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Donnerstag, 24.10.2019

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20:00 Uhr Datum: 24.10.2019

Landtagspräsidentin Brakebusch hält Grußwort zum Parlamentarischen Abend der Stiftung Umwelt, Natur- und Klimaschutz des Landes Sachsen-Anhalt

39104 Magdeburg, Fürstenwall 3b, Restaurant Hoflieferant

Plenarsitzung

Transkript

Wolfgang Aldag (GRÜNE):

Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Für einen gelernten Gärtner ist es eine Freude, zehn Minuten über Kleingärten reden zu können. Der Leerstand in den Kleingärten ist allerdings kein Anlass zur Freude.

Meine Damen und Herren! Wenn wir hier im Landtag zum Thema Kleingärten debattieren, darf ein Blick in die Entstehungsgeschichte der Kleingärten oder der Schrebergärten nicht fehlen; denn die Geschichte der Kleingärten hat hier im mitteldeutschen Raum ihren Anfang genommen, ist quasi ein Exportschlager, der mittlerweile in der ganzen Welt seine Verbreitung findet.

Die Entwicklung des Kleingartenwesens ist auf den für die späteren Anlagen namensgebenden Leipziger Arzt Moritz Schreber zurückzuführen. Schreber war jedoch nicht der Erfinder der Schrebergartenbewegung, wie landläufig noch immer angenommen wird, sondern nur der Namensgeber. Es war sein Mitstreiter, der Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild, auf dessen Initiative der erste Schreberverein zurückgeht, ein Schulverein, der in Zusammenarbeit - da haben wir die Parallelen zum Bildungsminister - mit den Eltern seiner Schüler entstanden ist. Man wollte ihn weder Schul- noch Erziehungsverein taufen, und so benannte man ihn zu Ehren des verstorbenen Schreber.

Im Jahr 1865 feierte man die Einweihung des ersten Schreberplatzes am Johannapark in Leipzig, einer Spielwiese, auf der Kinder von Fabrikarbeitern unter Betreuung eines Pädagogen spielen und turnen konnten. Bis hierhin hatte der Schreberplatz nichts mit Gärten zu tun.

Erst ein Lehrer namens Heinrich Karl Gesell war es, der an diesem Platz Gärten anlegte. Zunächst als weitere Beschäftigungsmöglichkeit für die Kinder gedacht, entwickelten sich die Gärten rasch zu Refugien der Eltern bzw. der ganzen Familie. Aus den Kinderbeeten am Rand des Schreberplatzes wurden Familienbeete, die man später parzellierte und umzäunte. Ab jetzt nannte man sie Schrebergärten. Bald gingen diese Gärtchen in die Obhut der Eltern über, und 1869, als die Initiative bereits rund 100 Parzellen umfasste, gab sie sich eine Vereinssatzung. Geräteschuppen, Lauben und Zäune wurden errichtet, und 1891 waren bereits 14 weitere Schrebervereine in Leipzig gegründet worden.

Die historische Kleingartenanlage „Dr. Schreber“ steht heute unter Denkmalschutz und beherbergt seit 1996 das Deutsche Kleingärtnermuseum. - Meine Damen und Herren, so viel zur Geschichte, aus der sich eine weltweite Bewegung entwickelt hat.

Kleingartenanlagen sind heute nicht mehr aus unseren Städten wegzudenken, erfüllen sie doch vielfältige Aufgaben, die gerade auch für die Stadtentwicklung wichtig sind. Heute, im Zeichen der Anpassung an die klimatischen Veränderungen, sind diese großräumigen Flächen die ökologischen Oasen der Städte. Die Kleingartenanlagen erfüllen eine wichtige stadtklimatische Ausgleichsfunktion. In den Freiräumen wirken Luftaustauschbahnen und Kaltluftabflüsse. Kleingärten steigern so die Lebensqualität angrenzender belasteter Siedlungsbereiche. Grünflächen ab etwa 5 ha können spürbare Temperaturabsenkungen bewirken. Von daher sind diese Flächen gerade bei solchen Wetterlagen, wie wir sie in den letzten Wochen erlebt haben, von enormer Wichtigkeit, wobei man erwähnen muss, dass nicht der Erhalt als Gartenanlage, sondern der Erhalt als Freifläche maßgeblich ist.

Ich erwähne das deshalb, weil im Zuge des zunehmenden Leerstandes von Gartenparzellen immer schnell die Idee aufgegriffen wird, Flächen in Kleingartenanlagen zusammenzufassen und auf der Grundlage einer Änderung des Flächennutzungsplans diese dann als Baugebiete auszuweisen.

Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich ganz deutlich sagen: Ökologische Oasen dürfen nicht zu Bauland verkommen. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Flächen in den Städten freigehalten und deren wichtigen klimatischen Ausgleichsfunktionen erhalten bleiben.

(Beifall bei den GRÜNEN und von der Regierungsbank)

Ein weiterer wichtiger Grund, Kleingartenanlagen in ihrem Bestand zu erhalten, ist der Natur- und Umweltschutz. Für fast alle Kleingärtner ist es selbstverständlich, Grundregeln des naturnahen Gärtnerns selbst zu praktizieren. Besonders ausgeprägt ist das Bewusstsein von naturnahem Gärtnern bei jüngeren Kleingärtnern, die ihren Garten seit höchstens zehn Jahren bewirtschaften. Mehr als jeder zweite dieser Neukleingärtner betreibt biologischen Anbau von Obst und Gemüse. Fast zwei Drittel verzichten auf Kunstdünger. Mehr als vier Fünftel lehnen chemische Schädlingsbekämpfung ab.

Gefördert wird diese Entwicklung durch die Fachberatung der Vereine, die in den vergangenen zehn Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. Über 80 % der Vereine nutzen diesen Weg, um das Natur- und Umweltbewusstsein ihrer Mitglieder zu fördern. Ökologische Musterkleingärten, die es in jeder zehnten Anlage gibt und in denen Möglichkeiten des naturnahen Gärtnerns verdeutlicht werden, unterstützen diesen Prozess zusätzlich.

An dieser Stelle einen herzlichen Dank an unsere fleißigen Umwelt- und Erbenschützer und -schützerinnen, die Kleingärtnerinnen und Kleingärtner hier in unserem Land.

(Beifall bei den GRÜNEN, bei der LINKEN und von der Regierungsbank)

Noch einen Aspekt will ich beleuchten, der klarmacht, weshalb Kleingärten so wichtig sind. Es ist der soziale Aspekt. Für die Allgemeinheit bieten die Kleingärten eine bessere Lebensqualität in den Städten durch Lärmverringerung, Staubbindung, Durchgrünung, Auflockerung der Bebauung, Biotop- und Artenschutz, Lebensraumvernetzung und klimatische Auswirkungen. Familien bieten die Kleingärten eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, eine gärtnerische Betätigung und das preiswerte Züchten von Gemüse, das persönliche Erlebnis von Säen, Wachsen, Gedeihen und Ernten von gesundem Gemüse - ein Gegengewicht zum Leben in Betonburgen und auf Asphaltflächen.

Kindern und Jugendlichen bieten die Kleingärten einen Ausgleich für die oft fehlenden Spielplätze, ein Spiel- und Kommunikationsfeld, einen Erlebnisraum in der Natur und die Wahrnehmung ihrer natürlichen Zusammenhänge. Berufstätigen bieten die Kleingärten eine Entspannung von Arbeitsstress durch gesunde Betätigung - eine ideale Alternative zum Arbeitsalltag. Arbeitslosen bieten die Kleingärten eine sinnstiftende Tätigkeit, sind inklusiv im besten Sinne und sorgen für einen Zugang zu frischem Gemüse zu einem Minimalpreis.

Immigranten bieten die Kleingärten eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und sich besser in das Aufnahmeland zu integrieren. Gar nicht so weit von hier, in Magdeburg-Neustadt, gibt es einen speziell dafür gegründeten interkulturellen Garten. In Deutschland haben 7,5 % der Kleingärtner - das sind 75 000 Kleingärtnerfamilien - einen Migrationshintergrund.

Menschen mit Beeinträchtigungen bieten die Kleingärten einen Ort, an dem sie am Vereinsleben teilnehmen, Kontakte knüpfen können und so der Isolierung entgehen. Sie können das Säen und Pflanzen, das Wachsen, Gedeihen und Ernten erleben. Senioren schließlich bieten die Kleingärten einen Ort des Gesprächs und der Ruhe durch die Zusammenführung von Menschen mit gleichen Interessen, über Jahre gewachsene Kontakte individueller Selbstverwirklichung, Beschäftigung im dritten Lebensabschnitt im eigenen Garten. Mittlerweile teilen sich Seniorinnen und Senioren einen Garten, um möglichst lange am Vereinsleben teilzunehmen.

Meine Damen und Herren! Alles, was ich aufgezählt habe, war notwendig, um die Bedeutung von Kleingärten darzustellen, um Schlussfolgerungen zu ziehen und Lösungsansätze aufzuzeigen. Wir müssen als Land dazu beitragen, Lösungen zu suchen, wie wir den Leerstand verringern können. Die Hauptverantwortung liegt jedoch bei den Kommunen. Diese haben zu Recht viele Freiheiten. Damit geht aber auch eine Verantwortung wie in diesem Falle einher. Die Lösung kann aus meiner Sicht keine millionenschwere Subventionierung von Rückbaumaßnahmen sein. Wir müssen in erster Linie alles daran setzen, die Flächen so in ihrer Nutzung zu erhalten, wie sie sind.

Speziell in den Städten gilt es, die Nachfrage bei weiteren Sparten zu steigern, und in den Regionen mit sehr viel Leerstand muss der Umbau und nicht der Rückbau organisiert werden. Einen Garten zu haben liegt im Trend. Aber die Menschen, die diese Gärten nutzen, ticken mittlerweile etwas anders. Das Image der Kleingärten muss etwas aufpoliert werden. Wenn wir auf Landesebene etwas anstoßen wollen, dann ist es, uns dafür einzusetzen, dass das Bundeskleingartengesetz den heutigen Ansprüchen an die Gartennutzung Rechnung trägt und etwas freizügiger und flexibler mit den Regelungen umgeht.

Wir können weiter etwas tun, nämlich prüfen, ob die Eingriffs- und Ausgleichsregelung auch für Kleingartenanlagen anwendbar ist. Mit Ausgleichsmaßnahmen kann der Umbau zum Beispiel zu Streuobstwiesen und Blühflächen und deren Pflege über Jahre finanziert werden.

In Halle starten wir gerade Kooperationen zwischen Kleingartenvereinen und Schulen, um den Schulgartenunterricht wieder zum Leben zu erwecken. Das lässt sich auch auf andere Kommunen übertragen und würde einen konstruktiven Beitrag leisten.

Letztendlich ist es für alle Maßnahmen wichtig, sich im Rahmen von Kleingartenkonzeptionen Gedanken über die zukünftige Entwicklung von Kleingartenanlagen zu machen.

Meine Damen und Herren, bei allen Möglichkeiten - ich habe einige davon aufgezählt - muss immer klar der Erhalt der Freiflächen im Vordergrund stehen; denn diese sind wichtig - wichtig für das Klima, wichtig für Natur und Umwelt, aber vor allem wichtig für uns Menschen. - Vielen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN, bei der LINKEN und von der Regierungsbank)