Cornelia Lüddemann (GRÜNE):

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Tillschneider, mal ganz ehrlich, ist dieser Antrag in einer burschenschaftlichen Bierlaune entstanden,

(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE)

oder haben Sie eine Wette verloren und sich dazu verpflichtet, hier möglichst billige Polemik darzubieten? Oder stand ein Antrag zur Kita auf der Agenda der AfD und Sie mussten sich irgendwas aus den Fingern saugen? Also ich habe selten so einen Schwachsinn gehört wie das, was ich eben hier ertragen musste, ganz ehrlich.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Ich befürchte nach Ihrer Einbringungsrede, dass Sie das alles sogar noch ernst meinen. Das ist das, was es richtig bitter macht.

(Beifall bei den GRÜNEN - André Poggenburg, AfD: Das meinen wir vollen Ernstes, richtig!)

Sie scheinen tatsächlich zu glauben, das Bildungsprogramm steht ein für einen Bildungsbegriff, der diesen als reine Selbstverwirklichung betrachtet. Dafür beziehen Sie sich auf ein kurzes Zitat, nämlich, das Kind wird nicht gebildet, es bildet sich selbst. Ehrlich gesagt - also ich habe noch dreimal darüber nachgedacht -, aber im Grunde meint dieser Satz nicht viel anderes als das, was Sie selbst in Ihrer Begründung zwei Sätze später schreiben.

(Angela Gorr, CDU: Genau!)

Dort schreiben Sie nämlich, Bildung besteht in der Aneignung von Bildungsgegenständen, die zunächst fremd sind. Diese Aneignung ist Geistesarbeit. Nichts anderes meint das Bildungsprogramm, genau so.

(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE - Zurufe von der AfD)

Bildung ist aktive Aneignung durch Geistesarbeit des Kindes. Es bildet sich also selbst. Im Grunde - das ist ja das Traurige

(Zurufe von der AfD)

oder das Wahre -, gibt es eigentlich keinen Dissens.

(Unruhe bei der AfD - Robert Farle, AfD: Unsinn! - Sie verstehen die einfachsten Dinge nicht!)

Aber wenn man Ihre Rede heute hier hört, dann wird klar, dass Ihr Antrag nur in Bausch und Bogen abgelehnt werden kann.

(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE)

Das zeigt auch der letzte Abschnitt Ihrer Begründung. Waren Sie schon einmal selbst in einer Kita hier im Land?

(Monika Hohmann, DIE LINKE: Bloß nicht! - Oh! bei der AfD - Sebastian Striegel, GRÜNE: Rechtsextremisten aus Kitas fernhalten!)

Ich bin regelmäßig in jedem Quartal einen ganzen Tag lang in der Kita und mache dort einen Praktikumstag. Ich kenne keine Kita, in der Kinder verwahrlosen. Ich kenne keine Kita, in der Kinder sich selbst überlassen werden, und schon gar nicht, weil die Erzieherinnen und Erzieher sich einem falschen Bildungsprogramm verpflichtet fühlen.

(Zuruf von André Poggenburg, AfD)

Eine derart faktenfreie Behauptung habe ich selten in einer Antragsbegründung wahrnehmen müssen.

(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE)

Und das Schlimme ist, Sie diskreditieren mit diesem Antrag und mit Ihrem Auftritt sämtliche Erzieherinnen und Erzieher in diesem Land, die sich tagtäglich unter schwierigsten Bedingungen - wir arbeiten daran, dass es besser wird - für unsere Kinder einsetzen. Das ist sträflich.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Sie versuchen zudem, die Reputation der Verfasserinnen und Verfasser des Bildungsprogramms zu beschädigen. Aber ganz ehrlich, mit einem Rückgriff auf das Ministerium für Volksbildung in der DDR und mit einem Rückgriff auf autoritäre Frontalerziehung werden Sie das nicht schaffen.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LINKEN)

Lassen Sie mich zum Abschluss noch aus dem Bildungsprogramm zitieren; denn ich denke, das spricht für sich:

„Je reichhaltiger die Umwelt des Kindes ist, desto vielfältiger sind die Eindrücke und komplexer die Bildungsprozesse.“

Kinder entwickeln Erkenntnisse und Deutungen von der Welt auch gemeinsam mit pädagogischen Fachkräften. Diese orientieren sich dabei an den Themen und Interessen, Bedürfnissen und Fähigkeiten der Kinder. Pädagogische Fachkräfte teilen ihr Wissen mit den Kindern und stellen ihre Kompetenzen zur Verfügung. Der Antrag entbehrt jeder fachlichen Redlichkeit und ist abzulehnen. - Danke.

(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LINKEN)