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Dienstag, 31.03.2020

Keine Termine vorhanden.

Plenarsitzung

Transkript

Dr. Falko Grube (SPD):

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Hohes Haus! Ich halte es für verständlich, dass wir die Frage der Aufnahme von Täve Schur in die Hall of Fame des Sports hier diskutieren. Es ist ein Thema, das Menschen in Sachsen-Anhalt berührt. Es ist aber - da schließe ich mich den Worten des Innenministers an - kein Thema, bei dem die Politik in die Autonomie des Sports eingreifen sollte. Es ist gut, dass der Sport selbst entscheidet, wer in die Hall of Fame gehört, unabhängig davon, ob man selbst einzelne Entscheidungen für richtig oder falsch erachtet. Der Landtag ist hierbei nicht Akteur und sollte es auch nicht sein.

(Beifall bei der SPD und bei der CDU)

Im Übrigen ist die Frage am letzten Freitag entschieden worden.

Aber zur Sache. Täve Schur war und ist hier im Osten - da oben sitzt er ja auch - ein Sportidol. In meiner und in älteren Generationen wusste jeder um seine beiden Weltmeistertitel 1958 und 1959, um sein Olympiasilber in Rom 1960 mit der Mannschaft und um seine beiden Friedensfahrtsiege. Jeder musste, dass Täve auch nach seiner Karriere Tausende von Kilometern rund um Magdeburg abspult. Ja, Täve Schur war und ist das Idol vieler Menschen hier in Sachsen-Anhalt, und dieses Idol gehört in die Hall of Fame.

(Beifall bei der SPD und bei der LINKEN)

Warum wurde er trotzdem nicht aufgenommen? - Als Gründe für Täve Schurs Nichtaufnahme wird erstens angeführt, er sei der Repräsentant einer Diktatur gewesen und habe sich von ihr nicht distanziert, und zweitens, er verharmlose systematisches Doping. Manchmal schwingt auch leise der Verdacht mit, er hätte selbst gedopt. Hinweise dafür gibt es ausdrücklich keine, und ich bin auch dagegen, alle Sportlerinnen und Sportler der DDR im Nachhinein unter Generalverdacht zu stellen. Die Unschuldsvermutung kennt kein Geburtsland.

(Beifall bei der SPD - Zustimmung von Stefan Gebhardt, DIE LINKE)

Für die Verharmlosung des systematischen Dopings in der DDR wiederum habe ich ebenfalls kein Verständnis. Ja, es gab systematisches staatliches Doping in der DDR. Es gab die unwissentliche Einnahme von Dopingmitteln, die Minderjährigen gegeben wurden. Es gab Dopingopfer, die dieses System mit schweren gesundheitlichen Schäden bezahlt haben, und weil in einer Diktatur die Möglichkeiten von Repression und Verschleierung größer waren, als sie es in einer Demokratie sind, war das Ausmaß ein erschreckendes. Nachgewiesen ist das alles, auch durch die Akten der Täter.

Ich würde mir vom Sportsmann Täve Schur wünschen, dass er den Opfern eine Würdigung nicht verweigert; denn diese Sportlerinnen und Sportler haben wie alle anderen auch für einen gesunden Körper und einen gesunden Geist mit ihrem Sport begonnen - bekommen haben sie etwas anderes.

(Beifall bei der SPD und bei der CDU)

Das, meine Damen und Herren, ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass man mit den Biografien und Äußerungen anderer Idole in der Hall of Fame einfach anders umgegangen ist.

Der Reiter Josef Neckermann war Mitglied der SA und der NSDAP. Er profitierte nach den Nürnberger Rassegesetzen 1935 vom Erwerb arisierter jüdischer Unternehmen und schuf damit den Grundstock seines später nach ihm benannten Versandhandels. Neckermann stieg nach Kriegsbeginn zum stellvertretenden Reichsbeauftragten für Kleidung und verwandte Gebiete auf und wurde im Entnazifizierungsverfahren trotzdem nur als Mitläufer eingestuft. Er wehrte sich nach dem Krieg vehement gegen die Entschädigungsforderungen der enteigneten Unternehmer und vermutete sogar eine „jüdische Verschwörung“ gegen sich. Ich zitiere einen Artikel des Bayerischen Rundfunks:

„Neckermann selbst war zeitlebens frei von jedem Schuldbewusstsein. Man lebe nun mal nicht in einem Geschichtsbuch, lautete sein lakonischer Kommentar zu seiner eigenen Rolle in der NS-Zeit, und er bereue nichts.“

Oder nehmen wir Franz Beckenbauer, der heute noch der Meinung ist, im Fußball sei nicht gedopt worden und werde es auch nicht, das bringe ja sowieso nichts. - Zu seiner aktiven Zeit ausweislich eines Artikels im „Stern“ hat er das anders gesehen.

Was bleibt? - Der eine war Repräsentant einer Diktatur und hat sich zeitlebens nicht dafür geschämt, der andere leugnet Doping im Fußball. Die Deutsche Sporthilfe als Trägerin der Hall of Fame hat einen guten Weg gefunden, damit umzugehen. Sie zeigt in der Hall of Fame selbst die biografischen Brüche ihrer Mitglieder auf. Bei Neckermann wird auch seine Rolle im Nationalsozialismus thematisiert. Das, meine Damen und Herren, wäre auch ein guter Umgang mit Täve Schur gewesen.

(Beifall bei der SPD)

So bleibt der fade Beigeschmack, ost- und westdeutsche Sportbiografien würden mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen. Es bleibt der fade Beigeschmack, die Idole des Westens seien mehr wert als die Idole des Ostens. Es bleibt der fade Beigeschmack, die Lichtgestalt des Westens sei mehr wert als der Jahrhundertsportler des Ostens. Es wäre gut, diesen Geschmack loszuwerden.

(Beifall bei der SPD und bei der LINKEN)