Dorothea Frederking (GRÜNE):

Vielen Dank, Herr Präsident. - Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die Grundlage und die Urproduktion für unsere lebensnotwendigen Lebensmittel ist die Landwirtschaft. Bisher hat alles gut geklappt. Unsere Teller sind voll, und wir sind dankbar für die Nahrungsmittel, die uns die Landwirtschaft jeden Tag mit ihrer wertvollen Arbeit gewährt.

Doch die Landwirtschaft, wie wir sie kennen, wird es in Zukunft nicht mehr geben; denn der Klimawandel ist da und die schon jetzt dramatischen Auswirkungen sind leider irreversibel. Wir erfahren extreme Wetterereignisse, und die Wetterlagen bleiben länger bestehen und wechseln nicht mehr so häufig ab, da aufgrund der globalen Erwärmung die großräumigen Winde als Motor für die Wetterwechsel abnehmen. Dieses Phänomen erleben wir schmerzlich mit der seit Monaten anhaltenden Dürre. Der Boden ist knochentrocken. Es wächst nichts.

Wenn uns andere Staaten und Bundesländer nicht helfen würden, hätten wir nicht mehr genug zu essen. Wir beklagen dramatische Ernteeinbußen nun schon das zweite Jahr in Folge. Auch in Zukunft werden wir nicht mehr so viel von der Fläche holen können. Es geht um unsere Lebensgrundlagen. Spätestens jetzt ist klar, dass die mit viel Aufwand hergestellten Lebensmittel nicht weggeworfen werden dürfen. Sie sind zu gut für die Tonne.

Lebensmittelverschwendung muss systematisch eingedämmt werden - als Baustein für unsere Ernährungssicherheit, aber auch als Baustein für eine ressourcen- und umweltschonende Landwirtschaft, wenn der Produktionsdruck von der Fläche genommen wird.

Die vorliegende Beschlussempfehlung führt geeignete Maßnahmen auf, um die weltweit mit einem Drittel angegebenen Lebensmittelverluste zu reduzieren. Ich selbst lebe in einem Stadtteil mit öffentlich zugänglichen Kühlschränken, in denen Lebensmittel zum Verschenken angeboten werden. Dieses Foodsharing funktioniert prima und sollte zum Nachahmen propagiert werden. Auch die Dose im Gepäck kann helfen, bei Buffets Lebensmittel vor der Tonne zu retten. Im angestrebten Dialogprozess können all diese konkreten Schritte erörtert werden.

In der Gesellschaft muss die Wertschätzung von Lebensmitteln wieder eine größere Rolle spielen. Zur entsprechenden Sensibilisierung bietet es sich an, verschiedene Aspekte wie die Regionalität, den Aufwand der Produktion, den Anteil des landwirtschaftlichen Verdienstes am Produktpreis und auch die Kunst des Lebensmittelhandwerks verstärkt in den Fokus zu rücken; denn was wertgeschätzt wird, wird fair bezahlt und nicht mehr weggeworfen. - Vielen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN)


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Frau Frederking, Herr Gehlmann hat sich zu Wort gemeldet. - Herr Gehlmann, Sie haben das Wort.


Andreas Gehlmann (AfD):

Danke, Herr Präsident. - Sehr geehrte Frau Frederking, Sie erwähnten wieder, dass eine Lebensmittelknappheit hier im Lande zu befürchten ist. Das sehe ich anders.


Dorothea Frederking (GRÜNE):

Ich habe Sie nicht verstanden.


Andreas Gehlmann (AfD):

Sie erwähnten wieder, dass wegen der Dürren und wegen Umweltkatastrophen eine Lebensmittelknappheit zu befürchten ist. Aber solange wir Energiepflanzen anbauen und aus Lebensmitteln Energie herstellen, müssen wir doch diese Diskussion nicht führen.

(Zustimmung bei der AfD)

Ich sage nur: Mais für Biogas, Raps für Bio-Öl oder Getreide für Bio-Ethanol. Solange wir ein Drittel der Landesfläche Sachsen-Anhalts zur Energieherstellung nutzen, müssen wir doch nicht über Lebensmittelknappheit diskutieren.

(Beifall bei der AfD)


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Frau Frederking, Sie haben das Wort.


Dorothea Frederking (GRÜNE):

Herr Gehlmann, die Dürre in diesem Jahr - es wächst gar nichts mehr. Das heißt, selbst wenn wir mehr Fläche hätten, die wir nicht für den Maisanbau für die Biogasanlagen nutzen würden, hätten wir trotzdem keine Erträge als Lebensmittel oder Futtermittel. Wenn es kein Wasser gibt, dann wächst gar nichts, auch nicht für die Biogasanlagen. Wir müssen die Fläche, die wir haben, gut aufteilen - für Lebensmittel, für Futtermittel, für die Energieerzeugung und auch für die stoffliche Nutzung. Wir brauchen zum Beispiel auch Holzprodukte, um sie beim Bauen zu verwenden. All das muss gut austariert sein.

Ein Punkt ist zum Beispiel: Es wird viel Fläche dafür verwandt, um Futtermittel zu erzeugen. Diesen Anteil sollten wir etwas reduzieren. Man sieht bei uns in der Gesellschaft die Entwicklung, dass der Konsum von tierischen Lebensmitteln schon etwas zurückgefahren wird. Es muss also alles gut austariert werden.

Wie ich vorhin sagte: Die Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, wird es nicht mehr geben. Wir brauchen ganz andere Maßnahmen. Es wird mit einem unglaublichen Aufwand verbunden sein, überhaupt etwas von der Fläche zu holen. Möglicherweise werden wir in Zukunft mehr Gewächshäuser haben, die uns vor diesen Wetterextremen schützen.

Vor diesem Hintergrund darf es eben überhaupt nicht mehr vorkommen, dass wir Lebensmittel wegwerfen oder dass es an anderen Stellen in der Produktionskette in großem Umfang Lebensmittelverluste gibt.


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Frau Frederking, Herr Raue hat sich noch gemeldet. - Bitte.


Alexander Raue (AfD):

Frau Frederking, in vielen Ländern dieser Erde werden landwirtschaftliche Flächen schon mit Wasser aus Meerwasserentsalzungsanlagen bewässert. Wäre das Ihrer Meinung nach auch eine Möglichkeit für Deutschland?

(Sebastian Striegel, GRÜNE: Welches Meer haben wir in Sachsen-Anhalt?)

- Klar haben wir kein Meer, das ist schon richtig. Aber wir sind immerhin noch ein Nationalstaat, Herr Striegel.

Wäre es aus Ihrer Sicht eine Möglichkeit, dass wir - was weiß ich - an der Nordsee oder Ostsee fünf, sechs große Meerwasserentsalzungsanlagen bauen und das Wasser über Kanäle ins Landesinnere pressen? - Das machen zum Beispiel die Israelis so. Dort gibt es eigentlich keine optimalen Vegetationsbedingungen, Sie wissen das, aber trotzdem ist Israel ein großer Exporteur von landwirtschaftlichen Produkten und auch von Blumen.


Dorothea Frederking (GRÜNE):

Ich kann mir in der Tat vorstellen, dass wir irgendwann zu solchen Maßnahmen greifen müssen. Bei uns geht es nicht nur um Trockenheit - das war in diesem Jahr so  , sondern bei uns in Mitteleuropa wird es in Zukunft so sein, dass eine Wetterlage, die gerade ankommt - das kann auch starker Regen sein  , viel länger bleibt. Dieser Wechsel wird nicht mehr wie bisher stattfinden. So kann es auch sein, dass wir in einem Jahr - wie wir es auch im letzten Jahr hatten - von starken Regenfällen betroffen sind. Es kann beides vorkommen. Dafür müssen wir Vorsorge treffen. Dafür brauchen wir sehr viel technisches Know-how.

Das, was Sie ansprechen, ist eine Form der künstlichen Bewässerung. Es gibt jetzt schon wieder einige Betriebe, die in Bewässerung investieren. Woher das Wasser dann kommt, ob es aus dem Meer kommen muss oder ob es noch aus dem Grundwasser genommen werden kann, das wird man sehen. Aber wir werden einen riesigen Aufwand haben. Und das kostet auch alles. Das sind Investitionen, die getätigt werden müssen. Das kostet viel Arbeit. Das muss alles bezahlt werden. Lebensmittel werden dann auch teurer werden.

Von daher noch einmal der Appell an uns alle, die Lebensmittelverluste einzuschränken oder bis auf null zu fahren.

Noch ein Wort: Ich komme aus der Lebensmittelindustrie; ich weiß, wie viele Lebensmittel dort verloren gehen. Wir brauchen eine ganz andere Sensibilisierung. Das heißt, noch werden Lebensmittel weggeworfen, weil sie optisch nicht gut sind. Diese Lebensmittel könnte man in den Verkehr bringen, auch wenn die Paprika in der Wurst nicht genau da angeordnet ist, wo sie sein sollte. Dann würde Herr Barth das trotzdem noch essen.

(Jürgen Barth, SPD: Natürlich! - Zustimmung bei den GRÜNEN)