Tagesordnungspunkt 27

Beratung

Entwicklung der Gemeinschaftsschulen weiter gewährleisten

Antrag Fraktion DIE LINKE - Drs. 7/1537



Einbringerin ist die Abg. Bull-Bischoff für die Fraktion DIE LINKE. Sie haben das Wort Frau Kollegin.


Birke Bull-Bischoff (DIE LINKE):

Sehr geehrte Damen und Herren! Bei dem Anspruch oder dem Konzept „Längeres gemeinsames Lernen“ scheiden sich in aller Regel die Geister, allerdings in einer solch polarisierenden Form nur noch im Landtag oder anderen Parlamenten. Ich persönlich erlebe die Diskussion außerhalb sehr viel entspannter.

Das Herder-Gymnasium in Halle, künftig Genscher-Gymnasium, führt seit mehr als acht Jahren immer im Frühsommer eine Art Speeddating durch. Das heißt nichts anderes, als dass Schüler ihre Vorstellungen von Bildung, ihre Vorstellungen von Schule innerhalb eines halben Jahres erarbeiten. Dann kommt der Punkt, an dem es mit Bildungspolitikerinnen und Politikern aller Fraktionen, fast aller Fraktionen, im Landtag diskutiert wird.

Es sind fünf Tische aufgestellt und man wandert gewissermaßen von Tisch zu Tisch. Ich selbst habe es bis jetzt zweimal erlebt. Herr Bönisch von der CDU ist der Spitzenmann. Er hat es achtmal erlebt. Er wird bestätigen, dass es sehr viel Spaß macht.

Man muss seine eigenen Argumente durchaus immer wieder überdenken und sich mit Gegenargumenten auseinandersetzen. Die grauen Zellen kommen dabei ein Stück weit in Fahrt.

Interessant ist in der Tat, dass sich Schülerinnen und Schüler ähnlich wie wir in eher konservativ Denkende, in eher linksliberal Denkende und alles, was dazwischen kommt, unterscheiden. Nur hat man manchmal den Eindruck, dass Schülerinnen und Schüler ein Stück weit mehr offen für Gegenargumente sind.

In einem - deswegen erzähle ich es -, meine Damen und Herren, waren sich jedoch alle Schülerinnen und Schüler, mit denen ich gesprochen habe, in den letzten Jahren einig: Es ist von allen Schülerinnen und Schüler abgewählt worden, nach der vierten Klasse in unterschiedliche Bildungsgänge zu sortieren oder auf mehr oder weniger festgefügte Bildungsgleise abzustellen.

(Beifall bei der LINKEN)

Es entspricht nicht ihren Vorstellungen von Bildungs- und von Leistungsgerechtigkeit. Sie teilen damit auch die mehrheitliche Meinung der Fachwissenschaften und vieler gesellschaftlicher Akteurinnen und Akteure.

Wenn ich mich richtig erinnere, dann hat beispielsweise die IHK im Bildungskonvent diese Meinung geteilt, weil die Entwicklung durch das Sortieren in vermeintlich homogene Bildungsgänge ausgebremst wird. Entwicklung ist ein höchst individueller Vorgang.

Der Erwartungshorizont, mit dem Lehrerinnen und Lehrer ihren Schüler begegnen, ist ein ganz entscheidender Faktor. Dieser Erwartungshorizont misst sich in der Tat an der Schulform und ist in vielen Fällen demnach ein reduzierter.

Es fehlt der gegenseitige Austausch von Lernerfahrungen, anderen Lernwegen und auch das Messen und das Vergleichen mit anderen sind weniger möglich.

Es gibt ja nicht durchweg Starke und durchweg weniger Starke, sondern es sind unterschiedliche Gebiete. Genau dieser Austausch ist für die Lernsituationen, für das Lernen an sich eigentlich eine wunderbare Quelle, weil die Quelle von Bildung in aller Regel der Unterschied, also die Vielfalt und eben nicht die Einfalt ist.

Zum Dritten. Die didaktisch-methodische Kompetenz, mit Vielfalt umzugehen, verkümmert mittlerweile. Man muss auch selbstkritisch sagen: Die Zurücküberweisung in eine andere Schulform ist der Weg des geringsten Widerstands, was - trifft man auf Herausforderungen - mitunter auch verführt.

Deshalb ist und bleibt - deswegen sage ich das am Anfang - unsere Vorstellung von Bildungs- und Leistungsgerechtigkeit die Gemeinschaftsschule, und zwar die Gemeinschaftsschule vielfältiger Lernformen.

(Beifall bei der LINKEN)

In der vergangenen Legislaturperiode wollte das auch noch die SPD. Es gab ein Konzept, an dem damals viel herumgestrichen wurde, weil man die Zustimmung der CDU brauchte. Ich sage aus der heutigen Perspektive trotzdem: besser als nichts. Es war ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Einige Schulen haben diese Chance genutzt. Sie haben eben nicht nur ihre Türschilder auswechselt, sondern haben sich in der Tat hingesetzt, haben gemeinsam ein Konzept erstritten, haben diese Vielfalt, diese große Bandbreite von unterschiedlichen Lern- und Ausgangslagen als Herausforderung begriffen und meist auch erfolgreich ausprobiert, zumindest solange, wie ihnen der Hahn nicht abgedreht wurde, und zwar der Hahn der Personalwirtschaft, die man im Grunde nur als Mangelwirtschaft bezeichnen kann.

Sie sind Wagnisse eingegangen, haben neue Wege zum Abitur eröffnet und beispielsweise auch den Plan entwickelt, eine eigene gymnasiale Oberstufe zu entwickeln, und zwar als wirkliche Alternative zum traditionellen Gymnasium; denn ich finde - darin dürften wir eigentlich miteinander übereinstimmen -: Wettbewerb belebt das Geschäft. Eine von ihnen hat im Übrigen vor nicht allzu langer Zeit den Deutschen Schulpreis bekommen.

(Zuruf von Minister Marco Tullner)

Heute sind es zwei Koalitionspartner, die zumindest programmatisch Verfechter der Gemeinschaftsschule sind, und heute steht dazu gar nichts im Koalitionsvertrag.

(Guido Heuer, CDU: Da haben wir ein Wörtchen mitzureden!)

Das ist ein etwas merkwürdiger Vorgang. Aber das eigentliche Problem ist   für heute zumindest, was unseren Antrag betrifft   ein anderes, nämlich dass das Bildungsministerium darauf hinarbeitet, die Gemeinschaftsschule klammheimlich auszutrocknen,

(Zustimmung von Guido Heuer, CDU)

und zwar diejenigen, die auf eine eigene Oberstufe hinarbeiten.

Ich möchte das einmal anhand von drei Beispielen illustrieren. Zum einen betrifft das die schülerzahlbezogene Lehrerstundenzuweisung. Das ist   das habe ich schon gesagt; das kann man nicht oft genug sagen   die pure Mangelverwaltung; das ist aber heute gar nicht so vorrangig mein Thema.

Der Faktor für die Berechnung ist von 1,48 auf 1,42 gesenkt worden, und zwar für die Sekundarschulen und für die Gemeinschaftsschulen. Das benachteiligt klammheimlich - oder vielleicht auch nicht klammheimlich; ich glaube, eher nicht klammheimlich - die Gemeinschaftsschulen.

(Zuruf von Siegfried Borgwardt, CDU)

Die Sekundarschulen hatten einen Faktor von 1,48 und die Gemeinschaftsschulen von 1,51. Sie hatten also einen Vorteil von 0,3, was den Faktor für die schülerzahlbezogenen Lehrerstundenzuweisung betrifft.

Das machte auch Sinn, weil nämlich Gemeinschaftsschule nur dann Sinn macht, zumindest mit den Schuljahrgängen bis 13, wenn für alle Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit besteht, eine zweite Fremdsprache zu erlernen, und zwar mit vier Wochenstunden. Ansonsten macht Gemeinschaftsschule keinen Sinn.

Genau die Gemeinschaftsschulen bis zum Schuljahrgang 13, die sozusagen mit Kabinettsbeschluss geadelt worden sind, werden zurückgestutzt auf die Ebene der Sekundarschule. Damit wären genau diese drei Schulen   es sind nur drei im Land   gezwungen, entweder größere Klassen zu bilden oder auf ihre zusätzlichen Angebote zu verzichten, stärker als Sekundarschulen zumindest, oder sie können die zweite Fremdsprache nicht mehr für alle anbieten.

(Zuruf von Eva Feußner, CDU)

Das heißt, der Grund für ihre Einrichtung, nämlich alle Schulabschlüsse anzubieten, geht verlustig. Sie werden weniger attraktiv, genau durch weniger zusätzliche Angebote oder größere Klassen.

Der zweite Punkt hängt eng damit zusammen; das ist die Zukunft der eigenen gymnasialen Oberstufe; denn diese macht natürlich eine Gemeinschaftsschule erst richtig attraktiv. Offenbar wird sie als Gefahr für das Gymnasium gesehen.

(Eva Feußner, CDU: Wieso Gefahr?)

So muss ich das zumindest deuten. Das ist vieldeutig; das sagt viel.

Ich sage noch einmal: Wettbewerb belebt das Geschäft.

(Guido Heuer, CDU: Wenn Sie das mal immer so sehen würden!)

Schade, dass an dieser Stelle dieser Wettbewerb gescheut wird und subtile Verhinderungsstrategien zur Anwendung kommen.

Der nächste Punkt betrifft die Mindestschülerzahl der gymnasialen Oberstufe. Für das traditionelle Gymnasium gibt es normalerweise nicht den Faktor; vielmehr sind in der Regel 50 Schülerinnen und Schüler vorgeschrieben.

Das ist für Gesamtschulen keine große Übung. Bei mehreren Gymnasien gibt es dazu eine Sollvorschrift. Das heißt, Ausnahmen sind möglich und das Landesschulamt darf diese Ausnahme prüfen. Gemeinschaftsschulen wird diese Ausnahme aber de facto - nicht de jure - verwehrt; denn wenn das nächstgelegene Gymnasium - das ist in allen drei Fällen der Fall - in vernünftiger Entfernung liegt, dann wird diese Ausnahme verwehrt. Das ist klar so: Das ist in Wittenberg so, das ist in Wolmirstedt so und das ist in Aschersleben so.

Die Idee der Gemeinschaftsschule wird auf diese Art und Weise klammheimlich geschreddert. Es trifft vor allem die erfolgreichen. Ich sage noch einmal: Ich glaube, das ist Absicht.

Der letzte Punkt dazu betrifft die Stellen der Oberstufenkoordination. Für eine eigene gymnasiale Oberstufe braucht es eine Oberstufenkoordination. Diese Stelle muss ausgeschrieben werden. Das ist bis heute nicht geschehen - ich vermute, in der Hoffnung, die Gemeinschaftsschulen mit der Absicht eigener Oberstufen bekommen das sowieso nicht hin. Es werden ihnen ja auch ausreichend Hürden in den Weg gestellt.

Das ist in etwa so, als wenn ich jemandem den Hahn abdrehe, mich dann darüber aufrege, dass kein Wasser kommt, und dann sage: Jetzt machen wir den Laden zu!

Meine Damen und Herren! Alles in allem wird der Schulform Gemeinschaftsschule auf diese Weise das Wasser abgegraben - ich finde das extrem schade; ich sage es noch einmal: es sind drei sehr erfolgreiche Schulen -, und das aus dem simplen Grund - das ist bereits bekundet worden -, weil die CDU keine erfolgreichen und attraktiven Gemeinschaftsschulen haben möchte.

(Zuruf von Hardy Peter Güssau, CDU)

Aus ideologischen Gründen? - Das sei dahingestellt. Das könnte ja Schule machen. Außerdem wollen die Gymnasien keine Konkurrenz.

(Siegfried Borgwardt, CDU: Ach!)

SPD und GRÜNE merken es entweder nicht oder wollen keinen Ärger oder es ist ihnen nicht wichtig.

(Zuruf von Minister Marco Tullner)

Auf diese Art und Weise wird das Vorhaben „Längeres gemeinsames Lernen“ still und heimlich begraben, anstatt es auszubauen und zu qualifizieren.

(Zuruf von Hardy Peter Güssau, CDU)

Meine Damen und Herren! Das Gemeinschaftsschulkonzept der vergangenen Legislaturperiode war wirklich der allerkleinste gemeinsame Nenner. Mir fiele - das können Sie sich sicherlich vorstellen - noch eine Menge mehr ein, was man auf diesem Gebiet machen könnte. Aber ich finde, wenn sich Schulen vier Jahre lange auf den Weg gemacht haben, dann sollten wir das respektieren und wenigstens diesen kleinsten gemeinsamen Nenner nicht den Bach runtergehen lassen.

(Beifall bei der LINKEN)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Vielen Dank, Frau Abgeordnete. Es gibt eine Nachfrage. Möchten Sie diese beantworten?


Birke Bull-Bischoff (DIE LINKE):

Ja.


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Herr Bönisch, bitte.


Bernhard Bönisch (CDU):

Frau Bull-Bischoff, es ist tatsächlich wahr, dieses Speeddating findet schon seit Jahren statt, aber immer mit Schülern des gleichen Lehrers. Es ist löblich, dass der Mann das macht - keine Frage -, aber ich verstehe nicht - das kommt dann noch als Frage -, wieso Sie den Umstand, dass die Schüler dafür plädierten, erst nach der 6. Klasse die Teilung vorzunehmen, als positives Votum für die Gemeinschaftsschule ausgelegt haben; denn meines Wissens haben sie alle das Gymnasium gar nicht infrage gestellt. Sie wollten zum größten Teil nur eine spätere Aufteilung.

Wenn ich die Schüler allerdings gefragt habe, was für sie selbst zutraf - das war eine 8. Klasse des Gymnasiums -, ob die Entscheidung nach der 4. Klasse für sie selbst richtig gewesen sei, dann haben sie dies alle bekräftigt. Das hat niemand infrage gestellt. Für sie war das richtig. Also für die Schüler selbst war das Aufteilen nach der 4. Klasse richtig. Ich denke, es ist nicht so sehr eine fundierte Meinung der Schüler, sondern eher Ausdruck dessen, was der Lehrer im Unterricht vermittelt hat.

Zu meiner Frage. Wieso Sie dieses spätere Aufteilen als Votum für die Gemeinschaftsschule interpretiert und damit Ihr Plädoyer begonnen haben, habe ich nicht recht verstanden.

(Zustimmung von Guido Heuer, CDU)


Präsidentin Gabriele Brakebusch:

Frau Bull-Bischoff, bitte.


Birke Bull-Bischoff (DIE LINKE):

Ich möchte zu den drei Punkten etwas sagen. Herr Bischoff - er heißt nur zufällig so - hat in den vielen Gesprächen, die er mit uns im Vorhinein und im Nachhinein geführt hat, ausdrücklich betont, dass er sich mit seiner Auffassung absolut zurückhält. Ich glaube, Sie würden ihm sehr Unrecht tun, an dieser Stelle durchblicken zu lassen: Weil Herr Bischoff - ich weiß es gar nicht mehr so genau, ob es so ist; solange haben wir uns gar nicht unterhalten - dafür sei, seien auch die Schüler dafür.

Zumindest waren dort auch sehr unterschiedliche Positionen vertreten. Ich habe gesagt, das war der kleinste gemeinsame Nenner bei den Schülerinnen und Schülern. Natürlich haben sie das Gymnasium nicht infrage gestellt. Wer stellt denn das überhaupt infrage?

(Zuruf von der CDU)

Das stellt niemand infrage.

(Zustimmung bei der LINKEN)

Das haben nicht einmal wir infrage gestellt. Die Frage ist nur: Wann beginnt die Trennung in den gymnasialen Teil und den anderen Teil. Das ist der Unterschied zwischen uns.

Bei ihrem Dialog war ich natürlich nicht dabei.

(Bernhard Bönisch, CDU: Ich wollte es Ihnen nur berichten!)

- Das nehme ich gern zur Kenntnis. Aber dazu kann ich jetzt nichts sagen.

Aber bezüglich des anderen Punktes tun Sie sowohl dem einen als auch den Schülerinnen und Schülern, glaube ich, Unrecht.