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Sonntag, 15.09.2019

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10:00 Uhr Datum: 15.09.2019

Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch spricht Fürbitte im Rahmen des Ökumenischen Landeserntedankgottesdienstes anlässlich des 25. Landeserntedankfestes am 14. und 15. September 2019

 39114 Magdeburg, Tessenowstraße 7, Elbauenpark Magdeburg

11:00 Uhr Datum: 15.09.2019

Teilnahme von Landtagspräsidentin Brakebusch am Rundgang zur Präsentation der Highlights des Landeserntedankfestes auf Einladung der AMG Sachsen-Anhalt

39114 Magdeburg, Tessenowstraße 7, Elbauenpark Magdeburg

16:00 Uhr Datum: 15.09.2019

Landtagspräsidentin Brakebusch hält Grußwort als Schirmherrin zur Eröffnung des 24. Jugendmusikfestes Sachsen-Anhalt 2019

06108 Halle (Saale), Große Ulrichstraße 51, Neues Theater Halle

Plenarsitzung

Transkript

Cornelia Lüddemann (GRÜNE):

Vielen Dank. - Ich möchte gern versuchen, von der Kleinteiligkeit von Schwanenteichen weder zu dem zurückzukommen, was Reformation im Grunde heißt. Reformation heißt nämlich: die Welt hinterfragen. Das war aus meiner Sicht damals sehr aktuell, es ist aber auch heute, 500 Jahre später, noch tagesaktuell.

Es war damals, vor 500 Jahren, und ist auch heute verunsichernd; denn wenn man die Welt hinterfragt, entwickelt man einen neuen Blickwinkel, eine neue Sichtweise, aus der sich möglicherweise oder im besten Fall Konsequenzen ergeben. Die Welt zu hinterfragen heißt, die Welt neu zu interpretieren, neu zu erleben. Das kann zu Verunsicherung führen.

Menschen sind immer verunsichert, wenn sich die gewohnt geglaubte Welt verändert, wenn ein für unveränderlich gehaltener Rahmen ins Wanken gerät, in Bewegung gerät oder grundsätzlich wegbricht. Das kann bis dahin gehen, dass sich gesamtgesellschaftliche Schichten auflösen, das sich Besitzverhältnisse ändern oder dass Kasten zusammenbrechen.

Vor 500 Jahren war die Grundidee von Luther eine revolutionäre Idee: dass niemand zwischen Gott und dem Menschen stehen soll. Die Übersetzung der Bibel - wer auch immer sie gemacht hat; auch ich kann nicht beschwören, wer es tatsächlich war -, damit der Mensch die Möglichkeit hat, sich selbst ein Bild von Gott zu machen, ist eine revolutionäre Idee gewesen.

Daraus leitet Luther ab, dass jeder seinen eigenen Erkenntnisweg gehen soll. Er macht den Menschen klar, dass sie selbst die Möglichkeit haben, Erkenntnisse zu erlangen und daraus Konsequenzen zu ziehen, und dass jeder für sein eigenes Handeln verantwortlich ist.

Das ist aus meiner Sicht auch heute noch die Basis der aufgeklärten Welt, ein Grundverständnis unserer Demokratie, die auch den modernen Sozialstaat begründet hat. Viele werden es vielleicht nicht wissen - der Kollege Scheurell weiß es bestimmt -, dass Wittenberg schon im Jahr 1522 den sogenannten geheimen Kasten hatte, einen Sozialetat, der die Armenpflege in Deutschland begründet hat.

Grundsätzlich hat Luther im Jahr 1520 in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, die durchaus auch heute noch lesbar ist, die Verantwortung des Einzelnen für die Gesellschaft beschrieben. Luther tritt darin sehr deutlich für den sich selbst ein Urteil bildenden, für den mündigen Menschen ein, der nicht in der Herde mitlaufen und Parolen nachreden, sondern sich selbst Gedanken machen soll und daraus eigene, neue Handlungen entwickeln soll.

Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, finde ich bemerkenswert, auch heute noch, 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation.

Dass Luther selbstverständlich auch problematische Seiten hatte, will ich nicht ausblenden, aber heute wegen der begrenzten Redezeit nicht vertiefen.

Die Freiheit des eigenen Denkens und des eigenen Wortes ist für mich, auch für meine eigene Biografie sehr konstituierend gewesen; denn das war ein Teil dessen, was die Opposition in der DDR getragen hat. Das möchte ich als ein ganz winziger Teil der Opposition, aber auch als Christin noch einmal deutlich hervorheben.

Luther hat die eigene Freiheit immer in Beziehung zur Freiheit des anderen gesetzt. Das kann man aus den Schriften von Luther, finde ich, sehr deutlich herauslesen; denn er sagte: Die Grenze der eigenen Freiheit ist da, wo die Freiheit des anderen anfängt. Darüber zu sprechen und das als konstitutionellen Rahmen für diese Grenzsetzung in Beziehung zum eigenen Gewissen zu setzen, das finde ich spannend und auch heute, im 21. Jahrhundert, noch bedeutend.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LINKEN)

Wir können stolz darauf sein, dass ein solches Denken aus Sachsen-Anhalt als Beginn in die Welt getragen wurde.

Die Welt zu hinterfragen ist somit nach meiner Lesart eine unlösbare, da sich ständig wandelnde Aufgabe. Deswegen bin ich froh, dass im Jahr 2017 - die Lutherdekade wurde bereits angesprochen, aber es geht insbesondere um das nächste Jahr - in Wittenberg ganz konkrete Angebote gemacht werden, damit katholische und evangelische Christen im Rahmen der Ökumene, aber auch sehr viele andere Menschen gemeinsam über diese Fragen nachdenken.

Ich finde es auch sehr klug, dass in 16 Themenwochen Besucherströme über das Jahr von Mai bis September geleitet werden, um jeweils an einem bestimmten Thema zu arbeiten. Es finden große und kleine Veranstaltungen statt. Es kann sich jeder, der selbst eine Idee hat, einbringen und in das gemeinsame Vermarktungskonzept eintreten.

Die Weltausstellung wurde bereits angesprochen. Ich finde es großartig, alte und neue Reformationsgeschichten im tatsächlichen Sinne des Wortes reformieren, nämlich neu gestalten, über 68 Stationen in 19 Ländern zu sammeln und nach Wittenberg zu tragen.

Auch die Idee der Kirchentage, um die Regionen einzubinden und den Menschen, egal wie sie sich selbst glaubend aufgestellt haben, diese Idee nahezubringen und sie einzubeziehen, finde ich großartig.

In Dessau wird zum Beispiel das regionale Know-how des Umweltbundesamtes genutzt; denn im 21. Jahrhundert ist das Nachdenken über Grenzen, das Nachdenken über Freiheit unzweifelhaft und unstreitig mit dem Begriff der Nachhaltigkeit verbunden. Dort wird unter dem Titel „Forschen. Lieben. Wollen. Tun.“ über genau diese Fragen im Zusammenhang mit Luther und Reformation nachgedacht.

Zu den nationalen Sonderausstellungen, die bereits vom Herrn Minister kurz angesprochen wurden. Im Deutschen Historischen Museum in Berlin, auf der Wartburg und in Wittenberg werden drei Ausstellungen, die sich zusammenfügen, präsentiert. In Wittenberg wird unter dem Titel „Luther - 95 Schätze, 95 Menschen“ unter anderem auch Edward Snowden zu Wort kommen. Mit dem Sinnbild einer kaputten Festplatte kann dort noch einmal ganz neu über die heutigen Grenzen von persönlicher Freiheit nachgedacht werden.

Ich bin dankbar dafür, dass sich eine Vielzahl von Akteuren zusammengefunden hat: die evangelische Kirche, Kommunen, der Verein Reformationsjubiläum usw. - es sind sehr viele, die sich hierzu versammeln.

Ich möchte, weil es immer wieder angesprochen wird, an dieser Stelle auch klar sagen, dass wir als Grüne es sehr richtig finden, dass in diesem Reigen auch eine große Summe in Baumaßnahmen investiert wurde. Denn neben spirituellen Fragen - das ist ganz klar; wir müssen auch diesen Anstoß nutzen, solche Fragen im Land weiter zu bearbeiten - ist es natürlich auch eine unbestreitbare Chance dazu - wir wären mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir sie nicht nutzen würden -, den Tourismus voranzutreiben.

Die Menschen wollen sehen, wo die Thesen hingen oder wo sie vielleicht gehangen haben sollen - das ist den Menschen im Zweifel egal. Sie wollen es sehen. Sie wollen auf den Straßen Melanchthons laufen, aber nebenbei auch ein Eis essen können. Sie wollen die Malschule Cranachs besichtigen, aber auch ihr Fahrrad vernünftig abstellen oder gut auf einem präsentablen Bahnhof ankommen. Natürlich wollen sie auch die Schlosskirche sehen und sich dort einfühlen können.

All das sind Dinge, die - davon gehe ich aus -, wenn sie gut gemacht sind, auch in den nächsten hundert Jahren Menschen nach Wittenberg locken werden. Das ist nachhaltig und aus unserer Sicht richtig.

Aber wir müssen jetzt genau darauf achten - deshalb ist dieser Zeitpunkt aus meiner Sicht richtig -, dass wir das, was im nächsten Jahr an Besucherströmen kommt, auch weiterhin für Sachsen-Anhalt interessieren. Wir müssen es zum Beispiel aus meiner Sicht noch besser schaffen, auf das nächste Highlight hinzuweisen: das Bauhaus-Jubiläum 2019. Das ist ebenfalls eine gute Gelegenheit, die Welt in unser Land zu holen.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LINKEN)

Auch das hat etwas mit offenem, neuem, eigenem Denken zu tun. Dabei lässt sich durchaus eine Klammer finden und dazu kann man mit der evangelischen Kirche sicherlich noch offensiver ins Gespräch kommen.

Wir müssen - da Sie auch gefragt haben, wie wir das sehen, wie wir die Potenziale noch besser nutzen wollen - insgesamt die Potenziale der Region noch besser verknüpfen. Wittenberg und Luther, Ferropolis und Industriekultur, Wörlitz und Gartenreich, Dessau und Bauhaus - dies alles hat etwas mit dem sich selbst informierenden, sich selbst bildenden und sich selbst aufklärenden Menschen zu tun. Dieses aus meiner Sicht klammerbildende Leitmotiv müssen wir noch stärker herausstellen. Hierbei gibt es für unser Land durchaus noch Herausforderungen, die wir meistern müssen.

Ich wünsche mir, dass wir insgesamt etwas von diesem Geist der Reformation neu entdecken und daraus geistigen und praktischen Nutzen ziehen, Herr Gallert. - Vielen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LINKEN)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Frau Lüddemann. Es gibt eine Nachfrage von Herrn Gallert. Möchten Sie diese beantworten?


Cornelia Lüddemann (GRÜNE):

Wenn ich kann.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Bitte, Herr Gallert.


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Es ist mehr eine Klarstellung, weil jetzt die Frage nach der Bibelübersetzung aufkam. Um es noch einmal klar zu sagen: Es gab vor Luther insgesamt 70 Bibelübersetzungen aus dem Lateinischen ins Deutsche. Die erste deutsche gedruckte Bibel stammt aus dem Jahr 1466. Der Verfasser hieß nicht Müntzer - das war mein Fehler -, sondern Mentelin. - So weit zur Klarstellung.

(Zustimmung bei der LINKEN - Marco Tullner, CDU: Oh! Es lebe Google! - Siegfried Borgwardt, CDU: Müntzer hätte natürlich in das ideologische Weltbild gepasst!)