Jörg Bernstein (FDP):
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Was macht gute Bildung aus? Gewiss wird es dazu im Plenum ganz unterschiedliche Vorstellungen geben. Ich möchte mich jetzt gewiss nicht an den Konzepten unserer politischen Mitbewerber abarbeiten, sondern die Vorstellung meiner Partei in den Mittelpunkt stellen.
Was ist also das Bild der FDP von guter Bildung? - Für uns sind die Schulen dann erfolgreich, wenn sie den Einzelnen befähigen, seine eigenen Talente einzusetzen. Diese Überzeugung ist für uns ganz wesentlich. In jedem Kind und in jedem Jugendlichen stecken Talente, die es zu entdecken und zu fördern gilt. So schafft man Erfolgserlebnisse, schafft Motivation und weckt die Freude am Lernen.
(Beifall bei der FDP)
Unsere Schulen müssen all unseren Schülerinnen und Schülern gleiche Chancen bieten, ohne den Lebensweg vorzubestimmen. Wie diese Chancen wahrgenommen werden, das liegt allerdings an jedem Einzelnen. Unsere Schulen sollen mündige Bürgerinnen und Bürger hervorbringen, die ihren Lebensweg eigenverantwortlich und selbstbestimmt gehen. Wer dazu aufgrund körperlicher oder geistiger Voraussetzungen nur eingeschränkt in der Lage ist, der muss sich allerdings auch auf die Unterstützung der Gesellschaft verlassen können.
(Zustimmung bei der FDP)
Die Schule soll auf das Leben vorbereiten. Das ist eine Binsenweisheit. Insbesondere soll sie aus unserer Sicht auch den Weg zur wirtschaftlichen Selbstbestimmung ebnen. Ja, wir wollen den Unternehmergeist im Land fördern und jungen Menschen Freude an Leistung und Tatendrang vermitteln.
(Beifall bei der FDP)
Jahrelang wurde die ökonomische Bildung an unseren Schulen, insbesondere an den Gymnasien, ignoriert. Im Vergleich zu Fächern wie Geschichte und Geografie fand ökonomische Bildung mit echtem Praxisbezug ich betone: mit echtem Praxisbezug kaum statt. Dank der Initiative der FDP ändert sich das jetzt. Wir freuen uns, dass wir ab dem nächsten Schuljahr mit dem Schulfach Wirtschaft an den Gymnasien durchstarten können.
Jetzt höre ich eventuell von der linken Seite, dass die Einführung des Faches Wirtschaft eine Ökonomisierung der Bildung darstellt, die dazu führt, dass wirtschaftliche Interessen über pädagogische und soziale Werte gestellt werden. Von der rechten Seite hat man gerade gehört, dass befürchtet wird, dass grundlegende Fertigkeiten dadurch zurückgedrängt werden. Ich sage Ihnen: Nichts könnte falscher sein. Ökonomische Bildung und berufliche Perspektiven sind nämlich kein kapitalistisches Hirngespinst, sondern der Garant für sozialen Aufstieg.
(Beifall bei der FDP)
Wirtschaftliche Bildung kann auch vor den falschen wirtschaftlichen Versprechen von ganz links und ganz rechts schützen.
Der neue Parteivorsitzende der Linken, Herr Pantisano, sagte, er wolle die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen. Ich sage: Gute Bildung, vor allem in Geschichte, aber auch auf ökonomischem Gebiet, schützt die Herzen und Köpfe der Menschen vor Fremdbestimmung jeglicher Couleur.
(Beifall bei der FDP)
Meine Damen und Herren! Die CDU zielt mit ihrer Aktuellen Debatte auf ein weiteres Thema über dieses wurde hier bereits ausgiebig debattiert , und zwar die Berufsorientierung. Ich kann aus der Sicht der Freien Demokraten sagen, dass wir in den letzten fünf Jahren gemeinsam viel erreicht haben, insbesondere wenn es um die Praxisnähe unserer Schulen geht.
Das Modell 4-plus-1 auch dieses wurde hier schon häufig angeführt ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel dafür, wie eine erfolgreiche Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft funktionieren kann.
(Zustimmung bei der FDP, bei der CDU und bei der SPD)
Schülerinnen und Schüler sind z. B. an einem Tag in der Woche in einem Unternehmen und können Einblicke in den Berufsalltag erhalten. Jetzt mögen uns vielleicht auch ältere Herrschaften im Rentenalter zuschauen und sagen: Das hatten wir zu DDR-Zeiten alles schon.
(Guido Kosmehl, FDP: Na ja!)
Das ist durchaus berechtigt. Diese PA-Tage gab es zumindest formell. Was dort inhaltlich passierte, das kann man durchaus hinterfragen. Ich erinnere mich an Sommertage in der Magnetbandfabrik in Dessau, an denen man mir einen Spachtel in die Hand gedrückt und gesagt hat: Jetzt machst du mal 20 m Rasenkante. Das war nicht unbedingt etwas, das mich auf meinen weiteren Lebensweg intensiv vorbereitet hat.
(Guido Kosmehl, FDP: Doch, du wolltest einen Garten haben!)
Aber ich kann durchaus auch die Kritikpunkte des Kollegen Lippmann verstehen, der sich fragt, wie man die Vielzahl an Praktikumsplätzen zur Verfügung stellen möchte. Zum einen das wurde schon angemerkt gibt es die Absichtserklärung der Wirtschaftsverbände und der Kammern, die ein gemeinsames Ziel vereinbart haben.
Zum anderen gibt es aus meiner Sicht schon ganz hervorragende Beispiele. Ich denke an die Dachdeckerei Albrecht in Kemberg. Dort gibt es quasi eine Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit der Sekundarschule. Auf eigene Kosten holt dort der Geschäftsführer die Schüler der Sekundarschule ab, und sie machen dort Arbeit in einer Ausbildungshalle, die er auf eigene Kosten eingerichtet hat. Hierbei setzt man natürlich auch auf privatwirtschaftliches Engagement. Und ja, darüber, wie man die verschiedensten Bildungszentren einbeziehen kann, sollte in der kommenden Legislaturperiode durchaus noch einmal diskutiert werden.
Die Berufsorientierung gibt aus meiner Sicht auch einen Ansporn zur Verbesserung schulischer Leistungen. Stellen Sie sich einen Schüler vor, dem man eine Ausbildung in Aussicht stellt. Gibt es eine bessere Motivation dafür, die eigene Note in Deutsch oder in Mathematik doch noch zu verbessern?
Eines muss man auch immer wieder sagen: Die Erkenntnis, dass ein ganz bestimmtes Tätigkeitsbild nun doch nicht das ist, was ich mir als Beruf im Leben vorstelle, kann ein Ergebnis eines Praktikums sein. Wenn man einfach einmal an die Abbrecherquote bei Ausbildungsverhältnissen denkt, dann ist das letztendlich auch ein positives Ergebnis.
Die FDP begrüßt ausdrücklich die Ausweitung der Praxislerntage auf die Absichtserklärung der Wirtschaftsverbände. Auf Landesregierung und Kammern habe ich schon hingewiesen. Man kann, kurz gesagt, nie zu früh mit der Berufsorientierung beginnen. Denn je früher wir einsteigen, desto mehr Sicherheit bei der Berufswahl können wir Schülerinnen und Schülern bieten.
Wir wollen aber nicht nur Schülerinnen und Schüler in die Betriebe, sondern auch die Betriebe an die Schulen holen. In Sachsen-Anhalt gibt es viele leidenschaftliche Unternehmer und Macher, die bereit sind, ihr Wissen mit den Schulen zu teilen. Diese Kontakte sollten nicht nur auf Projektwochen begrenzt werden, sondern Teil der Unterrichtsgestaltung werden. Exemplarisch möchte ich auf Initiativen wie „Unternehmer machen Schule“ oder „Blickpunkt Unternehmen“ der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau hinweisen.
Aber es gibt auch ganz neue Wege, die denkbar sind. So stellte beim kürzlichen Bildungsdialog der Heraeus Bildungsstiftung in Halle ein junger Gründer seine Web-Plattform „LifeTeachUs“ vor. Ihr Anspruch ist es, Lebenswissen in die Schulen zu holen. Man kann sich also als Bürger unseres Landes, gleich welchen Alters, auf dieser Plattform registrieren und sagen: Ich möchte euch allen mein Wissen zur Verfügung stellen. Das kann in Präsenz stattfinden, aber auch durch eine Online-Zuschaltung erfolgen. Das ist ein ganz interessantes Modell aus meiner Sicht. Das wäre vielleicht auch für den einen oder den anderen, der aus dem Landtag ausscheidet und in den Ruhestand tritt, ein guter Hinweis, wie er eventuell aufkommender Langeweile entgegenwirken kann.
(Dr. Katja Pähle, SPD, lacht)
Also, lieber Thomas: Vielleicht einfach einmal „LifeTeachUs“ anschauen.
Zum Abschluss habe ich noch drei Bitten. Erstens: Hören wir auf, unsere Schulformen gegeneinander auszuspielen. Die Linken und die Grünen liegen falsch, wenn sie ihren sozialen Aufstieg mit dem Weg über das Abitur zum Studium gleichsetzen. Es gibt in Sachsen-Anhalt keinen Abschluss zweiter Klasse. Der Bildungsweg der dualen Ausbildung über unsere Berufsschulen ist das Rückgrat der Wirtschaft in unserem Bundesland. Auf diese Schulen können wir zu Recht stolz sein; denn sie leisten von der Berufsorientierung bis hin zur Ausbildung Enormes. Ja, ich als Berufsschullehrer könnte mir auch vorstellen, dass man in diesem Bereich der Berufsorientierung für die Sekundarschulen, für die Gemeinschaftsschulen und für all diejenigen, in denen Praxislerntage angeboten werden, noch mehr leisten kann.
Zweitens: Erkennen wir an, dass der Praxisbezug nicht bei den Schülern, sondern auch bei den Lehrern beginnt. Genau deshalb sagen wir als FDP ganz klar: Wir brauchen auch Lehrer aus der Praxis. Deshalb wollen wir auch weiterhin gezielt Bewerber mit beruflicher Vorerfahrung anwerben. Wir setzen uns für definierte Perspektiven beim Seiteneinstieg ein. Deshalb wollen wir auch das Studium für diejenigen ermöglichen, die keine allgemeine Hochschulreife besitzen. Lassen Sie uns das Potenzial unserer Hochschulen nutzen.
Drittens: Praxisnahe Bildung braucht Freiraum für Schulen. In unseren Schulen in Sachsen-Anhalt gibt es viele motivierte Lehrkräfte und Schulleitungen, die Projekte in Zusammenarbeit mit Unternehmen in der Region starten wollen. Wer externe Fachkompetenz an die Schulen holen möchte, der muss den Schulen auch mehr Eigenverantwortung geben.
(Zustimmung von Andreas Silbersack, FDP, und von Guido Kosmehl, FDP)
Das geht aus der Sicht der FDP nur, indem wir ihnen auch die notwendige Finanzierung dafür zur Verfügung stellen. Dieses Modell heißt für uns: ein einheitlicher Schülerkostensatz für alle Schulen in unserem Land,
(Zustimmung von Andreas Silbersack, FDP, und von Guido Kosmehl, FDP)
ganz gleich, ob sie sich in freier Trägerschaft oder in öffentlicher Trägerschaft befinden. Nur so ist es den Schulträgern vor Ort diese wissen am besten, worum es in ihren Regionen geht möglich, eine entsprechende Schullandschaft zu entwickeln. Dazu braucht es nicht die zentralen Vorgaben aus dem Lande.
Meine Damen und Herren! Eine praxisnahe Bildung ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben, unabhängig von Herkunft und Geldbeutel. Dazu brauchen wir ein Bildungssystem, das Freiheit und Eigenverantwortung fördert.
Abschließend sei mir noch ein Hinweis an den Kollegen Mertens gestattet er ist gerade nicht anwesend, aber vielleicht nehmen es die Kollegen mit : Wir haben im Schuljahr 2024/2025 die Möglichkeit geschaffen, an den Förderschulen mit dem Förderbedarf Lernen den Hauptschulabschluss in einer besonderen 10. Klasse zu erwerben. Diese Möglichkeit wurde von einem Großteil der Schüler angenommen. Der Hauptschulabschluss wurde auch in 93 % der Fälle erfolgreich abgeschlossen.
(Beifall bei der FDP)
Meine Damen und Herren! Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.