Tagesordnungspunkt 27

Erste Beratung

Sprachförderung in Tageseinrichtungen für Kinder sicherstellen

Antrag Fraktion DIE LINKE - Drs. 7/4921



Einbringerin ist die Abg. Frau Hohmann. - Frau Hohmann, Sie haben das Wort.


Monika Hohmann (DIE LINKE):

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Zu Beginn meiner Rede möchte ich zum besseren Verständnis einen Blick auf das Jahr 2001 werfen. Nach dem Pisa-Schock - Deutschland fand sich nur im Mittelfeld wieder - haben sich die Kultusministerinnen und  minister in ihrer Plenarsitzung am 5. und 6. Dezember 2001 auf sieben Handlungsfelder verständigt.

Zu den Bereichen, in denen sie vorrangig tätig werden wollten, gehörten gleich als erstes Handlungsfeld Maßnahmen zur Verbesserung der Sprachkompetenz bereits im vorschulischen Bereich und als weiteres Handlungsfeld Maßnahmen zur wirksamen Förderung bildungsbenachteiligter Kinder, insbesondere auch der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Der Bildungskonvent in Sachsen-Anhalt orientierte in seiner damaligen Handlungsempfehlung zur frühkindlichen Entwicklung im März 2008 auf - ich zitiere  :

„die flächendeckende Einführung von Sprachstandserhebungen für Vier- bis Fünfjährige in deren Folge, in Abhängigkeit vom Ergebnis, verbindliche Sprachförderkurse angeboten werden. Das Ziel besteht in dem Bestreben, Entwicklungsprobleme beim Spracherwerb frühzeitig zu erkennen und bis zum Schuleintritt abzubauen.“

Meine Damen und Herren! Warum war mir der Blick in die Vergangenheit so wichtig? - Sowohl die Beschlüsse der ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder als auch die Handlungsempfehlungen des Bildungskonvents für das Land Sachsen-Anhalt gelten heute noch und gehören unserer Auffassung nach umgesetzt.

Wie sieht es derzeit in unserem Land aus? - In unserer Großen Anfrage zur Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen in Sachsen-Anhalt antwortete die Landesregierung auf die Frage, wie hoch der Anteil von in Armut lebenden Kindern und Jugendlichen bezüglich der Auffälligkeit in ihrem Sprachverhalten sei, so:

„Die Häufigkeit von Sprachstörungen bei allen Schülern ist vom Sozialstatus der Kinder abhängig. Kinder mit niedrigem Sozialstatus sind deutlich häufiger betroffen als Kinder mit mittlerem Sozialstatus und diese wiederum häufiger als Kinder mit hohem Sozialstatus.“

Dies, meine Damen und Herren, darf meiner Meinung nach nicht so hingenommen werden und es verlangt ein Gegensteuern.

(Beifall bei der LINKEN)

Aus diesem Grund hat sich unter anderem das Netzwerk gegen Kinderarmut im Jahr 2017 gegründet.

Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist nicht so, dass wir im Land damals nicht tätig geworden wären. Bis zum Jahr 2013 gab es im Kinderförderungsgesetz eine flächendeckende Sprachstandserhebung in den Kitas.

Dass mit der Auswahl des Programms „Delfin“ nicht das optimale Instrument zum Einsatz kam, bestätigten uns damals viele Fachleute. Leider gab es hierzu nie eine Evaluation des Verfahrens, wie es gesetzlich vereinbart war, da, wie Sie alle wissen, mit der Einführung des neuen KiFöG kurzerhand die Sprachstandsfeststellung abgeschafft wurde.

Damit sind wir das einzige Bundesland, welches keine landesweite Sprachstandserhebung mehr durchführt. Zwar sind die 2,5 Millionen €, die für diese Aufgabe bereitgestellt wurden, im Finanzierungssystem des KiFöG weiterhin enthalten, aber nicht mehr zweckgebunden. Das heißt, es wird für andere Aufgaben genutzt.

In Expertenkreisen war diese Maßnahme seitens der Landesregierung und der Koalition heftig umstritten. Die Daten zur Schuleingangsuntersuchung zeigen uns aber gegenwärtig insgesamt einen Anstieg der Sprachstörungen. Die Defizite in der Artikulation stiegen im Zeitraum von 2014 bis 2017 um fast 2 %, die Defizite in der Grammatik im selben Zeitraum ebenfalls um 2 %.

Insgesamt zeigt fast jedes dritte Kind in Sachsen-Anhalt Auffälligkeiten. Schon sehr frühzeitig haben uns Fachleute auf die Auswirkungen der Abschaffung dieser Maßnahme hingewiesen.

Frau Prof. Dr. Schlenker-Schulte, Institut für Rehabilitationspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, sagte damals - ich zitiere  :

„Eine ersatzlose Abschaffung der Sprachstandsfeststellung und Sprachförderung ist bildungspolitisch die falsche Botschaft; denn es entstünde der Eindruck, in Sachsen-Anhalt sei Sprache nicht mehr wichtig.“

Frau Prof. Dr. Rabe-Kleberg, Institut für Soziologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, sagte damals - ich zitiere  :

„Ich denke, der Umstand, dass der Gesetzgeber und die Regierung Sprachfeststellungsverfahren eingerichtet haben, spricht dafür, dass sie die Verantwortung für diesen entscheidenden Punkt in den Bildungsprozessen bei den Kindern übernommen haben. Würde dies ersatzlos gestrichen, wäre das eindeutig ein falsches politisches und ein falsches fachliches Signal.“

Ich könnte Ihnen weitere Meinungen von Expertinnen vorstellen, denke aber, es ist deutlich geworden, worum es geht.

Sehr geehrte Damen und Herren! Ich weiß, dass in unserem Land das Bildungsprogramm „Bildung elementar - Bildung von Anfang an“ gesetzlich verankert wurde und ein Halbsatz zur Legitimierung Eingang fand, der da heißt - Zitat  , „unter besonderer Beachtung der Sprachförderung“. Dabei blieb es auch.

Aus unserer Sicht wurde dieser Teil inhaltlich nicht umgesetzt, auch wenn einige Kitas im Land am Modell Sprach-Kitas teilnehmen, ist dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Sehr geehrte Damen und Herren! Bereits seit dem Jahr 2012 gibt es eine Bund-Länder-Initiative zur Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung. „Bildung durch Sprache und Schrift“ ist eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebene Studie. Sie war auf fünf Jahre angelegt. Verbünde aus Kindertageseinrichtungen und Schulen sollten enger zusammenarbeiten, um ihre Erfahrungen auszutauschen und natürlich abgestimmte Maßnahmen der Sprachbildung umzusetzen.

Dabei sollen die sprachliche Bildung von Kindern und Jugendlichen sowie die in den Bundesländern eingeführten Angebote zur Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung im Hinblick auf ihre Wirksamkeit und Effizienz wissenschaftlich überprüft und weiterentwickelt werden.

Einige positive Ergebnisse liegen seit dem Jahr 2018 bzw. seit dem Jahr 2019 vor, aber da wir unsere Sprachstandsfeststellung im Jahr 2013 abgeschafft haben, konnten wir logischerweise im Kita-Bereich nicht an dieser Studie teilnehmen.

Das heißt also, an dieser Stelle ist eine Chance vertan worden, wie ich meine. Deshalb, meine Damen und Herren, würde ich es begrüßen, wenn wir uns erneut mit dem Thema Sprachstandsfeststellung auseinandersetzen und die aktuellen Ergebnisse der Studie einbeziehen.

Damit wir keine weitere Zeit verstreichen lassen, könnten wir uns vorstellen, dieses Anliegen bereits zu Beginn des nächsten Kita-Jahres umzusetzen.

Sehr geehrte Damen und Herren! Die Sprachkompetenz der Kinder und Jugendlichen ist der Schlüssel für schulischen Erfolg und für eine erfolgreiche Ausbildung. Die Fraktion DIE LINKE misst daher der Entwicklung der Sprachkompetenz eine zentrale Bedeutung bei. Wir alle wissen, dass die Beherrschung der Sprache schon sehr früh über Teilhabechancen und Bildungserfolg entscheidet. Deshalb bitten wir um Zustimmung zu unserem Antrag. - Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN)