Cornelia Lüddemann (GRÜNE):
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Endometriose ist eine chronische, bislang unheilbare Krankheit und sie ist viel zu oft unsichtbar, nicht, weil Betroffene keine Schmerzen haben, im Gegenteil, sondern weil ihre Schmerzen lange, lange, lange überhört, kleingeredet und nicht ernst genommen wurden.
Ich selbst kenne eine Frau, die ihre erste Periode mit zwölf Jahren hatte. Von Anfang an waren die Schmerzen so groß, dass sie sich regelmäßig übergeben musste. Ihre Blutungen dauerten zwei bis drei Wochen. Und was hörte sie? - Das wird sich schon geben, das wächst sich aus, das ist in Teilen auch normal.
Mit 14 Jahren hat sie dann die Pille verschrieben bekommen; das sollte es bessern. Die Akne hat sich gebessert, die Schmerzen sind geblieben. Mit 21 Jahren hat sie die Pille abgesetzt, weil sich andere Beschwerden, unter anderem Thrombose, ergaben. Die Schmerzen kamen dann mit voller Wucht zurück: Erbrechen, Kreislaufprobleme, Ohnmachtsanfälle, Fieber, jeden Tag ihrer Periode Schmerzmittel.
Ich kann mir das, ehrlich gesagt, nicht vorstellen. Aber für Frauen, die unter solchen Bedingungen leben müssen und immer wieder gehört bekommen „Das ist irgendwie normal, haben Sie sich nicht so“, muss das ziemlich, ziemlich furchtbar sein.
(Zustimmung bei den GRÜNEN, bei der CDU, bei der Linken, bei der SPD und bei der FDP)
Man muss ja bedenken, dass alles, was sich darum rankt, auch mit Scham besetzt ist. Wem will man das erzählen? Wem kann man das erzählen? Wer hat tatsächlich Verständnis dafür? Das löst nicht nur Scham, sondern am Ende auch Angst aus. Man fragt sich selbst: Bin ich jetzt einfach nur ein Weichei, oder was ist das?
Die Folge: Jahrelang bekam die Frau keine ärztliche Hilfe. Erst vor wenigen Monaten fand sie mit Unterstützung von Freundinnen aus anderen Bundesländern eine neue Ärztin. Zum ersten Mal wurde sie ernst genommen, zum ersten Mal hörte sie, dass diese Schmerzen nicht normal sind. Der Verdacht auf Endometriose wurde weiter verfolgt. Sie brach und bricht auch heute, wenn sie darüber spricht, noch in Tränen aus. Denn endlich, endlich fühlt sie sich gesehen, endlich hat mal jemand genau hingeschaut.
Wie wir heute in dieser Debatte schon gehört haben danke auch für die sehr sensible Einbringung, Herr Kollege Pott , ist diese Geschichte kein Einzelfall. Viele Betroffene erleben genau das: Starke Schmerzen, jahrelange Unsicherheit, Fehldiagnosen, hohe Kosten, Angst vor Operationen, fehlende Informationen. Sie durchleiden genau dieses Gefühl, allein zu sein.
Endometriose betrifft viele Frauen. Es gibt rund 11 000 bekannte Fälle in Sachsen-Anhalt. Die Dunkelziffer dürfte aus den eben beschriebenen Gründen deutlich höher liegen. Man kann es als neue Volkskrankheit beschreiben. Die Folgen sind massiv: Schmerzen, Erschöpfung, Zyklusstörungen, Einschränkungen in Schule, Beruf und Alltag, manchmal auch Unfruchtbarkeit.
Ganz ehrlich: Es ist ein Skandal, dass über eine so häufige Krankheit so lange so wenig geforscht wurde. Das hat auch damit zu tun, dass Frauengesundheit über Jahrhunderte zu wenig ernst genommen wurde. Krankheiten, die vor allem Frauen betreffen, wurden verharmlost, zu spät untersucht und schlechter versorgt.
Deshalb ist dieser Antrag der Koalitionsfraktionen ein guter und richtiger. Fortbildung für Ärztinnen, Aufklärungskampagnen, ein abgestuftes Versorgungskonzept, Forschung und ein deutsches Zentrum für Endometriose-Forschung sind wichtige Schritte.
Aber man kann noch mehr tun. Sachsen-Anhalt braucht langfristig mehr zertifizierte Endometriose-Zentren. Die aktuellen Standorte reichen für die Gesamtversorgung nicht aus. Wir brauchen ein Endometriose-Register, um endlich bessere Daten zu bekommen. Und wir brauchen eine Landesstelle Endometriose als Anlaufstelle für Beratung, Information, Aufklärung und Koordination zwischen Gesundheit, Schule, Sozialbereich und Arbeitswelt.
Vor allem müssen wir früher mit der Aufklärungsarbeit anfangen. Gesundheitsbildung gehört stärker in die Schulen. Mädchen müssen wissen, dass unerträgliche Schmerzen kein normaler Bestandteil der Periode sind und dass sie sich Hilfe suchen können. Betroffene brauchen Ärztinnen und Ärzte, die ihnen zuhören.
Zum Schluss möchte ich sagen: Es ist wichtig, dass Endometriose endlich sowohl von der Gesellschaft als auch von Ärztinnen und Ärzten als ernstzunehmende Krankheit anerkannt wird. Es ist nicht einfach nur ein normaler Schmerz, der monatlich kommt und monatlich geht. Viel zu viele Frauen leiden in Sachsen-Anhalt an dieser Krankheit. Ihnen muss geholfen werden. Wir werden diesem Antrag daher gern zustimmen, aber es sollte eben auch weitergehen. - Danke.

