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Sonntag, 22.09.2019

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Plenarsitzung

Transkript

Wir kommen nunmehr zum zweiten Thema der Aktuellen Debatte


Reformationsjubiläum im Interesse aller Menschen in Sachsen-Anhalt gestalten

Antrag Fraktion DIE LINKE - Drs. 7/492


Die parlamentarischen Geschäftsführer haben die Reihenfolge wie folgt vereinbart: DIE LINKE, SPD, AfD, GRÜNE und CDU. Die Redezeit beträgt wie beim vorherigen Thema zehn Minuten pro Fraktion. Einbringen wird den Antrag für die Fraktion DIE LINKE der Abg. Herr Gallert. Bitte, Herr Gallert, Sie haben das Wort.


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Danke, Frau Präsidentin. - Werte Kolleginnen und Kollegen! Wir haben eine Aktuelle Debatte, die sich allerdings mit historischen Zeitabläufen beschäftigt. Das ist jetzt nicht ganz ungewöhnlich. Aber hier ist die Dimension dann doch schon einmal neu.

Es geht um 500 Jahre Reformation, es geht um eine Reformationsdekade, die bereits seit neun Jahren läuft, und es geht um das Reformationsjubiläum, das im kommenden Jahr vor uns liegt. Das sind die historischen Dimensionen, die heute in einer Aktuellen Debatte behandelt werden sollen.

Allerdings, glauben wir, ist es bitter nötig, dass diese Themen in einer Aktuellen Debatte im Landtag behandelt werden sollen; denn die Dinge, die im nächsten Jahr passieren, sind mit sehr vielen Erwartungen und Hoffnungen, allerdings auch mit einigen Risiken verbunden.

Zuerst einmal zum Gegenstand. Natürlich handelt es sich bei dieser Reformation mit einem verengten Blick gesehen vielleicht erst einmal nur um ein kirchengeschichtliches Ereignis. Die Entstehung einer neuen christlichen Kirche neben der bis zu diesem Zeitpunkt dominanten oder im Grunde genommen monopolistisch existierenden katholischen Papstkirche.

(Zuruf von Sebastian Striegel, GRÜNE)

Aber es ist natürlich sehr viel mehr. - Herr Striegel, ich weiß, Sie sind da Fachmann, aber darum geht es mir heute gar nicht. Sie können Ihre Redezeit gern dazu verwenden, das zu erläutern.

Es geht hier um sehr viel mehr. Es geht um eine grundsätzliche Wendezeit in der historischen, in der menschlichen Entwicklung. Viele, die meisten Historiker bezeichnen diese Zeit der Reformation als das Ende des Mittelalters und den Beginn der Neuzeit, und - das ist vielleicht der wichtigste Hinweis auf unsere aktuelle Situation - es war eine Zeit schwerer Krisen, aus denen aber auch viele hoffnungsvolle und wirklich als neu zu bezeichnende Aufbrüche und Neustarts in der Gesellschaft erfolgt sind.

(Beifall bei der LINKEN - Zustimmung von Frank Scheurell, CDU)

- Danke, Herr Scheurell.

(Frank Scheurell, CDU: Gerne!)

Der Gegenstand dieser Aktuellen Debatte ist daher nicht so sehr ein innerkirchlicher, sondern die Frage, wo ist die Rolle der Öffentlichkeit, wo ist die Rolle des Landes und wo ist die Rolle der Kommunen hierbei zu suchen. Dass diese Institutionen, Land und Kommunen, eine ganz wesentliche Rolle in dieser Reformationsdekade und beim Reformationsjubiläum haben, das ist Konsens.

Allein in den Finanzierungsvereinbarungen, die in diesem Kontext getroffen wurden, wurde eine Summe von mehr als 120 Millionen € aus öffentlichen Kassen festgelegt, die in dieses Ereignis hineinfließt. Alle Insider wissen, diese 120 Millionen € an öffentlichen Mitteln sind eher eine niedrige Schätzung als die Realität. Allein der Landkreis Wittenberg muss für den Kirchentag im Mai 1,3 Millionen € aus eigenen Mitteln bereitstellen, die er nicht refinanziert bekommt, um dieses Ereignis abzusichern. Diese Kosten sind in der Summe von 120 Millionen € noch gar nicht enthalten. Die Öffentlichkeit, die öffentliche Hand engagiert sich für dieses Jubiläum also außerordentlich stark.

Daraus ergeben sich natürlich Fragen, nämlich Fragen, über die wir hier im Gegensatz zu den finanziellen Rahmenbedingungen leider noch so gut wie gar nicht diskutiert haben, nämlich: Was will eigentlich die Öffentlichkeit, was will dieses Land mit diesem Mitteleinsatz erreichen? Welche Debatten wollen wir anregen? Was ist der gesellschaftliche Mehrwert, den wir damit erreichen wollen?

Dann muss man ganz klar sagen - das ist auch ein Wort der Selbstkritik  : Dieser Landtag hat sich durchaus des Öfteren damit beschäftigt, allerdings nur in einem Teil, ausschließlich im Finanzausschuss.

(Beifall bei der LINKEN)

Ausschließlich im Finanzausschuss ist über diese Reformationsdekade geredet worden. Es gab einen einzigen Selbstbefassungsantrag im Kulturausschuss der Fraktion DIE LINKE. Warum? - Weil das Geld knapp wurde.

Das waren im Wesentlichen die Dinge, über die wir geredet haben. Über die eigentlichen inhaltlichen Dinge, die sich damit verbinden, über die eigentlichen Ziele haben wir nicht geredet.

Dahinter verbirgt sich ein Grundfehler bei dem Engagement der öffentlichen Hand. Dieser Grundfehler besteht in der Vorstellung, wir geben das Geld und die Kirche macht damit irgendwas. Das war ein Grundfehler, der von vornherein in diesen Kooperationsvereinbarungen gesteckt hat. Er wäre vermeidbar gewesen.

Wenn die öffentliche Hand für ein solches Jubiläum so viel Geld gibt, dann hat die öffentliche Hand darauf zu achten, dass dieses Ereignis ein Gewinn für alle Menschen ist und eben nicht nur aus der Perspektive der kirchlichen Strukturen ein Erfolg wird.

(Beifall bei der LINKEN)

Wir werfen dieses Defizit - das will ich ganz klar sagen - übrigens nicht den Kirchenvertretern vor. Wir werfen dieses Defizit den staatlichen Vertretern vor, vor allen Dingen dem Herrn Ministerpräsidenten und dem vorhergehenden Kultusminister, der all diese Vereinbarungen unterzeichnet, aber die Frage nicht gestellt hat, was das eigentlich für 80 % der Menschen, die bei uns in keiner Religionsgemeinschaft sind, für einen Mehrwert hat. Diese Frage ist nicht ausreichend gestellt worden.

(Beifall bei der LINKEN - Zustimmung von Andreas Mrosek, AfD)

Ich sage ganz klar: Natürlich kenne ich die Debatten. Ich bin jetzt einmal so frech und nenne sie die Debatten über Brot und Spiele: Volksfeste, Lutherfiguren, Legofiguren, Lutherkeks, Lutherkirche für 58 € ab heute in der Kirche Wittenberg zu kaufen.

(Frank Scheurell, CDU: Das ist zu billig!)

- 58 € ist vielleicht zu billig.

(Frank Scheurell, CDU: Nicht der Wert! Da so heranzugehen, ist zu billig!)

- Ja, gut, Herr Scheurell. Trotz alledem werden Sie diese Kritik von uns akzeptieren müssen.

Was wir brauchen, was wir dringend hätten anregen müssen und was wir jetzt dringend anregen müssen, um es in diese Richtung zu bringen, ist, welche gesellschaftlichen Debatten führen wir, damit sich 80 %, die bei uns nicht konfessionell gebunden sind, davon angesprochen fühlen. Es gibt eine Menge. Das haben wir anzupacken.

(Beifall bei der LINKEN)

Deswegen kritisieren wir als LINKE übrigens nicht, dass das Geld in das Lutherjubiläum fließt, sondern wir kritisieren die mangelnde inhaltliche Zielstellung, die damit verbunden ist.

Ich will auf ein, zwei Dinge kurz eingehen. Das erste Problem: Wir brauchen für diese Debatte nicht den Eindruck, wie ihn der Kollege Richter vom Deutschlandfunk reflektiert hat:

(Frank Scheurell, CDU: Das stimmt!)

Elite, Schnittchen, Empfänge, man fühlt sich wohl, und der Ministerpräsident geht mit gekrönten Häuptern im Wochenrhythmus durch die Stadt Wittenberg und freut sich.

(Cornelia Lüddemann, GRÜNE: Das ist auch sehr kurz gegriffen!)

Dieser Eindruck darf nicht bestehen bleiben.

(Cornelia Lüddemann, GRÜNE: Das ist auch falsch!)

Wir müssen darüber diskutieren, was uns dieses Reformationsjubiläum heute bedeutet. Dazu will ich nur eines sagen. Wir brauchen eine kritische Reflexion dessen, was dort kommt. Wir brauchen auch eine Debatte, wie sie zum Beispiel innerhalb der Kirchen geführt worden ist: Religion und Toleranz nach der Reformation. Diese Debatte ist innerhalb der Kirchen geführt worden, aber eben nicht in der Gesellschaft.

Ich will noch einmal klar sagen: Natürlich haben wir Herrn Luther und den Reformatoren viel zu verdanken, Toleranz war es aber nicht - um das klar zu sagen.

(Beifall bei der LINKEN)

Toleranz war es nicht. Das war die Leistung der Aufklärung.

Wenn wir sagen, mit dem entsprechenden Friedensvertrag im Jahr 1555 darf nun jeder seine Religion haben, ob katholisch oder lutheranisch, aber er hat gefälligst in dem Gebiet zu wohnen, in dem der Fürst seine Religion hat, dann ist das nicht nur eine historische Debatte. Diese Debatte kennen wir 500 Jahre später auch.

(Beifall bei der LINKEN)

Zum Beispiel sagt der Innenminister dieses Landes: Der Islam gehört nicht zu Deutschland.

(André Poggenburg, AfD: Jawohl! - Beifall bei der AfD)

Sind wir heute nicht weiter als im Jahr 1555? - Doch. Wir müssen weiter sein und deswegen brauchen wir eine kritische Reflexion der Reformation, liebe Kolleginnen und Kollegen, und diese ist bisher ausgeblieben.

(Beifall bei der LINKEN)

Wir haben ein zweites Problem. Luther ist das eine, aber auch die Lutherreflexion hat eine 500-jährige Geschichte. Luther ist im Zeitwandel durchaus unterschiedlich reflektiert worden.

Die dominanteste Lutherreflexion, die sich bis heute leider relativ stabil hält, ist die preußisch-wilhelminische Reflexion des 18./19. Jahrhunderts. Dies war keine Reflexion, sondern eine lutheranische Heldenverehrung. Deswegen kann ich Schorlemmer nur zustimmen, wenn er bei der Restaurierung der Schlosskirche ausdrücklich die Reproduktion des wilhelminischen Glanzes gegenüber Luther kritisiert. Das ist die fehlende Auseinandersetzung und sie wird dann auch ganz konkret.

Innerhalb der Kirchen hat man sich mit dem Antisemitismus von Luther auseinandergesetzt. Die Synode der EKD hat dazu eindeutige Position bezogen. In der öffentlichen Debatte über das Reformationsjubiläum spielte der Antisemitismus von Luther aber keine Rolle. Das ist uns jetzt auf die Füße gefallen bei der Diskussion über die sogenannte Judensau an der Lutherkirche, die es an 30 verschiedenen anderen Orten auch gibt. Aber eine öffentliche Auseinandersetzung, die uns glaubwürdig in Distanz zu seinem Antisemitismus bringt, hat es nicht gegeben.

Bei der Einweihung der Schlosskirche hat nicht ein einziger Vertreter auch nur ein Wort über den Antisemitismus von Luther verloren. Das sind die Versäumnisse, die jetzt repariert werden müssen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

(Beifall bei der LINKEN - Siegfried Borgwardt, CDU: Aber das haben die Kommunisten in den 80ern auch nicht gemacht!)

Ich will abschließend sagen, eine zweite kritische Debatte ist vollständig ausgefallen, und zwar, dass Luther zwar sehr viel für die Befreiung aus den ideologischen Zwängen der Papstkirche getan hat, aber zu einer anderen Befreiung, nämlich zur sozialen Befreiungsbewegung der Bauern gegenüber den Fürsten, und zwar egal ob katholisch oder protestantisch, hat er eine große Distanz gehabt. Diese hat er sogar verurteilt. Er hat Reden geschwungen, die man nur mit schlimmsten Mord- und Gewaltfantasien bezeichnen kann. Dazu findet keine kritische Debatte statt, und eigenartigerweise verschwindet in der öffentlichen Wahrnehmung deswegen auch ein anderer Reformator, den es in Sachsen-Anhalt gegeben hat,

(Robert Farle, AfD: Thomas Müntzer!)

- genau -, nämlich Thomas Müntzer. Er verschwindet vollständig.

(Beifall bei der LINKEN)

Warum? - Für ihn stand die soziale Frage im Mittelpunkt der Reformation.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Werter Herr Gallert, kommen Sie bitte zum Ende.


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Damit wir uns nicht missverstehen. Das war kein Held. Er hatte genau dieselben Fehler wie Luther.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Sehr geehrter Herr Gallert, kommen Sie bitte zum Schluss!


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Aber ihn zu verstecken und verschwinden zu lassen, das ist nicht in Ordnung. - Das tue ich natürlich, Frau Präsidentin, aber Sie merken, das Thema regt an.

(Heiterkeit bei der LINKEN)

Insofern will ich am Ende des Tages sagen: Natürlich gibt es auch positive Ansätze. Gerade in Mansfeld-Südharz versucht man mit wenig Geld, die Dinge von unten zu diskutieren. Ich hoffe, dass wir in einem Jahr hier stehen und eine positive Bilanz ziehen werden. Diese darf sich nicht in Übernachtungszahlen und netten Häppchen erschöpfen. - Danke, liebe Kolleginnen und Kollegen.

(Starker Beifall bei der LINKEN)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Es gibt zwei Nachfragen.

(Dr. Hans-Thomas Tillschneider, AfD: Drei! - Siegfried Borgwardt, CDU: Ich wollte eine Zwischenintervention machen!)

- Eine Zwischenintervention von Herrn Borgwardt und dann die beiden Fragen. Bitte.


Siegfried Borgwardt (CDU):

Da er auf meinen Zwischenruf nicht reagiert hat.


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Ich habe ihn nicht gehört.


Siegfried Borgwardt (CDU):

Ich weiß nicht, ob Sie damals schon so affin waren. Wir hatten auch einmal eine Lutherehrung zu DDR-Zeiten.


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Ja.


Siegfried Borgwardt (CDU):

Sie hat sich übrigens im Wesentlichen nicht von der unterschieden, die wir jetzt haben.

(Heiterkeit bei der LINKEN)

Das muss ich einmal ganz deutlich sagen, Kollegen, ganz ruhig. Es wurden die Fassaden vorne angepinselt.

Jetzt komme ich zu dem Problem, das Sie genannt haben. Sicherlich, es gibt den Widerspruch. Er ist auch sehr gut deutlich gemacht worden in einer Ausstellung in der Lutherhalle zum Antisemitismus. Daran kann ich mich sehr gut erinnern, Das war allerdings in den 90er-Jahren.

(Andreas Schumann, CDU: War in Magdeburg auch!)

Jetzt komme ich zu dem Problem. Man kann der DDR alles Mögliche nachsagen, aber dass sie sich für Antifaschismus eingesetzt hat, ist, glaube ich, unstrittig.


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Ja.


Siegfried Borgwardt (CDU):

Trotzdem haben im Jahr 1983 genau diese Dinge, die Sie eben angesprochen haben, auch die Kommunisten ausgeblendet. Es gab keine Auseinandersetzung mit der Judensau.

(Unruhe - Sebastian Striegel, GRÜNE: Das macht es nicht besser!)

Ich will das nur der Vollständigkeit halber sagen, weil sonst der Eindruck entsteht, es gibt zwei verschiedene Welten. Dass es eine tiefe Diskussion ist, das ist unbestritten. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Es hat aber nichts damit zu tun, dass es jetzt in der Gesellschaft ausgeblendet wird. Es haben auch die ausgeblendet, die den Antifaschismus als Monstranz vor sich hergetragen haben.


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Herr Borgwardt, ich will trotzdem darauf antworten, obwohl Sie das vielleicht gar nicht hören wollen, völlig egal.

(Heiterkeit bei der LINKEN)

Erstens. Ich bin wirklich weit davon entfernt zu akzeptieren, dass, wenn vor 1989 Fehler gemacht wurden, diese Fehler heute wieder gemacht werden.

(Beifall bei der LINKEN - Zuruf von Siegfried Borgwardt, CDU)

Zweitens. Das Problem der DDR mit Antisemitismus ist ein sehr differenziertes, aber auf jeden Fall existent. Das Problem ist weitestgehend an den Rand der gesellschaftlichen Wahrnehmung geschoben worden. Allerdings - das muss man sagen - gab es schon zu DDR-Zeiten die entsprechende Gedenkplatte, eingelassen in die Erde, die sich mit der sogenannten Judensau auseinandergesetzt hat. Das heißt, auch in der DDR war die Reflexion durchaus differenzierter, als sie heute manchmal dargestellt wird. Eines sollte uns aber einen: Fehler, die damals gemacht wurden, entschuldigen nicht die heutigen.

Insofern glaube ich übrigens, so intensiv die Debatte über den Antisemitismus aufgekommen ist - allerdings von außen, eher von außen  , so erfolgreich kann sie auch geführt werden. Ich glaube sehr wohl, dass es auf einem guten Weg ist.

Aber die Auseinandersetzung über die soziale Frage ist bis heute vollständig ausgeblendet worden. Das ärgert uns möglicherweise mehr als andere. Das ist so. - Danke.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Gallert, es gibt noch drei weitere Anfragen. Zuerst Herr Dr. Tillschneider, dann Herr Krull und danach Herr Scheurell. - Bitte, Herr Dr. Tillschneider.


Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD):

Eine Intervention, keine Nachfrage, aber Sie können ja darauf antworten. - Sie haben jetzt zehn Minuten zum Thema Reformation gesprochen. Einiges war vernünftig, etwa die Kritik an der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Luther, anderes war fragwürdig bis amüsant, etwa die Anklänge an die DDR, an das DDR-Geschichtsbild und das DDR-Lutherbild.

Was mich aber verwundert hat, ist, dass hier jemand lang und breit über Luther sprechen kann, ohne seine wichtigste Leistung auch nur in einem Nebensatz zu erwähnen. Das war die Übersetzung der Bibel in unser geliebtes Deutsch, die für unsere deutsche Identität so überaus wichtig ist.

(Beifall bei der AfD)


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Herr Tillschneider, ich kann darauf kurz antworten. Es gibt so viele, die pausenlos und nichts anderes über Luther gesagt haben, dass das bei mir heute wirklich nicht notwendig war. Ich glaube, wir kommen in der Debatte keinen Schritt weiter, wenn wir in dieser Art der sehr profanen Würdigung und Reflexion über diese Person reden.

Es ist übrigens umstritten, ob er überhaupt der Erste war, der diese Bibelübersetzung ins Deutsche gemacht hat. Es gibt andere Historiker, die sagen, dass es Müntzer gewesen ist.

(Dr. Hans-Thomas Tillschneider, AfD: Das ist doch Quatsch!)

- Na ja, so einfach ist es eben nicht. Das ist eben das wilhelminische Geschichtsbild des großen Helden Luther. Die Wahrheit ist sehr viel differenzierter. Sie wissen auch, keiner weiß, ob er die 95 Thesen wirklich selbst angeschlagen hat. Auch das ist typisch wilhelminisches Lutherbild. Deswegen können wir uns ruhig auch historisch damit auseinandersetzen. Der Schwerpunkt meiner Debatte war allerdings, was bedeutet das für hier und heute. Das gebe ich gern zu.

(Beifall bei der LINKEN)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Krull, Sie haben das Wort.


Tobias Krull (CDU):

Ein kurzer Hinweis: Am 25. Februar dieses Jahres fand in Magdeburg eine Veranstaltung statt „Luther und die Juden“, hier durchgeführt im Evangelischen Kirchenkreis und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Auch Ihre Fraktion hatte eine Einladung bekommen. Ich habe leider keinen aus Ihrer Partei gesehen. Es wäre gut gewesen wäre, wenn jemand da gewesen wäre, um vielleicht einige der hier gemachten Äußerungen zu verdeutlichen und klar zu machen, dass wie uns als evangelische Kirche auch damit auseinandersetzen.

(Zustimmung bei der CDU - Zurufe von der CDU und von der AfD)


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Herr Krull, mein Problem ist überhaupt nicht     Ich habe, wenn Sie genau zugehört haben, die evangelische Kirche ausdrücklich gelobt. Sie hat eine hervorragende Position auf ihrer Synode 2013 - glaube ich, aber ich bin mir nicht 100-prozentig sicher - zu der Frage der Distanzierung vom Antisemitismus Luthers und eine ausdrückliche Entschuldigung gegenüber den Anhängern der jüdischen Religion gehabt.

Mein Problem ist, dass die öffentliche Hand massiv Geld für dieses Jubiläum gegeben hat, ohne selbst dieses Problem aufzugreifen. Ich sage noch einmal klar: Ich habe gesagt, das hätte thematisiert werden müssen, vor allen Dingen nach dieser Vorgeschichte, bei der Wiedereinweihung der Schlosskirche. Ich hätte sagen können: der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm hätte das machen können. Aber ich sitze nicht in der Synode. Ich sitze hier im Landtag. Deswegen sage ich, der Ministerpräsident hatte es tun müssen .Mein Vorwurf geht nicht an die Kirche, mein Vorwurf geht an diejenigen, die sich als öffentliche Geldgeber in die inhaltliche Debatte hätten einmischen müssen. Das ist nicht passiert.

(Beifall bei der LINKEN)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Scheurell, Sie haben das Wort.


Frank Scheurell (CDU):

Sehr geehrter Herr Gallert, Sie haben in Ihrer Ihnen eigenen Art viel Richtiges zur politischen Debatte heute beigetragen. Aber, sehr geehrter Herr Gallert, ganz am Ende - da hatte ich mich schon gemeldet  , haben Sie richtig darauf reflektiert, dass 1987 in einem ökumenischen Akt die Kirchen des Kreises Wittenberg, die Bronzeplatten an der „Judensau“ befestigt, die aufquellen, um zu zeigen: Alle Platten, alle Deckel dieser Welt, können es nicht schaffen, das Unrecht, das an den jüdischen Mitbürgern in Deutschland verübt wurde, zuzudecken. Das war damals eine von vielen Interpretationen.

Wir haben uns als Christen in unserer Stadt sehr wohl damit auseinander gesetzt. Es war schön, dass Sie das auch noch gesagt haben. Es war mir sehr, sehr wichtig, dass das noch einmal gesagt wurde. Es gehört nämlich in die Debatte. Wir haben es nicht einfach so stehen lassen. Auch im Magdeburger Dom ist die „Judensau“. Es werden viele nicht wissen, dass sie überall ist.

(Zuruf von der CDU: Aber man sieht sie nicht so deutlich!)

- Ja, sie ist etwas versteckter. Ganz genau. Man sieht sie nur von innen.

(Zuruf von der CDU: Sie ist nicht genau zu sehen!)

- Ganz genau. - Ich will sagen, man muss alles immer im Kontext zur damaligen Zeitgeschichte sehen. Denn auch die Debatte, die Sie heute führen, sehr geehrter Herr Gallert, die Sie zu Recht angestoßen haben - und wir müssen uns damit auseinander setzen  , ist immer in dem zeitlichen und geschichtlichen Kontext zu sehen. - Danke.

(Zustimmung bei der AfD)


Wulf Gallert (DIE LINKE):

Danke, Herr Scheurell, noch einmal ausdrücklich für Ihre Wortmeldung. Die entsprechende Installation dieser Platte war eine kirchliche Initiative vor Ort. Aber Sie wissen ja mindestens genauso gut und noch viel besser als ich, dass in der DDR nichts passierte, wenn nicht Staat und Partei gesagt haben: Okay, es geht. Zumindest an der Stelle war die DDR dann etwas differenzierter, als wir sie heute in der Frage wahrnehmen. Darauf wollte ich hinweisen.

Ansonsten, Herr Scheurell, haben Sie völlig richtig gesagt: Die Leute müssen in ihrem historischen Kontext betrachtet werden. Das führt aber dazu, dass man sie auf der einen Seite auch für den Antisemitismus, den zum Beispiel Luther gebracht hat, nicht aus der heutigen Perspektive der Erfahrung des Holocaust verurteilen darf. Das darf man nicht. Auf der anderen Seite gehört aber auch dazu, dass man dann aus historischen Personen keine Helden machen darf, weil man dann diese kritische Distanz verliert. Das gilt übrigens für Luther wie für Müntzer.   Herzlichen Dank.

(Beifall bei der LINKEN)