Tagesordnungspunkt 14
Endometriose: Forschung vorantreiben und Versorgung stärken
Antrag Fraktionen CDU, SPD und FDP - Drs. 8/7142
Die Einbringung erfolgt durch den Herrn Pott, und zwar jetzt. - Er hat das Wort.
Konstantin Pott (FDP):
Vielen Dank, Herr Präsident. - Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen! Gelegentliche Fehltage, Arztbesuche oder Schmerzen während der Menstruation. Das ist das, was viele Menschen wahrscheinlich mit Endometriose in Verbindung bringen. Aber unter der Oberfläche verbirgt sich noch weit mehr: Chronische Schmerzen, Erschöpfung, Einschränkungen im Alltag, psychische Belastungen und bei manchen Frauen sogar ein unerfüllter Kinderwunsch.
Besonders alarmierend ist, dass Betroffene im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre brauchen, bis sie überhaupt eine Diagnose erhalten. Sieben bis zehn Jahre, in denen die eigentliche Ursache ihrer Beschwerden häufig unerkannt blieb. Deshalb müssen wir die Gesamtheit in den Blick nehmen und nicht nur das, was an der Oberfläche inzwischen häufig recht bekannt ist.
Eingangs möchte ich aber zwei, drei grundlegende Sätze sagen. Denn ein Thema, das wir insgesamt stärker in den Fokus nehmen müssen, ist die Frauengesundheit.
(Zustimmung von Kerstin Godenrath, CDU)
Viele kennen vermutlich die klassischen Symptome eines Herzinfarktes. Diese sind aber häufig bei Frauen andere als bei Männern. Das liegt daran, dass sich Forschung lange Zeit fokussiert hat. Deswegen gibt es auch viele frauenspezifische Erkrankungen, die lange Zeit vernachlässigt wurden. Deswegen ist es richtig, dass wir heute darüber diskutieren und das an einem ganz konkreten Beispiel, nämlich Endometriose; denn dort sehen wir noch einen sehr großen Handlungsbedarf.
Trotz des starken Aufwuchses der Zahlen in den vergangenen Jahren und dem Bekanntwerden dieser Zahlen gibt es insgesamt noch immer eine geringe öffentliche Wahrnehmung. Das bedeutet für viele Betroffene jahrelange Schmerzen und lange Diagnosewege, Unsicherheiten und Einschränkungen. Was es braucht, ist die Verbesserung von Forschung, Aufklärung und Versorgung. Unser Ziel muss es sein, die Lebensqualität der betroffenen Frauen wieder zu stärken.
(Zustimmung bei der CDU)
Aber was ist Endometriose überhaupt? - Es ist eine chronische gynäkologische Erkrankung. Dabei passiert es, dass gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst, bspw. an Entzündungsherden an verschiedenen Organen. Das führt zu starken Unterleibsschmerzen, gerade während der Menstruation. Aber es gibt auch noch viele weitere Symptome, bspw. Rückenschmerzen, Verdauungsbeschwerden oder Erschöpfung. In schweren Fällen kann diese Krankheit zur Unfruchtbarkeit führen.
Die Ursachen sind bis heute nicht vollständig geklärt. Es gibt auch keine Heilmöglichkeit. Die Therapiemöglichkeiten fokussieren sich auf die Symptombehandlung. Aufgrund dieser umfangreichen Symptome wird es auch als Chamäleon der Gynäkologie bezeichnet. Die Diagnose wird dadurch häufig erschwert.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Endometriose ist aber keineswegs eine seltene Erkrankung. Insgesamt geht man davon aus, dass ca. 10 % bis 15 % der Frauen im gebärfähigen Alter betroffen sind. Zwischen den Jahren 2005 und 2024 stieg die Zahl der diagnostizierten Betroffenen von ca. 230 000 auf ca. 510 000. In Deutschland sind davon schätzungsweise 2 Millionen Frauen betroffen. In Sachsen-Anhalt sind es ca. 11 000 Frauen.
Die durchschnittliche Diagnosezeit beträgt sieben bis zehn Jahre. Die Beschwerden werden zu häufig auch von behandelnden Ärzten noch als normale Regelschmerzen abgetan. Dadurch haben wir ein weiteres Problem, nämlich das der Verharmlosung. Fehlende Schnelltests und fehlende einfache Diagnoseverfahren erschweren das ganze Prozedere.
Es gibt die Bauchspiegelung als ein Verfahren, durch das Endometriose diagnostiziert werden kann. Das ist aber ein operativer Eingriff und deswegen an vielen Stellen nicht die erste Wahl. Insgesamt haben wir eine zu geringe Berücksichtigung in der Forschung und in der Öffentlichkeit und deswegen gerade vor diesem Hintergrund ein Nachholbedarf.
Es ist also mehr als nur eine gynäkologische Erkrankung. Es hat massive Auswirkungen auf den Alltag und auf die Lebensqualität und führt zu Einschränkungen in allen Lebensbereichen, bspw. in der Schule, in der Ausbildung, im Studium, aber natürlich auch im Beruf oder im Privat- und Familienleben. Dadurch ergibt sich eine hohe psychische Belastung. Die gesellschaftliche Teilhabe wird dadurch an vielen Stellen erschwert oder eingeschränkt.
Aber es gibt auch Schmerzen abseits der Periode das ist mir wichtig, zu betonen , und zwar bis hin zu chronischen Schmerzen als ständigem Begleiter. Deswegen ist eine schnelle Diagnose oder eine Früherkennung wichtig, um genau dieses Leid zu reduzieren.
Die Menstruationsbeschwerden insgesamt werden noch immer in der Gesellschaft wenig thematisiert, auch wenn es in den letzten Jahren eine Besserung gab. Es ist mehr gesellschaftliches Bewusstsein erforderlich und deswegen bin ich sehr dankbar dafür, dass wir über dieses Thema heute ausführlich im Prio-Block diskutieren und ihm damit eine angemessene Reichweite geben.
(Beifall bei der FDP und Zustimmung bei der CDU und der SPD)
Es ist aber auch nicht alles schlecht. Es gibt positive Ansätze, auch an unseren Universitätskliniken im Land, und zwar in Halle und in Magdeburg, die diesbezüglich sehr umtriebig sind und versuchen, die Situation der Betroffenen zu verbessern.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Unser Antrag verfolgt das Ziel der nachhaltigen Verbesserung der Versorgung von Endometriose-Patienten. Wir hatten dazu im Ausschuss ein ausführliches Fachgespräch auf der Grundlage eines Selbstbefassungsantrages, bei dem uns viele Betroffene, aber auch viele Experten die Situation in Sachsen-Anhalt geschildert haben. Wir sind zudem in den Austausch mit Initiativen aus anderen Bundesländern und mit Betroffenenvertretungen eingetreten und haben am Ende diesen Antrag erarbeitet.
Was wollen wir genau? - In einem ersten Schritt wollen wir Transparenz schaffen und uns den Ist-Zustand genauer anschauen. Dazu soll es einen Bericht der Landesregierung zur aktuellen Versorgungslage und einen Überblick über unterschiedliche Themenbereiche geben, bspw. über bestehende Strukturen, die es im Gesundheitssystem bereits gibt, bisherige Maßnahmen in Bezug auf die Frauengesundheit, speziell Endometriose, Fortbildungsangebote, und zwar gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung und der Ärztekammer
(Beifall bei der FDP)
und über den Stand der schulischen Aufklärung.
Mir ist bei einem Gespräch mit Betroffenen sehr in Erinnerung geblieben, dass sie gesagt haben, häufig wäre es schon ausreichend, wenn man zumindest thematisiert, dass diese übermäßigen Schmerzen nicht normal sind und dass man sich dann Hilfe holen soll. Solche Kleinigkeiten können manchmal schon helfen, um für die Betroffenen am Ende zumindest den Diagnosezeitraum etwas zu verkürzen.
Ebenfalls wollen wir die ärztlichen Kompetenzen stärken. Dazu gehört natürlich ein Ausbau von Fort- und Weiterbildungen. Das wird auch führen, dass mehr Ärzte über diese Erkrankung Bescheid wissen. An dieser Stelle müssen wir natürlich auch mit der Kassenärztlichen Vereinigung und vor allem mit der Ärztekammer zusammenarbeiten. Dabei soll sich am aktuellen Forschungsstand und dem Nutzen von nationalen und internationalen Erkenntnissen orientiert werden.
Zudem brauchen wir mehr Sensibilität, und zwar gerade für die Symptome, damit wir zu schnelleren Diagnosen und weniger Fehldiagnosen kommen. Wir schlagen dazu in der Versorgung ganz konkret ein abgestuftes Versorgungskonzept vor, das wir gern etablieren möchten. Dabei muss es natürlich auch immer eine Kooperation zwischen den unterschiedlichen Ebenen geben. Als Erstes haben wir die Primärversorgung. Dort geht es in erster Linie darum, die Erkrankung früh zu erkennen und eine Erstdiagnostik durchzuführen.
In der Sekundärversorgung muss es dann eine strukturierte Aufklärung und eine standardisierte Therapie geben. Die Tertiärversorgung soll dann vor allem in spezialisierte Endometriose-Zentren stattfinden, die sich mit besonders schweren Fällen befassen können. Das bringt am Ende eine bessere Versorgung für Betroffene. Es bringt schnellere Diagnosen und Therapiemöglichkeiten und auch für schwere Fälle geeignete Angebote in der Versorgung.
Die spezialisierten Zentren sollen zertifiziert werden. Mindestens eine der Universitätskliniken soll sich dafür auf den Weg machen; mindestens eine Klinik heißt natürlich nicht, dass es maximal eine Klinik sein darf, aber mindestens eine Universitätsklinik im Land sollte sich in diesem Bereich spezialisieren. Dadurch können wir die Behandlungsstrukturen ausbauen und auch die interdisziplinäre Versorgung komplexer Fälle sicherstellen.
Wir wollen aber auch das Thema Aufklärung nicht nur auf der ärztlichen Seite betrachten, sondern insgesamt. Deswegen wollen wir landesweite Informationskampagnen, um die Zielgruppen anzusprechen. Dabei geht es zum einen natürlich um Jugendliche, aber zum anderen auch um Eltern, um Schulen und natürlich um das medizinische Personal. Das Ziel muss es sein, Verständnis und Akzeptanz zu fördern und das Wissen zu vermitteln, dass diese Erkrankung existiert.
(Zustimmung bei der FDP)
Ein weiterer Punkt, der in meinen Augen sehr wichtig ist, ist, die Forschung voranzubringen. Denn die Forschung ist der Schlüssel zu besseren Therapien und zu besseren Heilungsmöglichkeiten, die es vielleicht bald gibt.
(Zustimmung von Kerstin Godenrath, CDU)
Dazu müssen die Ursachenforschung gestärkt werden, neue Therapieansätze entwickelt werden, sich die Diagnostik verbessern, um den Diagnosezeitraum zu reduzieren, und innovative Verfahren ausprobiert und gefördert werden. Dafür wollen wir bereits bestehende Forschungsprojekte unterstützen.
Aber Sachsen-Anhalt ist bei dem Thema nicht isoliert, sondern Sachsen-Anhalt ist ein Teil Deutschlands und sollte sich dementsprechend auch deutschlandweit vernetzen und die Forschungskompetenzen bündeln, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen und die begrenzten Kapazitäten, die es gibt, stärker zu forcieren und in diesem Bereich voranzukommen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Endometriose betrifft viele Frauen. Dennoch wird die Erkrankung weiterhin häufig unterschätzt. Es zeigt sich, dass es also notwendig ist, dass wir die gesamte Situation und auch alle Facetten davon betrachten müssen.
Dafür soll unser Antrag eine erste Säule sein, damit wir genau das im Land tun. Wir wollen Forschungslücken schließen. Wir wollen die Aufklärung verbessern, wir wollen die Versorgung verbessern, die Frauengesundheit stärker berücksichtigen, Betroffene ernst nehmen und mehr Sichtbarkeit für Endometriose schaffen, um zu einer schnelleren Diagnose, besseren Therapien und einer höheren Lebensqualität zu kommen. Deswegen bitte ich Sie um Zustimmung zum vorliegenden Antrag.
(Beifall bei der FDP, der CDU und der SPD)
Vizepräsident Wulf Gallert:
Ich sehe keine Fragen.
Konstantin Pott (FDP):
Herr Präsident, ich würde noch ganz kurz, weil es heute meine letzte Rede in diesem Parlament war, noch zwei, drei persönlichen Bemerkungen machen. - Ich möchte mich zuerst bei meiner Partei, bei den Jungen Liberalen und bei meiner Fraktion für das Vertrauen, das ich in den letzten fünf Jahren erhalten habe, und für die breiten Themen, die ich bearbeiten durfte, bedanken. Ich habe versucht, diese Aufgabe immer gut auszufüllen und hoffe, dass mir das halbwegs gelungen ist.
(Beifall bei der FDP - Zustimmung bei der CDU und bei der SPD)
Ich möchte mich bei den Koalitionspartnern bedanken, weil ich glaube, dass wir in den letzten Jahren einiges erreichen konnten. Es ist sehr schön, dass ich meine letzte Rede zu einem solchen Antrag halten darf. Ich bin sehr froh, dass wir das geschafft haben. Ich glaube, dass wir das auch an vielen anderen Stellen geschafft haben. Ich hoffe und wünsche Ihnen auch weiterhin viel Erfolg, damit Sie dieses Land weiter voranbringen können.
(Beifall bei der FDP - Zustimmung bei der CDU und bei der SPD)
Ich möchte mich natürlich auch bei meinen Freunden und meiner Familie bedanken, die mir nämlich in vielen Situationen den Rücken freigehalten haben; denn ohne das Privatleben geht es nicht. Ich finde es wichtig, dies zu sagen.
Ich möchte einen Appell unterbringen, der mir persönlich sehr wichtig ist. Die Art und Weise, wie wir hier in diesem Hohen Haus diskutieren, die trägt sich am Ende in die Gesellschaft. Ich hoffe, dass sich alle ihrer Verantwortung bewusst sind. Im Parlament muss man ordentlich und durchaus auch kontrovers miteinander diskutieren, aber auch immer nach bestimmten Regelungen. Ich bitte darum, dass Sie das mitnehmen; denn das ist eine Verantwortung, die man an dieser Stelle hat und der sollten Sie sich alle bewusst sein.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es war mir eine Ehre, Verantwortung für dieses Land zu übernehmen. Ich wünsche Ihnen allen für den kommenden Wahlkampf, aber auch für die kommende Wahlperiode alles Gute und allen, die weiterhin Teil des Parlaments sind, alles Gute bei der Ausübung der Aufgabe und viel Erfolg und immer ein glückliches Händchen für dieses Land. - Vielen Dank.

