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Dienstag, 22.10.2019

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11:30 Uhr Datum: 22.10.2019

Landtagspräsidentin Brakebusch hält Rede zum Trauerakt für den verstorbenen Landtagspräsidenten a. D. Herrn Prof. Dr. Adolf Spotka

Magdeburg, Domplatz 6-9, Landtagsgebäude, Plenarsaal

Plenarsitzung

Transkript

André Poggenburg (AfD):

Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Abgeordnete! Im Namen der AfD-Fraktion begrüße ich erst einmal die angestoßene Diskussion zum Thema Berufsschulnetzplanung, genauer zur neuen Berufsschulnetzstruktur.

Mit dem Antrag in der Drs. 7/1744 der Koalitionsfraktionen vom August des vorigen Jahres, dem auch die AfD-Fraktion zustimmte - das möchte ich hier betonen -, wurde ein klarer Auftrag an die Landesregierung zur Stärkung der Berufsschulen und des dualen Ausbildungssystems insgesamt gegeben.

Dort heißt es wöchentlich - ich bitte, dies im Hinterkopf zu behalten -: „Das Image der beruflichen Bildung in Sachsen-Anhalt muss daher dringend verbessert werden.“

Die vom Ministerium für Bildung auf den Weg gebrachte neue Berufsschulnetzstruktur soll dabei sicherlich als ein Versuch der Umsetzung genau dieses Auftrages gewertet werden und hat so gesehen grundsätzlich erst einmal seine Berechtigung. Der hier gewählte Ansatz darf allerdings bezweifelt werden. Er steht heute und hier auch richtigerweise zur kritischen Debatte.

Der laut neuer Struktur vorgesehene Wegfall von sogenannten Mischklassen einhergehend mit der Bildung überregionaler Fachklassen stellt schon einen beachtlichen Bruch mit dem bisher üblichen und, wie ich meine, grundsätzlich auch über sehr lange Zeit bewährten System dar.

In solchen Fällen muss tatsächlich einmal genauer nachgefragt werden, welche positiven Veränderungen denn zu erwarten sind, die ein solch drastisches Umkrempeln rechtfertigen, und vor allem, welche Nachteile und negativen Langzeitfolgen sich dabei auftun könnten.

Schauen wir doch einmal auf die sogenannten Mischklassen. Dabei darf ich sogar aus eigener Erfahrung berichten. So wurden meine Lehrlinge, die den Beruf des Behälter- und Apparatebauers lernten, im ersten Schuljahr, dem sogenannten Grundjahr, mit Lehrlingen anderer, aber natürlich ähnlicher Ausbildungsberufe zusammen beschult, beispielsweise mit Metallbauern.

Dies wurde von den Lehrlingen als sehr interessant und motivierend wahrgenommen. Man begann, sich berufsübergreifend auszutauschen, und erkundete, was denn die Gemeinsamkeiten der ähnlichen Berufe sind und wo die fachspezifischen Unterschiede begannen - sehr eindrucksvoll für einen jungen Menschen am Beginn seines beruflichen Werdegangs.

Alles in allem war das ein als recht positiv empfundenes System. Als besonders angenehm wurde es tatsächlich empfunden, dass der Einstieg in die Berufsausbildung an einer Berufsschule nahe am Standort des Ausbildungsbetriebes und des eigenen Wohnorts erfolgen konnte. Erst ab dem zweiten Lehrjahr musste dann eine fachspezifische Berufsschule weit weg, in dem Falle sogar mit Internatsunterbringung, aufgesucht werden.

In mindestens einem Fall weiß ich, dass der Lehrling die Ausbildung nicht begonnen hätte, wenn er von Beginn an so hätte starten müssen. Das gemeinsame erste Berufsschuljahr in der Mischklasse der nahegelegenen Berufsschule hatte ihn zum Einstieg und letztlich auch zur Fortsetzung der Lehre mit einem erfolgreichen Berufsabschluss bewogen.

Verehrte Abgeordnete! Natürlich ist das nun etwas einseitig aus meinen persönlichen Erfahrungen abgeleitet. Aber es ist eben auch Tatsache und betrifft in gleicher oder ähnlicher Weise sicherlich viele weitere Lehrlinge und Auszubildende.

Selbstverständlich spreche ich hierbei nicht von einer völlig enthemmten, also missbräuchlichen Anwendung von Mischklassen, bei der es wohl sogar vorgekommen ist, dass Lehrlinge und Auszubildende wüst zusammengesteckt wurden und fast in einem Rotationsverfahren während ihrer ganzen Ausbildung die Schulen und die Klassen gewechselt haben. Das ist natürlich ganz klar abzulehnen.

Grundsätzlich aber haben sich das Mischklassenmodell und das gemeinsame Grundjahr bewährt. Aus diesem Grund kann ich die Warnung der IHK Halle-Dessau, dass der Wegfall der Mischklassen Schulwege von Beginn an verlängere und Ausbildungen gegebenenfalls unattraktiv mache, nur ganz dick unterstreichen. Besonders gefährdet sind vor allem Grenzregionen wie der Burgenlandkreis oder der Landkreis Mansfeld-Südharz.

Auch die Handwerkskammer befürchtet Ähnliches. So ist es nachzulesen im Beitrag der „MZ“ vom 1. Juni 2018.

Auch in benachbarten Bundesländern ist die Auflösung von Mischklassen übrigens ein kontroverses Thema. Zu befürchten sind nämlich langfristig sogar Berufsschulschließungen.

So wehrte sich eine Interessengemeinschaft in Falkenstein in Sachsen gegen die befürchtete Schließung der örtlichen Berufsschule, nachdem bereits die Berufsschulklasse für Restaurant- und Hotelfachkräfte mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres nach Schneeberg verlegt wurde und eine schrittweise Schließung der Ausbildungsstätte zu befürchten war. So ist es dem MDR-Bericht vom September 2017 zu entnehmen.

Alles in allem geht es also um eine neue Regelung, die viele Befürchtungen weckt, aber nur wenig Grund zur Annahme einer Verbesserung verbreitet. Daraus ergibt sich dann auch die Frage, ob eine Verbesserung real gar nicht vorliegt oder ob man diese nur zu wenig erkannt hat. Letzteres würde dann wiederum bedeuten, dass seitens der Politik, speziell der Landesregierung, noch viel mehr Aufklärungsarbeit zu leisten wäre, um unsere Bürger, die zuständigen Kammern und vor allem auch die ausbildenden Betriebe vielleicht doch noch zu überzeugen und mit ins Boots zu holen.

Bis jetzt präsentiert sich die neue Berufsschulnetzstruktur, die ja bereits in diesem Jahr umgesetzt werden soll, als stark übereilte, zu wenig vermittelte Neuerung, die erstmal - ich betone: erstmal - nur dazu geeignet ist, viel Porzellan zu zerschlagen, viel Misstrauen zu sähen und somit das Image der nicht akademischen beruflichen Bildung in Sachsen-Anhalt zu verschlechtern.

Damit, sehr geehrte Abgeordnete, verehrter Minister Tullner, widerspricht diese Initiative des Bildungsministeriums in der so gewählten Art und Weise eklatant dem anfangs erwähnten Landtagsbeschluss zur Verbesserung des dualen Ausbildungssystems und wird daher in der zurzeit vorliegenden Fassung von der AfD-Fraktion nicht nur kritisch gesehen, sondern ganz klar abgelehnt.

Ich freue mich, dass der Punkt „Azubi-Ticket“ hier und heute auch angesprochen wurde. Ich muss sagen, diese Initiative, das Azubi-Ticket ist längst überfällig. Das wäre im Verhältnis zu der genannten Initiative mal ein richtig großer Wurf, zumindest in den Maßstäben einer Kenia-Koalition. - Vielen Dank.

(Beifall bei der AfD)