Hendrik Lange (DIE LINKE):

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich bin noch ganz beeindruckt von dem, was ich gerade gehört habe. Ich glaube, dass genau diese Haltung ursächlich dafür ist, dass es mit dem Artensterben und Klimawandel auf dieser Welt weitergeht. Wir wissen, wo die dicke schwarze Bremse in diesem Haus sitzt.

(Beifall bei der LINKEN - Zustimmung bei den GRÜNEN, von Silke Schindler, SPD, und von Andreas Steppuhn, SPD)

Das ist wirklich nicht zu fassen gewesen.

Meine Damen und Herren! Im Jahr 1996 veröffentlichten der Paläontologe Richard Leakey und der Biochemiker Roger Lewin ihr Buch „Die sechste Auslöschung“. In diesem Buch beschreiben sie die fünf Auslöschungsereignisse in der Erdgeschichte. Als Auslöschungsereignis bezeichnen die Wissenschaftler die massive Reduzierung der Arten in sehr kurzer Zeit. Das bekannteste Beispiel ist das Verschwinden der Dinosaurier. Das ist, glaube ich, jedem irgendwie geläufig, wie es war.

Meine Damen und Herren! Das Buch „Die sechste Auslöschung“ beschreibt die Parallelen des derzeitigen Artensterbens zu den Auslöschungsereignissen in der Erdzeit. Der große Unterschied zu den durch Umweltveränderungen hervorgerufenen Auslöschungen ist, dass eine Art für das Verschwinden der Artenvielfalt verantwortlich ist, und zwar der Mensch. Sein intelligenzgetriebenes Handeln wirkt derzeit extrem zerstörerisch. Seine Intelligenz und seine Fähigkeit zur Reflexion können uns aber zur Umkehr bringen.

Meine Damen und Herren! Bereits am 22. Mai 1992 - deswegen war gestern auch Weltbiodiversitätstag - wurde in Nairobi Einigkeit über den Text des UN-Übereinkommens über biologische Vielfalt erzielt. Dieses auch „Biodiversitätskonvention“ genannte Übereinkommen wurde im Rahmen der UN-Konferenz im Juni 1992 in Rio de Janeiro zur Signatur ausgelegt und trat am 29. Dezember 1993 in Kraft. Heute ist es mit 196 Vertragspartnern eines der erfolgreichsten Übereinkommen der Vereinten Nationen.

Bereits im Jahr 2010 war klar, dass der nahezu unbegrenzt fortschreitende Rückgang der biologischen Vielfalt alarmierend ist. Das 2010-Ziel der Biodiversitätskonvention, nämlich den Verlust zumindest deutlich zu verlangsamen, wurde verfehlt.

Um eine breite Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam zu machen und für den dringenden Handlungsbedarf zu sensibilisieren, wurde schon das Jahr 2010 zum Internationalen Jahr der Biodiversität ausgerufen und dieses Jahrzehnt gilt als UN-Dekade für Biodiversität.

Die Mitgliedstaaten sind aufgefordert, in diesem Jahrzehnt besondere Anstrengungen zu unternehmen, um ihre jeweiligen nationalen Biodiversitätsstrategien umzusetzen und darüber zu informieren. Was stellen wir aber fest? - Auch die letzten acht Jahre haben nicht zum Aufhalten des Artensterbens geführt. Mensch, das ist doch ein Skandal!

(Beifall bei der LINKEN)

Ganz im Gegenteil: Die Kernaussagen des Berichts sind alarmierend. Eine Million Pflanzen- und Tierarten sind demnach vom Aussterben bedroht. Wir beuten die Natur schneller aus, als sie sich regenerieren kann. Unsere Ökonomien sind dadurch gefährdet, dass wir unsere Existenzgrundlagen gefährden, und zwar durch die Gefährdung der biologischen Vielfalt. Dennoch verschlechtert sich der Zustand, und zwar dramatisch. Das Artensterben ist heute mindestens Dutzende bis Hunderte Male größer als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahren. Meine Damen und Herren, das sollte uns zu denken geben!

(Beifall bei der LINKEN)

75 % der Landoberfläche und 66 % der Meeresfläche sind stark verändert und - Herr Aldag hat es auch schon gesagt - mehr als 85 % der Feuchtgebiete sind verloren gegangen - eine Katastrophe für unsere Erde.

(Robert Farle, AfD: Völliger Quatsch!)

- Also, Herr Farle, wissen Sie, dass sich die AfD als Fraktion der Klimaleugner

(Jan Wenzel Schmidt, AfD: Oh!)

mit einem Zwischenruf beteiligt, der einen Skandal sondergleichen zum Quatsch erklärt,

(Robert Farle, AfD: Richtig!)

obwohl Frau Funke gerade ganz Ähnliches berichtet hat, das ist erstens nicht verwunderlich und zweitens ist genau Ihre Haltung als Klimaleugner dafür verantwortlich,

(Jan Wenzel Schmidt, AfD: Wie soll man denn das Klima leugnen?)

dass sich nichts ändern wird, wenn es um das Artensterben geht. Das ist ein Riesenfehler.

(Beifall bei der LINKEN - Robert Farle, AfD: Besorgen Sie sich einen Scheiterhaufen, auf dem Sie mich verbrennen können! Wie den Galileo Galilei im Mittelalter! Besorgen Sie sich das einmal! Ich stelle mich dafür zur Verfügung!)

Meine Damen und Herren! Wir sind uns darin einig, dass wir auch in Sachsen-Anhalt handeln müssen und nicht nur darauf schielen sollten, dass wir irgendeine weltweite Lösung bekommen. Wenn wir vor der eigenen Haustür nicht handeln, dann können wir es nicht von anderen verlangen. Das ist der Fehler an Ihrem Vortrag gewesen, dem der CDU.

(Zustimmung bei der LINKEN)

Was müssen wir tun? - Wir müssen die Ursachen für das Artensterben benennen. Es gehört zur Wahrheit dazu, dass wir mit unserer Form der derzeitigen industriebetriebenen Landwirtschaft nicht so weitermachen können. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Landwirtschaft ökologischer ausgerichtet wird, dass Blühstreifen angelegt werden und dass der Gewässerschutz vorangetrieben wird. Das sind ganz wichtige Aufgaben. Dabei muss auch die Subventionspolitik in den Blick genommen werden.

Unser Antrag zu den blühenden Landschaften hat eine Basis dafür legen wollen. Statt dieser Debatte heute hätte man vielleicht unserem Antrag zustimmen können. Das wäre auch eine Lösung gewesen.

(Zustimmung bei der LINKEN)

Meine Damen und Herren, diese kleinliche Diskussion - gerade von der CDU - über das Grüne Band kann ich nicht verstehen. Ich kann es nicht verstehen!

(Siegfried Borgwardt, CDU: Du verstehst es wirklich nicht! - Gabriele Brakebusch, CDU: Das verstehe ich! Sie haben da auch nicht gelebt! Sie können es nicht verstehen!)

Es ist wirklich traurig, ein solches Naturmonument, ein solches Monument der Geschichte nicht einfach mal durchzustimmen

(Zuruf von der AfD)

und dafür Sorge zu tragen, dass es erstens geschützt wird und dass wir zweitens dafür sorgen, dass wir einen großen Verbund von Biotopen haben,

(Zuruf von der CDU: Haben wir! - Guido Heuer, CDU: Sie können damit einfach nichts anfangen! So ein dummes Zeug habe ich selten gehört! - Siegfried Borgwardt, CDU: Genau so ist das!)

in dem die Arten entsprechend dann auch wandern können.

(Beifall bei der LINKEN)

Ich verstehe ihre Diskussion nicht.

(Siegfried Borgwardt, CDU: Keine Ahnung! Dummes Zeug erzählst du! - Zuruf von Guido Heuer, CDU)

Wir haben einen Antrag zur Weidetierprämie gestellt.

(Zurufe von Guido Heuer, CDU - Siegfried Borgwardt, CDU: Genauso ist das!)

- Ich nehme zur Kenntnis: Dummes Zeug. Das ist das Niveau der CDU.

(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE - Siegfried Borgwardt, CDU: Nein, dein Niveau ist das! - Zuruf von Guido Heuer, CDU)

Die Weidetierprämie haben wir hier beschlossen. Sie hätte - -

(Siegfried Borgwardt, CDU: Wenn er das hier übertreibt! - Zurufe von Guido Heuer, CDU)

- Können wir mal die Zeit anhalten, bis die sich hier vorn beruhigt haben?

(Siegfried Borgwardt, CDU: Nein, du musst weiterreden; müssen wir ja bei euch auch!)

- Tief durchatmen. - Weidetierprämie war ein Beispiel; das haben wir hier durchgestimmt.

(Cornelia Lüddemann, GRÜNE, lacht)

Leider ist es nichts geworden mit der Weidetierprämie; sie wird nicht umgesetzt. Das ist ein Riesenfehler. Der Grünlanderhalt, das Offenhalten des Grünlandes durch Beweidung, ist ein Beitrag zur Förderung der Biodiversität.

(Zuruf von der AfD)

So geht das weiter. Natura 2000 wurde angesprochen. Statt diese Flächen zu respektieren, wird dagegen gearbeitet. Auch so kommt man nicht dazu, die Artenvielfalt zu sichern und zu schützen. An dieser Stelle muss man ebenfalls umsteuern und das Bewusstsein verändern.

Wir diskutieren die vierte Reinigungsstufe bei den Kläranlagen, die Verminderung von Mischwassereinleitungen, um dafür Sorge zu tragen, dass Toxine und Mikroplastik eben nicht in die Natur gelangen.

(Beifall bei der LINKEN und bei den GRÜNEN)

Lichtverschmutzung ist ein weiteres Thema. Auch hier sollten wir uns Gedanken darüber machen, wie wir die Umwelt davor bewahren können, dass durch Lichtverschmutzung viel zu viele Insekten an die Laternen gelockt werden und dabei sterben.

Meine Damen und Herren! Nicht zuletzt haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass die Rückkehr der Großprädatoren, wie der Wolf und der Bär, zur Folge haben, dass die Biodiversität zunimmt.

(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE - Zuruf von Bernhard Daldrup, CDU)

So viel auch einmal zu der Diskussion über Großprädatoren.

Meine Damen und Herren! in dem Buch „Die sechste Auslöschung“ beschreiben die Autoren Computersimulationen zur Entstehung von Ökosystemen. Durch die chaotischen Mechanismen entstand dabei nie dasselbe Ökosystem. Festzustellen ist aber, dass ein Ökosystem gegenüber Umwelteinflüssen umso stabiler ist, je mehr Arten existieren. Es ist die Stabilität, die auch unsere Lebensbasis ist. Denn eines hat die Paläontologie aufgezeigt: Es entstehen auch immer wieder neue Arten und eine neue Biodiversität, sogar nach Auslöschungsereignissen, aber eben mit anderen Teilnehmern. Deswegen ist Artenschutz allein schon aus Selbsterhaltungstrieb notwendig.

(Beifall bei der LINKEN und bei den GRÜNEN)

Denn die Natur braucht uns nicht, wir aber die Natur. Dabei ist der menschengemachte Klimawandel die zweite Seite ein und derselben Medaille, meine Damen und Herren von der AfD. Wer ihn leugnet, aber Arten schützen will, wird ins Leere treten.

(Zustimmung bei der LINKEN - Zuruf von Guido Heuer, CDU)

Meine Damen und Herren! Robert Watson überschreibt seinen Artikel im „Freitag“ mit „Die letzte und beste Chance“. Lassen Sie uns diese jetzt nutzen; denn je später wir anfangen, umzusteuern, desto schmerzhafter und teurer wird es. - Ich bedanke mich.

(Beifall bei der LINKEN - Zustimmung bei den GRÜNEN)