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Freitag, 03.04.2020

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Plenarsitzung

Die etwas andere Geschichtsstunde

„Ich war im Kindergarten, hatte Klavierunterricht und man sagte mir, ich sei ziemlich talentiert – Hitler hat das nicht gewusst!“ Es sind Sätze wie diese, die einem kurz den Atem stocken lassen. Denn Sara Atzmon, 82 Jahre, 1933 in Ungarn geboren und Holocaustüberlebende, spricht sie so selbstverständlich aus. Ein bisschen so, als wollte sie gleich mit ihren ersten Worten deutlich machen, dies hier wird keine normale Geschichtsstunde. 

Aber das erwartet auch niemand der etwa 90 Schülerinnen und Schüler des Pierre Trudeau-Gymnasiums in Barleben. Schließlich wurden sie im Unterricht auf das Treffen mit Sara Atzmon vorbereitet. „Die Möglichkeit, einer Zeitzeugin so nah zu sein, gibt es selten“, sagt Geschichtslehrer Bodo Weichard und ermuntert seine Schüler nicht nur zuzuhören, sondern auch Fragen zu stellen.

Was Sara Atzmon zu erzählen hat, ist die traurige Geschichte von Millionen europäischer Juden, die während des Zweiten Weltkriegs in deutsche Konzentrationslager verschleppt wurden. Im Sommer 1944 kam Sara Atzmon mit ihrer Familie auf einen Transport von Ungarn Richtung Auschwitz: „Es war heiß, wir waren 96 Menschen in einem Waggon, hatten einen Eimer mit Wasser und einen Eimer als Toilette. Die Babys starben zuerst. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie Mütter schreien.“ Eine Woche war die damals Elfjährige unterwegs.

Bergen-Belsen: Jeder Dritte ist gestorben

Kurz vor Auschwitz wurde ihr Zug umgeleitet und sie kamen zunächst in ein Arbeitslager nach Österreich, von dort ging es nach einiger Zeit weiter nach Bergen-Belsen. Und wieder einer dieser Sätze, die einem die Kehle zuschnüren: „Es war zwar kein Vernichtungslager, aber trotzdem ist jeder Dritte gestorben. Wir Kinder haben gewettet, wer wann stirbt.“ Dann erzählt sie von ihrer Zeit in Bergen-Belsen, von Hunger und Kälte, von Tausenden von Leichen und ihrem Willen, überleben zu wollen.

Auf die Frage einer Schülerin, ob sie Anne Frank kennengelernt hätte, sagte Sara Atzmon: „Die Holländer waren in der Nähe untergebracht, unter ihnen war auch die Familie von Anne Frank, ich habe ihre Leichen gesehen.“ Als Sara Atzmon 1945 in der Nähe von Magdeburg aus einem Zug befreit wurde, war sie zwölf Jahre alt und wog 17 Kilogramm. Heute ist sie glücklich verheiratet, hat sechs Kinder, 22 Enkel- und fünf Urenkelkinder.

„Meine Geschichte muss erzählt werden“

Seit fast 30 Jahren reist sie mittlerweile gemeinsam mit ihrem Ehemann Uri um die Welt und erzählt ihre Geschichte. „Zum Glück gibt es Menschen, die verstehen, dass meine Geschichte erzählt werden muss.“ Außerdem ist es ihr wichtig, den jungen Menschen ein aktuelles Bild von Israel zu vermitteln. Es ginge nicht nur darum, nicht zu vergessen, fügte Uri Atzmon hinzu, sondern er appellierte an die Schülerinnen und Schüler gerade mit Blick auf die aktuellen politischen Entwicklungen in Europa, aktiv zu sein, wenn sie Unrecht begegnen: „Eine kleine Flamme löscht man mit einer Flasche Wasser, ein großes Feuer mit der Feuerwehr, wenn man gar nichts macht, dann brennt das ganze Haus ab!“