.

(Beifall bei der LINKEN)

Auch in die Gestaltung der Schulkantine sollten Schülerinnen und Schüler aktiv mit einbezogen werden.

Um es noch einmal deutlich zu machen: Das gemeinsame Mittagessen direkt in der Schule schafft Erfahrungswerte und unterstützt eine gute Ernährungsweise und führt zum Lernerfolg bei allen Kindern.

Studien zeigen, dass eine nährstoffreiche Verpflegung inklusive gesunder Getränke die Leistungsfähigkeit der Kinder nachhaltig fördert. Viele bei der Einschulung normalgewichtige Kinder nehmen in der Grundschulzeit an Gewicht zu.

Empirische Daten zeigen jedoch, dass zum Beispiel kostenlose Wasserspender in Schulen das Übergewicht bereits nach einem Jahr deutlich sinken lassen.

Auch zeigten das EU-Schulobst- und das EU-Schulmilchprogramm positive Wirkungen und eine erhöhte Akzeptanz sowie Beliebtheit von Obst, Gemüse und Milch bei den Kindern. Deshalb begrüßen wir auch die Zusammenlegung und effektive Weiterführung der EU-Programme mit dem Ziel, mehr ausgewogene Ernährung bei Kindern und Jugendlichen zu erreichen.

(Beifall bei der LINKEN)

Ebenso halten wir es für den richtigen Weg, dass das Programm erweitert wurde und jetzt auch Beihilfen für begleitende pädagogische Maßnahmen, zum Beispiel die Vermittlung von Kenntnissen über gesunde Ernährung, unterstützt werden.

Ich denke auch, dass Einigkeit darüber herrscht, dass das Wissen über aus ernährungsphysiologischer Sicht wertvoller Schulverpflegung vorhanden ist, in der Praxis aber eine ausgewogene Schulverpflegung oft nicht geleistet werden kann.

Meine Damen und Herren! Wir alle wissen auch, welche Folgen eine Fehlernährung mit Fastfood bei Kindern haben kann. Deshalb gehören ein gutes Mittagessen und eine vernünftige Pausenverpflegung für alle Kinder zum guten Lernen im Schulalltag dazu.

Alle Kinder und Jugendlichen brauchen eine Chance, um gesund aufzuwachsen.

(Zustimmung von Dagmar Zoschke, DIE LINKE)

Um Bildung wahrnehmen zu können, braucht man eine vernünftige Verpflegung über den Tag hinweg. Wir hier im Landtag können dazu beitragen, Bildungsunterschiede abzubauen und allen Kindern eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Darum ist gute Schulverpflegung vor Ort eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Land hat die Verantwortung, sich um die Beratung, Finanzierung und Förderung zu kümmern. - Ich danke Ihnen.

(Beifall bei der LINKEN)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Herr Abg. Höppner. Es gibt eine Nachfrage. Möchten Sie sie beantworten? - Frau Feußner.


Eva Feußner (CDU):

Ich möchte voranstellen, Herr Höppner, ich bin absolut für Ihren Antrag, was eine gesunde Ernährung unserer Kinder anbelangt, aber - jetzt will ich eingrenzen - Ihr Antrag, den Sie gestellt haben, besagt ja, dass wir diesbezüglich als Land nichts tun würden oder mehr tun müssten.

Ist Ihnen bekannt, dass wir eine Vernetzungsstelle Kindergarten- und -Schulverpflegung über die Landesvereinigung für Gesundheit haben, die früher der Bund anteilig gefördert hat und deren Förderung das Land jetzt sogar fortführt, weil sich der Bund aus dieser Finanzierung zurückgezogen hat

(Zuruf von der LINKEN)

- nein, der Bund finanziert nicht mehr mit; das machen wir jetzt nur noch als Land; darüber haben wir im Rahmen der Haushaltsberatungen diskutiert -, die genau diesen Auftrag hat, und dass das Kultusministerium zusätzlich ein Netzwerk gesundheitsfördernder Schulen gebildet hat, in dem sich Schulen miteinander vernetzen und die auch gemeinsam mit allen möglichen Partnern, die mit einbezogen werden, Schulen dafür auszeichnen?

Trotzdem - das ist meine Frage - ist das Ergebnis sicherlich nicht zufriedenstellend. Vielleicht sollten wir aber erst einmal damit anfangen, was diese Stellen leisten, ob sie in ausreichendem Maße ihre Arbeit machen, bevor wir jetzt zusätzlich sozusagen initiativ werden. Ist das auch Ihre Auffassung?


Andreas Höppner (DIE LINKE):

Also, ich bin der Ansicht, dass wir jetzt initiativ werden sollten. Das können wir, indem wir zum Beispiel ein Programm noch einmal entwickeln und auch diese Dinge darin einfließen lassen, also wie ist der Erfüllungsstand letztendlich, wie ist der Diskussionsstand, und dass wir uns darauf konzentrieren.

Mein Antrag bezieht sich ja darauf, dass wir mehr Schulküchen direkt vor Ort haben. Darum geht es ja.

(Beifall bei der LINKEN - Siegfried Borgwardt, CDU: Ist klar!)

Das ist ja das Kernanliegen unseres Antrags.

Es ist unstrittig, dass sich einige Dinge gut entwickelt haben. Das habe ich auch so dargestellt. Der Kern dieses Antrags aber ist, dass wir mehr Schulküchen vor Ort haben wollen, direkt in der Schule oder auch im Ort selber, die für Kita und Schule gemeinsam kochen. So etwas gibt es in Teilen, aber leider viel zu selten.

Es gibt zu wenig Programme und Fördermöglichkeiten. Darüber sollten wir diskutieren, wie wir es zustande bringen, wie wir aus den jetzt vielleicht freiwerdenden Mitteln durch die Zusammenlegung des EU-Schulobstprogramms und des EU-Schulmichprogramms einige Dinge realisieren können.