Wolfgang Aldag (GRÜNE):

Vielen Dank, Herr Präsident. - Meine Damen und Herren! Wir haben es hierbei wieder mit einem typischen AfD-Antrag zu tun. Es wird ein Thema aufgegriffen, von dem man sich erhofft, einen medialen Aufschlag zu erhalten, haut eine fette Überschrift darüber, irgendetwas mit Experimente ist immer ganz gut. Im Antrag selber dann viel wischi waschi, nichts Konkretes und in der Begründung dann viel Fadenscheiniges und wenig gut Recherchiertes.

(Beifall bei den GRÜNEN - Sebastian Striegel, GRÜNE: Der Klassiker!)

Das alles, um dann hier am Rednerpult zu stehen, um sich in zehn bis 15 Minuten am eigenen Gesagten - ja, ich sage einmal - regelrecht aufzugeilen. Seit einem Jahr sind das immer dieselben stereotypen Verhaltensweisen. Ich weiß nicht, Herr Tillschneider, ob Sie es merken, es hat überhaupt keine große Wirkung. Einzig und allein hat es die Wirkung, dass Sie sich hier vorne abfeiern können und einen großen Beifall von Ihrer Fraktion einheimsen.

(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE, und von Olaf Meister, GRÜNE)

Sie wollen aber, glaube ich, gar keine richtige Wirkung erzielen, Sie wollen einfach provozieren. Und das macht Ihnen ja auch immer sichtlich Spaß. Ich sehe Ihr Grinsen dort hinten. Na, Gott, wenn es darum geht, Spaß zu provozieren, es sei Ihnen gegönnt.

(Zuruf von der AfD: Danke!)

Aber allein deswegen einen Antrag abzulehnen, wäre viel zu einfach und auch falsch, und irgendwie hat es dann auch mir Spaß gemacht, das alles genau zu lesen, sich damit auseinander zu setzen und zu schauen, woran der Antrag eigentlich auch krankt.

In Vorbereitung dieser Rede habe ich mir sowohl die Meinungen und Argumente der Befürworter als auch der Gegner der Reichen-Methode „Lesen durch Schreiben“ zu Gemüte geführt. Ich stehe heute nicht hier, um für die eine oder andere Lernmethode zu plädieren, sondern um zu erläutern, weshalb wir den Antrag ablehnen.

Zum einen möchte ich noch einmal auf die gesetzliche Lage, die bereits der Herr Minister und meine Vorrednerinnen und Vorredner auch erwähnt hat, hinweisen. Nein, es waren nur Vorrednerinnen und keine Vorredner.

(Angela Gorr, CDU: Genau!)

Es ist im Schulgesetz festgelegt, dass Lehrkräfte in eigener pädagogischer Verantwortung unterrichten. Ich denke, das ist gut so, denn nur so haben auch die Lehrkräfte die Möglichkeit, individuell auf die Schülerinnen und Schüler einzugehen. Denn auch - das werden Sie vielleicht nicht wahrhaben wollen, Herr Tillschneider - nicht alle Kinder sind gleich und nicht alle Kinder lernen gleich gut nach nur einer bestimmten Methode. Vielmehr ist es doch wichtig, dass wir gut ausgebildete Lehrkräfte haben, die das Individuelle in den Kindern erkennen.

An dieser Stelle möchte ich dem Grundschulpädagogen Prof. Dr. Hans Brügelmann zitieren. Zitat:

„Ich denke, das Problem ist, dass Lehrer lernen sollten, für welche spezifischen Probleme welche Methoden besonders hilfreich sind. Mein Plädoyer geht nicht dahin, eine Methode durch eine andere zu ersetzen, sondern in der Lehreraus- und -fortbildung das Repertoire der Lehrer zu erweitern und ihnen deutlich zu machen, was der Hintergrund der einzelnen Methode ist, damit ihnen die spezifischen Stärken, aber auch Risiken dieser Zugriffe klar sind, sodass sie dann im Unterricht sehr viel gezielter auf die Probleme, die Kinder an bestimmten Stellen haben, eingehen könnten.“

Zitatende.

Zum anderen möchte ich erwähnen, dass es keine eindeutigen Ergebnisse in der wissenschaftlichen Forschung gibt, die für die eine oder die andere Methode sprechen. Das behaupten Sie zwar immer, auch in Ihrem Antrag, aber so ist es eben, wenn man immer nur mit einseitigen Quellen arbeitet, die ausschließlich die eigene Position stärker. Man muss bei dem Thema schon quer lesen und dann kommt man zu der Erkenntnis, ja, dass es erwiesen ist, dass sich in der Klassenstufe eins und zwei durchaus Nachteile ergeben können, wenn nach der sogenannten Reichen-Methode unterrichtet wird, spätestens in Klassenstufe vier diese Nachteile jedoch wieder völlig ausgeglichen sind.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass das Thema eigentlich völlig an den Haaren herbeigezogen ist. Der Herr Minister hat es erwähnt, nur ein geringer Teil der öffentlichen Grundschulen und der Schulen in freier Trägerschaft favorisiert das Verfahren nach der Reichen-Methode. Sie machen wieder aus einer Mücke einen Elefanten. Sie sehen ein Problem, wo es gar keines gibt. Aber das kennen wir von Ihnen bei ganz anderen Themengebieten.

Lassen Sie mich zum Schluss noch zwei Dinge mit einem leichten Augenzwinkern anmerken. Das will ich vorausstellen. In der Tat ist es erwiesen, dass die Methode „Lesen durch Schreiben“ oder „Schreiben durch Gehör“ bei einigen Gruppen Nachteile mit sich bringt. Zum einen sind das wohl Kinder mit Migrationshintergrund und zum anderen Kinder, die aus einer Region mit starkem Dialekt kommen. Sie, Herr Tillschneider, sind in Rumänien geboren und übrigens wie ich auch in Baden-Württemberg aufgewachsen.

Erstens. Beide hätten wir es sicherlich recht schwer gehabt, wenn wir ausschließlich nach der Reichen-Methode unterrichtet worden wären. Es ist also gut, dass unsere Lehrkräfte vermutlich individuell auf uns eingegangen sind. Nachdem wir in unseren ersten fünf Lebensjahren schwäbisch geschwätzt haben, ist es gut, dass wir jetzt einigermaßen korrekt Hochdeutsch sprechen können, aber mit Sicherheit korrekt schreiben können.

Zweitens habe ich - so glaube ich - beobachtet, wie auch ich, schreiben Sie mit links. Ich glaube, Sie sind genau so froh wie ich, dass wir damals nicht umerzogen worden und die Verbote tatsächlich schlecht sind. Es hat etwas Gutes, wenn man nicht mit Verboten hantiert, sondern Kinder individuell nach der jeweiligen Begabung mit unterschiedlichen Methoden fördert und fordert. - Vielen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN - Zustimmung bei der LINKEN und bei der SPD)