Prof. Dr. Claudia Dalbert (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie):Frau Präsidentin! Sehr geehrte Abgeordnete! Wir alle wollen unsere Lebensgrundlagen erhalten, damit auch unsere Enkelkinder ein gutes Leben auf unserer Erde führen können. Darum ist der Erhalt der Artenvielfalt und ihrer Lebensräume eine zentrale Zukunftsaufgabe für uns alle. Deshalb tragen wir gerade für jene Arten, die kaum noch vorkommen, eine besondere Verantwortung,(Beifall bei den GRÜNEN)so auch für den Wolf, der weit über 100 Jahre in Mitteleuropa ausgerottet war. Das gilt für Sachsen-Anhalt, aber auch für andere Bundesländer.Deswegen sind unsere einheimischen Wölfe eine nach internationalen und nationalen Rechtsvorschriften streng geschützte nun wieder heimische Tierart. Zu den internationalen Rechtsvorschriften gehören zum Beispiel das Washingtoner Artenschutzabkommen und die FFH-Richtlinie der EU. Wir als Landesregierung stehen daher in der Pflicht, den Rückkehrer Wolf zu schützen.Der Wolf ist keine fremdländische invasive Tierart wie der Waschbär oder der Mink. Er ist der Urahn unseres geliebten Hundes und über Jahrtausende hinweg der natürliche Begleiter der Schalenwildarten wie Reh, Rot- und Damwild oder Wildschwein. Der Wolf hilft als deren natürlicher Feind damit auch unsere Wälder zu schützen. Wo der Wolf ist, haben Waldbesitzer weniger Verbisse durch die zu hohen Wildbestände zu beklagen. Das reduziert Material- und Arbeitskosten für Zäune sowie Nachpflanzungen erheblich, und es ermöglicht zukünftig die spontane Verjüngung aller Baumarten, auch der Laubbäume.(Siegfried Borgwardt, CDU: Das ist ein Argument!)- Das ist ein Argument. Nicht umsonst sagen Waldbesitzer,(Eva Feußner, CDU: Ob das Tierbesitzer auch so sehen?)wo der Wolf lebt, geht es dem Wald gut.(Beifall bei den GRÜNEN - Eva Feußner, CDU: Fragen Sie einen Tierbesitzer! - Die sagen etwas Anderes!)   Ja. (Swen Knöchel, DIE LINKE: Das sagen die Förster! - Die Jäger sagen etwas Anderes!) - Genau. (Eva Feußner, CDU: Nee! - Weitere Zurufe von der CDU) - Das ist jetzt aber meine Redezeit. Ich würde jetzt gern weiterreden. Ansonsten werde ich hier ermahnt. Aber selbstverständlich liegt uns das Wohl unserer Nutztiere und unserer Nutztierhalter und -halterinnen am Herzen. Hier spreche ich natürlich zuerst die Schafhaltung an. Wir haben hier schon an anderer Stelle sehr ausführlich darüber debattiert, dass gerade die Schafhaltung naturschutzfachlich sehr wichtig für die Erhaltung von Offenlandlebensräumen und natürlich auch für die naturnahe Deichpflege ist.Aber bevor ich zu dem komme, was wir als Landesregierung tun, richte ich noch einmal den Blick auf die aktuellen Daten der Bestandsentwicklung in unserem Land. Im abgelaufenen Monitoringjahr 2015/2016 gab es in Sachsen-Anhalt inklusive der grenzübergreifenden Territorien zehn Rudel und drei Wolfspaare. Es wurden insgesamt 78 Wölfe nachgewiesen. Diesen Monitoringbericht haben wir gestern veröffentlicht. Natürlich geht auch bei den Wölfen das Leben weiter. Zwei der drei Wolfspaare haben inzwischen Nachwuchs bekommen und zählen insoweit dann ebenfalls als Rudel, sodass wir aktuell von zwölf Rudeln und einem territorialen Paar ausgehen.Nach Einschätzung unserer Fachleute erwarten wir in den nächsten Jahren eine moderate Erhöhung der Zahl der Wolfsrudel. Warum? Der überlebende Nachwuchs unserer Rudel wird überwiegend auf den von den Wölfen bereits besiedelten Regionen Sachsen-Anhalts abwandern, um sich zur Gründung eines neuen Rudels eigene Territorien zu erschließen. Die Migration geht nach unseren Beobachtungen von Südosten nach Nordwesten. Das heißt, dass sich viele der überlebenden Nachwuchswölfe in Richtung Niedersachsen auf den Weg machen werden.   Das soweit zum Bestand der Wölfe bei uns. Meine Damen und Herren! Wir kommen jetzt zu den Aufgaben der Landesregierung. Wir haben jetzt mehrfach gehört, dass es Konflikte gibt. Es ist unsere Aufgabe als Landesregierung, mit diesen Konflikten konstruktiv umzugehen,(Beifall bei den GRÜNEN)den Menschen die Angst von dem Wolf zu nehmen, unsere Tierhalter und Tierhalterinnen und die Nutztiere zu schützen und gleichzeitig dem Wolf ein Leben zu ermöglichen.Deswegen sage ich, die Landesregierung hat drei Aufgaben: Beraten, Schützen und Entschädigen. Wir haben verlernt - das haben wir eben auch vom Kollegen Borchert gehört -, mit dem Raubtier Wolf zu leben. Deswegen ist es wichtig, die Bevölkerung aufzuklären und zu beraten, damit eben keine wilden Erzählungen kursieren und rationale Entscheidungen getroffen werden können. Wir müssen Fragen beantworten. Ist es normal, dass ein Wolf nachts durch eine Ortschaft streift? Ist es normal, dass ein junger Wolf nicht sofort beim Anblick eines Menschen flüchtet? Was muss ich tun, wenn ich einem Wolf begegne? Solche Fragen und viele mehr müssen beantwortet werden. Alle diese Fragen können von unseren Experten und Expertinnen beantwortet und erläutert werden. Und unsere Wolfsberater können in die Schulen, in die Kitas und in die Vereine gehen und alle Fragen rund um den Wolf beantworten.Meine Damen und Herren! Den Tierhaltern und Tierhalterinnen werden wir als kompetente Ansprechpartner rund um den Herdenschutz zur Verfügung stehen. Gerade die Nutztiere in der nachhaltigen ökologischen Landwirtschaft, wie zum Beispiel die Schafe bei der Landschaftspflege und beim Deichschutz, sind leider durch den Wolf besonders bedroht. Deswegen ist es zwingend erforderlich, dass hier professionell Präventionsmaßnahmen ergriffen werden. Die Koalitionsfraktionen haben deswegen auch im Koalitionsvertrag vereinbart, dass Präventionsmaßnahmen stärker zu fördern sind.Ziel eines effektiven Herdenschutzes ist es, dass es gar nicht zu Schäden kommt. Insofern versuchen wir, durch Maßnahmen die Zahl der Wolfsrisse an unseren Nutztieren zu minimieren und damit natürlich auch das Leid der Tiere zu minimieren. Ich denke, hier müssen wir noch besser werden.(Beifall bei den GRÜNEN)Welche Schutzmaßnahmen können ergriffen werden? Worum geht es? Wir werden natürlich weiter mobile Elektrozäune nebst Zubehör fördern. Im Jahr 2016 wurden hierfür mehr als 93 000 € ausgezahlt. Ich denke, das ist gut angelegtes Geld.(Beifall bei den GRÜNEN)In Zukunft werden wir die Anschaffung von Herdenschutzhunden fördern. Die Förderrichtlinie ist auf den Weg gebracht worden. Wir hoffen, dass ab März Anträge möglich sein werden. Gefördert werden Hunde der Rassen Pyrenäenberghund und Maremmano-Abruzzese oder Mischungen aus diesen beiden Rassen.(Siegfried Borgwardt, CDU: Warum nur die beiden?)- Das können Sie nachher gern fragen. Die individuelle Tauglichkeit als Herdenschutzhund muss durch die Zertifizierung anhand von Prüfungszeugnissen nachgewiesen werden. Wir kommen damit einer zu Recht gestellten Forderung der Schafhalter und Schafhalterinnen nach. Die bisherige Nichtförderung dieser Hunde ist ein Versäumnis aus dem Jahr 2014, wo das nicht in die ursprüngliche Herdenschutzrichtlinie aufgenommen wurde.(Beifall bei den GRÜNEN)In Einzelfällen werden wir darüber hinaus weitere Maßnahmen ermöglichen. Hier ist an Vergrämungsmaßnahmen zu denken, um Wölfe von Schafherden oder Siedlungen fern zu halten. Hier können und hier müssen wir auch das Know-how anderer Bundesländer wie Niedersachsen und Brandenburg oder auch auf die Erfahrungen anderer europäischer Länder zurückgreifen. Dieses Wissen wird beim Herdenschutzbeauftragten im Wolfskompetenzzentrum gebündelt werden. Seine oder ihre Aufgabe wird es sein, den Herdenschutz Schritt für Schritt zu verbessern.Wir haben viel zu tun. Doch das Ziel ist klar; Herdenschutz ist Wolfsschutz. Zum Schutz gehört natürlich auch der Umgang mit sogenannten Problemwölfen und deren Entnahme, sprich, die gezielte Tötung eines Wolfes als allerletztes Mittel. Doch dies wird immer einer Einzelfallbewertung unterliegen. Die Rechtsgrundlage hierfür ist Artikel 7 § 45 des Bundesnaturschutzgesetzes. All dies wird in der Leitlinie Wolf klar geregelt, die jetzt in die Verbändeanhörung kommt.Nun bleibt noch eine Frage offen, liebe Kolleginnen und Kollegen: Was ist, wenn der Wolf ein Nutztier gerissen hat? Auch bei der Umsetzung aller erforderlichen Schutzmaßnahmen wird dies leider nicht vollständig zu vermeiden sein. Im Jahr 2016 wurden uns insgesamt 58 Vorfälle gemeldet, bei denen ein Übergriff vom Wolf vermutet wurde. Bei jedem vierten Vorfall konnte der Wolf als Verursacher ausgeschlossen werden. In allen weiteren Fällen wurde der Wolf als Verursacher ermittelt oder war zumindest nicht auszuschließen. Es wurden dabei insgesamt 135 Nutztiere getötet. Als Schadensausgleich für diese Tiere zahlte das Land 18 500 €. Als Ausgleich werden regelmäßig Tierarztkosten und Abdeckerkosten sowie die Kosten für die getöteten oder verletzten Tiere bis zur Höhe des Marktwertes ersetzt sowie die Sachkosten für kaputte Zäune anerkannt.Und - da möchte ich auch sehr klar sein - der Schadensausgleich für die betroffenen Tierhalter und Tierhalterinnen muss in Zukunft zügiger vonstatten gehen.(Beifall bei den GRÜNEN und bei der LINKEN)Das heißt, wir werden auch das Entschädigungsverfahren, also das Kompensationsverfahren, entschlacken. Ich will es einmal ein bisschen locker formulieren. Man muss nicht aus jedem Wolfsriss einen Tatort machen. Wenn es eindeutige Bissspuren und eindeutige Fähren gibt, dann ist das ein Wolfsriss, und man kann sich wie in anderen Fällen auch darauf beschränken, dass man genetische Proben nach dem Zufallsprinzip entnimmt, um sozusagen eine gewisse Fehlerkontrolle oder eine Kontrolle zu haben, wenn es wirklich ein zweifelhafter Fall ist.Aber da müssen wir entschlacken. Und wir werden die Auszahlung dieses Schadenausgleiches in unserem Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Anhalt konzentrieren, wo auch schon die Mittel für die Prävention ausgereicht werden, sodass wir da auch eine Bündelung an einer kompetenten Stelle haben. Und wir werden - das ist ganz wichtig - die Kapazitäten für die Rissbegutachtung in der Fläche durch ein Netz von nebenamtlichen Gutachtern mit sechs Bediensteten aus den Landesforsten verstärken, die im Wolfskompetenzzentrum geschult werden, sodass überall im Land immer sehr schnell ein Rissbegutachter zur Verfügung steht. Auch das gehört dazu. Die Nutztierhalter sollen zukünftig schnell wissen, woran sie sind. Ist das ein Riss, der als Wolfsriss anerkannt wird? Und sie sollen ihr Geld dann auch zügig bekommen. Meine Damen und Herren! Beraten, Schützen und Entschädigen - mit den geschilderten Maßnahmen, denke ich, haben wir ein gutes Rüstzeug, um mit dem Wolf in unserer Kulturlandschaft leben zu können und einen Interessenausgleich zu schaffen.Alle Maßnahmen finden sich in der aktuellen Überarbeitung der Leitlinie Wolf wieder, die wir gestern der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Sie geht nun in die Verbändeanhörung. Sie regelt die Zuständigkeiten im Wolfsmanagement und beim Herdenschutz. Sie wird eine Richtschnur für die Verwaltung und vor allem eine Orientierung für die Tierhalter und die Bürgerinnen und Bürger sein.Wir haben außerdem entschieden, dass ein Wolfskompetenzzentrum in Iden auf dem Gelände des Zentrums für Tierhaltung und Technik eingerichtet wird. Mit der örtlichen Nähe dieser beiden Zentren, also dem Tierkompetenzzentrum Iden und dem Wolfskompetenzzentrum, werden wir den Herdenschutz verbessern und eine umfassende Beratung bei der Wolfsprävention gewährleisten.Das Wolfskompetenzzentrum ist eine Stabsstelle des Landesamtes für Umweltschutz und wird in Zukunft die zentrale Einrichtung für das staatliche Wolfsmanagement und den Herdenschutz in Sachsen-Anhalt sein. Ich sage es gern noch einmal: Beraten, Schützen, Entschädigen, damit sind wir auf einem guten Weg, die Konflikte mit dem Wolf zu entschärfen und unsere Nutztierhalter und Nutztierhalterinnen besser zu unterstützen. - Herzlichen Dank.(Zustimmung bei den GRÜNEN und bei der LINKEN)Präsidentin Gabriele Brakebusch:Vielen Dank, Frau Ministerin. - Es gibt mehrere Anfragen. Ich würde pro Fraktion zwei Anfragen zulassen. Mir liegen zur Zeit Meldungen von Herrn Harms, Herrn Loth und Herrn Gürth vor. Die weiteren nehme ich jetzt noch auf.(Alexander Raue, AfD, und Thomas Höse, AfD, melden sich)Sie müssten sich einigen; denn eine Anfrage liegt schon vor. - Herr Raue. Herr Harms ist der erste Fragesteller.Uwe Harms (CDU):Frau Ministerin, vielen Dank für die Schutzmaßnahmen für die Herden, die Sie voranbringen. Wir Westaltmärker leben im Wald und mit dem Wald. (Cornelia Lüddemann, GRÜNE: Er steht im Wald!)Deshalb bringe ich eine ganz konkrete Frage mit, die Sie eben überhaupt nicht angesprochen haben. Welche Schutzmaßnahmen empfehlen Sie spazieren gehenden Touristen oder allein reisenden Radfahrern, zum Beispiel auf dem Altmarkrundkurs, der quer durch unsere Waldlandschaft geht? Welche Schutzmaßnahmen empfehlen Sie unseren Kindergärten und unseren Schulkindern, die üblicherweise einen Teil ihrer Wandertage für Ausflüge in unsere Wälder nutzen möchten?Präsidentin Gabriele Brakebusch:Frau Ministerin.Prof. Dr. Claudia Dalbert (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie): Herzlichen Dank für diese Frage. Der Wolf hat Angst vor dem Menschen. Der Wolf ist ein scheues Tier. Wenn Sie sich das anschauen, beispielsweise in Sachsen, wo wir einen Problemwolf haben, dann stellen Sie fest, dass es sich um einen Wolf handelt, der zu einem polnischen Rudel gehört. Die polnischen Wissenschaftler, die das Wolfsmonitoring dort durchführen, sagen, dass der Wolf als Welpe von Menschen gefüttert worden sei. Das meine ich auch mit Information und Beratung.(Eva Feußner, CDU: Das können wir doch nicht ausschließen, dass bei uns auch so etwas passiert!)- Frau Feußner, damit haben Sie Recht. - Ich darf in meiner Antwort auch auf den Einwand von Frau Feußner eingehen. Sie haben Recht; das können wir nicht ausschließen. Deshalb sind zwei Dinge wichtig, die wir jetzt beide geregelt haben. Wir müssen die Bevölkerung so informieren und beraten, dass sie wieder wahrnimmt, dass wir hier ein Raubtier haben.Der Wolf ist ein Raubtier und darf nicht gefüttert werden. Es ist auch problematisch, wenn zum Beispiel im Dorf Dinge auf den Komposthaufen geworfen werden, die Futter für den Wolf sind. Damit zieht man den Wolf an. An dieser Stelle geht es um Beratung und Aufklärung. Ein Problemwolf - das sage ich sehr deutlich - ist nicht nur ein Wolf, der sich immer wieder der menschlichen Behausung nähert. Ein Problemwolf kann auch ein Wolf sein, der immer wieder dieselbe Herde angreift. Wenn es einen Problemwolf gibt, dann müssen wir diesen Wolf entnehmen. In der Leitlinie Wolf ist auch sehr klar geregelt, wann ein Wolf ein Problemwolf ist. Dazu gibt es einen Verhaltenskatalog, der dort genau aufgeführt ist. Die erste Maßnahme besteht darin, dass man zunächst versucht, den Wolf zu vergrämen. Man prüft also, ob man das Verhalten unterbinden kann. Aber am Ende mag es auch zu der Situation kommen - wir haben es ja auch in Niedersachsen erlebt -, dass man einen Wolf töten muss. In der Leitlinie Wolf ist auch geklärt, wer das zu entscheiden hat.Präsidentin Gabriele Brakebusch:Eine Nachfrage, Herr Harms?Uwe Harms (CDU):Frau Ministerin, weil ich den Eindruck habe, dass Sie sich mit dieser Problemstellung noch nicht ausreichend beschäftigen konnten, frage ich Sie: Wären Sie denn bereit, die Antwort nachzuliefern?Prof. Dr. Claudia Dalbert (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie): Ich habe Ihnen gerade eine Antwort gegeben. - Herzlichen Dank.Präsidentin Gabriele Brakebusch:Der nächste Fragesteller ist Herr Loth. Bitte, formulieren Sie Ihre Frage.Hannes Loth (AfD):Sehr geehrte Frau Ministerin Prof. Dr. Dalbert, Sie sagten, Sie wollen in die Schulklassen gehen, Sie wollen die Leute schulen, wie sie sich zu verhalten haben. Sie wollen auch Wolfsberater in Iden einsetzen usw. Ich frage mich, woher die Stellen dafür kommen sollen. Wir haben ohnehin viel zu wenig Leute im Forst, die viel zu viel zu tun haben. Dass sie nebenbei noch als Wolfsberater und Rissbegutachter tätig sein sollen, halte ich für ein sehr ambitioniertes Ziel. Gibt es denn genug Stellen? - Ich glaube, nein.Prof. Dr. Claudia Dalbert (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie): Herzlichen Dank. - Sie haben zwei Fragen gestellt, die ich beide beantworten möchte. Ich halte es für dringend notwendig, dass wir ein nebenamtliches Netz von Rissbegutachtern im Land etablieren. Wenn Sie sich die Berichte unserer Nutztierhalter und Nutztierhalterinnen anschauen, kommt es ganz oft zu Verzögerungen, weil im Moment nur zwei Menschen in Sachsen-Anhalt mit der Rissbegutachtung beauftragt sind. Sie sind im Norden des Landes unterwegs. Das werden sie auch weiter sein. Sie werden dann auch in das Forstkompetenzzentrum integriert. Aber wenn es an anderen Stellen Wolfsrisse gibt, dann müssen wir gewährleisten, dass immer sehr schnell eine Rissbegutachtung stattfinden kann. Ich denke, dass schulden wir unseren Nutztierhaltern und Nutztierhalterinnen, dass wir sie nicht sozusagen am langen Arm verhungern lassen. Das halte ich für ganz zentral. Deswegen werden wir das so aufbauen.Die Frage der Stellen stellt sich natürlich. Es sind nicht alles neue Stellen. Wir bündeln dort auch vorhandene Stellen. Wir machen auch bisher schon Wolfsmonitoring und führen Statistiken über Risse und Ähnliches. Wir haben jetzt schon zwei Leute, die Rissbegutachtungen durchführen, allerdings nicht ausschließlich.Die werden dort konzentriert, und es werden Stellen dazukommen, nämlich eine Stelle, die vor allem die Aufklärung und Beratung zum Wolf macht, und ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, die sich auf den Herdenschutz und alles, was damit zusammenhängt, konzentrieren wird. Dort sollen das Wissen um den Herdenschutz gesammelt und gebündelt und die Informationen so aufgearbeitet werden, dass es an die Nutztierhalter und Nutztierhalterinnen herangebracht werden kann. Das können wir gerade in Iden sehr gut. Es gibt inzwischen zum Beispiel völlig neue Zaunsysteme aus Großbritannien. So etwas muss man einmal vorführen. Das kann man in Iden gut machen. Deswegen ist das in Iden angesiedelt. Die Stellen, die beim Wolfskompetenzzentrum hinzukommen, sind die Stellen, die wir in den Koalitionsverhandlungen für solche Zwecke verhandelt haben.Präsidentin Gabriele Brakebusch:Der nächste Fragesteller ist Herr Gürth. Bitte schön.Detlef Gürth (CDU):Sehr geehrte Frau Ministerin Dalbert, im November des letzten Jahres hatte ich eine Kleine Anfrage zum Thema „Der Wolf in Deutschland - Konflikte, Aufwand und Nutzen“ gestellt. Die Landesregierung hatte dann auf die Frage, welchen Bestand an Wölfen sich Sachsen-Anhalt nach Meinung der Landesregierung flächenmäßig leisten könne und wie viele Wölfe das Land im Hinblick auf Schäden etc. verkrafte, geantwortet, dass sie keine Methode zur objektiven Ermittlung einer Zahl von Wölfen kenne, die ein Land verkrafte. Nun stellt sich ja die Frage, welche Schlussfolgerungen die Menschen draußen und wir als Parlament daraus ziehen sollen. Sind Sie der Meinung, dass es weiter ein unkontrolliertes Wachstum der Wolfspopulation hier geben soll, wie es momentan der Fall ist? Oder, wenn sie nicht der Meinung sind, anhand welcher Kriterien - es sind inzwischen ein paar Monate vergangen - soll dann über eine Regulierung der Wolfspopulation entschieden werden, beispielsweise durch Entnahme aus dem Bestand durch die Aufnahme in das Jagdrecht oder durch andere geeignete Maßnahmen? Wäre denn in dem traurigen Fall, dass es Vorfälle geben würde, bei denen der Mensch zu Schaden kommt, eine Veranlassung gegeben, über eine Regulierung der Wolfspopulation nachzudenken und Maßnahmen zu ergreifen oder auch dann nicht?Präsidentin Gabriele Brakebusch:Frau Ministerin. Prof. Dr. Claudia Dalbert (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie): Danke, Frau Präsidentin. - Herr Gürth, herzlichen Dank für die Frage; denn das ist eine Frage, die häufig debattiert wird und die die Menschen sehr bewegt. Ich will zu dem Thema „Vorfälle mit Menschen“ sagen, es sind uns seit Jahrzehnten keine Vorfälle mit dem Menschen bekannt. Aber das ist ja nicht der Kern Ihrer Frage. Der Kern Ihrer Frage ist ja die Bestandregulierung, die auch Ihr Kollege in seinem Beitrag zur Aktuellen Debatte aufgeworfen hat. Dazu will ich gern Stellung nehmen. Ich habe bereits ausgeführt, dass der Wolf ein streng gestütztes Tier ist. Jetzt kann man das abschichten. Jetzt kann man fragen: Was passiert, wenn ich den Wolf ins Jagdrecht aufnehme? Das ist eine Forderung, die Sie mit aufgeführt haben. Dann passiert gar nichts, weil der Wolf dann zwölf Monate im Jahr Schonfrist hat, weil er aufgrund seines Schutzstatus trotzdem nicht abgeschossen werden darf.Er darf auch heute schon abgeschossen werden - ich sage das noch einmal -, wenn es sich um einen Problemwolf handelt; das ist keine Frage. Dafür haben wir rechtliche Grundlagen. Jetzt kann man sagen, diese rechtlichen Regelungen sind ja vom Menschen gemacht, auch die FFH-Richtlinie, also kann man sie doch ändern.(Zustimmung bei der CDU)- Ja, genau. Die Frage ist nur, wann können Sie das ändern. (Zuruf von Bernhard Daldrup, CDU)Sie können es ändern, wenn festgestellt wird, der Bestand ist selbsttragend. So wird das immer formuliert. Da hat Herr Daldrup mit seinem Zwischenruf völlig Recht. Wenn eine große wissenschaftliche Gemeinschaft sagt - nicht einzelne Wissenschaftler, sondern mehrere -, jetzt haben wir die Bestandsgröße, dass der Wolf selbsttragend ist, dann kann man einen Antrag stellen. Finnland hat das zum Beispiel gemacht und hat gesagt, bei uns ist das so und wir regulieren dann die Größe. Das kann man machen. Wo stehen wir aber in Deutschland? - In Deutschland kenne ich keine größere Anzahl von Wissenschaftlern, die sagen, dass wir schon an dieser Grenze sind. (Bernhard Daldrup, CDU: Doch!)- Es gibt einzelne, ja. Aber es gibt viele, die das anders sehen. - Das Bundesumweltamt sieht das noch in sehr weiter Ferne. (Zurufe von Bernhard Daldrup, CDU, und von Robert Farle, AfD) - Das ist das Bundesumweltamt unserer Bundesregierung. Ich glaube, dass man dort eine sehr gute Arbeit macht. - Das ist sozusagen der Weg, den Sie gehen müssen, wenn Sie das ändern wollen. Wenn Sie sagen, wir brauchen eine Bestandsregulierung, dann müssen Sie erst mal eine wissenschaftliche Meinung herstellen, die sagt, wir sind an dieser Grenze. Dabei geht es nicht um Ihre Meinung und auch nicht um meine Meinung. Das ist alles völlig egal. Sie brauchen ein Fundament, auf dem Sie dann darauf hinwirken können, ähnlich wie Finnland, zu sagen, jetzt sind wir an dieser Obergrenze, und dann können wir regulieren. Ich sage Ihnen, das wird im Augenblick gar nicht gelingen, weil die Meinung der Mehrheit in der Wissenschaft dazu völlig anders ist. Wir können nicht sagen, wie viele Wölfe in Sachsen-Anhalt leben können. Aber wir beobachten das sehr genau im Wolfsmonitoring. Es gibt jedes Jahr einen neuen Bericht. Das wird sehr aufmerksam beobachtet. Meine Fachleute sagen, dass die Welpen, die jetzt geboren werden, zum großen Teil abwandern werden, weil der Wolf eben auch sein Territorium reguliert. Dort, wo es voll ist, geht er weg und sucht sich ein freies Territorium. Insofern werden wir sehen, dass es zum Teil zu einer Verdichtung der Wolfspopulation kommt, aber auch zu einer Ausdehnung der Wolfspopulation. Der Wolf wird auch in andere Teile von Deutschland abwandern.Präsidentin Gabriele Brakebusch:Noch eine Nachfrage? - Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, ich möchte nur einen ganz kleinen Hinweis geben. Wir sind jetzt schon weit fortgeschritten in der Zeit. Wir hätten laut Zeitplan jetzt schon mit diesem Thema fertig sein sollen. Deswegen würde ich Sie bitten, Ihre Fragen etwas kürzer zu formulieren und vielleicht auch kürzer zu antworten. Denn wir haben die Debattenredner auch noch alle vor uns. - Bitte, Herr Gürth.Detlef Gürth (CDU):Die Beantwortung meiner zweiten Frage ist noch offen. Frau Ministerin Dalbert, Sie haben darauf hingewiesen, und es ist ja auch nachgewiesen, dass wir schon seit langer Zeit keine Vorfälle mit Wölfen hatten, bei denen der Mensch zu Schaden gekommen ist.Dagegen spricht, dass man dies für die Zukunft als Argument nicht wirklich ernst nehmen kann, wenn die Wolfspopulation jährlich um 20 bis 30 % wächst und wir in einem der am dichtesten besiedelten Räume Europas bei einer so dramatischen Zunahme der Wolfsbestände rein rechnerisch erst jetzt in die Konfliktsituation zwischen Wolf und Mensch kommen. Dagegen muss man mehr machen. Vor diesem Hintergrund ist die Frage offen: Was wäre, wenn der Mensch zu Schaden käme, wenn wir derartige Vorfälle zu beklagen hätten? Wäre das ein Argument für eine Regulierung der Wolfspopulation durch Entnahme, oder nicht?Präsidentin Gabriele Brakebusch:Frau Ministerin.Prof. Dr. Claudia Dalbert (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie):Danke, Frau Präsidentin. - Erst einmal möchte ich sagen, dass die Wolfspopulation nicht jährlich um 30 % wächst. Die Wachstumsraten werden geringer werden. - Erster Punkt.Zweiter Punkt. Wenn Sie in den Osten Europas gucken, sehen Sie, es gibt dort Länder, in denen der Wolf schon länger in größerer Zahl unterwegs ist. Auch dort gibt es keine Zwischenfälle mit Menschen. Wenn ich mich ausschließlich auf Deutschland beziehen würde und sozusagen nicht den Blick über die Landesgrenzen hinaus wagen würde, hätten Sie recht, denn bei uns wird er erst wieder langsam heimisch; das ist in anderen Ländern durchaus anders. Auch dort haben wir keine Vorfälle mit Menschen.Ganz ehrlich, Herr Gürth, ich kann nur hoffen, dass wir alle uns so gut aufstellen, dass wir uns auch in unserer Beratung und in unserer Informationsarbeit so aufstellen, dass es zu keinen Vorfällen mit Menschen kommt. Die Wahrscheinlichkeit halte ich auch für sehr hoch, dass es keine Vorfälle mit Menschen geben wird, weil auch in den Ländern, wo es schon lange Wölfe gibt, keine Vorfälle mit Menschen zu verzeichnen sind. Ich würde es gut finden, wenn von diesem Parlament nicht ein Signal ausgeht, das den Menschen sozusagen Angst macht, was mit der Realität, die uns bekannt ist, wirklich nichts zu tun hat.(Unruhe bei der CDU - Zuruf von Siegfried Borgwardt, CDU)Präsidentin Gabriele Brakebusch:Ich denke, wir sollten in der Fragestellung fortfahren. Ich habe noch Herrn Dr. Schmidt, Herrn Raue und Frau Frederking auf der Rednerliste. Seien Sie mir bitte nicht böse, ich möchte dann wirklich gern fortfahren. - Herr Dr. Schmidt.Dr. Andreas Schmidt (SPD):Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrte Frau Ministerin, der Esel als Herdenschutztier ist ins Gespräch gekommen. Ich habe gelesen, in Niedersachsen ist er schon im Einsatz. Ich las von dem Fall eines Schäfers aus Stade. Dieser darf Herdenschutzhunde nicht einsetzen, weil diese auf dem Deich Touristen beißen könnten. Er musste sich eine Alternative suchen. Gibt es auch in Sachsen-Anhalt schon Erfahrungen mit dem Esel als Herdenschutztier? Ist möglicherweise geplant, den Esel als Herdenschutztier irgendwann in der Leitlinie Wolf zu berücksichtigen?Prof. Dr. Claudia Dalbert (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie):Herzlichen Dank für die Frage, weil das nochmal überleitet zu dem Punkt des von uns einzusetzenden Herdenschutzberaters. Denn genau das wird er machen, Erfahrungen auch aus anderen Bundesländern sammeln, zum Beispiel mit dem niedersächsischen Esel. Wir haben nach meinem Kenntnisstand in Sachsen-Anhalt noch keine Erfahrungen mit einem Esel für den Schutz von Schafherden. Aber potenziell könnten wir auch so etwas fördern. Wir müssen einfach gucken: Was gibt es alles für Erfahrungen? Was kann man alles machen? Da sind manche Länder, weil da der Wolf auch schon länger ist, schon ein Stückchen weiter als wir. All das werden wir aufgreifen. Wir werden es auch ermöglichen, dass wir das flexibel fördern können.Präsidentin Gabriele Brakebusch:Herr Raue. (Zuruf von Alexander Raue, AfD)- Danke schön. - Frau Frederking.Dorothea Frederking (GRÜNE):Ich habe eine Frage zur Rissbegutachtung. Beim Schäfer-Stammtisch in Niederndodeleben am 1. Februar 2017 hieß es, dass das Personal für die Rissbegutachtung bei den unteren Naturschutzbehörden ausgebildet worden sei. Meine Frage ist: Werden diese Leute auch einbezogen, weil es hieß, derzeit gibt es zwei plus die sechs aus dem Forst, die eingebunden werden sollen? Sind die unteren Naturschutzbehörden dabei?Prof. Dr. Claudia Dalbert (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie):Was wir jetzt anzielen, ist, dass wir, auf alle Landkreise verteilt, Mitarbeiter aus den Forstbereichen entsprechend schulen, weil diejenigen, die ohnehin im Wald zu tun haben, die beste Grundlage für eine Rissbegutachtung haben. Wir haben auch Ehrenamtliche, die das in einer anderen Funktion wahrnehmen. Das wird in der Leitlinie Wolf geregelt. Die kommt jetzt in die Anhörung. Wenn es Verbesserungsvorschläge oder Ergänzungsvorschläge gibt, nehmen wir das gern auf. Deswegen gibt es die Verbändeanhörung, damit alle Beteiligten noch einmal darauf schauen können.Präsidentin Gabriele Brakebusch:Frau Ministerin, Herr Raue möchte jetzt doch noch eine kurze Frage stellen. Ich bitte darum, dass wir danach fortfahren können. Herr Raue, bitte.Alexander Raue (AfD):Frau Ministerin, gibt es eine Definition für das Wort „Problemwolf“? Präsidentin Gabriele Brakebusch:Frau Ministerin. Prof. Dr. Claudia Dalbert (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie):Zum Problemwolf. Nach Reinhardt und Kluth 2007 definiert sich problematisches Verhalten bei Wölfen wie folgt: Erstes notorisch unerwünschtes Verhalten, zum Beispiel Wolf lässt sich durch Schutzmaßnahmen nicht abhalten, Nutztiere zu töten, was zur verstärkten öffentlichen Ablehnung der Wölfe führen kann und damit der gesamten Wolfspopulation schadet. Zweitens dreistes Verhalten zur Gefährdung eines Menschen, also Verhalten von Wölfen, das zur Gefährdung eines Menschen führen kann. Wichtig ist auch problematisches Verhalten, das in der Regel wiederholt und teilweise mit steigender Intensität gezeigt wird. Das muss man sozusagen feststellen. Ein Problemwolf ist immer ein Einzeltier, ein Individuum. Wenn man das feststellt, müssen wir tätig werden. Dann wird man erst versuchen, das Verhalten über Vergrämungsmaßnahmen zu unterbinden. Wenn das nicht gelingt, werden wir eine Ausnahmegenehmigung nach § 45 Abs. 7 des Bundesnaturschutzgesetzes erwirken. Im Zusammenspiel von Landesverwaltungsamt und Wolfskompetenzzentrum sowie im Einvernehmen mit meinem Ministerium wird entschieden, ob im Einzelfall eine Notwendigkeit besteht, den betreffenden Wolf zu töten. Natürlich wird das dann auch entsprechend dokumentiert.