Marco Tullner (Minister für Bildung):

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Vielen Dank für diese freundliche Erlaubnis, hier reden zu dürfen.

(Heiterkeit)

Ich möchte zunächst einmal den Dank, den Thomas Keindorf in verschiedener Art an die Landesregierung gerichtet hat, und die Motivation, die damit verbunden war, natürlich auch zurückgeben.

Denn ich finde, sich mit dem so wichtigen Thema berufliche Ausbildung zu beschäftigen, geht im Kontext verschiedener anderer bildungspolitischer Aspekte manchmal unter. Dass wir jetzt die Chance haben, dieses Thema gemeinsam im Parlament und im Ausschuss zu diskutieren und entsprechende Lösungsstrategien zu entwickeln bzw. zu besprechen, lohnt allemal. Denn wenn wir uns einmal vergegenwärtigen, wie noch vor einigen Jahren auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise die Jugendarbeitslosigkeit in der EU auf einem so unterschiedlichen Niveau war, so liegt das, denke ich, auch daran, dass wir in Deutschland einen Schatz entwickelt haben, den es aber auch im Blick zu behalten und für kommende Herausforderungen fit zu machen gilt, nämlich unsere berufliche Ausbildung und die daraus resultierenden niedrigen Zahlen in der Jugendarbeitslosigkeit.

Wenn man, wie ich, vorher einmal in einem Ministerium war, das sich mit Außenwirtschaft beschäftigt hat, kommt man ein wenig in der Welt herum: Welches ist das Thema, um das uns alle Länder beneiden und versuchen, es an ihre Länder zu adaptieren bzw. zu implementieren? Es ist das Thema berufliche Ausbildung, bei dem alle mit Anerkennung und gelegentlich auch Neid auf uns schauen. Dies sollte uns nicht selbstzufrieden machen, sondern uns Ansporn sein, es auch weiterhin so zu pflegen.

(Zustimmung von Wolfgang Aldag, GRÜNE)

Die Herausforderungen sind von Thomas Keindorf eigentlich alle schon benannt worden: die Demografie, die Schülerzahlen - das ist ein Punkt, der an dieser Stelle immer wieder zu erwähnen ist. Es ist auch die Frage des Verhältnisses zur akademischen Ausbildung. Dazu sage ich aber: Es war nicht nur die Politik, die vielleicht die Maßstäbe ein wenig unausgewogen ausbalanciert hat, sondern es waren, denke ich, auch viele andere, die das süße Lied der akademischen Ausbildung ein wenig zu stark gesungen haben. Jetzt muss der Kollege Willingmann tapfer sein, aber wir bekommen das nachher wieder eingefangen.

Deshalb kommt es darauf an, dieses Thema so zu gestalten, dass auch in den Schulen die Frage positiv beantwortet werden kann, dass eine berufliche Ausbildung alle Perspektiven für die zukünftige Entwicklung sowohl in der Heimat als auch außerhalb von Sachsen-Anhalt möglich macht, dass sie attraktiv ist und es sich lohnt, diesen Weg zu gehen, dass man keine Sorge mehr haben muss, dass nur ein Gymnasiast eine Lehrstelle bekommen wird angesichts des heutigen Verhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage. Das sollte uns allen bewusst sein, und wir sollten draußen auch stärker hervorheben, dass dies so ist.

(Zustimmung von Angela Gorr, CDU)

Aber: Nichts ist so gut, dass man es nicht noch verändern könnte und muss. Es gibt die Frage, die hier beschrieben wurde: die Fahrerei, das Verschieben und all diese Dinge. Das ist keine Bösartigkeit oder Quälerei von jungen Schülern und Schülerinnen, sondern wir müssen auch Fachlichkeiten und das Schulnetz im ländlichen Raum im Blick haben. Wenn ich mich daran erinnere - jetzt ist der Kollege Schröder nicht da, aber vielleicht gibt es noch andere Kollegen aus Sangerhausen -, wie es die dortige Direktorin Frau Storch in einer bewundernswerten Art und Weise schafft, nicht gerade im Hotspot der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes eine Berufsschule zu organisieren mit drei Standorten, verschiedenen Herausforderungen, mit der Anforderung an verschiedene Qualifikations- und Interessenprofile, das hinzubekommen ist in höchstem Maße anerkennenswert. Dies gilt genauso für alle anderen Kolleginnen und Kollegen, die in diesem Bereich arbeiten.

Ich möchte einmal - das machen wir sonst nicht - an dieser Stelle einmal meine Referatsleiterin Frau Kube hervorheben, die die Dinge in einer bewundernswerten Art mit den Berufsschulen organisiert. Trotzdem werden die Herausforderungen in den nächsten Jahren steigen.

Meine Damen und Herren, ich habe mir eigentlich vorgenommen, keine ganz so lange Rede zu halten, denn vieles, was ich sagen wollte, hat auch Thomas Keindorf schon erwähnt. Ich möchte aber noch einmal auf einen Punkt hinweisen, der ebenfalls anklang: Das ist der Auftrag und die Erwartungshaltung, eine stärkere Koordinierung der Berufsausbildung in der Regierung hinzubekommen. Ich möchte einmal nennen, wer alles mit diesem Thema beschäftigt ist: Das ist das Finanzministerium, das Wirtschaftsministerium, das Sozialministerium, das Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr und das Bildungsministerium - also fast das gesamte Kabinett. Daraus kann man, glaube ich, erahnen, dass es hier dringenden Handlungsbedarf gibt und wir uns die Defizite, auch in unserem Handeln, noch einmal anschauen und dafür leichtere Lösungsstrategien entwickeln müssen. Dass wir aber auch die Berufsbilder im Blick behalten und die Wirtschaft stärker einbeziehen müssen, wissen wir alle.

Ich möchte noch einen letzten Punkt in die Debatte einbringen: Wir müssen uns auch die Lehrpläne noch einmal anschauen. Ich glaube, wir haben immer auch den Auftrag, zu reflektieren, welches Wissen für das Berufsleben für die Zukunft noch relevant ist. Gerade im Bereich der Sekundarschulen kann man ebenfalls noch einmal genauer hinschauen, was wir dort unseren Schülerinnen und Schülern an Motivation und Qualifikation mitgeben können und ob die Erwartungen der Wirtschaft später erfüllt werden können.

In diesem Sinne freue ich mich auf eine intensive Beratung im Ausschuss. Ich habe schon gesehen, dass sich Herr Steppuhn gemeldet hat, aber das muss natürlich die Präsidentin genehmigen, deshalb sage ich lieber nichts mehr. - Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Sehr geehrter Herr Minister, genauso ist das. Ich denke schon, dass wir auch dabei bleiben: Die Wortmeldungen gehen bei mir ein, und ich erteile das Wort, auch den Fragestellern. - Bitte, Herr Steppuhn.


Andreas Steppuhn (SPD):

Danke schön. - Sehr geehrter Herr Minister! Der geschätzte Kollege Keindorf hat es gut verstanden, Sie zu loben, Ihnen aber zugleich auch ins Stammbuch zu schreiben, was alles noch zu tun ist. Er hat unter anderem darüber gesprochen, dass man ein Azubi-Ticket einführen könnte. Dazu gibt es einen Prüfauftrag in der Koalitionsvereinbarung. Er sagte auch, dass es sinnvoll sei, den Ansatz für Fahrtkostenerstattungen für Berufsschüler zu erhöhen. Ich frage Sie: Sehen Sie das auch so, dass es sinnvoll ist, ein Azubi-Ticket hier im Land einzuführen, und setzen Sie sich in der Regierung mit dafür ein, dass das geschieht?

Die zweite Frage - was auch eine Forderung der Gewerkschaften ist und auch von Herrn Keindorf, wie ich ihn vorhin verstanden habe; und ich würde ihn dabei unterstützen -: Werden Sie sich im Ministerium dafür einsetzen, dass wir auch bei den nächsten Haushaltsverhandlungen den Haushaltsansatz für die Erstattung der Fahrt- und Unterbringungskosten der Berufsschüler deutlich erhöhen?


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Minister, Sie dürfen antworten.


Marco Tullner (Minister für Bildung):

Vielen Dank, Frau Präsidentin, für das Wort. - Lieber Kollege Steppuhn, natürlich ist mir das ein wichtiges Anliegen, und zwar aus drei Gründen. Der erste Grund: Es steht im Koalitionsvertrag, deshalb ist eine Regierung klug genug, sich daran zu halten. Der zweite Grund: Es ist eine Forderung unseres lieben Koalitionspartners SPD, die sich auch im Koalitionsvertrag wiedergefunden hat. Es ist mir natürlich ein besonderes Herzensanliegen, die Dinge gemeinsam voranzutreiben. Drittens habe ich in Erinnerung, dass wir uns darauf verständigt haben, dass die Kollegin Grimm-Benne, die gerade nicht da ist - aber jetzt ist der Sangerhäuser Kollege wieder da -, die Federführung für diese Thematik übernommen hat und ich sie dabei nicht nur begleite und unterstütze; denn wir sind ja Nachbarn in Ostelbien und wollen dies deshalb als Nachbarschafts- bzw. Gemeinschaftsaktion vorantreiben. Wenn Sie das im Haushalt noch mitbegleiten, dann sind wir doch schon fast auf der Zielgeraden unseres Bemühens.


Andreas Steppuhn (SPD):

Danke. Wir werden daran erinnern.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank. - Es gibt zwei weitere Fragesteller. Die Abg. Bull-Bischoff hat eine Frage und Frau Hohmann ebenfalls. Bitte.


Birke Bull-Bischoff (DIE LINKE):

Herr Minister, ich teile die Argumentation nicht, man müsse in der Tendenz junge Menschen vom Studieren fernhalten, denn das ist jetzt etwas „too much“. Das möchte ich jetzt aber nicht aufgreifen. Ich denke, wir liegen im OECD- und im bundesweiten Durchschnitt immer noch sehr weit hinten, was akademische Bildung betrifft,

(Zurufe von der AfD: Ach!)

und ich finde immer, dass akademische Bildung auch eine Ressource ist, im Übrigen auch für das Handwerk und die mittelständische Wirtschaft. Das ist aber nicht der Gegenstand meiner Frage. Man muss es ja nicht immer „entweder - oder“ diskutieren, sondern man kann auch darüber nachdenken, welche Möglichkeiten junge Menschen haben, über die berufliche Bildung hinaus an den Hochschulen zu studieren.

Dazu würde mich interessieren: Wie sind Ihre Überlegungen, um diesen Weg etwas mehr zu öffnen, und zum anderen auch für - das wäre eigentlich eine Frage an Herrn Keindorf    


Marco Tullner (Minister für Bildung):

Er kommt ja noch mal.


Birke Bull-Bischoff (DIE LINKE):

Ja, aber das kann ich schon mal sagen. Darauf können Sie ja vielleicht in Ihrer Erwiderung eingehen. Welche Strategien könnte man eröffnen, um es den kleinen und mittelständischen Unternehmen - ich sage es einmal etwas lax - „schmackhaft“ zu machen, ihren Auszubildenden den Weg zu akademischer Bildung zu eröffnen und sie dann wieder zurück ins Unternehmen zu bringen?


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Minister, bitte.


Marco Tullner (Minister für Bildung):

Die zweite Frage hat sich Herr Thomas Keindorf aufgeschrieben, und er wird sie Ihnen mit Sicherheit nachher fach- und sachkundig beantworten. - Frau Bull-Bischoff, zunächst einmal: Wenn sich die Dinge Ende September so entwickeln, wie sie sich abzeichnen, werden Sie ja leider nicht mehr in diesem Hohen Hause sein. Das möchte ich an dieser Stelle schon einmal ausdrücklich bedauern, da die Fragen, die Sie stellen, immer sehr motivierend und fachkundig sind und zum selbstkritischen Reflektieren anregen.

(Eva Feußner, CDU: Oh! - Sebastian Striegel, GRÜNE: Das trieft ja schon!)

Jetzt kommt der unangenehme Teil der Antwort: Ich glaube schon, dass wir uns bei der Bildung nicht immer nur an Quoten und Statistiken orientieren sollten, sondern manchmal auch ein Blick ins reale Leben hilft. Wenn wir uns immer wieder vergegenwärtigen, dass in Irland der Klempner in der Statistik der akademischen Ausbildung auftaucht und bei uns nicht, so ist das ein Teil des Dilemmas, warum die berufliche Bildung im öffentlichen Fokus oft in den Hintergrund gedrängt und die Quotendiskussion geführt wird. Am Ende haben wir zwar dann Architekten, die ein Haus bauen, aber irgendjemand muss ja auch Leitungen und Elektrokabel verlegen usw. und all dies tun. Aber wir wollten es ja nicht so grobmotorisch zuspitzen.

Ich glaube, wir müssen in diesem Sinne flexibler werden, wie auch Thomas Keindorf sagte, und Brücken und Querverbindungen zur akademischen Bildung aufbauen. Dies beginnt bei der Anerkennung in den Qualifikationsrahmen, bei der wir auch nicht alle übereingekommen sind, wie wir die Meister- und ähnliche Ausbildungen eintakten, und dass man im Sinne von Ausbildung weitere Qualifikationsmöglichkeiten, auch die Ressourcen der Hochschulen, nutzt. Ich nehme vor allem auch die Fachhochschulen so wahr, dass sie das von der Intention her immer so empfunden haben. Dass sich die Entwicklung dynamisch eher vernetzt und verkoppelt, ist ein Teil des Prozesses, den wir jetzt befördern wollen.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Frau Hohmann hat noch eine Frage. Bitte, Frau Hohmann.


Monika Hohmann (DIE LINKE):

Ja, Herr Minister, eine kurze Verständnisfrage für mich: Sie sprachen davon, dass Sie die Lehrplaninhalte der Sekundarschulen gegebenenfalls verändern möchten. Ich erinnere mich, dass wir vor einigen Jahren gerade im Sekundarschulbereich und vor kurzem auch in den Gymnasien kompetenzorientierte Lehrpläne eingeführt haben. Was muss ich mir unter Ihren Äußerungen vorstellen?


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Minister.


Marco Tullner (Minister für Bildung):

Frau Präsidentin, wenn ich darf? - Sie dürfen sich darunter vorstellen, dass vor dem Hintergrund, dass viele Unternehmer immer sagen, die jungen Leute kämen dann an und - das ist der meistgesagte Satz - könnten nicht mal den Dreisatz, und danach auch noch andere Klagen kommen, im Endeffekt die Frage steht, ob wir es schaffen können, die Erwartungen der Wirtschaft an Qualifikationen in den Schulen stärker mit unseren Lehrplänen und den damit verbundenen Kompetenzorientierungen zu verbinden.

Deshalb möchte ich zunächst einmal mit den Schulverbänden, die in diesen Bereichen unterwegs sind, und den Lehrerverbänden in Gespräche eintreten, ob wir dort Veränderungen organisieren können. Ich habe dazu schon ein, zwei ermutigende Signale von Gemeinschaftsschulverband und anderen Verbänden wahrgenommen, sodass ich denke, dass wir dort auch das eine oder andere bewegen können. Aber es gibt noch nichts Konkretes. Wenn es konkret wird, werde ich es hier rechtzeitig thematisieren und diskutieren. Am Ende profitiere ich ja auch davon, wenn wir möglichst viele Erfahrungen und Perspektiven in solche Überlegungen einbeziehen.