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Dienstag, 25.06.2019

2 Termine gefunden

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09:00 Uhr Datum: 25.06.2019

Ausschuss für Bildung und Kultur

35. Sitzung
Magdeburg, Domplatz 6-9, Landtagsgebäude

bil035e7.pdf (PDF, 97 KByte)


17:00 Uhr Datum: 25.06.2019

Teilnahme der Landtagspräsidentin am Jahresempfang der Bundesgesellschaft für Endlagerung in Morsleben

Infostelle Morsleben, Amalienweg 1, 39343 Morsleben

Plenarsitzung

Transkript

Tagesordnungspunkt 19

Beratung

Weiterentwicklung der Eliteschulen des Sports in Magdeburg und Halle (Saale)

Antrag Fraktion DIE LINKE - Drs. 7/1177



Einbringer wird der Abg. Herr Lippmann sein. Sie haben das Wort, Herr Lippmann.


Thomas Lippmann (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Die Aufgaben unserer allgemeinbildenden Schulen und die für ihre Erfüllung erforderlichen Rahmenbedingungen haben uns hier im Hohen Hause - meist aus weniger erfreulichen Gründen - schon mehrfach beschäftigt.

(Unruhe)

Wegen des immer weiter um sich greifenden Mangels an pädagogischem Personal machte in den letzten Monaten verstärkt das Wort von der notwendigen Prioritätensetzung die Runde.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Lippmann, darf ich Sie ganz kurz unterbrechen? - Ich bitte Sie, Ihren Geräuschpegel wieder etwas zu senken, damit der Abg. Herr Lippmann auch die Möglichkeit zur Einbringung hat. - Vielen Dank. - Sie dürfen fortfahren.


Thomas Lippmann (DIE LINKE):

Das ist sehr nett. - Wegen des immer weiter um sich greifenden Mangels an pädagogischem Personal machte in den letzten Monaten verstärkt das Wort von der notwendigen Prioritätensetzung die Runde. Dabei ist schnell klar geworden, dass sich darunter die unterschiedlichsten Auffassungen verbergen können. Wir werden sicherlich noch mehrfach Gelegenheit bekommen, darüber zu streiten, was in Zeiten des Mangels prioritär ist und was wegfallen muss.

Das Thema unseres heutigen Antrages sollte allerdings nicht zu diesen Streitthemen gehören. Es sollte dazu geeignet sein, dass wir uns im Interesse der hier angesprochenen jungen Leistungsträger in unserem Land zügig auf eine gemeinsame und tragfähige Position verständigen und zeitnah die notwendigen Entwicklungen einleiten.

(Zustimmung bei der LINKEN)

Mit den Entscheidungen hier Parlament müssen wir grundsätzlich für ein schulisches Angebot sorgen, das allen Schülerinnen und Schülern gute Möglichkeiten bietet, eine breite Allgemeinbildung zu erwerben, ihre individuellen Stärken zu entdecken und vielfältige Kompetenzen für die freie Entfaltung eines selbstbestimmten Lebens zu entwickeln.

Dazu zählt nicht nur, bestehende Nachteile auszugleichen, sondern es kommt gleichermaßen darauf an, besondere Talente zu entdecken und zu fördern. Das gilt selbstverständlich für alle Schulen, in allen Schulformen, und es muss auch jene erreichen, bei denen der Knoten erst später platzt. Deshalb sind frühe Weichenstellungen im Schulsystem weiterhin kritisch zu sehen.

(Zustimmung bei der LINKEN - Minister Marco Tullner: Das war aber auch schon mal mehr! - Hendrik Lange, DIE LINKE: Ist es jetzt mal gut da vorn?)

Allerdings bedarf die Entwicklung vor allem von musischen und sportlichen Talenten wegen der herauszubildenden Motorik und Physis zum Erreichen von Spitzenleistungen einer intensiven Ausbildung schon von Kindheit an.

(Siegfried Borgwardt, CDU: Aha! Das ist dann die Spezialisierung!)

Deshalb findet sich in unserem Land neben den Regelschulen auch ein System von Spezialschulen.

(Siegfried Borgwardt, CDU: Gott sei Dank!)

Diese verfügen überwiegend über eine lange Tradition und haben ihre Wurzeln oft schon im DDR-Schulsystem.

Die Förderung bezog und bezieht sich dabei vor allem auf Talente in den Bereichen Musik und Sport. Aber auch in den Bereichen Mathematik/Naturwissenschaften, Sprachen und Kunst findet zum Teil schon seit Jahrzehnten eine Förderung in Spezialschulen oder in Spezialklassen statt.

Vor allem in den Bereichen Sport und Musik ist es dabei geboten, für die heranwachsenden Talente im Schulalter solche Rahmenbedingungen zu schaffen, dass neben der schulischen Ausbildung ein kontinuierliches und leistungsförderndes Üben bzw. Trainieren ermöglicht wird. Dabei sollen Störungen im Lernprozess einerseits bzw. im Trainingsbetrieb andererseits weitgehend vermieden werden und vor allem sollen die Schülerinnen und Schüler nicht überfordert werden.

Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass es sich bei der Bezeichnung „Eliteschulen des Sports“ nicht um eine Erfindung in der Überschrift des Antrags handelt, sondern um ein vom Deutschen Olympischen Sportbund vergebenes Prädikat. Es wird für Schulen vergeben, die hinsichtlich ihrer Profilbildung in besonderer Weise Voraussetzungen für die eben genannten Rahmenbedingungen bieten, also schulische Ausbildung und intensives Training aufeinander abstimmen zu können.

In der Runde der unterschiedlichen Spezialschulen bedürfen die Sportschulen aus verschiedenen Gründen einer gesonderten Betrachtung und stark spezifischer Rahmenbedingungen, von denen ich die für unseren Antrag maßgeblichen kurz erläutern will.

Im Unterschied zu anderen Spezialschulen agiert an den Sportschulen ein zweiter großer Partner, der für die Gesamtentwicklung der jungen Leistungssportler in gleichem Maße Verantwortung trägt wie die Schule. Das sind die Organisationen des Leistungssports, also der Landessportbund mit seiner Leistungssportabteilung und der Olympische Sportbund mit seinen Landesstützpunkten. Es sind vor allen aber auch die vielen Verbands- und Stützpunkttrainer, die täglich neben dem Schulunterricht für mehrere Stunden das Training der Sportlerinnen und Sportler leiten.

Die Koordination des Schulbetriebes und der hohen zeitlichen und physischen Anforderungen des leistungssportlichen Trainings stellt für die Schülerinnen und Schüler eine ebenso große Herausforderung dar wie für die Schulleitungen, die Lehrkräfte und die Trainer. Hierfür sind spezielle, von den allgemeinen Regelungen abweichende Rahmenvorgaben erforderlich, um diese Koordination überhaupt zu ermöglichen und zu erleichtern.

Die Sportschulen gegenüber den anderen Spezialschulen besonders und mit durchaus weitreichenden Ausnahmen in den Blick zu nehmen, rechtfertigt sich vor allem aus dem Umstand, dass sich im Bereich des Leistungssports mehr grundlegende Konflikte in der schulischen Entwicklung der Schülerinnen und Schüler ergeben können als in anderen Bereichen.

Künstlerisch-musische oder mathematisch-naturwissenschaftliche Talente gehören erfahrungsgemäß eher zu den leistungsstärkeren Schülern ihres Jahrgangs. Darauf weist unter anderem auch der Umstand hin, dass es sich bei den Spezialschulen für diese Bereiche ausschließlich um Gymnasien handelt.

Bei den sportlich talentierten Schülerinnen und Schülern ist dagegen ein sehr viel breiteres schulisches Leistungsspektrum zu erkennen. So werden unter dem Label „Sportschulen“ an beiden Standorten sowohl ein Gymnasium als auch eine Sekundarschule organisiert. Organisatorisch wäre hier übrigens die Zusammenführung zu einer Gesamtschule sehr sinnvoll.

Darüber hinaus nimmt aber auch der Trainings- und Wettkampfbetrieb im Bereich des Leistungssports in der Summe insgesamt höhere Zeitbudgets der Schülerinnen und Schüler in Anspruch und greift insgesamt auch stärker in die schulischen Abläufe ein, als dies in den anderen Leistungsbereichen der Fall ist.

Letztlich ergibt sich ein signifikanter Unterschied zwischen den verschiedenen Leistungsbereichen in der Intensität der öffentlichen Aufmerksamkeit. Der Leistungssport und die von den Sportlerinnen und Sportlern erreichten Leistungen spielen in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion - wie auch immer man das bewertet - eine bedeutende Rolle und sind daher vermehrt auch Gegenstand politischer Debatten und letztlich auch politischer Entscheidungen.

(Zustimmung bei der LINKEN)

Eine tatsächliche oder auch nur vermutete unzureichende Förderung sportlicher Nachwuchstalente führt im Zusammenhang mit ausbleibenden sportlichen Erfolgen deshalb fast naturgemäß zu der Forderung, die Rahmenbedingungen für die leistungssportliche Entwicklung so zu verändern, dass die vorhandenen Potenziale besser ausgeschöpft werden. Das ist auch in unserem Bundesland der Fall.

So findet auf der Grundlage einer bereits im Sommer 2013 zwischen dem Innenministerium, dem damaligen Kultusministerium und dem Landessportbund geschlossenen Vereinbarung seit diesem Schuljahr unter anderem eine flächendeckende Sichtung und Erfassung sportlicher Talente in den 3. Klassen der Grundschulen im sogenannten Emotikon-Test statt und ebenso eine anschließende intensive Ansprache durch die Vereine und Leistungssportzentren.

Wir nehmen also als Gesellschaft die sportlich talentierten Kinder und Jugendlichen sehr zeitig und sehr intensiv in Anspruch in der Erwartung, mit ihren künftigen Erfolgen auch eine größere Reputation und Wertschätzung der Leistungsfähigkeit des Landes erreichen zu können. Wir sehen in ihnen gern Leistungsträger, Vorbilder und Aushängeschilder.

Das muss man nicht gut finden; denn mit den Chancen, die sich für junge Menschen durch eine erfolgreiche leistungssportliche Karriere möglicherweise ergeben, können eben auch Risiken für die körperliche, die schulische und die seelische Entwicklung der jungen Persönlichkeiten verbunden sein.

Wir sehen deshalb eine Bringschuld der Gesellschaft gegenüber den jungen Nachwuchssportlerinnen und Nachwuchssportlern, um diese Risiken so weit wie möglich zu vermeiden.

(Zustimmung bei der LINKEN)

Dies muss natürlich an ganz unterschiedlichen Stellen geschehen, zuerst in den Gremien des Leistungssports selbst. Was an den Sportschulen dazu beigetragen werden kann, zeigt unser Antrag konkret und detailliert auf.

Es ist abschließend darauf hinzuweisen, dass einige der weitreichenden Sonderregelungen für die Sportschulen nur dann zu rechtfertigen sind, wenn diese Schulen tatsächlich auch von Kindern und Jugendlichen mit einer erfolgversprechenden sportlichen Karriere besucht werden. Dafür muss mit dem Eintritt in den 7. Schuljahrgang Sorge getragen werden.

Allerdings bedeutet in diesem Kontext die Anerkennung eines wechselseitigen Verhältnisses von Breitensport und Spitzensport auch, dem allgemeinen Schulsport deutlich größere Aufmerksamkeit zu schenken.

Sofern der derzeitige Status der Sportschulen als Schulen mit genehmigtem inhaltlichen Schwerpunkt in kommunaler Trägerschaft den beantragten Entwicklungen entgegenstehen sollte, wäre die Rücküberführung in die Trägerschaft des Landes - so wie wir es bei den Landesschulen in Wernigerode und Schulpforte oder bei der Latina in Halle sehen - zu prüfen.

Bereits im April 2015 haben Vertreter der Kultusministerkonferenz, des Deutschen Olympischen Sportbundes und der Eliteschulen des Sports auf dem sechsten Bundeskongress in Potsdam intensiv über die künftigen Anforderungen an die Eliteschulen des Sports in Kooperation von Bildungssystem und Spitzensport diskutiert und sich auf einen Prozess zur Weiterentwicklung der Eliteschulen des Sports verständigt.

Das in Potsdam vor nunmehr zwei Jahren diskutierte Anliegen wurde dann Ende August 2016 vom Landesportbund und vom Olympiastützpunkt Sachsen-Anhalt in einer Beratung mit den sportpolitischen Sprechern der Fraktionen unter Vorlage ganz konkreter Vorstellungen vorgetragen. Die Beratung stand im Kontext einer Auswertung der Ergebnisse der Sommerolympiade in Rio mit einer erneut recht ernüchternden Bilanz für Sportlerinnen und Sportler aus Sachsen-Anhalt.

Ich hoffe daher auf eine konstruktive und zügige Beratung des Antrages und beantrage dafür die Überweisung zur federführenden Beratung an den Ausschuss für Inneres und Sport und zur Mitberatung an den Ausschuss für Bildung und Kultur. - Vielen Dank.

(Beifall bei der LINKEN)