Thomas Lippmann (DIE LINKE):

Vielen Dank. - Was der Minister und Herr Kolze hier abgeliefert haben, ist wirklich unglaublich.

(Zuruf: Dann fragt uns!)

Die Probleme, die wir haben, sind das Ergebnis von 15 Jahren Politik von CDU und SPD.

(Zustimmung - Zuruf: Das sagen die Richtigen! - Weitere Zurufe)

Sie verhalten sich so, dass diese Probleme in den nächsten fünf und zehn Jahren nicht nur anhalten werden, sondern sich noch erheblich verstärken werden.

(Zustimmung - Unruhe)

Vor diesem Hintergrund, Herr Minister, die tolle Vorbereitung von Herrn Bullerjahn auf die Situation zu loben, ist wirklich ein starkes Stück.

(Zustimmung - Zuruf)

Er hat uns mit Ihrer Unterstützung in diese Kiste hineingeritten.

Weil der Bericht der Expertenkommission, den die meisten hier im Haus nicht kennen, zu Recht erwähnt wurde, will ich noch einmal allen und für das Protokoll deutlich sagen, was in den nächsten fünf Jahren zu erwarten ist. Das ist keine Erfindung von mir, sondern das, was im Bericht steht. Ich gehe davon aus, dass Sie ihn nicht kennen, Herr Kolze.

Für die nächsten fünf Jahre, von 2021 bis 2025, also in der nächsten Legislaturperiode, ist die Erwartung, dass wir den Einstellungsbedarf in den Grundschulen, bei denen sich in der Ausbildung in der Tat am meisten getan hat, immerhin zu 71 % erfüllen können. Das bezieht sich auf fünf Jahre, nicht auf ein Jahr. In den Förderschulen liegt dieser Wert bei 57 %,

(Zuruf: Dann müssen wir die Schulen wieder zusammenlegen!)

in den Gymnasien bei 52 % und in den Sekundarschulen und den Gemeinschaftsschulen bei 22 %. Das ist nur ein Fünftel. Innerhalb von fünf Jahren beträgt der Einstellungsbedarf einschließlich der freien Schulen, die sich auch an dem Markt bedienen, 1 840 Personen.

Das ist die Prognose aus dem Bericht. Erwartet wird, dass es 405 Abgänger geben wird - über fünf Jahre! In fünf Jahren haben wir ein Defizit von 1 350 Personen; das ist ein Drittel des heutigen gesamten Bedarfs, liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir landen bei einer Unterrichtsversorgung von 60 % und weniger, wenn das so weitergeht.

(Unruhe)

Liebe Kollegin Kolb-Janssen, wir brauchen hier nicht die Legenden weiterzuspinnen, über die wir im Bildungsausschuss schon diskutiert haben. Wir haben keinen allgemeinen Bewerbermangel, wir haben einen eklatanten Bewerbermangel für das Lehramt an Sekundarschulen. Es ist relativ klar erkennbar: Es gibt keine anderen Schulformen, in denen wir diese konkurrierenden Lehrämter haben.

Es gibt eine Motivation, Grundschullehrerin oder  lehrer zu werden; und es gibt eine Motivation, Förderschullehrerin oder  lehrer zu werden. Es gibt eine Motivation - die übrigens auch schwach ist  , Berufsschullehrerin oder  lehrer zu werden. Aber wenn ich im Bereich der weiterführenden Schulen bin, dann sagen Sie doch einmal den jungen Leuten, warum sie, wenn sie sich für weiterbildende Schulen interessieren, für das Lehramt an Sekundarschulen studieren sollen und nicht für das Lehramt am Gymnasium. Sie wählen dann das Lehramt am Gymnasium. Nicht einmal Herr Olbertz hat bestritten, dass das so ist. Aber Sie machen in konservativen Pawlowschen Reflexen weiter und weiter und weiter, egal wo wir mit der ganzen Geschichte landen.

(Beifall - Zuruf: Nein, das hat sich bewährt!)

Nun die zweite Legende, dann bin ich auch schon durch. Herr Minister Tullner - auch das haben wir im Bildungsausschuss ausgeräumt  : Dass in Halle die Zahl der Immatrikulationen für Mathematik zurückgegangen ist, in Magdeburg aber gestiegen ist, hatte etwas damit zu tun, dass Halle in dem Jahr, bevor das in Magdeburg angeboten wurde, alle Bewerber genommen hatte, ungeachtet des NC, und im Jahr danach, als Magdeburg immatrikuliert hat, einfach einen ganzen Teil von Bewerbern abgelehnt hat. Deshalb war das so. Ja, sie hätten auch alle nehmen müssen, dann wäre die Anzahl gestiegen.

(Beifall)

Es ist nicht so, dass dann, wenn in Magdeburg etwas aufgebaut wird, niemand mehr nach Halle kommt. Das ist alles Käse.

(Unruhe)

Dass Sie sich auf die Debatte zu dem Einheitslehrer fokussieren, zeigt, dass Sie in den anderen Bereichen einfach nichts zu bieten haben und sich den Entwicklungen nicht stellen wollen.

(Zurufe)

Denn das ist kein ideologisches Wunschdenken, das ist eine zwingende Konsequenz aus dem, was sich hier abspielt: Das ist ein Ressourcenverschleiß an den Universitäten, das ist ein Ressourcenverschleiß in der zweiten Phase und das sind Stolpersteine bei der späteren Einstellung in den Schuldienst. Das ist einfach nur hinderlich und bringt nichts.

(Zuruf: Das war es schon immer!)

Im Übrigen sind wir gegen eine Überweisung des Antrages, weil wir wissen, dass er nicht mehr behandelt wird. Das macht keinen Sinn.

(Zurufe)

Mein Thema war auch nicht der Lehrermangel, sondern mein Thema war die ungleiche Verteilung, und diese muss der Minister ändern. Ich habe von ihm übrigens nicht ein einziges Wort dazu gehört, ob wir es bei der Vorbereitung des Schuljahres erleben werden,

(Zuruf)

dass Sie eine größere Anzahl, eine deutlich größere Anzahl von Lehrkräften der Gymnasien und der Gesamtschulen an die Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen abordnen werden, um die Unterrichtsversorgung auszugleichen.

(Zuruf: Das hat er doch gesagt! Das wird alles klappen! Menschenskinder!)

Oder lassen Sie an den Sekundarschulen weiterhin alles ausfallen? Dazu haben Sie kein Wort gesagt.

(Beifall)


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Herr Lippmann, es gibt zwei Kurzinterventionen. - Als Erstes von Herrn Dr. Tillschneider. Herr Dr. Tillschneider, Sie haben das Wort.


Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD):

Eine Kurzintervention - ich verbinde eine Frage damit  : Ich möchte auf den Titel Ihres Antrages zurückkommen „Sozialer Spaltung durch Lehrkräftemangel konsequent entgegentreten“. Mit diesem stimmt nämlich wirklich etwas nicht, und zwar nicht nur das, worauf ich hingewiesen habe. Wenn Sie ihn genau lesen, dann kann er natürlich so verstanden werden, wie Sie ihn wahrscheinlich gemeint haben: Der sozialen Spaltung, die durch den Lehrkräftemangel eintritt, müssen wir entgegentreten. Er kann aber auch gelesen werden als: sozialer Spaltung durch Lehrkräftemangel, also mithilfe von Lehrkräftemangel entgegentreten, als wäre der Lehrkräftemangel das Mittel gegen die soziale Spaltung.

(Heiterkeit)

Jetzt wollte ich Sie fragen: Haben Sie sich irgendetwas dabei gedacht?

(Heiterkeit)

Oder haben Sie einfach nur schlampig formuliert? Ist es dann doch so, dass linke Ideologie im Kopf die kognitiven Fähigkeiten herabsetzt?

(Heiterkeit und Beifall - Unruhe)


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Herr Lippmann, Sie können jetzt darauf antworten.


Thomas Lippmann (DIE LINKE):

Es ist immer eine große Überwindung, Ihnen zu antworten, Herr Tillschneider, aber ich tue es einmal.

(Zurufe)

Auf Ihre semantischen Geschichten gehe ich jetzt einmal nicht ein. Wenn Sie das so lesen und missverstehen wollen, dann ist das ein anderes Thema. Es gibt nur einen zweischrittigen Zusammenhang: Ich habe ausgeführt, dass wir ein gegliedertes Schulsystem haben. Ein gegliedertes Schulsystem ist per se durch das Oben und Unten immer sozial selektiv. Sie müssen sich nur die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft am Gymnasium und an den Sekundarschulen und im Übrigen an den Förderschulen anschauen.

Wenn das so ist - ich stelle erst einmal fest, dass dies so ist; und daran wird ja festgehalten - und ich dann gerade die Schulformen, in denen diejenigen Schülerinnen und Schüler sind, die eine andere, eine schlechtere soziale Hintergrundstruktur haben, nämlich die Sekundar- und Gemeinschaftsschulen, in der Unterrichtsversorgung hinten herunterfallen lasse und ihnen nichts mehr anbiete, dann führt der Lehrermangel eben nicht nur allgemein dazu, dass weniger gelernt wird und dass es mehr Schwierigkeiten gibt, sondern er führt dazu, dass gerade an den Schulen, an denen der Bedarf am größten ist und in denen die Schülerinnen und Schüler mit den größten sozialen Problemen sitzen, weniger - und zwar sehr viel weniger - unterrichtet wird.

Die Aufgabe des Schulsystems ist, - das wissen Sie nicht, aber ich sage es einmal für die anderen - soziale Disparitäten auszugleichen, so gut es geht.

(Dr. Hans-Thomas Tillschneider, AfD: Niemals! Wahnsinn!)

- Deswegen sagte ich: Das muss ich Ihnen nicht sagen, sondern das sage ich für die anderen.

Dieser Aufgabe kommt die Schule, wenn wir sie mit der Lehrerversorgung so behandeln, nicht nur nicht mehr nach, sondern sie verstärkt das Problem auch noch. Das ist ein gesellschaftlicher Skandal und diesen haben wir heute angesprochen.

(Beifall)


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Frau Gorr, jetzt haben Sie das Wort.


Angela Gorr (CDU):

Jetzt habe ich doch noch die Möglichkeit zu einer persönlichen Bemerkung. - Herr Lippmann, Sie werden sich sicherlich nicht an unser erstes Aufeinandertreffen erinnern - ich schon.

(Zuruf: Oh! Jetzt wird’s romantisch! - Heiterkeit)

Wir haben uns zum ersten Mal auseinandergesetzt, als ich als Vertreterin im Bildungskonvent zugegen war. Das ist schon sehr lange her, damals waren Sie noch nicht Abgeordneter. Ich werde niemals in meinem Leben vergessen, dass Sie dort gesagt haben - sinngemäß; ich kann es natürlich nicht wörtlich wiedergeben  : Das schlimmste Schicksal, das man erleiden kann, ist das Schicksal eines Sekundarschulleiters.

(Zurufe)

Vielleicht erinnern Sie sich an Ihre Antwort und an unsere Auseinandersetzung. Das, was Sie hier sagen, ist das Gegenteil von Motivation für junge Menschen, sich für ein Studium und eine Karriere als Lehrer an einer Sekundarschule zu bewerben.

(Beifall - Zurufe: Genau! - Man sieht sich immer zweimal im Leben! - Heiterkeit)


Vizepräsident Willi Mittelstädt:

Herr Lippmann, Sie können jetzt darauf antworten.


Thomas Lippmann (DIE LINKE):

Liebe Kollegen Gorr, erstens kann ich mich an eine solche Formulierung - das wäre 2007/2008 gewesen - so nicht erinnern.

(Zuruf: Ja, das glaube ich! - Guido Heuer, CDU: Ist bestimmt protokolliert! - Heiterkeit)

Sie wissen, dass ich die zwölf Jahre, als ich Schulleiter war, Schulleiter einer Sekundarschule war. Ich muss niemandem erzählen, wie man Sekundarschulen gut und vernünftig gestalten kann.

(Zurufe: Dann machen Sie es doch nicht! - Da muss er selbst lachen! - Hendrik Lange, DIE LINKE: Was ist denn los da drüben?)

Nur, eines müssen Sie doch zugeben: Dass sich die jungen Studierenden

(Zurufe: Studenten! - Da geht es doch schon los! - Weitere Zurufe)

für das Lehramt an Gymnasien interessieren

(Zurufe)

und nicht für das Lehramt an Sekundarschulen, liegt doch nicht daran, dass ich hier eine Rede halte

(Guido Heuer, CDU: Sekundarschulen sind nicht dran, wenn du sowieso eine vernünftige Schullaufbahnempfehlung hast! Menschenskinder!)

und über das gegliederte Schulsystem spreche. Die Frage, warum man das studieren soll, stellt sich doch nicht nur denen, die das studieren. Die Frage ist doch: Warum entscheide ich mich als Schülerin oder Schüler, als Eltern für eine Sekundarschule? - Ich entscheide mich gar nicht, sondern ich werde entschieden.

(Unruhe)

Die Sekundarschulen besuchen diejenigen Schülerinnen und Schüler, die es nicht zum Gymnasium schaffen. Und so ist es bei den Lehrkräften auch.

(Zuruf: Mein Gott! - Weitere Zurufe)

Das gegliederte Schulsystem sorgt für ein selektives Schulsystem. Das war nicht unser Thema.

Sie versuchen immer, so zu agieren: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Das geht nicht. Und wenn man Ihnen das sagt, dann reagieren Sie so. Wenn man Sie auf die unmittelbaren Folgen Ihrer Entscheidungen, zu denen Sie ja stehen, hinweist, dann sagen Sie immer: Das hat damit gar nichts zu tun, das sind alles ganz andere Geschichten. - Nein, so ist es nicht. So, wie es Herr Tullner vorhin gemacht hat, als er sagte: Wir haben uns doch gut darauf vorbereitet, wir waren das alles nicht. - Nein, das, was wir hier haben, sind Sie mit Ihrer Politik hier in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus, und niemand anders.

(Beifall - Zurufe: Oh!)

Wer denn sonst? Sie regieren die ganze Zeit.

(Zustimmung - Zurufe)