Holger Stahlknecht (Minister für Inneres und Sport):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich selbst war, als Herr Striegel im letzten Jahr bei meiner Regierungserklärung auf den E-Sport hinwies, sagen wir einmal, etwas kritisch und voreingenommen und habe dann den E-Sports-Verein in Magdeburg, dessen Vertreter auch oben auf der Tribüne sitzen, besucht. Dann hat der MDR getitelt: „Politik trifft GEMA“. Tobias Krull hatte mich begleitet. Das war ein sehr schöner Termin. Ich muss sagen, ich war beeindruckt, mit welcher Virtuosität dort auf Konsolen agiert wird und welche Konzentration dafür erforderlich ist. Ich war auch beeindruckt von den Zahlen, von der weltweiten Vernetzung, wenn weltweit Turniere stattfinden, die in großen Stadien, in denen normalerweise Fußball gespielt wird, über große Bildschirme übertragen werden und sich 60 000, 70 000, 80 000 Menschen dieses anschauen. Mein Eindruck ist, dass dies eben keine Modeerscheinung ist.

Da vorhin von Pferden und Autos gesprochen wurde: William II. hat einmal gesagt, dass das Pferd eine größere Zukunft als das Auto habe. Damit hat er unrecht gehabt. Es ist wie bei so vielen anderen Dingen im Leben.

(André Poggenburg, AfD: Haben wir heute Pferde oder Autos?)

- Herr Poggenburg, das war unsachlich. Sie können es besser. Das liegt wahrscheinlich am frühen Morgen.

(André Poggenburg, AfD: Ich könnte noch besser!)

Insofern stellt sich die Frage, ob wir in Sachsen-Anhalt Wandel mitgestalten wollen oder ob wir ihn an uns vorbeigehen lassen wollen. Ich denke, wir sollten als ein modernes Bundesland den Wandel mitgestalten,

(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE)

und wir sollten auch im Auge haben, Herr Kohl, dass es Menschen gibt, die jünger sind als Sie und die ganz andere Interessen haben: Und E-Sports schließt anderen Sport nicht aus, das kann sich gegenseitig ergänzen. Insofern würde ich mir wünschen, dass dieser Sport als gemeinnützig anerkannt wird, dass er die gleichen Wettbewerbschancen wie andere Sportarten hat.

Ich weise aber auch darauf hin, dass wir über gewisse Dinge - Frau Heiß hat es angesprochen - kritisch nachdenken müssen. Ich bin gegen Spiele wie die Ego-Shooter, bei denen aus einer Ich-Perspektive heraus gegen virtuelle Gegner gekämpft wird und diese erschossen werden. Das sind Dinge, die aus meiner tiefsten inneren Überzeugung ethischen Grundsätzen widersprechen, weil man irgendwann nicht mehr zwischen der virtuellen und der tatsächlichen Welt unterscheidet. Wir müssen auch darüber nachdenken, dass wir Grenzen gegen die Spielsucht finden. Dies sind Dinge, die wir zukünftig gemeinsam besprechen müssen.

(Zustimmung bei der CDU)

Ich möchte aber, dass wir diesen Wandel mitgestalten, weil sich, wie gesagt, das Auto ebenfalls gegen das Pferd durchgesetzt hat. Vom Eisenbahnfahren ist auch keiner krank geworden, wie man noch bei der ersten Eisenbahnfahrt von Nürnberg nach Fürth gedacht hatte.

(Siegfried Borgwardt, CDU: Wegen der Stauchungen, hat man gesagt!)

- Wegen der Stauchungen, genau. - Insofern sollten wir das mitgestalten und uns nicht dagegenstellen. Wir sollten auch die Rahmenbedingungen für die nachfolgenden Generationen schaffen. Deshalb werde ich dieses Thema auf der Innenminister- sowie auf der Sportministerkonferenz anmelden, damit wir es dort gemeinsam besprechen können. Wir befinden uns im Wandel, und wir sollten diesen Wandel mitgestalten. - Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU und bei den GRÜNEN - Zustimmung von André Poggenburg, AfD)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Herr Minister Stahlknecht. Ich habe drei Wortmeldungen gesehen. Als Erster ist der Abg. Herr Kohl an der Reihe, danach folgen die Abg. Herr Jan Wenzel Schmidt und Herr Gürth. - Bitte, Herr Kohl, Sie haben zuerst das Wort.


Hagen Kohl (AfD):

Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Zum einen möchte ich feststellen, dass ich in meiner späten Jugend bzw. in meinem frühen Erwachsenenalter auch recht intensiv Konsolenspiele gespielt habe; aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es sich dabei um Sport handelt. Erst einmal ist die Betätigung mit dem Konsolenspiel nicht so neu. Neu ist allerdings, dass man daraus einen Sport machen will, und das verwundert mich.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Minister, ich habe zwar jetzt keine Frage heraushören können. Ich denke, das werden Sie jetzt auch gerade für sich überlegen. Es war eher eine Kurzintervention. Aber Sie können trotzdem antworten.


Holger Stahlknecht (Minister für Inneres und Sport):

Herr Kohl, Sie können sich einer weltweiten Entwicklung entgegenstellen, indem Sie sagen, in Ihrer Jugend sei das so gewesen. Ich gehe ehrlicherweise auch lieber regelmäßig 10 km joggen

(Zustimmung von André Poggenburg, AfD)

und bin mit meinen Fingern auf dem Klavier gut aufgehoben und nicht auf einer Konsole.

(Zuruf von der AfD)

Aber gleichwohl müssen wir doch akzeptieren, dass es eine Generation gibt, die sich mit den Methoden und Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts andere Felder erschließt.

(André Poggenburg, AfD: Ja!)

Ich halte es für völlig verkehrt, wenn wir das ignorieren und von Sachsen-Anhalt provinziell das Zeichen aussenden: Das, was anderswo weltweit millionenfach geschieht, nehmen wir nicht zur Kenntnis und tun es als Klamauk ab.

Ich möchte das mitgestalten, und wir werden es mitgestalten, weil Sachsen-Anhalt ein modernes, zukunftsfähiges Land ist.

(Beifall bei der CDU und bei den GRÜNEN)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Herr Minister. - Nun hat der Abg. Herr Schmidt das Wort. Bitte.


Jan Wenzel Schmidt (AfD):

Danke. - Bei E-Sports findet, wie Sie bereits sagten, vieles online statt, auch die Trainingseinheiten bzw. zum Teil auch die Wettbewerbe. Sind die Spieler in Sachsen-Anhalt dann nicht grundsätzlich wegen des schlechten Internetausbaus benachteiligt? Sie können ja gar nicht weit kommen, wenn zwischendurch immer die Internetverbindung abbricht. Ist es nicht viel wichtiger, erst einmal die Internetverbindungen, gerade im ländlichen Raum, in Sachsen-Anhalt zu stärken und einen Internetausbau stattfinden zu lassen?


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Minister, bitte.


Holger Stahlknecht (Minister für Inneres und Sport):

Es gibt unterschiedlich ausgebaute Regionen, und es gibt unterschiedlich ausgebaute Fußballplätze im Land.

(Mario Lehmann, AfD: Und sportliche!)

Das ist einfach so, und es ist dort auch nicht anders. Im Augenblick fördern wir Fußballplätze, aber noch nicht E-Sports. Wenn sich das entwickelt, werden wir die virtuellen Fußballplätze zusammen mit Herrn Willingmann, der aufmerksam zuhört und für Digitalisierung zuständig ist, so gestalten,

(Robert Farle, AfD: Das tun aber alle!)

dass alles vernünftig funktioniert.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Herr Minister. - Nun hat der Abg. Herr Gürth das Wort. Bitte schön.


Detlef Gürth (CDU):

Ich kenne die Diskussion aus eigenem Ehrenamt schon sehr lange. Ich bin der dienstälteste Sportbundpräsident in Sachsen-Anhalt und bin schon seit 1992 oder 1993 im Amt.

(Ein musikalischer Handyklingelton ist zu hören)


Holger Stahlknecht (Minister für Inneres und Sport):

Dafür gibt es sogar Musik.


Detlef Gürth (CDU):

Es geht schon los: Suchtgefahr und E-Sports mitten im Landtag.

(Heiterkeit bei allen Fraktionen - Minister Holger Stahlknecht lacht)

Wir sind uns, denke ich, alle einig: Wir werden große Trends weder aufhalten noch massiv beschleunigen können - bei aller Wertschätzung des Hohen Hauses. Darum geht es auch gar nicht.

Aber ich erinnere einmal an die Frage: Als damals Darts aufgenommen wurde, gab es beim DOSB einen jahrelangen Prozess. Können Sie sich daran erinnern? Warum wurde Darts aufgenommen und Poker nicht? - Dieser Streit ist bis heute nicht beendet. Wann ist ein Spiel ein Spiel, und wann wird aus einem Spiel Sport? - Jeder kann doch nach seiner Façon glücklich werden und spielen, was er will, daddeln oder sonst etwas.

Aber wann ist es Sport? Wo ist der Unterschied, und wie grenzen wir dabei ab? Und wo ist der Unterschied zwischen 20 Leuten, die in verschiedenen Räumen an einem technischen Gerät irgendetwas spielen und das Sport nennen, und anderen, die das in einer großen Halle mit 50 Leuten aus zehn Nationen tun, die aber an ihren Spielautomaten sitzen und unter das Glücksspielrecht fallen? Wie grenzen wir das ab? - Wenn Sie einmal gesehen haben, wie die schwitzen und sich an diesen Geräten bewegen, dann erkennen Sie: Die schwitzen mindestens genauso viel wie jemand, der an seinem Laptop sitzt und mit jemandem in Kalifornien irgendein Spiel spielt. Vielleicht bin ich auch schon so ein alter Sack, dass ich dem nicht ganz folgen kann.

(Zurufe: Das kann sein!)

Aber Sie sind ja jung, dynamisch und für dieses Ressort zuständig. Wie bekommen Sie die Abgrenzung und diese Definition hin?


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Minister.


Holger Stahlknecht (Minister für Inneres und Sport):

Er wollte sagen, er sei ein erfahrener Mann. - Ich habe sehr viel Wandel im Sport erlebt. Als Snowboarden aufkam, war das ein bisschen hip. Mittlerweile ist es eine Disziplin bei den Olympischen Spielen.

(André Poggenburg, AfD: Aber es ist Sport!)

Ich habe erlebt, welche Diskussionen es gab - sagen wir einmal: Gender -, als die erste Fernsehreporterin Fußballspiele kommentierte. Halb Fußball-Deutschland stand kopf, dass es eine Frau wagte, diese Männersportart zu kommentieren. Sie hat, glaube ich, sogar noch den Namen eines Vereins falsch gesagt - ich weiß gar nicht mehr, welcher Verein es war

(Zurufe: Schalke 05! - Heiterkeit bei allen Fraktionen)

- Schalke 05  , und es gab eine Riesendiskussion. Derlei Beispiele gibt es viele.

Das ist ja das Schöne bei solchen etwas weicheren Themen: Man kann sich auch einmal ausdiskutieren und echauffieren. Das tun wir jetzt ein bisschen bei E-Sports. Ich kann Ihnen zig Geschichten erzählen. Mittlerweile gibt es sogar Frauenfußball, der Gott sei Dank anerkannt ist. Es gibt eine eigene Frauenfußball-Nationalmannschaft, die große Erfolge gefeiert hat. Wir haben nicht nur Snowboarden bei den Olympischen Spielen, und so werden wir in zehn Jahren, wenn wir uns einmal irgendwo wiedertreffen, über E-Sports sprechen. So ist das. Der Grieche sagte: „Panta rhei“, alles fließt, alles im Fluss. Das gilt auch hier.

(Beifall bei der CDU)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Herr Minister. - Wir haben jetzt den Prio-Block mit fünf Minuten. Deshalb schlage ich vor, wir lassen nur drei Fragesteller zu. - Herr Lieschke hatte sich noch gemeldet. Herr Raue, es tut mir leid. - Herr Lieschke, Sie dürfen Ihre Frage stellen.


Matthias Lieschke (AfD):

Nun wissen wir alle, dass es dann, wenn man an einer Konsole vielleicht „FIFA“ spielt und diesen Sport gegeneinander betreibt, nicht nur bei „FIFA“ bleibt, sondern man auch ganz schnell in diese Shooter-Spiele hineinkommt und diese mitspielt.

Wenn man jetzt plötzlich das Spiel „FIFA“ auf Sport hochzieht, wächst dann nicht auch die Gefahr, dass man auch andere Spiele betreibt und lieber miteinander herumballert und virtuell Leute umlegt? Wird dadurch nicht auch die Gewalt noch verstärkt?


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Minister.


Holger Stahlknecht (Minister für Inneres und Sport):

Danke. - Ich habe vorhin ausgeführt, dass wir sehr genaue Regeln schaffen müssen, damit dieses eben nicht eintritt. Ich habe von den Ego-Shootern gesprochen und von Leuten, die genau diese Spiele spielen.

(Matthias Lieschke, AfD, unterhält sich mit einem Abgeordneten seiner Fraktion)

- Jetzt hören Sie gar nicht zu. Dann hätten Sie die Frage auch nicht zu stellen brauchen. Aber ich antworte Ihnen trotzdem.

In diesen Bereichen müssen also ethische Linien gezogen werden, damit so etwas nicht stattfindet.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Herr Minister. Ich sehe keine weiteren Anfragen.


Holger Stahlknecht (Minister für Inneres und Sport):

Ich darf mich jetzt setzen?


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Bitte schön.