Susan Sziborra-Seidlitz (GRÜNE):

Vielen Dank. - Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Mit dieser Grundwahrheit der Pädiatrie habe ich im November des letzten Jahres meine Rede zu einem Antrag der Fraktion der Linken zu einem verwandten, eigentlich zu demselben Thema, um das es heute geht, begonnen. Aus medizinischer Sicht ist das alles andere als banal; denn   das sagte ich damals auch   Anatomie, Krankheitsbilder, Wirksamkeit von Medikamenten, all das unterscheidet sich nun einmal zwischen Kindern und Erwachsenen ganz oft sehr grundlegend. Um genau diese Unterschiede geht es in dieser Debatte.

Das im März von den Fraktionen von Union und SPD beschlossene Krankenhausreformanpassungsgesetz verkennt genau diese Unterschiede, indem es Kinder und Jugendliche einfach mit der Erwachsenenmedizin in einen Topf wirft. Es gibt nun keine spezialisierten Leistungsgruppen mehr für die spezielle Kinder- und Jugendchirurgie und die spezielle Kinder- und Jugendmedizin. Ich muss an dieser Stelle sehr deutlich sagen: Das wird die Versorgung von Kindern und Jugendlichen verschlechtern. Die Streichung dieser Leistungsgruppen ist eindeutig ein Eingriff in die Versorgungsqualität; denn dadurch gehen spezifische Qualitätsvorgaben, spezifische Personalstandards und spezifische Vorhaltefinanzierungen für Kinder verloren. Das ist ein schwerer Rückschritt für die Versorgung unserer Jüngsten.

(Zustimmung bei den GRÜNEN)

Im November 2025 sprachen wir noch über einen Referentenentwurf des nun vorgelegten Krankenhausreformanpassungsgesetzes und fanden den damaligen Antrag der Fraktion der Linken zur Sicherung dieser Leistungsgruppen richtig und wichtig. Mit dem heute vorliegenden Antrag versuchen die Koalitionsfraktionen   das ist ehrenwert  , mit den landesseitig zur Verfügung stehenden Instrumenten jetzt das zu retten, was noch zu retten ist. Natürlich kann man verschiedene Versorgungsmodelle evaluieren, ja, auch die Kooperation zwischen Krankenhausstandorten kann und muss man unterstützen und vertiefen und auf Telemedizin und Weiterbildung von Fachärzt*innen setzen. Am Ende brauchen wir aber einen strukturellen Ansatz, um die drohende Versorgungslücke zu schließen.

Durch Anreizsysteme, attraktive Arbeitsbedingungen und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten müssen wir die Ansiedlung von Fachärzt*innen in der Kinder- und Jugendmedizin gezielt fördern. Durch aktives Anwerben von ambulanten Hebammen können wir zumindest die Vor- und Nachsorge und die Begleitung junger Familien sicherstellen, wenn die stationäre Geburtshilfe nicht mehr vor Ort ist. Das ist nämlich das, was auch wegbricht und was viele nicht im Blick haben.

Es geht gar nicht nur um den Ort, an dem man entbindet, sondern um die Möglichkeit von hebammengeleiteter Vor- und Nachsorge. Die geht meistens mit weg. Auch so etwas können kommunale Gesundheitskonferenzen im Übrigen leisten. In Quedlinburg ist z. B. der Arbeitsgruppe Gesundheit des Stadtrates gemeinsam mit den Akteuren vor Ort   weil wir keine kommunale Gesundheitskonferenz haben, aber wir haben diese Arbeitsgruppe   genau das gelungen. In dem Familienzentrum, das wir als Kommune neu gegründet haben, gibt es jetzt Hebammen, die entsprechende Angebote anbieten. Das gab es vorher nicht.

Auch die Einrichtung von integrierten Notfallzentren für Kinder und Jugendliche wäre ein wichtiger Schritt. Auch der öffentliche Gesundheitsdienst gehört dazu. Dazu hat Frau Hohmann schon ausgeführt.

Wir müssen außerdem an der Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen arbeiten und Präventionsprogramme sowie Therapieangebote für Kinder und Jugendliche ausbauen. Es braucht endlich eine separate Bedarfsplanung von Psychotherapeutinnen und Ärztinnen, die überwiegend oder ausschließlich Kinder und Jugendliche psychotherapeutisch behandeln. Neben den Community Health Nurses, also Gemeinde-Gesundheitspflegerinnen, müssen wir das School Nursing etablieren und in die Fläche bringen. Damit habe ich nur mit wenigen Punkten die Aufgabe beleuchtet, die an der Stelle vor uns liegt. Denn wir müssen mutig und engagiert sein, um die Gesundheitsversorgung in Sachsen-Anhalt auch für unsere Kleinsten zu sichern.

Sehr geehrte Damen und Herren! Ja, wir GRÜNEN wissen, dass unser Gesundheitssystem radikale Reformen braucht, um weiter funktionieren zu können. Dazu gehört auch die Krankenhausreform. Ja, auch das Ziel der Reduzierung von Leistungsgruppen   auch das habe ich im November schon gesagt   wird zu Vereinfachung, zu Bürokratieabbau und zu einer effizienteren finanziellen Steuerbarkeit führen.

All das darf aber nicht Selbstzweck sein. Das Ziel muss die bessere Versorgung sein. Der Ausgangspunkt aller Reformen müssen der einzelne Patient und die einzelne Patientin sein. Es muss um die Sicherung und Verbesserung der Gesundheitsversorgung für die Menschen gehen, nicht um die Funktionalität von Verwaltungsapparaten oder Klinikbetrieben. Die Pädiatrie war deshalb der denkbar schlechteste Ansatzpunkt dafür. Zu groß ist nun die Gefahr der Unsichtbarkeit und Unterfinanzierung.

Es bleibt dabei: Kinder und Jugendliche sind keine kleinen Erwachsenen. Sie benötigen eigene Standards, eigene Strukturen und eine starke Stimme in der Gesundheitspolitik.

Das zu sichern, ist jetzt Aufgabe des Landes, und das braucht Mut und das braucht einen großen Plan.

Der Antrag der Koalitionsfraktionen bleibt uns an dieser Stelle wirklich zu unambitioniert und greift zu kurz. Wir werden uns freundlich enthalten. - Vielen Dank.