Положение о конфиденциальности
Plenarsitzung

Transkript

Susan Sziborra-Seidlitz (GRÜNE):

Eine Berufsschule im Süden des Landes kämpft um genügend Lehrkräfte. Eine Jugendliche in Zeitz weiß nicht, ob Ausbildung, Studium oder etwas ganz anderes zu ihr passt. Die Schule soll all das auffangen, Grundbildung sichern, Orientierung geben, soziale Probleme abfedern und junge Menschen auf eine Arbeitswelt vorbereiten, die sich rasant verändert. Das ist die Realität in Sachsen-Anhalt. Deshalb ist die Frage dieser Debatte richtig: Wie schaffen wir Bildung, die jungen Menschen Perspektiven gibt und zugleich unser Land wirtschaftlich stärkt?

Aber die Antwort der CDU, sehr geehrte Damen und Herren, greift an dieser Stelle zu kurz. Sie stellen die Praxislerntage ins Schaufenster und nennen das Wachstumsmotor. Das klingt gut, das passt in eine Pressemitteilung, das macht sich super im Gespräch mit Kammern, Verbänden und bei Unterschriften, aber das löst noch längst nicht die gravierenden Probleme, die sich in unseren Schulen stellen: Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, zu viel Bürokratie, politische Eingriffe und Bedrohung durch Rechtsextreme, zu wenig Schulsozialarbeit und Schulpsycholog*innen, verschleppte Digitalisierung. All das sind Probleme, die gelöst werden müssen. Die Bildungskrise ist eine der größten Krisen, die sich in Sachsen-Anhalt stellen.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Praxisnähe in der Bildung ist wichtig, überhaupt keine Frage. Wir GRÜNEN wollen eine starke Berufs- und Studienorientierung an allen weiterführenden Schulformen. Wir wollen flexible Unterrichtsmodelle, auch mit Praxislerntagen. Jugendliche sollen Betriebe kennenlernen, sie sollen ins Handwerk schauen, in Pflegeeinrichtungen, Labore, Werkstätten, Verwaltungen, Hochschulen, Start-ups, Unternehmen der Energiewende. Sie sollen auch Universitäten und Hochschulen anschauen können, unabhängig von der Schule, an der sie lernen. Sie sollen erleben, was sie können und was zu ihnen passt.

Doch wer eine starke Wirtschaft will, der braucht nicht nur Jugendliche, die irgendwann im Betrieb stehen. Er braucht Kinder, die vorher lesen können, rechnen können, sich ausdrücken können, digital arbeiten können, im Team handeln können, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickelt haben. Wer Fachkräfte will, der muss Grundbildung ernst nehmen.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Bildungsungerechtigkeit beginnt früh. Sie zeigt sich vor der Schule beim Wortschatz, bei frühen mathematischen Fähigkeiten, bei der Frage, wer gute Förderung bekommt. Sie setzt sich fort bei Noten, Empfehlungen, Übergängen und Abschlüssen. Sie trifft insbesondere Kinder, deren Eltern weniger Geld, weniger Zeit und weniger eigene Bildungserfahrung mitbringen. Das ist nicht nur ein soziales Problem, das ist auch ein wirtschaftliches Problem. Denn jedes Kind, dessen Talent übersehen wird, fehlt später auch diesem Land. Jeder und jede Jugendliche, der bzw. die ohne Abschluss geht, fehlt später in Betrieben, in der Pflege, im Handwerk, in der Verwaltung, in der Forschung. Jede junge Frau, die nie erfährt, dass Technik etwas für sie sein könnte, fehlt später bei der Energiewende. Wenn ein junger Mensch den Weg zur Ausbildung nicht findet, dann ist das kein individuelles Versagen; das ist vor allem ein Verlust für Sachsen-Anhalt, und zwar in jedem einzelnen Fall.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Dabei reicht es nicht, liebe CDU, die Schule näher an die Wirtschaft zu schieben. Nein, Sachsen-Anhalt braucht mehr. Sachsen-Anhalt braucht ein Bildungssystem, das Talente nicht nur verwaltet, sondern entwickelt, das nicht nur fragt, was der Arbeitsmarkt braucht, sondern das zuerst fragt, was das Kind braucht, um stark zu werden. Dazu gehört längeres gemeinsames Lernen, weil Kinder sich unterschiedlich entwickeln, weil nicht mit zehn Jahren entschieden werden darf, nicht entschieden werden kann, wer später welchen Weg gehen kann, weil frühe Sortierung   das zeigen die Studien   soziale Unterschiede verstärkt.

Wir GRÜNEN wollen die Grundschule bis zur 6. Klasse weiterentwickeln und Gemeinschaftsschulen stärken, damit Wege offenbleiben, damit Abschlüsse möglich bleiben, damit ein späterer Bildungsweg nicht vom Elternhaus abhängt. Dazu gehört auch Schulsozialarbeit - nicht als Bonus, nicht als Projekt, das irgendwann ausläuft, sondern als feste Unterstützung im Schulalltag. Wer junge Menschen in Ausbildung bringen will, der muss sie vorher stabilisieren, muss Konflikte auffangen, muss Familien beraten, muss Lehrkräfte entlasten. Das mag uns nicht gefallen, aber das ist die Realität. Er muss verhindern, dass Jugendliche verschwinden, bevor Berufsorientierung überhaupt wirken kann. Deswegen ist es so fatal, dass es die Koalitionsfraktionen von CDU, SPD und FDP in dieser Legislaturperiode nicht auf die Reihe bekommen haben, ein Landesprogramm Schulsozialarbeit auf die Beine zu stellen.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Das ist ein fatales Signal für die Schulen und die Schüler*innen, die sie besuchen, und vor allem ein fatales Signal für die Schulsozialarbeiter*innen in unserem Land, die eine großartige und so wichtige Arbeit leisten. Dazu gehört auch Ganztagsbetreuung mit Qualität. Ganztagsbetreuung darf nicht einfach nur Nachmittagsbetreuung sein. Sie muss Räume öffnen für Sport, Musik, Kultur, Demokratiebildung, digitale Bildung, Berufsorientierung, Hausaufgabenhilfe und Begegnung mit Betrieben und Hochschulen. Gerade Kinder ohne Netzwerke zu Hause brauchen solche Erfahrungen auch im Raum Schule.

Dazu gehören auch faire Übergänge. Nicht alle Jugendlichen haben Eltern, die wissen, welche Ausbildung Zukunft hat, welche Fristen gelten, welche Hochschule passt oder wie man einen Betrieb anspricht. Deshalb brauchen wir starke Jugendberufsagenturen, gute Beratung, erreichbare Berufsschulen in allen Regionen und sozialpädagogische Begleitung, gerade für diejenigen, die es schwerer haben.

Das ist grüne Politik, die Menschen stärkt. Diese führt dann auch zu besserer Wirtschaftspolitik, weil wir Wirtschaft mit Bildung verbinden, weil wir Handwerk, Ausbildung, Hochschulen, Forschung, Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen und Klimaberufe zusammen denken, weil die Energiewende Fachkräfte braucht, weil moderne Industrie Fachkräfte braucht, weil Pflege, Kitas, Schulen, Verwaltung, Krankenhäuser, Arztpraxen, Mittelstand und Landwirtschaft Fachkräfte brauchen. Diese Fachkräfte fallen nicht vom Himmel, sie sitzen heute in unseren Klassenzimmern.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Vielleicht sind sie noch unsicher, vielleicht haben sie nicht den perfekten Lebenslauf, vielleicht haben sie Eltern, die keinen akademischen Weg kennen, vielleicht haben sie eine Behinderung, vielleicht ist Deutsch ihre neue, ihre zweite Sprache, vielleicht leben sie auf einem Dorf weit weg vom nächsten Berufsschulstandort - und genau deshalb und genau dort muss Politik Brücken bauen.

Die CDU stellt eine wacklige Hängebrücke auf morschen Boden und feiert den Spatenstich. Wir sagen: Erst muss das Fundament stimmen - Unterricht, Grundkompetenzen, Schulsozialarbeit, Ganztagsbetreuung, Beratung und gerechte Schulstrukturen.

Stellen wir uns Sachsen-Anhalt anders vor. Eine Schülerin aus Hettstedt macht einen Praxislerntag in einem Solarbetrieb, weil ihre Schule gute Kontakte dorthin hat. Danach spricht sie mit einer Berufsberaterin. In einer Schülerfirma macht sie praktische Unternehmenserfahrungen. Das wirkt besser als jede Einzelstunde Pflichtunterricht in Wirtschaft. In der AG am Nachmittag in der Ganztagsschule baut sie mit anderen dann ein Technikprojekt. Ihre Lehrerin erkennt ihr Talent. Später absolviert sie eine Ausbildung, wird Meisterin oder studiert Ingenieurwesen - nicht weil sie Glück hatte, sondern weil Bildung und Wirtschaft endlich zusammenwirken und Chancen schaffen. Genau so wird Sachsen-Anhalt stark. Nur mit den GRÜNEN wird Bildung zur Grundlage für eine Wirtschaft, die Zukunft hat - die Zukunft hat, weil sie die Kinder ernst nimmt und weil sie die Chancen aller Kinder ernst nimmt. - Vielen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN)


Präsident Dr. Gunnar Schellenberger:

Danke. - Damit sind wir am Ende dieser Aktuellen Debatte angelangt. Wir führen hier vorn einen Wechsel durch.