Ich rufe das dritte Thema auf



Globaler Bericht des Weltbiodiversitätsrats - Ein Weckruf auch für Sachsen-Anhalt

Antrag Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drs. 7/4388



Die Reihenfolge der Redebeiträge lautet: BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, AfD, CDU, DIE LINKE, SPD. Zunächst hat die Antragstellerin, die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN das Wort. Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN spricht der Abg. Herr Aldag. Herr Aldag, Sie haben das Wort.

(Zustimmung von Frank Scheurell, CDU)


Wolfgang Aldag (GRÜNE):

Vielen Dank, Herr Präsident. Es ist sehr schön, dass doch einige Abgeordnete an der Aktuellen Debatte teilnehmen können. Vielen Dank, dass Sie es hierher geschafft haben.

Gestern war der internationale Tag zum Erhalt der Artenvielfalt und darin ist auch die Aktuelle Debatte begründet.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Eine Million Tierarten sind in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Dieser Satz in der Ausgabe des „Spiegels“ hat Anfang des Monats für einiges Aufsehen gesorgt. Grundlage ist der Globale Bericht, basierend auf ca. 15 000 Studien des Weltbiodiversitätsrates (IPBES).

Dieses wissenschaftliche Gremium setzt sich aus mehr als 120 führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 36 Ländern zusammen und fordert grundlegende Änderungen bei der Landnutzung, dem Umweltschutz und der Eindämmung des Klimawandels. Insgesamt waren daran 400 Experten aus Naturwissenschaft, Sozialwissenschaft und viele Interdisziplinäre beteiligt und 20 000 Kommentare wurden abgearbeitet.

Welches sind die Haupterkenntnisse dieses Berichts? - 85 % der Feuchtgebiete sind bereits zerstört. Zwischen 1980 und dem Jahr 2000 wurden 100 Millionen ha tropischer Regenwald abgeholzt, weitere 32 Millionen ha allein zwischen 2010 und 2015. 23 % der Landfläche des Planeten gelten als ökologisch heruntergewirtschaftet und können nicht mehr genutzt werden. Der Verlust von Bestäuberinsekten bedroht die Nahrungsmittelproduktion im Wert von 235 bis 577 Milliarden Dollar pro Jahr.

Durch die Zerstörung von Küstengebieten, wie Mangrovenwäldern, ist die Lebensgrundlage von bis zu 300 Millionen Menschen gefährdet. Allein die vom Menschen verursachte Erderhitzung könnte ca. 5 % der Arten auslöschen, wenn der Schwellenwert von 2 °C globaler Temperaturerhöhung überschritten wird.

99 % der Korallenriffe würden bei einer solchen Entwicklung mit großer Wahrscheinlichkeit absterben. Der IPBES sagt aber auch ganz klar - dem schließe ich mich ausdrücklich an  : Artensterben ist kein reines Umweltthema. Wenn das eintritt, wovor die Wissenschaft warnt, dann wird dies massive negative Einflüsse auf die Wirtschaft, die politische Stabilität und soziale Fragen haben.

(Beifall bei den GRÜNEN - Zustimmung von Ministerin Prof. Dr. Claudia Dalbert)

Die heutigen Migrationsbewegungen sind nichts gegen die vorliegenden Prognosen. Was der Rat aber auch zum Ausdruck bringt: Es ist noch nicht zu spät. Der sogenannte Kipppunkt ist noch nicht erreicht. Es gibt Hoffnung, wenn wir jetzt konsequent unsere Art zu leben und zu wirtschaften ändern.

(Beifall bei den GRÜNEN - Zustimmung von Ministerin Prof. Dr. Claudia Dalbert)

Meine Damen und Herren! Der Bericht muss ein Weckruf für uns alle sein. Wir brauchen uns nicht der Illusion hinzugeben, dass das Artensterben um Sachsen-Anhalt einen großen Bogen macht. Ob Rote Röhrenspinne und Ziegenmelker in der Wirler Spitze, Torfwiesen-Scheckenfalter im Cheiner Torfmoor oder Kiebitz und Flussregenpfeifer in den Brietzer Teichen, keine dieser Arten ist gänzlich davor gefeit, Opfer des Artensterbens zu werden, weshalb es umso wichtiger ist, ihre Lebensräume zu schützen.

Leider ist vielen Menschen die Bedeutung der Biodiversität, der Artenvielfalt für unser aller Lebensgrundlage nicht bewusst. Die eindrücklichsten Vergleiche, die mir begegnet sind, sind die eines Kartenhauses oder eines Jenga-Turmes. Am Anfang kann man quasi an jeder Stelle die eine oder andere Karte oder das eine oder andere Klötzchen herausziehen. Zunächst passiert nichts, aber man merkt, das System wird zunehmend wackliger. Irgendwann kippt dann das Ganze und stürzt in sich zusammen. Ich will das nicht erleben und deshalb setze ich mich persönlich seit Jahren für den Umweltschutz und für den Erhalt der Artenvielfalt ein.

(Zustimmung bei den GRÜNEN)

Meine Damen und Herren! Auf jeder Ebene kann etwas für die Artenvielfalt getan werden. Viele Privatpersonen wollen auch etwas dafür tun und jede und jeder von uns kann ebenfalls etwas dazu beitragen. Es ist toll, wenn Bürgerinnen und Bürger blühende Oasen anlegen und damit die Städte auf jeder noch so kleinen Grünfläche bereichern.

Ich freue mich, dass es Landwirtinnen und Landwirte gibt, die per Crowdfunding Blühstreifen und Blühwiesen anlegen. Viele zeigen damit einen Weg auf, wie die Gesellschaft die Landwirtschaft unterstützt und man gemeinsam etwas für die Biodiversität erreichen kann.

Wir sollten auch stärker darauf achten, welche Produkte wir wo einkaufen. Manch billiger Tisch geht leider mit der Vernichtung von Regenwald in Brasilien oder in Indonesien einher. Absurd, gerade wenn man bedenkt, wie jede Nachfrage nach regionalem Holz unseren regionalen Forstbetrieben helfen und dazu noch lange Transportwege einsparen würde.

Aber, meine Damen und Herren, das Artensterben zu stoppen und die Artenvielfalt zu fördern kann nicht allein an den Privatleuten hängen bleiben. Auch die Kommunen müssen mitziehen. Mehr städtisches Grün verbessert die Lebensqualität der Menschen und bietet wichtige Lebensräume und Nahrungsangebote für unsere Flora und Fauna.

Das Wort Baumschulen kann ich nicht mehr hören. Magdeburg und Halle haben beide ein großes Defizit an Nachpflanzungen und auch das Land kommt seinen rechtlichen Verpflichtungen - ich verweise dazu auf unsere Große Anfrage zu den Alleen - nur unzureichend nach.

Das Nachpflanzen ist eine rechtliche Pflicht und gerade die Kommunen und das Land müssen diesbezüglich beispielhaft vorangehen. Voran gehen viele Städte auch bei der Dach- und Fassadenbegrünung. In Sachsen-Anhalt ist insoweit aber noch viel Luft nach oben.

Ganz prominent ist dem Bericht des Weltbiodiversitätsrates zu entnehmen, dass die Flächenversiegelung dringend gestoppt werden muss. Jedes Hektarziel pro Woche oder Tag ist mir dabei nicht ambitioniert genug. Ich will langfristig bilanziell keine zusätzlichen Flächenversiegelungen mehr.

(Beifall bei den GRÜNEN - Zustimmung von Ministerin Prof. Dr. Claudia Dalbert)

Neue Gewerbeflächen in sensiblen Gebieten erteile ich ebenso eine Absage wie neuen Verkehrsschneisen, die die Landschaft zerschneiden und wertvolle Lebensräume trennen. Die Entsiegelung von Flächen gerade in den Städten muss vorangetrieben und die Nachverdichtung muss sehr sorgfältig abgewogen werden.

Auf den Fridays-for-Future-Demonstrationen werde ich oft gefragt, was wir denn hier in Sachsen-Anhalt gegen das Artensterben tun. Auf Landesebene haben wir bereits einiges vorangebracht und das oft gegen erheblichen Gegenwind. Und dies stellt mich immer wieder vor die Frage, mit welchen Fakten uns dies die Wissenschaft eigentlich noch darlegen muss, wie viele Arten noch aussterben müssen, damit wir endlich auf die Wissenschaft hören und konsequent handeln.

(Zustimmung bei den GRÜNEN)

Große Teile der Gesellschaft fordern dieses Handeln ein. Noch nie habe ich im Wahlkampf für unsere grünen Forderungen so positive Rückmeldungen bekommen wie in den letzten Wochen. Vor allem junge Leute gehen auf die Straße und fordern mehr Handeln gegen den Klimawandel und gegen das Artensterben ein. Und das zu Recht, meine Damen und Herren.

(Beifall bei den GRÜNEN)

In dem Bericht des IPBES wird zum Beispiel der Ausbau des Ökolandbaus empfohlen, um die Artenvielfalt zu fördern. In diesem Bereich haben wir in Sachsen-Anhalt in den beiden letzten Jahren 36 000 ha Fläche hinzugewonnen. Das ist ein Erfolg.

Ich begrüße auch das Programm für Schulen und Horte zur Anlage von Insektenwiesen, auch das ist ein Erfolg. Das MULE handelt. Die nächste Debattenrednerin wird die Ministerin sein und diese wird sicherlich noch mehr Aktivitäten vorstellen.

Im Klima- und Energiekonzept der Landesregierung finden wir speziell auch im Verkehrsbereich einige Ansätze, die dem Artensterben entgegenwirken und wir müssen auch bei den invasiven Arten neue Lösungen finden. Riesenbärenklau und Waschbär sind sicherlich die prominentesten Beispiele für Arten, die unserer heimischen Flora und Fauna zu schaffen machen.

Weil diese Arten eine Gefahr für die Artenvielfalt darstellen, müssen wir sie zurückdrängen. Speziell beim Waschbär und dem Riesenbärenklau zeigt sich, wie schwierig das ist. Deshalb müssen wir insoweit entschlossen handeln und die Akteure vor Ort - und dazu zähle ich die vielen ehrenamtlichen Naturschützerinnen und Naturschützer, aber auch insbesondere die Jägerinnen und Jäger im Land - in ihrer wertvollen Arbeit unterstützen.

(Zustimmung bei den GRÜNEN)

Was können wir auf Bundesebene tun? - Von der Bundesebene erwarte ich zunächst, dass alle umweltschädlichen Subventionen kritisch geprüft werden. Vom Umweltbundesamt gibt es dazu eine sehr informative Broschüre und es lohnt sich, in diese einmal hineinzuschauen.

Was können wir auf europäischer Ebene tun? Tiere und Pflanzen sind ziemlich unbeeindruckt von Grenzen. Und daher ist es richtig und wichtig, dass mit Natura 2000 und der FFH-Richtlinie ein europaweiter Biotopverbund vorangetrieben wird und wir das hier in Sachsen-Anhalt konsequent umsetzen.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Gerade das Grüne Band eignet sich in hervorragender Weise für diesen Verbund. Und wir tun gut daran, dieses Gebiet auf schnellstem Wege als nationales Naturmonument auszuweisen, um so wichtige kulturhistorische Elemente, aber eben auch die Artenvielfalt zu bewahren.

(Beifall bei den GRÜNEN - Zustimmung von Ministerin Prof. Dr. Claudia Dalbert)

Auf globaler Ebene, meine Damen und Herren, brauchen wir im Jahr 2020 auf der Weltartenschutzkonferenz in China ein globales Artenschutzabkommen, vergleichbar mit dem Pariser Klimaabkommen. Anstrengungen, das Artensterben zu stoppen, gibt es auf vielen Ebenen und wir alle können etwas dazu beitragen. Was wir aber nicht tun dürfen, ist eines, nämlich abwarten - nicht weltweit, nicht auf europäischer Ebene, nicht auf Bundesebene und schon gar nicht in Sachsen-Anhalt.

(Zustimmung bei den GRÜNEN)

Auch wenn es an der einen oder anderen Stelle mit Einschränkungen verbunden sein wird, müssen wir entschlossen handeln, und zwar jetzt. - Vielen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN)