Tagesordnungspunkt 5

Beratung

Wandel im Sport fördern - eSports-Strukturen stärken

Antrag Fraktionen CDU, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drs. 7/3015



Einbringer wird der Abg. Herr Striegel sein. Sie haben das Wort.


Sebastian Striegel (GRÜNE):

Vielen Dank. - Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren Kolleginnen und Kollegen! 80 000 Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgen gebannt das Spiel ihrer Mannschaft live im Stadion. Mehr als 40 Millionen schauen via Stream über das Internet zu. Die Menschen auf der Tribüne toben, feuern ihr Team an, die Spielerinnen und Spieler ackern, schnelle Bewegungsabläufe, Schweiß bei den Teilnehmenden, Emotionen zwischen großem Glück und tiefer Enttäuschung.

Nein, es geht nicht um das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft, es geht um E-Sports, genauer gesagt, um das im November 2017 ausgetragene Endspiel der League-of-Legends-Weltmeisterschaft in Peking.

Für alle, denen der Begriff des E-Sports noch nicht ganz geläufig ist:

(Sebastian Striegel, GRÜNE, hält einen Spielecontroller hoch)

Laut der Satzung des E-Sport-Bundes Deutschland wird E-Sports wie folgt definiert - ich zitiere  :

„E-Sports ist das sportwettkampfmäßige Spielen von Video- bzw. Computerspielen, insbesondere auf Computern und Konsolen nach festgelegten Regeln. Der Wettkampf findet hierbei mithilfe des Mehrspielermodus eines Spiels statt. Es besteht die Möglichkeit, einen Wettkampf einzeln oder im Team zu bestreiten.“

Zu den beliebtesten Spielen gehören die Strategiespiele League of Legends und Dota 2 sowie die Sportsimulation FIFA 18.

E-Sports erfreut sich weltweit immer größerer Begeisterung und Bedeutung. So haben bereits 29 % der deutschen Internetnutzer von E-Sports gehört und kennen dessen Bedeutung. Mehr als 3 Millionen Deutsche schauen mindestens einmal im Monat E-Sports-Spiele oder spielen selbst in einer Amateurliga.

40 000 bis 150 000 lose Zusammenschlüsse von Spielerinnen und Spielern existieren schon heute in Deutschland. Darüber hinaus lassen sich aktuell bereits 40 eingetragene Vereine bundesweit zählen. Fast ein Viertel der deutschen Gamer kann sich vorstellen, aktiv am E-Sports-Vereinsleben teilzunehmen.

Allein diese Zahlen machen die wachsende Bedeutung und Entwicklung von E Sports zum Breitensport deutlich. Beim E-Sport sollen wie beim Sport vor allem Werte wie Leistungsbereitschaft, Fairness, Toleranz und Respekt, Internationalität und Friedlichkeit im Vordergrund stehen.

Die wechselseitigen Vorzüge von E-Sports und vom bereits organisierten Sport sind unverkennbar. So kann E-Sports insbesondere als Entwicklungs- und Wachstumschance für den organisierten Sport förderlich sein und die ersehnte Fähigkeit zum Anschluss an Jugendkulturen ermöglichen.

Der Mehrwert des Sports im Rahmen von organisierten Vereinsstrukturen kann jedoch andersherum auch für den E-Sport nutzbar gemacht werden. Diese Verzahnung garantiert eine Möglichkeit der Einwirkung als Qualifizierungs- und Wertevermittlungssystem.

Der Einfluss auf Regeln und Rahmenbedingungen im E-Sport ist gewährleistet. E-Sports kann in der Sport-Community gemeinsam entwickelt werden.

Sachsen-Anhalt ist hierbei Vorreiter. Während anderswo noch darüber diskutiert wird, ob es überhaupt eine Zusammenarbeit zwischen organisierten Sport- und E-Sport-Akteuren geben kann, geht unsere Sport-Community voran.

Der Fußballverband Sachsen-Anhalt hat das Potenzial von E-Sports erkannt. Er verwirklicht gemeinsam mit dem E-Sport-Bund Deutschland e. V. ein Pilotprojekt. Der Landespokal wird in der kommenden Saison nicht nur klassisch auf dem Rasen, sondern zusätzlich auch auf der Playstation mit dem Spiel FIFA 19 ausgetragen. Der Fußballverband Sachsen-Anhalt bringt damit als erster Landesverband des DFB eine Kooperation zustande.

Das zeugt von einer großen Offenheit für das Thema beim FSA und für die gute Zusammenarbeit zwischen traditionellen und neuen Sportakteuren in unserem Bundesland. Das sollte Schule machen über Sachsen-Anhalt hinaus.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Mit der Frage, ob E-Sport tatsächlich Sport ist, haben wir von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN uns auf Bundes- und auch auf Landesebene in diversen Fachgesprächen auseinandergesetzt.

(Unruhe)

In der Debatte zur Regierungserklärung unseres Sportministers im vergangenen Jahr bin ich hier im Hohen Hause noch mit vielen fragenden Blicken konfrontiert gewesen - heute ist es eine gewisse Unaufmerksamkeit auf der rechten Seite  , als ich hier auf das Potenzial dieser neuen Sportart hingewiesen habe. Ich vermute, dass es auch heute unumgänglich ist, sich mit dem Begriff des E-Sports zu beschäftigen, um zu ergründen, warum auch E-Sport im Bereich des Sports zu verorten ist.

Eine vollkommen überzeugende sowie von allen Institutionen akzeptierte Definition des Begriffs „E-Sports“ und auch des Begriffs „Sport“ gibt es nicht. Was es gibt, sind zahlreiche Definitionsversuche, die sich um eine Konkretisierung bemühen.

Weit überwiegend wird Sport mit körperlicher Ertüchtigung

(André Poggenburg, AfD: Sehr schön!)

bzw. eigenmotorischer Aktivität verbunden. Sport kann jedoch genauso ein zweckfreies Tun sein, das dem Abbauen überschüssiger Energien dient.

(André Poggenburg, AfD: Handkante!)

Ich bin der Auffassung, der Sportbegriff sollte kein feststehendes, unverändertes Bollwerk sein. Das Freizeitverhalten und die Aktivitäten von Menschen definieren sich immer wieder neu und schreiben sich fort. Diesem Wandel sollte auch der Sportbegriff gerecht werden.

(Zustimmung von Dorothea Frederking, GRÜNE)

Wenn der Sportbegriff sich wandelt, müssen auch die rechtlichen Grundlagen folgen und die Möglichkeit eröffnen, E-Sports als Sport zu etablieren. Dafür kämpfen wir GRÜNE.

Diese Anerkennung kann nur über und mit dem autonom organisierten Sport erfolgen, der sich im DSOB zusammengefunden hat, über 27 Millionen Mitglieder aus knapp 90 000 Sportvereinen verbindet und als Dachverband des deutschen Sports gilt. Grundlage für die Anerkennung von E-Sport durch den DOSB ist die Steuerbegünstigung als Sport im Sinne des § 52 Abs. 2 Nr. 21 der Abgabenordnung.

Für die Anerkennung von E-Sport als Sport nach der Abgabenordnung ist die Definition des Sportbegriffes der Rechtsprechung zu berücksichtigen, die für die Anerkennung als Sport - ich zitiere - „eine körperliche, über das ansonsten übliche Maß hinausgehende gehende Aktivität, die durch äußerlich durch beobachtende Anstrengungen oder durch die einem persönlichen Können zurechenbare Kunstbewegung gekennzeichnet ist“ verlangt.

Der vom DOSB darüber hinaus geforderte Selbstzweck einer Betätigung, der beispielsweise nicht bei Arbeits- oder Alltagsverrichtungen vorliege, wird nach überwiegender Anschauung durch den E-Sport erfüllt. E-Sport ist grundsätzlich nicht mit Nützlichkeitserwägungen der Alltags- und Arbeitswelt verbunden und steht durch seinen spielerischen Charakter unter dem Einfluss einer autonomen Zielsetzung. Hierbei gibt es keine Unterschiede zwischen E-Sport und anderen Sportarten wie beispielsweise dem Fußball.

Ebenso werden die Aufnahmekriterien des Fair Play und der Chancengleichheit sowie der Einteilung in Wettkampf- und Leistungsklassen durch den E-Sport erfüllt. Es existieren zahlreiche Ligen wie beispielweise die Electronic Sports League.

Kritisiert wird teilweise, dass einige E-Sports-Spiele von gewaltverherrlichenden Inhalten geprägt seien und damit sportethische Werte wie die Verletzlichkeit der Person, deren Einhaltung der DSOB fordert, ignoriert würden. Es bleibt im Hinblick auf dieses Kriterium zu überlegen, ob der E-Sport einen eigenen Verhaltenskodex entwickeln, verbindliche Standards festlegen und entsprechende Spielarten ausschließen sollte, um diesem Kriterium umfassend gerecht zu werden.

Als das entscheidende Merkmal zur Anerkennung wird häufig die sportartbestimmende motorische Aktivität benannt. Wer um das notwendig hohe Maß an Geschicklichkeit und Konzentration weiß, das für den E-Sport erforderlich ist, wird zugestehen müssen, dass der E-Sport auch diese Hürde spielend nimmt. Überdies ist das Ausmaß an körperlicher Ertüchtigung nicht zu unterschätzen. Ein Spieler oder eine Spielerin muss bei manchem Spiel an so einer Konsole wie dieser

(Sebastian Striegel, GRÜNE, hält eine Spielkonsole hoch)

über 400 Klicks pro Minute, also etwa sechs Klicks in der Sekunde, erzielen. Die Finger der Spieler und Spielerinnen rasen über Tastatur und Maus, der ganze Körper ist angespannt.

(Zuruf von der AfD)

Seit der Entscheidung des Bundesfinanzhofes im Jahr 1997 ist jedoch längst klar, dass eine körperliche Ertüchtigung durch Leibesübungen nicht mehr entscheidend sein kann. Der BFH hat in seinem Urteil anerkannt, dass sämtliche Motorsportarten als Sport zu beurteilen sind; selbst Motorflugsport gilt als Sportart, weil es dafür erhöhte körperliche Leistungsfähigkeit und eine gesteigerte Nervenleistung braucht. Beim Motorsport gehe körperliche Einsatz über das für menschliche Tätigkeiten heute im allgemeinen übliche Maß hinaus, auch wenn die körperliche Anstrengung nicht so offensichtlich sei wie bei zahlreichen anderen Sportarten, zum Beispiel in den Disziplinen der Leichtathletik. Der Motorsport verlange auch eine Körperbeherrschung, zum Beispiel hinsichtlich des Wahrnehmungsvermögens, der Reaktionsgeschwindigkeit, der Feinmotorik, die in der Regel nur durch Training erlangt und aufrechterhalten werden könne.

Eine Parallele zog der Senat in seiner damaligen Entscheidung zum Sportschießen, das ebenfalls als Sport gewertet wurde. Der Senat führte schon damals aus, dass es nicht notwendig sei, dass die körperliche Ertüchtigung augenfällig sei, und hielt die bis dato vertretene Auffassung für überholt.

Dieser Wandel in der Rechtsprechung ist symbolisch für die Veränderungen, insbesondere durch technischen Fortschritt bedingt, bei denen sich der Sport bereits in der Vergangenheit anpassen und diesem gerecht werden musste. Es ist nun an der Zeit für den nächsten Schritt in die Zukunft: die Anerkennung von E-Sport als Sport. Dazu wollen wir mit unserem Antrag heute beitragen.

Die Auswirkungen einer solchen Anerkennung sind für den E-Sport nicht von der Hand zu weisen. Wer Mitglied im DOSB ist, gilt als förderungswürdig. Das bedeutet, er kann staatliche Leistungen in Anspruch nehmen, wie beispielsweise die unentgeltliche Nutzung von Sportstätten, die Anerkennung ehrenamtlicher Arbeit und steuerliche Ermäßigungen wie die teilweise Befreiung von der Körperschafts- und Gewerbesteuer im Sinne der Gemeinnützigkeit.

Die Abhängigkeit von Sponsoren und die Marktnähe würden abnehmen, und neuen offeneren Verbandsstrukturen stünde der Weg frei. Auch den Berufsspielern und den Berufstrainern, die es bereits gibt, könnten Erleichterungen gewährt werden. Diese betreffen etwa die Aufenthaltsgenehmigung, die im Fall von Berufssportlern dann nicht mehr von der Bundesagentur für Arbeit erteilt werden müsste.

Professionellen E-Sport-Teams, die häufig aus Spielern und Spielerinnen verschiedener Länder bestehen, könnte das gemeinsame Training oder die Teilnahme an Wettkämpfen erleichtert werden. Auch Risiken und Gefahren, die es, wie überall im Sportbereich, gibt, lassen sich so zeitiger erkennen und es kann ihnen entgegengewirkt werden.

Die Weltgesundheitsorganisation, WHO, erkennt inzwischen exzessives Computer- und Videospielen auch als Krankheit an. Online-Spielsucht wurde in dieser Woche in den neuen WHO-Katalog aufgenommen. Während sich bei den meisten Online-Spielern und Spielerinnen keine Probleme entwickeln, gibt es einen Kreis von Personen, die eine echte Abhängigkeit entwickeln.

Umso wichtiger ist es uns, dass diese Personen nicht im Verborgenen spielen, sondern Ansprechpartner und Gleichgesinnte vor Ort finden, mit denen ein Austausch stattfindet und Lösungen für ihre Probleme entwickelt werden können, dass es Verbandstrukturen und Vereinsstrukturen gibt, in denen man zusammenarbeitet, zusammen trainiert und tatsächlich auch viel stärker soziale Interaktionen stattfinden.

Solide Strukturen entstehen von unten, wie wir in Sachsen-Anhalt bei „Magdeburg eSports“ sehen können. Dort sind inzwischen mehr als 200 E-Sport-Enthusiasten organisiert. Der Verein veranstaltet Elternabende, organisiert Trainerseminare, aber auch interne Volleyballturniere, zum Beispiel als Ausgleichssport, Spielvorführungen, zum Beispiel „League of Legends“, für Vertreter von Verbänden. „Magdeburg eSports“ kooperiert bei einzelnen Projekten mit der Fakultät für Humanwissenschaften sowie der Fakultät für Informatik der Otto-von-Guericke-Universität; auch Vertreter der Trainingswissenschaften der Universität Halle waren bereits zu Besuch.

Vereine wie dieser brauchen unsere Unterstützung und kämpfen für die Anerkennung als Sport. Wer will, dass beispielsweise eine zertifizierte Trainerausbildung im E-Sport realisiert wird, muss Schritte zur Anerkennung gehen und den Schulterschluss zwischen traditionellen Sportakteuren und dem E-Sport befördern.

In diese Richtung, meine Damen und Herren, zielt unser Antrag. Ohne die Autonomie des Sports zu beeinträchtigen, zeigt er auf, was es braucht, um E-Sport zu fördern und gute Bedingungen für eine weitere Entwicklung zu schaffen. Wir verstehen ihn als eine Grundlage, um die Diskussion über die Entwicklung des E-Sports anzuregen, und wollen, dass das Land Sachsen-Anhalt hierbei eine Vorreiterrolle einnimmt. Das ist etwas, wofür wir ausgesprochen gute Grundlagen haben und bei dem ich glaube, dass das Land und wir alle nur gewinnen können.

Das Land Sachsen-Anhalt kann von E-Sport profitieren. Lassen Sie uns jetzt im Sportland Sachsen-Anhalt gute Rahmenbedingungen für diese neue Sportart schaffen. - Herzlichen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD - Zustimmung von Thomas Keindorf, CDU)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Herr Striegel. Es gibt eine Nachfrage. Der Vollständigkeit halber möchte ich noch sagen: Neben dem Antrag der Koalitionsfraktionen liegt auch ein Änderungsantrag der Fraktion DIE LINKE, Drs. 7/3075, vor. - Frau Heiß, Sie haben jetzt das Wort. Bitte.


Kristin Heiß (DIE LINKE):

Vielen Dank. - Herr Striegel, zum einen vielen Dank für diesen Antrag, der eine Zielgruppe anspricht, die oft zu kurz kommt, nämlich junge Menschen. Zum anderen muss ich aber kritisieren, dass der Antrag aus meiner Sicht sehr eindimensional gedacht ist. Sie sind zwar darauf eingegangen, dass Computerspielsucht in die ICD-11 aufgenommen wurde, aber es gibt auch in anderen Bereichen durchaus Nachholbedarf, was den Jugendschutz angeht.

Sie haben selbst gesagt: E-Sport-Veranstaltungen nehmen zu. Diese werden auch in Sachsen-Anhalt immer häufiger durchgeführt. Es bestehen aber große Unsicherheiten bei den Kommunen und Landkreisen bezüglich des Umgangs mit solchen Veranstaltungen insbesondere, was die Altersfreigabe angeht.

Daher ist meine Frage, inwiefern Sie sich schon mit Ordnungsbehörden und Jugendämtern dazu ausgetauscht haben und wie wir eine rechtliche Grundlage dafür schaffen können, die es momentan nicht gibt, um Rechtssicherheit bei E-Sport-Veranstaltungen zu gewähren.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Striegel, bitte.


Sebastian Striegel (GRÜNE):

Zunächst bin ich Ihnen, Frau Heiß, dankbar für Ihren Hinweis und Ihre Frage. Ich will aber einem Missverständnis entgegentreten: E-Sport ist auch ein Kinder- und Jugendthema, aber nicht ausschließlich. Wir erleben in der E-Sport-Szene - das ist vielleicht gerade ihr großer Vorteil -, dass sie sich weit über die Altersklasse spannt und es nicht nur junge Leute sind, die E-Sport betreiben, sondern dass das ein sehr breit aufgestelltes Feld ist.

Nichtsdestoweniger: Das Thema Jugendschutz bis hin zur Frage der Medienkompetenz spielt auch für uns eine Rolle. Ich bin Ihnen auch dankbar, dass Ihre Fraktion zu diesem Thema einen Änderungsantrag eingebracht hat. Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass wir als Koalitionsfraktionen die Nr. 1 Ihres Änderungsantrages übernehmen werden, weil dieser Punkt auch für uns wichtig ist.

Wir sehen diesen Antrag als einen Beginn eines Dialogprozesses, und dieser Dialogprozess muss auch die kommunalen Ordnungsbehörden und die Jugendämter einschließen, um tatsächlich zu praxistauglichen Regelungen zu kommen. Wir haben jetzt die Situation, dass faktisch gesehen an solchen Events Minderjährige nur in Begleitung von Erziehungsberechtigten sinnvoll teilnehmen können. Ich glaube, dass es diesbezüglich noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt und man über Altersfreigaben etwas erreichen kann. Aber dazu braucht man verbindliche Regeln. Diese gilt es zu schaffen. Das ist ein Prozess, den wir jetzt angehen werden.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Herr Striegel. Es gibt eine weitere Anfrage. Möchten Sie diese auch beantworten?


Sebastian Striegel (GRÜNE):

Ja.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Poggenburg, bitte.


André Poggenburg (AfD):

Sehr geehrter Herr Striegel, ganz klar: Jeder soll spielen, soll sich betätigen, wie er das gern möchte; natürlich unter Einhaltung der Gesetze. Das ist klar. Aber sollten wir alle hier nicht versuchen, Kinder und junge Erwachsene zu motivieren, wegzukommen vom Rechner, rauszugehen in die Natur, um sich wirklich körperlich zu betätigen? Sollten wir das nicht mindestens versuchen anzustoßen und zu motivieren? Wirkt diese Initiative dem nicht entgegen?


Sebastian Striegel (GRÜNE):

Nein, Herr Poggenburg, diese Initiative wirkt dem nicht entgegen, sondern sie bringt genau das in den Blickpunkt, indem sie versucht, die vielen hunderttausend Menschen, die im Land bereits E-Sport spielen, tatsächlich in die Sportszene zu integrieren, den Austausch zwischen traditionellen und neuen Sportarten zu fördern, um miteinander zu einem gemeinsam gelebten umfassenden Sport in Sachsen-Anhalt zu kommen.

Es geht um die Vielfältigkeit. Ich weiß, dass das etwas ist, womit Ihre Fraktion immer wieder Probleme hat. Uns geht es um die Vielgestaltigkeit und die unterschiedlichen Ausformungen, und da gehört E-Sport genauso dazu wie Volleyball und andere Sportarten, die gemeinsam draußen gespielt werden können.

(Zuruf von der AfD)

Wir wollen junge Menschen in der Natur, wir wollen junge Menschen drinnen und wir wollen medienkompetente junge Menschen. Wir wollen junge Menschen, die sich im E-Sport-Bereich aktiv zeigen, die das gemeinsam mit anderen tun und die die gemeinschaftsbildende und Gemeinschaft stützende Funktion von E-Sports auch umfassend wahrnehmen können. Das gelingt dann besser, wenn es vernünftige Vereinsstrukturen gibt, in denen das stattfinden kann. - Herzlichen Dank.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Herr Striegel. Es gibt eine weitere Anfrage. Herr Kohl möchte diese stellen. - Bitte.


Hagen Kohl (AfD):

Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Herr Striegel, Sie werden sich vielleicht noch erinnern: Es gab im Vorfeld der Landtagswahl in Magdeburg eine Podiumsdiskussion. Mein Parteifreund Herr Pasemann machte den Vorschlag, die Anzahl der Sportstunden in der Schule zu erhöhen. Sie waren dagegen. Diesbezüglich frage ich mich natürlich, wie glaubhaft Sie sind, wenn Sie für den Sport eintreten.

Zum anderen wird im Bereich des Fußballs bemängelt, dass dieser Sport mehr vom Geld bestimmt wird. Sie argumentieren, dass E-Sport als Sport anerkannt werden sollte, weil dort Geld verdient wird. Wirkt das nicht dem Sportgedanken entgegen?


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Striegel, bitte.


Sebastian Striegel (GRÜNE):

Zunächst, Herr Kohl, möchte ich sagen: Glaubwürdigkeit macht sich nicht an einer einzelnen Sportstunde fest, sondern Glaubwürdigkeit macht sich daran fest, ob man ein umfassendes Konzept hat. Nach den sportpolitischen Vorstellungen der GRÜNEN wird in unseren Schulen ausreichend Sport getrieben. Wir glauben aber, dass zum Sport noch andere Facetten gehören und diesbezüglich auch der Bereich E-Sports dazugehört.

Zum Fußballverband. Nachdem Sie diesen gesellschaftlich wirklich wichtigen Akteur durch Vertreter Ihrer Fraktion bei einer öffentlichen Anhörung zuletzt auf das Wüsteste haben beschimpfen lassen und in den aus Ihrer Sicht links-grünen versifften Block eingeordnet haben, frage ich mich, mit welchem Anspruch Sie hier eigentlich dem Fußballverband irgendwelche Lehren erteilen wollen.

Ich halte den Fußballverband Sachsen-Anhalt für einen wirklich sehr herausragenden Akteur. Er hat beim Thema E-Sport gezeigt, dass er bereit ist, diesen Wandel anzugehen, und er zeigt in anderen gesellschaftlichen Feldern, zum Beispiel der Integrations- und Migrationspolitik, dass er auch dort an vorderster Front bereit ist, für eine gute Veränderung unserer Gesellschaft zu streiten. Insofern wird der Fußballverband von uns unterstützt.

(Zuruf von André Poggenburg, AfD)

Zur Frage der Kommerzialisierung. Wir haben eine Reihe von Sportarten, in denen auch das kommerzielle Interesse im Mittelpunkt steht. Nun leben wir in einem kapitalistischen System, in dem ein kommerzielles Interesse erst einmal nicht verboten ist. Es gibt von unserer Fraktion auch keine Bestrebungen, das zu ändern.

Aber wir wollen es in einen guten Ausgleich bringen. Wir wollen, dass gemeinnützige Aspekte im Sport genauso eine Rolle spielen können wie auch eine kommerzielle Betätigung dort stattfindet. Wenn man das will und wenn man das auch in einen guten Ausgleich bringen will, dann muss man verbindlich wirkende, gut organisierte Verbandsstrukturen unterstützen. Wir streiten für die Anerkennung von E-Sports, weil das auch hilft, die Marktnähe ein Stück weit zurückzudrängen.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Abg. Kohl, Sie haben eine kurze Nachfrage? - Dann stellen Sie diese bitte.


Hagen Kohl (AfD):

Ja, ich habe eine kurze Nachfrage. Ich halte das, was Herr Striegel vorgetragen hat, nicht für schlüssig;

(Widerspruch bei den GRÜNEN)

denn die Akzeptanz, ob etwas Sport ist oder nur eine Modeerscheinung, muss doch im Grunde derjenige für sich entscheiden, der Anhänger dieser Sportart bzw. des Daddelns ist.

Ich möchte aber noch auf einen Punkt hinweisen, weil Sie meinten, dass E-Sportler ja in der Freizeit Sport betreiben würden, im Kraftraum usw. Ich habe Zweifel daran, dass es überdurchschnittlich viele E-Sportler gibt, die einen athletisch definierten Körper haben. Es ist eher andersherum, nämlich dass Spitzensportler zur Entspannung daddeln. So sehe ich das.

(Lachen bei der SPD)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Striegel, Sie dürfen noch einmal antworten.


Sebastian Striegel (GRÜNE):

Herr Kollege Kohl, unsere Körperideale mögen sich unterscheiden. Die einen stehen mehr auf Gestähltes, wie Windhunde usw. Das wird durchaus unterschiedlich gesehen. Sie brauchen für E-Sports bestimmte motorische und kognitive Fähigkeiten. Diese sind auch je nach gespieltem Spiel unterschiedlich, und Sie müssen dafür trainieren. Das schaffen Sie aber nicht, wenn Sie das nicht auch regelmäßig körperlich tun.

(Oliver Kirchner, AfD: Über den Daumen!)

An welchen Stellen Sie dann Ihre Muskeln trainieren und ob das am Ende zu einer Bodybuilder-Figur führt, weiß ich nicht. Das ist auch nicht entscheidend, sondern es geht um die Frage, ob dabei eine motorische Aktivität, verbunden mit einer neuronalen, festzustellen ist, und das ist ganz sicher so.


Hagen Kohl (AfD):

Das ist in einer Spielhalle genauso.


Sebastian Striegel (GRÜNE):

Nein, das ist in einer Spielhalle nicht so; außerdem ist dort eine Gewinnerzielungsabsicht unmittelbar durch das Spiel gegeben. Das ist Glücksspiel, und Glücksspiel und E-Sports unterscheiden sich maßgeblich voneinander. Insofern meine ich, es gibt gute Gründe, dass wir E-Sports als Sport anerkennen.

Was diese Modeerscheinungen betrifft, würde der Engländer „a slippery slope“ sagen. Man soll auch zu Zeiten der Pferdedroschke das Auto für eine Modeerscheinung gehalten und gemeint haben, dass sich das eher nicht durchsetzen würde.

(André Poggenburg, AfD: Die LINKEN wollen es wieder abschaffen!)

Ich erinnere an die Worte einiger führender Bundespolitiker, dass das mit dem Internet auch nur eine vorübergehende Erscheinung sei oder man noch beginnen müsse, mit diesem Neuland zu arbeiten. Mein Eindruck ist: E-Sport ist da. E-Sport wird Sport, und E-Sport ist gekommen, um zu bleiben. - Herzlichen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN - Zuruf von André Poggenburg, AfD)