Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD):

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Diesem Antrag der Koalitionsfraktionen kann die AfD-Fraktion ohne Abstriche zustimmen.

(Zurufe: Oh!)

- Auch das kommt vor.

(Heiterkeit)

Sie wollen die schriftlichen Dokumente in unseren Archiven vor dem fortschreitenden Verfall schützen - zur Abwechslung ein echtes Problem. Die Antragsbegründung geht auf den Zerfall von Originaldokumenten durch Säurefraß und unsachgemäße Lagerung ein. Das ist richtig.

Prinzipiell gilt aber auch, dass Dokumente, die nur im Original vorliegen, immer durch Wasserschäden, Diebstahl, Brandkatastrophen oder auf andere Weise unwiederbringlich verloren zu gehen drohen. Der gesamte Archivbestand muss deshalb schnellstmöglich konserviert, abgelichtet, gespeichert und als historisches Forschungsmaterial für nachfolgende Generationen gesichert werden.

Das Einzige, was ich kritisch anmerken will, ist, dass die Ziele ruhig etwas ehrgeiziger sein könnten. Wenn mittlerweile schon 50 % des Archivmaterials beschädigt sind, Sie aber pro Jahr nur 1 % des Materials konservieren wollen, dauert es 50 Jahre, bis die nur zum heutigen Zeitpunkt schon beschädigten Teile bearbeitet sind. Bis dahin dürfte einiges unwiederbringlich verloren sein; auch Teile des heute noch unbeschädigten Bestandes dürften bis dahin Schaden genommen haben.

Das Ziel sollte deshalb schon sein, pro Jahr mindestens 2 % bis 3 % des Materials zu konservieren, also in weniger als 25 Jahren den heute schon beschädigten Bestand konserviert zu haben und binnen zwei Jahren den gesamten Bestand zu digitalisieren.

Seien Sie also bitte nicht knickrig und nehmen Sie genug Geld in die Hand, um sicherzustellen, dass die schriftliche Dokumentation unserer Geschichte erhalten bleibt.

(Beifall bei der AfD)

DIE LINKE begehrt mit ihrem Änderungsantrag, Dokumente vor allem auf Mikrofilm zu sichern, weil der langfristige Erhalt elektronischer Daten eben nicht 100-prozentig sicher sei. - Das kann man so sehen. Wichtiger aber wäre aus meiner Sicht, dass wir die Bestanderhaltung als Chance nutzen, um zugleich mehr Öffentlichkeit und Transparenz im Archiv- und Bibliothekswesen durchzusetzen. Im Moment herrscht dort nämlich ein eigenartiges Goldgräberdenken.

Wenn ein Wissenschaftler einen Bestand an Dokumenten erst einmal bearbeitet, lassen viele Bibliotheken niemand anderen mehr an diesen Bestand, der also wie eine Art Claim abgesteckt ist. Das ist in höchstem Maße kindisches und irrationales Denken, mit dem wir brechen sollten. Deshalb finde ich, dass jedes wiederhergestellte Dokument abgelichtet und dann ins Netz gestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden muss. Damit sinkt auch die Wahrscheinlichkeit eines Datenverlustes. Wie wir wissen, vergisst das Netz nicht. Die radikale Veröffentlichung ist der beste Beitrag zum Erhalt der Daten.

Da es ansonsten wenig zu diesem Antrag zu sagen gibt, will ich die Zeit nutzen und kurz darauf eingehen, weshalb wir mit historischen Überresten, Quellen und Denkmälern so überaus behutsam umgehen, sie zu bewahren trachten und das für ganz selbstverständlich halten.

Interessanterweise nämlich widmet die islamische Kultur der Geschichte, auch und gerade ihrer eigenen, bei Weitem keine derartige Aufmerksamkeit. Erst die Orientalisten, die im 19. Jahrhundert den Orient bereisten, haben sich der Geschichte der islamischen Literatur angenommen und historische Handschriften gesammelt, die sie nicht selten aus Müllhaufen ziehen mussten oder bei Altpapierhändlern zu Spottpreisen erstanden. Noch vor wenigen Jahren klagte ein Kollege mir gegenüber, dass in Kairo in den Archiven Manuskripte in Müllsäcken vor sich hinschimmeln und niemand sich ihrer annimmt.

Auch bei uns war das vor Aufklärung und Romantik nicht anders. Erst im Durchgang durch diese beiden Epochen, durch Aufklärung und Romantik, entstand der historische Sinn, der auch speziell uns Deutsche auszeichnet.

Da der Islam nicht nur keine Aufklärung, sondern auch keine Romantik durchgemacht hat, konnte er nie einen Sinn für den ganz eigenen Wert der anderen, vergangenen Zeit entwickeln. Wenn wir uns also um den Erhalt der Archivbestände bemühen, dann sollten wir uns bewusst sein, dass wir damit einer kulturspezifischen Prädisposition folgen. Und wenn wieder einmal jemand die dumme Frage stellt, worin denn die deutsche Kultur besteht,

(Hendrik Lange, DIE LINKE, lacht)

so findet er darin eine mögliche Antwort.

(Beifall bei der AfD)