Cookies helfen uns bei der Weiterentwicklung und Bereitstellung der Webseite. Durch die Bestätigung erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden.

Donnerstag, 21.11.2019

3 Termine gefunden

ICS Export
13:00 Uhr Datum: 21.11.2019

Ausschuss für Arbeit, Soziales und Integration

43. Sitzung zu Beginn der Mittagspause der Landtagssitzung
Landtag von Sachsen-Anhalt, Landtagsgebäude, Domplatz 6-9, 39104 Magdeburg

soz043e7.pdf (PDF, 472 KByte)


19:30 Uhr Datum: 21.11.2019

Parlamentarischer Abend der Deutschen Automatenwirtschaft e.V.

Grußwort durch Herrn Vizepräsident Wulf Gallert in Vertretung der Landtagspräsidentin
Theater in der Grünen Zitadelle, Breiter Weg 8a, 39104 Magdeburg

Plenarsitzung

„Inklusion ist ein langfristiger Prozess“

Im April 2014 hatte die Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN einen Antrag in den Landtag eingebracht, der darauf abzielt, die Inklusion in den Schulen des Landes wissenschaftlich zu begleiten. Für die Umsetzung der schulischen Inklusion und insbesondere des gemeinsamen Unterrichts mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf sollen weitere geeignete Partner gefunden werden. Der Antrag war in den Ausschuss für Bildung und Kultur überwiesen worden, der sich darauf verständigt hatte, zum Thema eine öffentliche Anhörung durchzuführen. Diese fand am Mittwoch, 24. September, statt. Experten rund um das Thema Inklusion kamen mit ihren Stellungnahmen zu Wort.

Fakten und Zahlen zum Thema Inklusion. Foto: Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

Erkenntnisse der Anhörungsgäste

Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz vom Institut für Erziehungswissenschaft der TU Berlin machte zunächst auf die Wichtigkeit aufmerksam, zu klären, welche Schülerinnen und Schüler von Inklusion „betroffen“ seien. Die Definitionen um den sonderpädagogischen Förderbedarf würden auf UN-, EU- und Landesebene variieren. Der Förderbedarf sei in den zurückliegenden Jahren signifikant angestiegen. Um die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen, müsse klar sein, welche Bedarfe wo genau bestünden. Preuss-Lausitz sprach sich für die wissenschaftliche Begleitung der Inklusionsmaßnahmen aus und regte eine genaue Ressourcensteuerung, die Neuregelung der Diagnostik und den Aufbau innerschulischer inklusiver Strukturen an.

Für Prof. Dr. Christa Schlenker-Schulte, Leiterin der Forschungsstelle zur Rehabilitation von Menschen mit kommunikativer Behinderung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), ist die wissenschaftliche Begleitung der Inklusion in den Schulen des Landes unabdingbar. Die Lehrer und Kinder seien im „Feldversuch“ Inklusion, wie er derzeit in Sachsen-Anhalt betrieben werde, zum Teil völlig überfordert. Es sei nicht sinnvoll, alle Kinder in den Regelschulbetrieb zu bringen, wenn nicht die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen seien. Schlenker-Schulte forderte nachdrücklich die Installation von multiprofessionellen Teams an inklusiven Schulen, um den speziellen Anforderungen gerecht zu werden. Behinderung sei dabei aber weiter zu fassen als etwa eine körperliche oder geistige. Auch Kinder mit Migrations- oder Armutshintergrund bräuchten besondere Zuwendung. „Inklusion ist ein langfristiger Prozess, der nicht von heute auf morgen durchgesetzt werden kann“, erklärte die Bildungsexpertin aus der MLU.

Es solle nicht nur eine Bestandsaufnahme erstellt werden, vor allem Lösungsvorschläge für eine gelingende Inklusion müsse das Ergebnis einer wissenschaftlichen Begleitung sein, erklärte Sabine Kronfoth vom Runden Tisch für Menschen mit Behinderungen (Arbeitsgruppe Inklusion). Die Sicherung des nötigen Fachpersonals müsse bei den Überlegungen ebenso eine Rolle spielen wie sie personellen und materiellen Voraussetzungen, um Schülern mit Behinderung in einer Regelschule auch die Möglichkeit zu gewähren, an außerunterrichtlichen und außerschulischen Aktivitäten teilnehmen zu können.

Thomas Lippmann, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen-Anhalt, wies auf den erheblich gewachsenen Förderbedarf in den Schulen des Landes hin. Die Lehrkräfte seien nicht immer ausreichend auf das von ihnen geforderte Wissen und Pensum vorbereitet. So gebe es auch eine hohe Zahl an nicht gelingenden Inklusionsversuchen, weil schlichtweg die Bedingungen dafür fehlten. Es gebe deutliche Grenzen durch Ressourcen- und Qualifikationsdefizite. Ein Zurück zum alten Prozedere sei nach der Etablierung des Inklusionswillens nicht mehr möglich, räumte Lippmann ein. Schäden an Schülern und Lehrern seien aber zu verhindern.

Sehr viel Praxiswissen brachte Annette Schotte, Leiterin der Basisförderschule „Johann Heinrich Pestalozzi“ in Schönebeck/Elbe mit in die Anhörung. Man habe schon bei der Einführung der Förderzentren darauf gedrängt, eine wissenschaftliche Begleitung zu ermöglichen. Daher werde der Vorstoß, der durch den Antrag der Grünen gemacht werden soll, begrüßt. Schotte drängte auf eine genaue Definition der Inklusionsumstände und variablere Ressourcenzuweisungen. „Jedes Kind braucht ein eigenes Konzept für seine Integration in den schulischen Alltag“, sagte die Schulleiterin. Barrieren seien nicht immer nur eine Behinderung im engeren Sinne, sondern auch das Wohnumfeld, das Elternhaus und die vorhandenen finanziellen Mittel. Viele Kollegen scheiterten mit ihren Bildungsvorstellungen an der Realität, aber manche Inklusion lasse sich einfach nicht umsetzen. „Vielfalt im Bildungssektor ist daher völlig in Ordnung“, so Schotte.

Mit dem Thema Inklusion mit als Erste befasst ist die Lehrerausbildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Rahel Szalai versicherte, dass es an der MLU bereits einen guten inhaltlichen Diskurs zum Thema gebe, das theoretische Know-how sei versammelt. Die Inklusion in Sachsen-Anhalt wissenschaftlich zu begleiten, bedeute ein großes Forschungsprojekt, das unter anderem mit dem Aufbau einer zentralen Anlaufstelle für inklusive Schulen unterfüttert werden sollte. Zu untersuchen seien Szalai zufolge die Gelingensbedingungen für Inklusion und die Barrieren in den Schulen. Genaues Augenmerk solle auch auf die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte gelegt werden. Diesen Standpunkt vertrat auch Dr. Siegfried Eisenmann vom Landesinstitut für Schulqualität. Inklusion bedürfe einer wissenschaftlichen Begleitung und einer Evaluation, so Eisenmann.

Eine ergebnisoffene Forschung forderte Prof. Dr. phil. Bernd Ahrbeck von der Humboldt-Universität zu Berlin ein. „Es gibt Grenzen der Inklusion“, stellte er fest. Wenn sie nicht klappe, könnte man nur notgedrungen gegensteuern. Daher sei es ratsam, nicht auf spezielle Förderschulen zu verzichten und den Eltern die Wahlmöglichkeit zu überlassen. Ahrbeck sprach sich für eine „Inklusion mit Augenmaß“ aus. Man müsse die Probleme benennen – eine Behinderung sei eine Behinderung, damit müsse man umgehen und dürfte nicht so tun, als wäre sie nicht vorhanden. Er schlug vor, den „moderaten Weg“ weiterzugehen und ein differenzierteres Schulbild aufrechtzuerhalten.

Mit einer Änderung des Schulgesetzes sei der Weg für mehr Vielfalt freigeworden, resümierte Tanja Götz vom bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst. Man habe Bewährtes erhalten und Neues entwickelt. „Wir alle sind im Bereich der Inklusion noch Lernende“, auch im Hinblick, wie man auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder eingehen müsse, erklärte Götz. In Bayern gebe es nach wie vor Förderschulen, zum Teil verpflichtend, wenn Kinder nicht am Regelunterricht teilnehmen könnten. In Bayern werde die Inklusion mit einem dreijährigen Forschungsprojekt wissenschaftlich begleitet. Die zentralen Themen hierin seien die Umsetzung der Inklusion sowie Studien darüber, was gute Inklusion ausmache und wie der Unterricht, also seine Gelingensbedingungen, weiterentwickelt werden müsse.

Die Ziele für die Inklusion in den Schulen Sachsen-Anhalts seien noch nicht klar genug herausgearbeitet, bemängelte der Vorsitzende des Schulleitungsverbands, Frank Diesener. Gehe es nur darum, Konventionen umzusetzen oder mehr Abschlüsse zu erzielen oder das Gelingen des gemeinsamen Unterrichts zu erreichen? Diesener forderte – wie alle Angehörten vor ihm – die wissenschaftliche Begleitung des Prozesses. Man müsse weg von persönlich und pekuniär geprägten Erfahrungsberichten und hin zu fundiertem Faktenmaterial über die Inklusion gelangen. Der Schulleitungsverband sieht es als unabdingbar an, weiterhin parallele Schulsysteme vorzuhalten, sonst drohe – bei Einbindung jedwedes Förderschülers – der Kollaps der Schullandschaft. Bei aller Sorge um die Inklusion dürfe aber auch die Förderung der Leistungsebene nicht vergessen werden, so Diesener.

Der Ausschuss für Bildung und Kultur wird in einer seiner nächsten Sitzungen zu einer weiteren Anhörung zum Thema Inklusion einladen. Dann wird ein Antrag der Fraktion DIE LINKE zu „mehr inklusiver Bildung in den Schulen Sachsen-Anhalts“ auf der Tagesordnung stehen.

Antrag der Grünen zur Inklusion