Marco Tullner (Minister für Bildung):

Vielen Dank, Herr Präsident. - Gestatten Sie mir zunächst zwei Vorbemerkungen. Die erste Bemerkung: Herr Lippmann, ich habe zur Kenntnis genommen, dass Sie irgendwie schon im Wahlkampfmodus sind und sich schon Gedanken darüber machen,

(Zuruf von Hendrik Lange, DIE LINKE)

wer wie unterwegs ist. Das unterscheidet uns sehr. Die Landesregierung hat, und lässt sich dabei auch vom Kollegen Lange nicht beirren, im Moment sehr stark damit zu tun, die Coronapandemie und deren Folgen in allerlei Hinsicht zu bewältigen,

(Zuruf von Hendrik Lange, DIE LINKE)

sodass das Thema Wahlkampf für uns beileibe überhaupt nicht auf der Tagesordnung steht, sondern wir Sachprobleme zu lösen haben und das auch tatkräftig tun werden.

Infolge der Geschichte wird es irgendwann Wahlkampf geben und im Laufe der Zeit werden wir sehen, welche persönlichen, individuellen Entwicklungen der eine oder andere von uns hier im Hohen Hause macht. Darüber können wir dann auch trefflich diskutieren. Bis dahin verbieten sich, aus Sicht der Regierung zumindest, solche Spekulationen in allerlei Hinsicht.

Der zweite Punkt, den ich an dieser Stelle noch vorbringen will: Ihre Einlassung zu den Förderschulen - Kollegin Gorr hat darauf schon ein Stück weit rekurriert - fand ich sehr entlarvend. Das dahinterliegende Denkmodell von Inklusion ist gescheitert, und darüber bin ich sehr froh, meine Damen und Herren. Das darf ich an dieser Stelle auch noch einmal betonen.

Schulen in ihrer Arbeit zu diskreditieren, Schülerinnen und Schüler zu stigmatisieren, das sollten wir uns hier bitte schön nicht leisten. In dem Ringen, bestmögliche Bildungsangebote für unsere Kinder zu organisieren, sollten wir sachlich und an der Sache orientiert arbeiten.

(Zustimmung)

So weit meine Vorbemerkungen. Jetzt zur eigentlichen Rede, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Der Tagesordnungspunkt 10 vereint zwei durchaus ambivalente Themenfelder, zum einen die Forderung der AfD, die besagte Inklusion aus dem Schulgesetz zu streichen, den inklusiven Unterricht zu beenden und das System der Förderschulen zu erweitern, zum anderen die Anträge der Fraktionen DIE LINKE und der AfD, die geplanten Anpassungen des Organisationserlasses für die Sekundar- und Gemeinschaftsschulen im kommenden Schuljahr nicht umzusetzen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit der Ratifikation der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2009 dazu verpflichtet, den Zugang aller Menschen mit Behinderungen zum vollen und gleichberechtigten Genuss aller universalen Menschenrechte und Grundfreiheiten zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten sowie Benachteiligungen zu verhindern und zu beseitigen. Die UN-Behindertenrechtskonvention formuliert hierzu verbindliche Vorgaben, wie dies zu sichern ist.

In Artikel 24 der besagten Konvention werden die Vertragsstaaten zur Gestaltung eines inklusiven Bildungssystems verpflichtet. Das Bildungssystem soll Menschen mit Behinderungen dazu befähigen - Zitat  , „ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung zu bringen“ - ein Ziel, das, glaube ich, die allermeisten in diesem Hohen Hause teilen. Dafür müssen die ratifizierenden Staaten sicherstellen, dass niemand vom Bildungssystem ausgeschlossen wird und dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben.

Meine Damen und Herren! Ein wesentlicher Teil der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ist der gemeinsame Unterricht von Schülerinnen mit und ohne Behinderung bzw. Beeinträchtigungen. Das Land Sachsen-Anhalt hat sich dazu bekannt. Das findet seinen Ausdruck im Landesaktionsplan und im Schulgesetz unseres Landes.

In Sachsen-Anhalt kommen Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderungen in den Genuss der allgemeinen Bildungsangebote. Bildung und lebenslanges Lernen sind bei Respektierung des Willens der betroffenen Menschen mit Behinderungen oder bei nichtvolljährigen Kindern und Jugendlichen bei Respektierung des Elternwillens von Anfang an gemeinsam möglich. Bildungsinhalte und Bildungsformen orientieren sich an den individuellen Lern- und Leistungsmöglichkeiten der Schüler.

Schon im Jahr 2001 wurde die sonderpädagogische Förderung im gemeinsamen Unterricht explizit in das Schulgesetz aufgenommen. Seither hat sich dieser in Sachsen-Anhalt kontinuierlich weiterentwickelt. Einen deutlichen Anstieg erfuhr der gemeinsame Unterricht im Jahr 2005 nach der Implementierung regionaler Förderzentren im Land.

Einen weiteren Ausbau dieser Form der sonderpädagogischen Förderung erbrachte die Einrichtung des mobilen sonderpädagogischen diagnostischen Dienstes, der unter anderem die Eltern über die Form der Förderung insgesamt informiert und bei der Entscheidung durch Beratung unterstützt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Viele Monate lang haben wir in diesem Haus über das Förderschulkonzept diskutiert. Es war uns allen ein Anliegen, die Förderschulen als wichtiges Element unserer Bildungslandschaft dauerhaft zu stärken. Dieser Wille stand und steht auch zu keinem Zeitpunkt konträr zu dem Anspruch, den gemeinsamen Unterricht zu stärken. Entscheidend müssen letztlich der Wille des betroffenen Schülers bzw. die Respektierung des Elternwillens bleiben. Dem werden wir auch weiterhin mit unseren Bemühungen Rechnung tragen. Der Antrag der AfD-Fraktion ist daher aus meiner Sicht überflüssig und passt schon längst nicht mehr die Zeit.

(Zustimmung)

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich komme nunmehr zu dem neuen Unterrichtsorganisationserlass für Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. Sicherlich kann man diese Regelung kritisch sehen und fordern, diese zu unterlassen oder gar den Zustand von 2016/2017 wiederherzustellen. Leider haben wir andere Rahmenbedingungen als seinerzeit. Die Schülerzahl steigt nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand bis voraussichtlich Mitte der 20er-Jahre weiterhin leicht an. Eine erkennbare Abnahme der Schülerzahlen an beiden Schulformen wird voraussichtlich nicht vor dem Jahr 2030 eintreten, wenn sie überhaupt eintreten wird. Wir wissen um die Aussagekraft unserer Prognosen in der Vergangenheit.

Somit wachsen die Bedarfe an Lehrerwochenstunden und damit der Lehrkräftebedarf. Bundesweit liegt der Fehlbedarf an ausgebildeten Lehrkräften mit dem Lehramt für die Sekundarstufe I bis zum Jahr 2030 bei durchschnittlich knapp 2 000 Kollegen - wohl gemerkt: jährlich und bundesweit. Alle Länder stehen vor dem Problem, die hohen Ausscheidequoten von Lehrkräften aus dem Schuldienst unter diesen Bedingungen mit jungen Kollegen aufzufüllen. Angesichts der beschriebenen Mangelsituation können Sie nachvollziehen, dass es im bundesweiten Wettbewerb zwischen den Ländern keine einfache Situation ist.

(Zuruf)

Ich betone an der Stelle noch einmal ausdrücklich: Ja, in der Vergangenheit sind Fehler gemacht worden. Im Lichte der absehbaren Entwicklungen sind nicht rechtzeitig Kapazitäten geschaffen worden. Aber der Blick nach hinten hilft uns nicht weiter. Wir müssen die Probleme lösen. Das tut diese Landesregierung, meine Damen und Herren.

(Zuruf von Hendrik Lange, DIE LINKE)

Diese Trends wirken zusammen, lassen sich kurzfristig nicht grundsätzlich verändern und beeinflussen die Unterrichtsversorgung. Wir müssen mit diesen Rahmenbedingungen umgehen.

(Zuruf von Hendrik Lange, DIE LINKE)

- Kollege Lange, wir müssen mit diesen Rahmenbedingungen umgehen.

Die Versorgung der Sekundar- und Gemeinschaftsschulen reicht im Mittelwert aus, um den zugewiesenen Grundbedarf und damit die Stundentafel abzusichern. Unterschreiten Schulen aber diesen Wert, gerät die flächendeckende Umsetzung der bisherigen Stundentafeln an Grenzen.

(Zuruf)

Es war notwendig, konkrete Ansätze zu verfolgen, die den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen unter diesen Voraussetzungen realistische Wege eröffnen, um die Stundentafeln im Umfang der Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz abzusichern. Bisher wiesen die Stundentafeln für beide Schulformen höhere Volumina in den Schuljahrgängen, Fächergruppen und Fächern aus, als es in den KMK-Vereinbarungen über die Schularten und Bildungsgänge im Sekundarbereich I von der KMK festgelegt wurde, an denen Sachsen-Anhalt übrigens mitgewirkt hat.

(Zustimmung)

Auch nach der Anpassung liegen wir weiterhin über den Mindestvorgaben der Kultusministerkonferenz.

(Zuruf: Zwei Stunden!)

Diesen Spielraum aufgreifend, sichert die Stundentafel im Unterrichtsorganisationserlass für Sekundar- und Gemeinschaftsschulen ab dem Schuljahr 2020/2021 die Anforderungen gemäß der Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz ab und flexibilisiert die Umfänge der in den Schuljahrgängen und Fächergruppen zu erteilenden Stunden. Dadurch wird verstärkt auf die konkreten Bedingungen an den Schulen sowie ihre Unterrichts- und Klassensituation reflektiert. Die Gestaltungspielräume für die Schulen werden erhöht.

Auch vor Übertreibungen warne ich. Die Wochenstundenzahlen in den Fächern Mathematik und Deutsch werden nicht erheblich oder um etwa ein Viertel reduziert, wie es in dem Antrag der AfD-Fraktion heißt. Vielmehr werden sie in den Schuljahrgängen der Klassen 5 bis 10 zusammengenommen um jeweils zwei Wochenstunden verringert - von zuvor 24 auf jetzt 22 Wochenstunden innerhalb von sechs Schuljahren. Auch in der naturwissenschaftlichen Fächergruppe Biologie, Physik, Chemie und Astronomie wurde die Wochenstundenzahl insgesamt - die Schuljahre 5 bis 10 und alle vier Fächer zusammengenommen - um vier Wochenstunden gekürzt.

Die Schulbehörden haben die Verantwortung, möglichst alle Schulen im hinreichenden Umfang mit Lehrkräften zu versorgen. Um dies auch im mittelfristigen Zeitraum weiter abbilden zu können und gleichzeitig das in Sachsen-Anhalt vergleichsweise kleinteilige Schulnetz abzusichern, musste neben der Flexibilisierung der Stundentafel ergänzend die Zuweisung der Lehrerwochenstunden für den Grundbedarf über die schülerzahlbezogenen Faktoren mit Augenmaß angepasst werden.

Die Variation der Stundentafel verringert den Aufwand an Lehrerwochenstunden. Die Zuweisungen folgen dieser Logik und reichen aus, um die Stundentafel und Teile des Zusatzbedarfes abzudecken. Sollte das zum Beispiel wegen eines ausdifferenzierten Angebots an zweiten Fremdsprachen oder wegen schulfachlich begründeten kleineren Klassen nicht zutreffen, verfügt das Landesschulamt über einen Stundenpool von zusätzlich 1 000 Lehrerwochenstunden, mit dem diese Defizite ausgeglichen werden können. Das ist das Thema der Flexibilisierung.

Alle bisher zugewiesenen Zusatzbedarfe bleiben in ihrer Art und in ihrem Umfang erhalten. Die Stundentafeln und das Zuweisungsmodell wurden kooperativ von einer Arbeitsgruppe erarbeitet und vorgeschlagen, die sich aus Kollegen der Schulpraxis und der Schulaufsicht zusammensetzt.

Lieber Kollege Lippmann, jetzt spreche ich Sie einmal direkt an. Sie skizzieren in der Begründung des Antrages, dass sich das Unterrichtsangebot an den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen nur noch im unteren Drittel aller Bundesländer befinde. - Nun ja.

(Zuruf)

Bei den erteilten Stunden je Klasse liegen wir etwa auf demselben Niveau wie unsere Nachbarländer Thüringen und Sachsen. Das hat auch Gründe. Wie auch Thüringen haben wir bundesweit vergleichsweise kleine Klassen an den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. Das ist eine Folge unseres kleinteiligen Schulnetzes. Ich habe immer wieder gesagt, dass ich das bestehende Schulnetz nicht infrage stellen möchte. Natürlich könnte man das Defizit am Lehrkräftemarkt auch mit größeren Klassen untertunneln. Das hätte für das Schulnetz erheblichen Druck bedeutet. Den haben wir bewusst vermieden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Noch einige Sätze zu angeblichen Einstellungshindernissen und zur Qualifikation von Seiteneinsteigern. Um auf die Personalsituation an Sekundar- und Gemeinschaftsschulen reagieren und die hohen Bedarfe decken zu können, wurden die Einstellungsvoraussetzungen weitestgehend flexibilisiert und ehemals bestehende Einstellungshindernisse sukzessive abgebaut. Seit dem Frühjahr 2016 wurde der zugelassene Bewerberkreis kontinuierlich erweitert. Nunmehr werden Stellen sogar dauerhaft ausgeschrieben. Das ist eine Forderung, die das Hohe Haus immer wieder artikuliert und formuliert hat.

(Zuruf von Hendrik Lange, DIE LINKE)

Zudem wurden finanzielle Anreize geschaffen. - Sie oder zumindest Ihre politische Heimat, Herr Lange, wollten schon vor 40 Jahren alles Mögliche: den Kommunismus errichten und anderes;

(Hendrik Lange, DIE LINKE: Da war ich noch nicht geboren!)

insofern sollten Sie sich mit solchen Botschaften ein bisschen zurückhalten.

Über die Anpassungen im Ausschreibungs- und Einstellungsverfahren habe ich im Plenum und im Ausschuss mehrfach berichtet. Mit der Thematik Gewinnung und Qualifizierung von Seiteneinsteigern wird sich der Bildungsausschuss im Herbst erneut befassen. Wir werden uns somit mit den Fragen der Lehrkräftegewinnung im Ausschuss inhaltlich auseinandersetzen.

Ich entschuldige mich, dass ich ein bisschen länger gebraucht habe, aber ich hatte das Gefühl, die Sachen etwas ausführlicher erklären zu müssen. - Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und freue mich jetzt auf Fragen, sofern sie vom Präsidenten genehmigt werden. Denn eine Meldung habe ich schon gesehen.

(Zustimmung)


Vizepräsident Wulf Gallert:

Gut. - Frau Hohmann, Sie sind vom Minister förmlich aufgefordert worden. Dann machen Sie mal.

(Minister Marco Tullner lacht)


Monika Hohmann (DIE LINKE):

Aber natürlich; das tue ich doch sehr gern. - Mich interessiert Ihre Aussage schon, Herr Tullner. Nach dem letzten Unterrichtsorganisationserlass aus dem Jahr 2017, als die Reduzierung an den Grundschulen beschlossen wurde, hatten Sie sowohl im Plenum als auch im Bildungsausschuss mehrfach betont, dass es mit Ihnen in dieser Legislaturperiode keinen Einschnitt im Hinblick auf den Unterrichtsorganisationserlass mehr geben wird.

Jetzt frage ich mich doch: Was ist passiert, von dem Sie vorher vielleicht nichts wussten, sodass Sie es jetzt doch tun? Denn die Situation von Lehrerinnen und Lehrern war damals bekannt. Natürlich waren auch die Schülerzahlen damals bekannt. Warum erfolgt also jetzt dieser Schwenk weg von Ihrer Aussage, die Sie damals öffentlich hier getätigt haben?


Marco Tullner (Minister für Bildung):

Frau Hohmann, wir sollten uns im Ausschuss darüber vielleicht im Detail unterhalten. Aber die grundsätzlichen Fragen, die Sie gestellt haben, beziehen sich eigentlich auf die Frage: Ist es möglich, bedarfsmindernde bzw. effizienzsteigernde Maßnahmen - die Formulierungen sind je nach Zuschreibung der Rolle in diesem Hohen Hause zuordenbar - zu vermeiden, oder müssen wir uns darauf konzentrieren, unsere Einstellungspraxis und die ganzen Dinge, die damit zusammenhängen, zu flexibilisieren?

Ich glaube, wir haben in den letzten Jahren nachgewiesen, dass wir bei dem Thema Einstellungen und der Frage, was wir mit Seiten- und Quereinstieg an Personal in den Schulen rekrutieren können, an den Grenzen dessen angelangt sind, was unter dem Aspekt Qualitätssicherung möglich ist. Wir haben in den Schulen verschiedene Schwierigkeiten. Die Willkommenskultur für Seiten- und Quereinsteiger ist ein solches Thema, über das viele Kolleginnen und Kollegen berichten. Aber wenn wir mittlerweile schon bei der Frage der Anerkennung von Bachelorabschlüssen

(Zuruf)

sowie bei der Frage angelangt sind, ob man aus dem Beruf des Architekten das Fach Kunstgeschichte als Unterrichtsfach ableiten kann, dann kann man, glaube ich, erkennen, dass wir an den Grenzen dessen angelangt sind zu fragen: Ist es von den Qualifikationen und pädagogischen Fähigkeiten noch verantwortbar, weitere Grenzen zu setzen? Das ist der eine Punkt.

Bei dem zweiten Punkt kann ich mit dem Kollegen Lippmann sehr trefflich über die Definition eines potemkinschen Dorfes debattieren. Ich hätte es mir leicht machen können. Wir hätten sagen können - Herr Lippmann war ja schon Wahlkampfmodus  : Na ja, das eine Jahr werden wir noch ein bisschen mit ein paar Maßnahmen überstehen und dann tun wir so, als ob die Welt schön ist. Ich glaube, die Politik der Kenia-Koalition hat in weiten Teilen gezeigt, dass wir uns dem Problem ein Stück weit transparenter und ehrlicher widmen wollen, als es in der Vergangenheit vielleicht hier und da der Fall war.

Deswegen sage ich: Es hilft nichts, sich Scheinlösungen vorzugaukeln, die am Ende nicht funktionieren. Deswegen hat die Staatsekretärin sehr lange und sehr intensiv mit Vertreterinnen der Schulen und von Verbänden um eine Antwort auf die Frage gerungen: Wie können wir eine Organisation von Sekundarschulbeschulung in diesem Lande sichern, die auf der einen Seite den bildungspolitischen Erfordernissen und den Qualifikationen entspricht, die wir für die Wirtschaft und die Berufsorientierung und die ganzen Dinge im Blick haben, die aber auf der anderen Seite auch realistisch ist? Daraus ist dieses Maßnahmenbündel entstanden, das wir noch ein Stück weit durch solche Maßnahmen ergänzen wie freiwillige Mehrarbeit und Elemente der Digitalisierung, die wir im letzten Jahr schon an Sekundarschulen ausprobiert haben, um das Ziel zu erreichen.

Es geht nicht darum, dem Problem durch das Einhalten von Größen - durch Schulschließungen und sozusagen größere stabile Einheiten - Herr zu werden. Vielmehr wollen wir auch im ländlichen Raum ein Schulnetz erhalten. Dort geht am Ende das Sekundarschulangebot zurück, was die Stundenzuweisung angeht; darum brauchen wir nicht herumzureden. Das ist eine Maßnahme, die weh tut. Aber ich halte sie für verantwortbar im Sinne der beschriebenen Parameter.

Deswegen, um die Eingangsfrage noch einmal in den Blick zu nehmen, halte ich es nicht für einen Widerspruch zu den Maßnahmen. Vielmehr müssen wir zu allen Maßnahmen greifen, um diese schwierige Phase, bevor die jungen Leute in größeren Zahlen in die Schulen kommen und uns dabei helfen, den Lehrermangel zu beseitigen, zu überbrücken und zu überstehen. Dazu ist diese Maßnahme aus meiner Sicht notwendig, verantwortbar und richtig.

(Zuruf)


Vizepräsident Wulf Gallert:

Es gibt eine weitere Frage, und zwar von Herrn Lippmann. - Bitte.


Marco Tullner (Minister für Bildung):

Ach, Herr Lippmann. - Wasser gibt es hier nicht? - Schade.

(Zuruf)


Vizepräsident Wulf Gallert:

Ich könnte jetzt sagen, das ist leistungsabhängig, Herr Tullner. Aber das würde nicht stimmen.


Marco Tullner (Minister für Bildung):

Sie haben ja auch keines.


Thomas Lippmann (DIE LINKE):

Ich habe drei sehr konkrete kurze Fragen. Die erste ist für das Plenum. - Könnten Sie bestätigen, dass die Schülerinnen und Schüler an den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen, die künftig keine zweite Fremdsprache erlernen - das ist zumindest an den Sekundarschulen, aber auch an den Gemeinschaftsschulen die ganz große Masse der Schüler  , mit den Stundenvolumina, die jetzt vorgesehen sind, gerade einmal zwei Stunden über der KMK-Vorgabe, also 178 Stunden gegenüber 176 Stunden, liegen und dies nur dann, wenn die Stundenumfänge, die jetzt aufgeschrieben worden sind, tatsächlich auch realisiert werden?

Zu der zweiten Frage. Dieser Teil ist ja nur die Eintrittskarte. Auf diesem Papier wäre man gar nicht so sehr herumgeritten. Worüber Sie gar nicht gesprochen haben, ist, dass diese Stundenumfänge nur dann realisiert werden können, wenn Sie die Zuweisungen, von denen einige Zeilen weiter zu lesen ist, senken. Das ist das eigentliche Problem. Das Problem ist nicht in erster Linie das Papier über die Stundentafel, das Sie erarbeitet haben. Das Problem ist vielmehr, dass Sie die Stundenzuweisungen reduzieren und es damit vielen Schulen vielleicht gar nicht möglich machen, diese Stundenumfänge zu realisieren. Dann werden wir sehr wohl Schüler haben, die unter 176 Stunden liegen. Warum haben Sie das gemacht?

Meine letzte Frage bezieht sich auf die Einstellungshemmnisse. Ich nehme ein Beispiel, das ich vor Augen habe. Es wird jemand aus Berlin im Umweltbereich an das UBA nach Dessau versetzt. Der Ehepartner ist Lehrkraft in Berlin, kommt hierher und würde gern hier arbeiten. Nach meinen Kenntnissen könnte er in Sachsen 14 Tage später in der Schule anfangen. Kann er das bei uns?


Marco Tullner (Minister für Bildung):

Herr Lippmann, Sie haben eine Gabe, ich sage einmal, Fragen sehr detailgenau zu stellen.

(Zurufe)

Lassen Sie uns alle Fragen, die mit dem Thema Unterrichtsverpflichtung zu tun haben, im Ausschuss erörtern. Dort rechne ich Ihnen jede Stunde in Ruhe vor. Ich glaube, das Hohe Haus wäre auch mit Blick auf die Zeitplanung ein bisschen damit überfordert, das alles zu ertragen. Deswegen bestätige ich nichts. Lassen Sie uns diese ganzen Zahlen vielmehr im Ausschuss debattieren.

Ich sage nur eines: Es waren Schulleiter, Verbandsvorsitzende, Vertreter der Schulaufsicht und Ministeriale dabei. Die haben die Dinge sehr genau berechnet.

(Zuruf von Thomas Lippmann, DIE LINKE)

Sie können darauf vertrauen, dass man den Daumen nicht in den Wind gehalten hat, sondern dass man sich viel Mühe gegeben hat. Denn solche Entscheidungen fallen nun wirklich nicht leicht.

Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich mich hier hinstelle und mich freue, nun mit solchen Anträgen konfrontiert zu werden. Aber ich mache es, weil ich es für verantwortbar und für notwendig halte. Die ganzen Rechenmodellübungen können wir, glaube ich, im Ausschuss detaillierter betreiben.

Zu dem fiktiven Beispiel, das Sie jetzt genannt haben, jemand will zum Bundesumweltamt und der Ehepartner will an die Schule, kann ich jetzt nur ja sagen. Wir müssen dem konkreten Fall nachgehen. Wir haben jeden Tag auf den Seiten des Schulamtes Stellenangebote zur Verfügung. Wir haben schon sehr viele individuelle Beispiele, sei es im Bereich Due Kurier (phonetisch geschrieben, akustisch unverständlich) oder anderswo, bemüht. Wenn Sie einen Einzelfall haben, geben Sie mir den. Dann gehe ich dem nach und versuche, das hinzubekommen.

Es hängt natürlich ein bisschen von der Fachrichtung ab und davon, wohin man jetzt genau will. Aber dass wir nachgewiesen haben, dass dieses Land in der Lage ist, Lehrerinnen und Lehrer einzustellen, sofern sie am Markt vorhanden sind, ich glaube, diesen Beweis haben wir erbracht. Trotzdem sind die Ergebnisse des Lehrermangels jeden Tag spürbar. Wir sind gemeinsam dabei, diesem Thema mittelfristig Herr zu werden. - Vielen Dank.