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Plenarsitzung

Transkript


Matthias Lieschke (fraktionslos):

Werter Präsident! Werte Abgeordnete! Wenn man den Titel „Praxisnahe Bildung als Wachstumsmotor für Sachsen-Anhalt“ dieser Aktuellen Debatte hört, dann könnte man meinen, hiermit würde eine Oppositionsfraktion auf Missstände hinweisen und Vorschläge für einen dringenden Kurswechsel präsentieren. Dabei regiert die CDU unser Land seit Jahrzehnten. Seit 2002 stellt sie die Ministerpräsidenten. Sie trägt die Verantwortung für die Bildungspolitik in Sachsen-Anhalt. Deshalb kann sie sich heute nicht hinstellen, als hätte sie mit den Problemen der Gegenwart nichts zu tun.

Denn die Realität sieht doch anders aus. Die Leistungen unserer Schüler sinken weiterhin. Die Ergebnisse der PISA-Studien verschlechtern sich weiter. Betriebe beklagen fehlende Grundkenntnisse bei Auszubildenden. Der Fachkräftemangel wird von Jahr zu Jahr größer. All das ist nicht vom Himmel gefallen. Das ist das Ergebnis einer Bildungspolitik, die seit Jahren und Jahrzehnten nicht die notwendigen Prioritäten gesetzt hat. Deshalb reicht es nicht, heute die richtigen Überschriften zu formulieren. Die entscheidende Frage lautet: Warum wurden diese Erkenntnisse nicht längst in praktisches Handeln umgesetzt?

Werte Abgeordnete! Bildung ist Ländersache. Deshalb trägt die Landespolitik auch die Verantwortung für diesen Misserfolg. Wer jahrzehntelang Verantwortung trägt, der kann sich nicht wie die Opposition zu den eigenen Ergebnissen aufführen.

Wenn heute von praxisnaher Bildung gesprochen wird, dann klingt das zunächst vernünftig. Aber gleichzeitig erleben wir Entscheidungen, die genau in die entgegengesetzte Richtung gehen. Fragen wir einmal den CDU-Bildungsminister Herrn Riedel. Ich frage mich ohnehin, warum er heute zum Thema Bildung nicht reden darf.

(Stefan Ruland, CDU: Das hat doch niemand gesagt! - Zuruf von Eva von Angern, Die Linke)

Er wird das vielleicht auch nicht lustig finden; aber wenn der Ministerpräsident sich vordrängelt, dann ist das vielleicht manchmal so.

Allein wenn ich daran denke, dass nach den aktuellen Grundschullehrplänen die Schreibschrift faktisch abgeschafft wurde, dann frage ich mich ernsthaft, ob man überhaupt verstanden hat, worauf Bildung eigentlich aufbauen muss.

(Zustimmung von Dr. Hans-Thomas Tillschneider, AfD)

Das fragen sich übrigens auch die Lehrer der 1. Klasse. Diese sagen zu den Eltern der Erstklässler: Das Land hat die Schreibschrift abgeschafft, aber wenn Sie nichts dagegen haben, dann behalten wir die Schreibschrift trotzdem bei; denn wir halten das für ein großes Experiment. Was läuft im Bildungsministerium eigentlich schief? Dass einige 1. Klassen nicht einmal Lehrer haben, das wäre schon wieder ein neues Thema.

Es wird ständig über Digitalisierung und Zukunftskompetenzen geredet. Aber wenn die Grundlagen verloren gehen, dann helfen auch die modernsten Tablets nichts.

(Dr. Hans-Thomas Tillschneider, AfD: Ja!)

Ordentlich lesen, ordentlich schreiben, ordentlich rechnen - das sind keine nostalgischen Vorstellungen aus vergangenen Zeiten, das sind die Grundlagen jeder erfolgreichen Gesellschaft. Wer solche Grundlagen vernachlässigt, der verspielt die Zukunft unserer Kinder.

(Zustimmung von Dr. Hans-Thomas Tillschneider, AfD, und von Florian Schröder, AfD)

Werte Abgeordnete! Gehen Sie doch einmal in die Innungen und Kreishandwerkerschaften. Sprechen Sie mit den Unternehmen. Dort hören Sie keine ideologischen Debatten, dort hören Sie die Realität. Dort berichtet Ihnen der Malermeister, dass ein Auszubildender Schwierigkeiten hat, die Fläche einer Wand zu berechnen. Dort berichtet Ihnen ein Handwerker, dass einfachste mathematische Zusammenhänge fehlen. Dort hören Sie von Ausbildungsabbrüchen, weil sich junge Menschen überfordert fühlen, weil sie in der Schule schlichtweg nichts gelernt haben. Das sind keine Vorurteile. Das ist die tägliche Praxis.

Deswegen brauchen wir endlich eine Rückbesinnung auf das Wesentliche. Wir brauchen keine Schulen gegen Rassismus, wir brauchen einen Leistungsgedanken. Wir brauchen klare Bildungsziele, und zwar keine ideologischen.

(Beifall bei der AfD)

Wir brauchen einen stärkeren Fokus auf Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften. Und wir brauchen endlich mehr praktische Bildung. Warum wurde der Werkunterricht über Jahre hinweg immer weiter zurückgedrängt? Warum gibt es bis heute keine flächendeckenden, regelmäßigen Praktika? Und warum wird jungen Menschen immer wieder vermittelt, dass nur ein Studium gesellschaftlich anerkannt sei? Unsere Gesellschaft braucht nicht nur Akademiker, wir brauchen genauso dringend gute Handwerker, Techniker, Facharbeiter und Meister. Nicht jeder möchte Professor werden. Nicht jeder möchte studieren. Und nicht jedes Kind träumt davon, Influencer, „TikTok“-Star oder „YouTuber“ zu werden.

Viele junge Menschen möchten etwas mit ihren Händen schaffen. Sie möchten bauen. Sie möchten reparieren. Sie möchten etwas Bleibendes leisten. Genau diese Fähigkeiten müssen wir wieder stärker fördern. Das beginnt nicht erst in der Berufsschule. Das beginnt in der Grundschule und eigentlich beginnt das schon im Kindergarten. Sprache, Konzentration, Disziplin und soziale Fähigkeiten werden dort geprägt. Auch hier brauchen wir mehr Verlässlichkeit und mehr Qualität.

Werte Abgeordnete, insbesondere von der CDU! Die Menschen dort draußen erwarten keine Sonntagsreden, sie erwarten Ergebnisse. Diese Ergebnisse sind nach vielen Jahren CDU-geführter Bildungspolitik leider nicht überzeugend. Was heißt „leider“? Sie sind nicht überzeugend. Deshalb braucht Sachsen-Anhalt mehr als kosmetische Korrekturen. Wir brauchen einen echten Politikwechsel - einen Politikwechsel, der Leistung wieder belohnt; einen Politikwechsel, der die berufliche Bildung stärkt; einen Politikwechsel, der unsere Schulen wieder auf ihren eigentlichen Auftrag konzentriert.

Wir brauchen eine Politik, die dafür sorgt, dass Sachsen-Anhalt wieder eigene Fachkräfte hervorbringt, anstatt ständig über den Mangel zu klagen. Die Chance dazu haben die Bürger unseres Landes am 6. September. Denn eines ist klar: Wenn man immer dieselbe Politik macht, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch die Ergebnisse dieselben bleiben. Unsere Kinder haben Besseres verdient. Unsere Betriebe haben Besseres verdient. Unser Sachsen-Anhalt hat eine Wirtschafts- und Bildungspolitik verdient, die endlich wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird. - Herzlichen Dank.

(Zustimmung bei der AfD)


Präsident Dr. Gunnar Schellenberger:

Herr Lieschke, einen Augenblick bitte. Herr Tillschneider würde Ihnen eine Frage stellen wollen, wenn Sie gestatten.

(Guido Heuer, CDU: Das ist eine Farce! - Zurufe: Oh! - Zurufe von Dr. Katja Pähle, SPD, und von Guido Kosmehl, FDP - Weitere Zurufe)


Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD):

Also, na ja!

(Unruhe- Matthias Lieschke, fraktionslos: Das ist Redezeit!)


Präsident Dr. Gunnar Schellenberger:

Pst!


Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD):

Lieber Herr Kollege Lieschke, da Sie zurzeit nicht in unserer Fraktion sind, habe ich das aparte Vergnügen, Ihnen eine Frage zu stellen.

(Cornelia Lüddemann, GRÜNE: Merkt man kaum! - Zuruf von Dr. Katja Pähle, SPD)

Das will ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Es ist eine ernsthafte Frage. Sie haben diesen Praxistag angesprochen, den die Regierung plant. Soviel ich weiß: Klassen 8 und 9 an Sekundarschulen einen Tag in der Woche im Betrieb. Ich habe nichts gegen eine sinnvolle, gut vorbereitete Berufsorientierung, aber wenn man sozusagen 20 % des Schulunterrichts ausfallen lässt, dann drängt sich mir doch der Eindruck auf, dass man hiermit einfach nur den Lehrermangel kaschiert und dass dieser Berufsorientierungstag an einem Tag pro Woche nicht etwas gut Vorbereitetes ist, dass er gar nicht vorbereitet werden kann, weder von den Betrieben noch von den Schulen. Das wird einfach eine sinnlose Herumsteherei

(Zuruf von Stefan Ruland, CDU, und von Jörg Bernstein, FDP)

in irgendwelchen Betrieben sein, kaschiert als Berufsorientierung, um den Lehrermangel zu kaschieren. Teilen Sie diese Einschätzung?

(Zuruf: Nein!)


Matthias Lieschke (fraktionslos):

Werter Herr Tillschneider, ja, ich teile das. Denn es geht letztendlich ganz schlicht    

(Guido Kosmehl, FDP: Ehrlich! - Jörg Bernstein, FDP: Dann fahr doch mal nach Kemberg! Fahr doch mal hin!)

Es geht ganz schlicht darum    

(Cornelia Lüddemann, GRÜNE: Absurd! - Jörg Bernstein, FDP: Warst du schon mal dort? Das ist doch lächerlich! - Zuruf von Guido Kosmehl, FDP)

- Vielleicht lassen Sie mich erst einmal antworten?

(Jörg Bernstein, FDP: Nein!)

Es geht ganz schlicht darum, dass von der jetzigen CDU, weil sie im Panikmodus ist, Schlagzeilen produziert werden sollen: Wir können es; wir haben Wirtschaftskompetenz. Aber die Grundlagen in den Schulen fehlen von Anfang an - in Grundschule, Sekundarschule. Die Kinder lernen keine Mathe, kein Deutsch mehr.

(Stefan Ruland, CDU: Das stimmt doch gar nicht! Erzählen Sie doch nicht so einen Stuss! Ich habe Kinder in der Grundschule - und jetzt Sie! Die können rechnen, lesen und schreiben, Sie Klugscheißer! - Kathrin Tarricone, FDP: Für eine Stunde in der Woche! Was soll denn da durchgehen? Eine Stunde in der Woche!)

Und dann schicken wir sie eine Stunde pro Woche oder einen Tag pro Woche in einen Wirtschaftsbereich.

(Dr. Andreas Schmidt, SPD: Haben Sie fein gelernt!)

Ich kann Ihnen sagen, dieses Experiment wird ebenfalls schiefgehen. Sie müssen für die Grundlagen sorgen. Sie brauchen auch Fachlehrer, die das können.

(Stefan Ruland, CDU: Keine Ahnung, wovon er spricht! Hat Herr Tillschneider Ihnen das aufgeschrieben zum Vorlesen, oder was?)

Natürlich wird dieser Lehrermangel kaschiert; denn er ist letztendlich da. Oder wollen Sie das leugnen? Genau so ist es nämlich.

(Stefan Ruland, CDU: Nein, ist es nicht!)

Wie viele Lehrer fehlen denn in Sachsen-Anhalt?

(Guido Heuer, CDU: Wo haben Sie einen Lösungsansatz? Lösungsansätze! - Jörg Bernstein, FDP: Was ist aber Ihre Lösung, Herr Lieschke, gegen den Lehrermangel? - Zuruf von Stefan Ruland, CDU)

Das ist die Schuld der CDU, die seit Jahrzehnten an der Macht ist. Nichts anderes.

(Unruhe)

Und wir wollen keine Experimente.

(Unruhe)


Präsident Dr. Gunnar Schellenberger:

Jetzt stopp! Keine Palastrevolution. - Sind Sie am Ende? Sie müssen immer noch bedenken, Sie sprechen als fraktionsloser Abgeordneter. - Da braucht man auch keine Frage mehr zu stellen, das ist zu spät. Der Versuch war klug, aber das funktioniert nicht. - Sind Sie fertig?


Matthias Lieschke (fraktionslos):

Ich bin fertig, ja.