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Donnerstag, 22.08.2019

3 Termine gefunden

ICS Export
09:30 Uhr Datum: 22.08.2019

17. Parlamentarischer Untersuchungsausschuss

4. Sitzung
Magdeburg, Landtagsgebäude, Domplatz 6  9

u17004e7.pdf (PDF, 454 KByte)


14:00 Uhr Datum: 22.08.2019

Ältestenratssitzung

Magdeburg, Domplatz 6-9, Landtagsgebäude

19:00 Uhr Datum: 22.08.2019

Landkreisversammlung 2019 des Landkreistages Sachsen-Anhalt

Grußwort der Landtagspräsidentin anlässlich der Landkreisversammlung 2019
Luther-Hotel Wittenberg, Neustraße 7 - 10, 06886 Lutherstadt-Wittenberg

Plenarsitzung

Transkript

Tagesordnungspunkt 5

Beratung

Sachsen-Anhalt atmet auf - Nichtraucherschutz und Prävention verstärken

Antrag Fraktionen CDU, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drs. 7/1184

Änderungsantrag Fraktion DIE LINKE - Drs. 7/1209



(Unruhe)

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wenn man die Sitzung leiten muss, dann ist es wirklich sehr schwierig, wenn der Geräuschpegel so hoch ist. Ich denke, Sie sollten den Geräuschpegel senken. - Vielen Dank.

Die Einbringerin ist Frau Dr. Pähle für die SPD-Fraktion. Sie haben das Wort, Frau Dr. Pähle.


Dr. Katja Pähle (SPD):

Vielen Dank. - Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Rauchen schadet Ihrer Gesundheit. Diesen Slogan kennen wir alle nur viel zu gut. Trotzdem raucht in Deutschland etwa ein Viertel der gesamten Bevölkerung. Warum? - Weil es cool ist und dazugehört, weil es entspannend ist, zur Belohnung, aus Langeweile, zum Runterkommen bei Stress, um schlank zu bleiben. Es gibt viele Begründungen, auch wenn keine davon geeignet ist, mich persönlich davon zu überzeugen, mit dem Rauchen anzufangen; denn wir alle kennen auch die andere Seite der Medaille und davon ist die Gesellschaft insgesamt betroffen.

Die monetären Kosten für das Gesundheitssystem sind dabei nur eine Folge. 13,5 % der Todesfälle im Jahr 2013 werden auf das Rauchen zurückgeführt. Krebserkrankungen verursachen den größten Anteil der tabakbedingten Todesfälle, nämlich 52 % bei den Männern und rund 41 % bei den Frauen. Darauf folgen Herz-Kreislauf-Erkrankungen inklusive Diabetes Typ II sowie Atemwegserkrankungen.

Die indirekten Kosten des Rauchens liegen jährlich bei 53,7 Milliarden €, die direkten Kosten bei 25,4 Milliarden €. Dieses und noch vieles mehr kann man dem Tabakatlas 2015 entnehmen.

Das Rauchen wirkt, wie es wirkt, und das kommt nicht von ungefähr und liegt an den Bestandteilen des Tabakrauches. Im Tabakrauch finden sich etwa 200 giftige und etwa 70 krebserregende Stoffe. Darunter befinden sich Arsen wie im Rattengift, Teer wie im heißen, stinkenden Straßenbelag, Polonium 210, ein radioaktives Element, oder Formaldehyd wie in Desinfektionsmitteln. Letzteres entsteht wie viele andere Giftstoffe des Tabakrauches, erst, wenn ein eigentlich unbedenklicher Zusatzstoff, in diesem Fall Zucker, beim Rauchen freigesetzt wird, verbrennt und verdampft. Beim Einatmen des Rauches werden die Giftstoffe über die Lunge aufgenommen und im Körper verteilt. Jedes menschliche Organ kann dadurch beim Rauchen geschädigt werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Trotz dieser Schädlichkeit, die eigentlich allen bekannt sein sollte, sind die neuen Bundesländer, was das Rauchen angeht, ganz vorn dabei. Bei uns in Sachsen-Anhalt beträgt der Anteil rauchender Männer 34 %, der Anteil rauchender Frauen 22,6 %. Damit liegt unser Bundesland in beiden Personengruppen im Spitzenfeld.

Mit zunehmendem Alter steigt auch bei Kindern und Jugendlichen der Raucheranteil. Bis zum Alter von 13 Jahren - 13 Jahre ist eigentlich ein Alter, in dem man gar nicht rauchen sollte - rauchen weniger als 5 %, aber es ist schon eine erschreckende Zahl. Bei 17-Jährigen sind es dann bereits über 30 %, also fast jeder Dritte.

Diesbezüglich steht Sachsen-Anhalt an der unrühmlichen Spitze aller Bundesländer mit 36,4 % rauchender junger Männer und 30,3 % rauchender junger Frauen. Das ist besorgniserregend, meine Damen und Herren.

Dabei erfuhr das Rauchen im vergangenen Jahrhundert einen gesellschaftlichen Wandel. In früheren Jahrhunderten waren es vor allem männliche Mitglieder der Oberschicht, bei denen Zigarette, Zigarre und Pfeife als Statussymbol galten. Später ging die Emanzipation der Frau mit einer deutlichen Zunahme weiblicher Tabakkonsumentinnen einher.

Nun rauchen seit einigen Jahrzehnten deutlich mehr Menschen mit niedrigem sozialen Status als solche mit hohem sozialen Status. Dieser soziale Unterschied im Rauchverhalten ist bei den Männern in allen Altersgruppen ausgeprägt und bei den Frauen der Altersgruppe 30 bis 64 Jahre.

Meine Damen und Herren! Auch bei Jugendlichen machen sich soziale Unterschiede im Rauchverhalten bemerkbar. Jugendliche aus Familien mit einem niedrigen sozialen Status rauchen häufiger als Gleichaltrige aus Familien mit einem hohen Status. Zudem rauchen sie stärker und eher täglich als gelegentlich.

Eine 2013 veröffentlichte Studie der DAK-Gesundheit und des Instituts für Therapie und Gesundheitsforschung wies nach, je mehr Tabakwerbung Jugendliche schauen, desto mehr rauchen sie und werden letztlich abhängig. Warum nach der teilweisen Verbannung der Tabakwerbung aus den Kinos gerade an Bus- und Straßenbahnhaltestellen Rauch- und Zigarettenwerbung noch bis 2020 möglich ist, erschließt sich deshalb überhaupt nicht.

(Zustimmung bei der SPD)

In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig zu wissen, dass Jugendliche schneller abhängig werden als bisher angenommen. In einer anderen Studie zeigt ein Viertel der Jugendlichen im Alter von zwölf bis 13 Jahren bereits nach vier Wochen gelegentlichem Rauchen Entzugserscheinungen wie Nervosität, Unruhe und Gereiztheit. Abhängigkeit beginnt also oft schon, bevor man beginnt, täglich zu rauchen.

Ein wenig beruhigend ist, dass nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zwei Drittel der jugendlichen Raucher bereits im Alter von zwölf bis 17 Jahren wieder mit dem Tabakkonsum aufhören oder ihn reduzieren wollen. Genau an dieser Stelle müssen wir ansetzen. Wir brauchen verstärkt zielgruppengerechte Angebote und Anreize für unsere Jugend, mit dem Rauchen aufzuhören, und Unterstützung für diejenigen, die selbst nicht anfangen wollen. Der Schutz unserer Kinder und Jugendlichen ist der erste Grund, Sie um die Zustimmung zu unserem Antrag zu bitten.

(Zustimmung bei der SPD)

Der zweite Grund ergibt sich aus der besorgniserregenden und besonders folgenschweren Zunahme des Anteils rauchender Schwangerer, weil dies massive Folgen für das ungeborene Leben im Mutterleib hat. In den letzten 18 Jahren hat sich der Anteil in Sachsen-Anhalt von unter 6 % rauchender Schwangerer auf ganze 16,6 % erhöht. Auch an dieser Stelle liegt Sachsen-Anhalt über dem Bundesdurchschnitt.

Die Langzeitstudien zeigen, dass Babys rauchender Mütter häufig früher als Frühchen auf die Welt kommen. Sie haben oft ein zu niedriges Geburtsgewicht, angeborene Herzfehler, und es besteht für sie eine erhöhte Gefahr, durch den plötzlichen Kindstod zu sterben. Sie zeigen Wachstums- und Entwicklungsstörungen und neigen verstärkt zu Hyperaktivität und Lernschwierigkeiten in der Schule.

Als Erwachsene werden sie oft krankhaft übergewichtig oder leiden bereits frühzeitig an Diabetes. Wir reden also von Folgen, die ein Mensch, ein Kind sein Leben lang nicht wieder los wird.

Rauchen in der Schwangerschaft erhöht zusätzlich das Risiko für Blutungen, Fehlgeburten und einen vorzeitigen Blasensprung.

Das gilt alles übrigens nicht nur für aktives Rauchen, sondern passives Rauchen ist genauso schädlich.

Ich habe bei meinen Recherchen eine weitere interessante Studie gefunden. Die Psychologin Dr. Nadja Reissland von der Universität Durham in England hat sich auf vorgeburtliche Mimik und Gestik spezialisiert. Für eine Studie hat sie 20 Frauen in der Schwangerschaft begleitet und jeweils 4D-Ultraschalls der Föten gemacht.

Anschließend hat sie die Aufnahmen ausgewertet. Statt wie normal entspannt in der Fruchtblase hin- und herzuwiegen, verziehen diese Nikotinbabys permanent den Mund, fassen sich mit den Händen ins Gesicht und wirken gestresst und verkrampft. Ausgelöst wird dieses Verhalten durch die schädlichen Substanzen aus dem Tabakrauch. Über die Plazenta gelangen sie in den Kreislauf des Kindes, in seinem Gehirn löst die Droge dann die starken Bewegungen der Mimikmuskulatur aus, gegen die sich das Baby nicht wehren kann.

Wer möchte das wissentlich seinem ungeborenen Nachwuchs zumuten? - Ich glaube, wenn solche Dinge bekannt wären, würden viele Frauen darüber sehr intensiv nachdenken.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Unser Antrag richtet sich daher vor allem darauf, die Sensibilisierung gerade für die Problematik des Rauchens bei Mädchen und jungen Frauen zu erreichen. An dieser Stelle müssen insbesondere die Akteure der Gesundheitsvorsorge, wie Frauenärzte und Schwangerschaftsberatungsstellen, einbezogen werden. Mit entsprechenden Anreizen, Informationen und Unterstützung muss darauf hingearbeitet werden, bereits mit dem Babywunsch, spätestens aber mit der Feststellung der Schwangerschaft mit dem Rauchen aufzuhören. Zudem müssen wir das Lebensumfeld der werdenden Mamas in den Blick nehmen; denn all das nützt nichts, wenn in der Familie fröhlich weiter geraucht wird.

Eine wichtige Frage dabei ist, wie wir an unsere Zielgruppe, insbesondere Kinder und Jugendliche und Mädchen und Frauen, herankommen. Sicherlich nicht über abstoßende Bildchen auf den Zigarettenschachteln, die gerade bei männlichen Jugendlichen eher die Sammelleidenschaft wecken und zu Witzen animieren, als dass sie tatsächlich abschrecken.

Für uns muss Prävention in der Schule beginnen. Angebote für Raucherinnen und Raucher müssen dort gemacht werden, wo man sie abholen kann, wo sie selbst um Beratung und Hilfe bitten, beispielsweise in Jugendzentren, beim Allgemeinarzt, beim Gynäkologen und eben auch in der Schule.

Es muss zusätzliche Angebote geben auf dem Weg zum Aufhören, beim Aufhören selbst und auch hinterher, auch für die Leute, die es im ersten Schritt nicht schaffen.

Mit unserem Antrag wird die Landesstelle für Suchtfragen gebeten, ein Konzept für Anreiz-, Interventions- und Begleitsysteme für Nichtraucherschutz und Prävention zu entwickeln. Im Rahmen der Umsetzung des Präventionsgesetzes und aufbauend auf bestehende Programme soll reflektiert werden, wie Kinder und Jugendliche, insbesondere Mädchen und junge Frauen, besser in die Prävention und Hilfe einbezogen werden können.

Dass in diesem Zusammenhang bei den zuständigen Akteuren unter anderem die Tafeln genannt werden, ist kein Zufall. Es geht schließlich auch darum, diejenigen Frauen in den Blick zu nehmen, die man an anderen Stellen vielleicht seltener antrifft; denn in spezifischen Lebenslagen - das habe ich schon gesagt - fallen solche jungen Frauen erst recht durch stärkeres Rauchen auf. Auch an dieser Stelle müssen wir ansetzen.

Die Bitte um Konzeptentwicklung, die wir im Antrag formulieren, ist daher nicht unbedingt mit größerem personellen Aufwand oder umfangreicheren finanziellen Ressourcen verbunden; vielmehr geht es um eine Konzentration auf eine neue, jetzt besonders wichtige Zielgruppe.

Wenn es aber auf der Grundlage dieser stärkeren Fokussierung auf die beschriebenen Gruppen zukünftig zu innovativen und potenziell wirksamen Projektideen kommt, wird die finanzielle Unterstützung zu prüfen sein, wobei der Beschluss des Haushaltes für die Jahre 2017 und 2018 gerade hinter uns liegt. Das heißt, jetzt könnten wir erst einmal mit den Mitteln arbeiten, die wir haben, und mit Blick auf den nächsten Haushalt müssten wir schauen, was möglicherweise notwendig ist. Wir werden vor diesem Hintergrund den Antrag der Fraktion DIE LINKE ablehnen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Unser gemeinsames Ziel muss es sein, dass Sachsen-Anhalt diese speziellen Spitzengruppen des Rankings bei Raucherinnen und Rauchern verlässt und dass sich eine positive Entwicklung abzeichnet.

Daher bitte ich Sie abschließend noch einmal um Zustimmung zu unserem Antrag. Lassen Sie uns einfach beginnen! - Vielen Dank.

(Zustimmung bei der SPD, von Angela Gorr, CDU, und von Ulrich Thomas, CDU)