Wolfgang Aldag (GRÜNE): Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir kurz zwei Vorbemerkungen. Zunächst möchte ich mich bei Ihnen, werter Kollege Borchert, bedanken, dass Sie die Rede heute sehr unaufgeregt und sachlich eröffnet haben. Das war nach den letzten Bemerkungen in den Zeitungen nicht ganz so zu erwarten. Ich möchte mich auch bei den danach nachfolgenden Rednerinnen und Rednern bedanken, dass sie die Rede entsprechend sachlich und unaufgeregt weitergeführt haben.Dann muss ich noch kurz aufklären, wieso der Kollege Loth weiß, wieso ich angeblich Ängste beim Joggen hatte. Vermutlich hatte er einen Tweet von mitgelesen, hat dort aber den ironischen Unterton vielleicht nicht ganz mitbekommen. (Sebastian Striegel, GRÜNE: Das ist bei der AfD nichts Neues!)Vielleicht bezieht er sich auch auf meine Aussagen damals im Podium beim Landesbauernverband, als ich erklärte, dass ich so manche Ängste beim Joggen habe, wenn es nachts im Gebüsch raschelt, wenn ich im Rotehornpark unterwegs bin. Da habe ich aber nicht von meinen Ängsten gesprochen, sondern davon, dass ich nicht wüsste, wie ich mich verhalten sollte, wenn ich dem Wolf begegnen sollte. Das haben wir heute gehört, wie man sich richtig verhält. Das werde ich dann berücksichtigen.Kommen wir zurück zum Thema. Meine Damen und Herren! In den letzten Wochen wurde das Thema Wolf durch unglückliche Zeitungsberichte, dramatisierte Halbwahrheiten und unnötige Panikmache völlig undifferenziert in die Öffentlichkeit getragen.Um mich nicht falsch zu verstehen, mir gefällt die radikale Ablehnung des Wolfes ebenso wenig wie die naive Begeisterung für ihn. Der Wolf ist als wieder in unserer Kulturlandschaft lebendes Wildtier viel komplexer. Dementsprechend muss auch die Diskussion geführt werden. Deshalb ist es gut und wichtig, dass wir uns heute im Landtag mit dem Thema beschäftigt haben und einige Dinge auch gerade gerückt werden konnten. Die CDU-Fraktion hat eine Aktuelle Debatte dazu angestoßen mit dem Titel: Praxistaugliches Wolfsmanagement in Sachsen-Anhalt ermöglichen. In der Begründung heißt es: Der Wolf werde verharmlost und der zögerliche Umgang zuständiger Behörden mit der Wolfsproblematik vergrößere den bereits eingetretenen Akzeptanzverlust.Lassen Sie mich gleich zu Beginn erwähnen, dass der Wolf nicht erst seit März 2016 hier in Sachsen-Anhalt ist und es in der letzten Legislaturperiode keine Anzeichen dafür gab, dass sich irgendjemand mit dem Thema umfassend beschäftigt hat. Seit 2008 gibt es die Leitlinie Wolf. Deren notwendige Fortschreibung hat nun Claudia Dalbert als Umwelt- und Landwirtschaftsministerin vorangetrieben. Vor ihr hatte sich noch nie jemand veranlasst gefühlt, dies zu tun. Nur um kurz klarzustellen, wer wann was versäumt hat.(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE)Lassen wir diese Spielchen mit Versäumtem. Schauen wir nach vorn und wenden uns dem zu, was zu tun ist bzw. was getan wird. Stellen wir zunächst erst einmal fest, wo wir Gemeinsamkeiten haben. Die Liste ist gar nicht so kurz. Deswegen verstehe ich auch die aufgeregte Debatte im Vorfeld in den Zeitungen nicht, weil wir viele Gemeinsamkeiten in unseren Positionen haben. Einig sind wir uns darüber, dass niemand will, dass der Wolf wieder ausgerottet wird. Es ist allen bewusst, dass die Gesellschaft den Umgang mit dem Wolf wieder neu lernen muss.(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE)Daraus resultiert die notwendige Aufklärungsarbeit über den Wolf. Wir sind uns darüber einig: Wölfe, die Anzeichen zeigen, ihre natürliche Scheu zu verlieren, müssen verstärkt beobachtet und gemeldet werden. Sogenannte Problemwölfe müssen auch entnommen - im Klartext: auch zum Abschuss freigegeben werden können. Das Vorgehen regelt aber die Leitlinie Wolf, die derzeit überarbeitet wird, und nicht das Ermessen des Jägers.(Zustimmung bei den GRÜNEN)Einigkeit muss darüber herrschen, dass wir Menschen alles an Aktivitäten unterlassen, was die natürliche Scheu des Wolfes mindert. Dass kein Wolf angefüttert werden darf, auch nicht als Mutprobe, muss dabei genauso selbstverständlich werden, wie, dass man im Wald nicht mit dem Feuer spielt. Auch hier müssen sich die Bürgerinnen und Bürger ihrer Verantwortung bewusst sein.(Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE)Einige sind wir uns auch darüber, dass es ein flächendeckendes Wolfsmonitoring und ein darauf beruhendes Wolfsmanagement braucht. Wir sind uns einig, dass der umfassende Schutz von Tieren auf der Weide gewährleistet sein muss und dass der Riss von Nutztieren, der für viele Nutztierhalterinnen und Nutztierhalter im Land schwere wirtschaftliche Verluste bedeutet und hohe emotionale Belastungen mit sich bringt, schnell, unbürokratisch und gerecht entschädigt werden muss.Meine Damen und Herren! Ich glaube, jede und jeder von uns ist sich der Herausforderung bewusst, vor der wir mit dem Wolf stehen. Niemand hier im Raum verharmlost das Thema. Genauso, wie gefordert wird, dass das Thema nicht zu verharmlosen ist, fordere ich von Ihnen, das Thema nicht künstlich zu dramatisieren und anzuheizen. (Zustimmung von Sebastian Striegel, GRÜNE)Schauermärchen über den Wolf als Killer verunsichern die Bürgerinnen und Bürger und erwecken den Anschein, wir würden hier nicht die notwendige Vorsorge zur Sicherheit der Menschen im Land schaffen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Am Mittwoch wurde das aktuelle Wolfsmonitoring für Sachsen-Anhalt veröffentlicht und die überarbeitete Leitlinie Wolf präsentiert. Wer den Monitoringbericht aufmerksam liest, merkt schnell, wie intensiv die Beobachtungen erfolgen und wie genau die Ausbreitung, die Größe der Population und das Verhalten studiert und dokumentiert werden. Gebiete für eine verstärkte Beobachtung werden infolge des Monitorings klar benannt.Der Wolf breitet sich in Sachsen-Anhalt aus. Das ist die klare Erkenntnis aus dem Wolfsmonitoringbericht. Das ist zunächst positiv zu bewerten; denn der Wolf ist aus naturhistorischer Sicht eine heimische, nach internationalen und nationalen Rechtsvorschriften geschützte Tierart, deren Vorkommen in Deutschland eine wichtige Funktion im Verbund einer europäischen Population des Wolfes besitzt. Die Ausbreitung zeigt, dass wir in Teilen unseres Landes ein intaktes Ökosystem Wald haben. In all der Aufregung sollten wir dieses positive Zeichen nicht vergessen. (Zuruf von der CDU: Ohne Wildnis!)Wie wir aus dem Wolfsmonitoring wissen, wie der Wolf sich verhält und ausbreitet, ist die nächste Frage: Wie mit dem Wolf umgehen? Die Leitlinie Wolf wird die entsprechenden Antworten darauf geben. Die bereits 2008 getroffenen Festlegungen und Verfahrensweisen wurden entstaubt, sind an die neuesten Erkenntnissen und das aktuelle Monitoring angepasst. Verfahren im Umgang mit Problemwölfen werden klar benannt, ebenso die Notwendigkeit einer verstärkten Öffentlichkeitsarbeit im Bezug auf die Aufklärung der Bevölkerung.Ein wesentlicher Punkt ist die Schadensregulierung für Nutztierhalterinnen und Nutztierhalter. Die Ministerin hat dazu bereits ausführlich gesprochen,Meine Damen und Herren! Wenn in der Leitlinie Wolf aus dem Jahr 2008 die Forderung nach einer Referenzstelle Wolf resultierte, dann ist die logische Folgerung daraus, wenn man die verstärkte Ausbreitung des Wolfes in Sachsen-Anhalt betrachtet, die Verstärkung des Personals für diesen Bereich und die Einrichtung eines Wolfskompetenzzentrums.Seit vorgestern wissen wir, dass dieses Zentrum seiner Arbeit in Kürze, wenn auch zunächst in kleinerem Umfang, aufnehmen wird. Künftig werden dort alle Fäden zusammenlaufen, um so ein effektives Wolfsmanagement in Sachsen-Anhalt zu ermöglichen, welches den gestiegenen Herausforderungen gerecht werden wird.Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich noch auf die Dinge eingehen, in denen wir uns nicht einig sind. Das ist genau ein Punkt. Es ist die Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht. Wir GRÜNE lehnen eine Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht ab. Ich will unsere Position gerne begründen.Bei einer Aufnahme in das Jagdrecht unterläge der Wolf aufgrund des Schutzstatus einer zwölfmonatigen Schonfrist. Infolgedessen würde es uns nicht bei den Herausforderungen helfen, vor denen wir stehen.Die stabile Populationsgrenze ist noch nicht erreicht. Die Gefahr der Ausrottung bliebe bestehen. Alle hier haben bekundet: Die Ausrottung wollen wir nicht.Das Töten eines Elterntiers - hierin sind sich die Fachleute einig - aus einem intakten, scheuen Rudel wäre folgenschwer. Die Jungtiere würden wesentlich unberechenbarer werden und es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass das ungeschützte Rudel einen vermehrten Einzug von Wölfen in das Gebiet zur Folge hat. Das haben Beobachtungen in der Schweiz belegt. Sie können es sich gern anschauen. Auf 3sat gab es am 23. Januar dieses Jahres eine wunderbare Sendung. Sie heißt „Netz Natur“ und kann in der Mediathek angeschaut werden. Diese Sendung hat sehr aufschlussreich die ganze Problematik Wolf in der Schweiz belegt. Sehr schön war der Anfang dieses Films, für den Abgeordnete im Schweizer Parlament gefilmt wurden, die ähnlich wie wir heute hier diskutiert haben.(Zustimmung von Henrik Lange, DIE LINKE)Ich möchte nochmals feststellen, dass es in Deutschland bislang keinen gemeldeten Vorfall gab, bei dem sich ein Wolf einem Menschen gefährlich genähert, diesen verletzt oder gar getötet hätte. Wölfe sind scheue Tiere. Der Wald wird durch die Präsenz nicht automatisch zum unsicheren Ort.Die Menschen können in den Wald gehen, ohne sich vor dem Wolf fürchten zu müssen. Wer sich im Wald bewegt, der muss natürlich aufmerksam sein; denn auch durch andere wilde Tiere wie zum Beispiel Wildschweine kann bei falschem Verhalten Gefahr drohen.(Eva Feußner, CDU: Stimmt!)Der Wolf hat den Wald für den Menschen bisher nicht gefährlicher gemacht. Wir alle wollen so handeln, dass es so bleibt. Dabei ist nicht die Anzahl der Wölfe entscheidend, sondern der Umgang mit Problemwölfen. Wir haben bereits alle notwendigen Möglichkeiten bis hin zum Töten des Tieres als Ultima Ratio.Wir alle wollen, dass Nutztierhalterrinnen und Nutztierhalter beim Schutz ihrer Tiere unterstützt und schnell, angemessen und gerecht entschädigt werden, wenn ein Tier gerissen wird. Wir wollen, dass es weiterhin Kühe und Schafe auf der Weide gibt und dass die Menschen im ländlichen Raum ruhig schlafen können. Wir als GRÜNE sind davon überzeugt, dass das kein Gegensatz dazu ist, dass der Wolf in unsere Wälder gehört. - Vielen Dank.(Zustimmung bei den GRÜNEN)