Olaf Meister (GRÜNE):

Danke, Herr Präsident. - Sehr geehrte Damen und Herren! Wird ein Ausbildungsvertrag gelöst, dann ist dies meist ein Verlust für alle Betroffenen. Sowohl der Azubi als auch der Betrieb haben dann womöglich Zeit, Energie und nicht zuletzt Geld eingesetzt ohne nennbaren Erfolg.

Sicherlich steht hinter einer Vertragslösung oftmals auch nur der Wechsel des Ausbildungsbetriebs und nicht gleich der komplette Abbruch der Ausbildung. Viele Ausbildungen werden auch vor Antritt der eigentlichen Ausbildung abgebrochen, weil der junge Mensch mehrere Verträge abgeschlossen hat oder doch ein Studium anfängt.

Aber selbst bei den aktuell eher günstigen Konstellationen aus der Sicht der jungen Menschen ist allgemein festzustellen, dass jeder vermeidbare Abbruch einer zu viel ist. Und sicherlich sind viele Abbrüche vermeidbar. Es besteht also Handlungsbedarf und es bestehen auch Handlungsmöglichkeiten.

Den ursprünglichen Antrag der Fraktion DIE LINKE hat die Keniakoalition inhaltlich weiter gefasst. Die Beschlussempfehlung zielt auf verschiedenartige Maßnahmen, um die Zahl der Vertragslösungen zu reduzieren, angefangen bei einer Mindestausbildungsvergütung über bessere Unterstützungsangebote sowohl für die Azubis als auch für die Ausbildungsbetriebe bis hin zur besseren Ausstattung der Berufsschulen.

Viel diskutiert wird auch über das Azubi-Ticket. Vorredner gingen schon darauf ein. Auch dies würde dazu beitragen, eine betriebliche Ausbildung attraktiver zu machen.

Auch die Berufungsorientierung an allen Schulen ist ein wichtiges Element. Auch Gymnasien müssen dabei in den Blick genommen werden. Das muss konsequenter erfolgen, damit auch Schüler an den Gymnasien die Möglichkeiten der Karriere im Blick haben, die es auch im beruflichen Bereich gibt.

Für uns Bündnisgrüne ist auch die Stärkung der individuellen Berufswahl abseits von Geschlechterstereotypen ein wichtiges Anliegen. Nicht jedem und jeder ist es gegeben, dumme Sprüche gegenüber männlichen Erziehern oder weiblichen Kfz-Mechatronikern einfach abperlen zu lassen.

Hier wollen wir die Unterstützungsnetzwerke stärken. Denn je mehr die Ausbildungswahl auf den wirklichen Interessen und Vorlieben der jungen Menschen beruht, desto erfolgreicher werden sie auch ihre Ausbildung durchlaufen. Die hier angeführten Maßnahmen sind sinnvoll.

Aber lassen Sie mich auch feststellen, bei einem derart guten Ausbildungsmarkt aus der Sicht der jungen Menschen werden wir immer auch Vertragsauflösungen zu verzeichnen haben. Die Betriebe stehen zusehends in Konkurrenz um Auszubildende. Dadurch ist die Neigung junger Menschen, den Ausbildungsort oder den Ausbildungsberuf zu wechseln, sicherlich höher ausgeprägt, als es zu Zeiten von Ausbildungsplatzmangel der Fall war.

Wir können also Vertragsauflösungen entgegenwirken. Umfassend verhindern werden wir sie nicht. Aber lassen Sie uns das Mögliche tun. - Ich bitte daher um Zustimmung zu der Beschlussempfehlung.

(Zustimmung von Cornelia Lüddemann, GRÜNE)


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Ich sehe, Frau Hildebrandt hat eine Frage, Herr Meister. - Frau Hildebrandt, Sie haben das Wort.


Doreen Hildebrandt (DIE LINKE):

Vielen Dank. - Also, Herr Meister, bevor hier Missverständnisse aufkommen, möchte ich sagen, ich glaube nicht, dass ein Azubi einen Ausbildungsvertrag aus Jux und Tollerei auflöst, bloß weil sich etwas Besseres ergibt.

(Zurufe von der CDU: Was? - Natürlich!)

Ich kann mir nur vorstellen, dass er das macht, wenn der Leidensdruck groß genug ist, weil er im Betrieb schlecht behandelt wird. - Danke.

(Unruhe)


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Frau Hildebrandt, kommen Sie noch einmal ans Mikrofon. Ich werde darum bitten, dass die Abgeordneten Disziplin wahren. Sie haben noch einmal das Wort, Frau Hildebrandt.


Doreen Hildebrandt (DIE LINKE):

Das fällt hier etwas schwer. - Also noch einmal: Ein Jugendlicher wechselt doch nicht aus Jux und Tollerei seinen Ausbildungsbetrieb.

(Cornelia Lüddemann, GRÜNE: Doch! - Zuruf von André Poggenburg, AfD)

Er hat doch dann den Bruch im Lebenslauf und wird immer den Makel haben, du hast mal dort angefangen und bist dann woanders hingegangen. Deswegen wird wahrscheinlich keiner bloß aus Spaß an der Freude wechseln. Wie ist denn Ihre Einstellung dazu? - Das klang vorhin in Ihrer Rede ein bisschen missverständlich.


Olaf Meister (GRÜNE):

„Aus Jux und Tollerei“ ist eine Formulierung, die ich so nicht sagen würde. Aber es ist doch ganz menschlich, dass man sich in einer Lebenssituation befindet und schaut, wie komme ich mit der Lebenssituation klar.

(Zuruf von der CDU: Genau!)

Wenn sich eine andere Chance bietet - das ist gar nicht böse gemeint -, dann ergreife ich sie, weil ich meine, vielleicht ist der Beruf besser, vielleicht passt er besser zu meiner Person, vielleicht ist er besser bezahlt, vielleicht ist der Ausbildungsbetrieb schöner. Ich finde, das ist eine ganz normale Geschichte. Das ist auch nicht schlimm.

(Zustimmung bei der CDU und von André Poggenburg, AfD)

Damit gehen junge Menschen um. Ihnen geht es wie uns allen. Dann nutzen sie diese Chance. Ich finde es nicht schlimm, wenn sich ein junger Mensch umentscheidet. Das ist okay.

(Siegfried Borgwardt, CDU: Das ist der Unterschied zwischen Theorie und Realität!)


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Herr Meister, Herr Thomas hat sich noch zu Wort gemeldet.


Olaf Meister (GRÜNE):

Eine weitere Frage, oh. Ich bin mir gar nicht bewusst, etwas so Epochales gesagt zu haben. Das ist ja toll.


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Herr Thomas, Sie haben das Wort.


Ulrich Thomas (CDU):

Vielen Dank, Herr Präsident. - Herr Meister, ich habe Ihnen eben genau zugehört. Sind Sie denn mit mir einer Meinung, dass der Fall, den wir gerade von den LINKEN gehört haben, dass jemand seine Ausbildung abbricht und sich für etwas anderes entscheidet, was wir nicht schön finden, aber was ja sehr oft passiert, ein Stück weit die Lebenswirklichkeit abbildet?

Sind Sie auch der Meinung, dass die Ansicht, das sei ein Lebensbruch, heutzutage ein Stück weit antiquiert ist, weil es Teil des normalen Lebens ist? - Denn wir wissen ja, kaum jemand, der hier im Plenarsaal sitzt, übt noch den Beruf aus, den er einmal gelernt hat.

(Cornelia Lüddemann, GRÜNE: Na ja, das liegt ja nahe!)


Olaf Meister (GRÜNE):

Das ist richtig, das weiß ich aus meinem persönlichen Erleben. Ich habe einmal Elektriker gelernt.

(Siegfried Borgwardt, CDU: Ein ehrbarer Beruf!)

Ich habe den Beruf nicht sonderlich lange ausgeübt. - Das ist ein ehrbarer Beruf, dagegen kann man nichts sagen. - Trotzdem hat mich das Leben an andere Stellen gebracht. Das ist normal. Das ist okay.