Dr. Heide Richter-Airijoki (SPD):
Vielen Dank, Herr Präsident. - Meine Damen und Herren Abgeordneten! Endometriose ist ein Indexfall für die gesundheitliche Versorgung von Frauen. Die Erkrankung zeigt, wie das System in vielen Fällen mit Beschwerden von Frauen umgeht. Schmerzen werden zu spät ernst genommen, vorschnell als psychosomatisch eingeordnet oder als Teil eines normalen Zyklus abgetan.
Deshalb ist es gut, dass wir im Sozialausschuss eine Anhörung von Fachleuten hatten. Diese hat uns vor Augen geführt, dass zum einen der Handlungsbedarf groß ist und zum anderen gerade Sachsen-Anhalt durch bereits laufende Initiativen sehr gut positioniert ist, bei diesem Thema eine Vorreiterrolle einzunehmen.
Schätzungen zufolge sind 8 % bis 15 % aller Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter betroffen. Es handelt sich um eine chronische und oft schmerzhafte Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst.
Auch bei unerfülltem Kinderwunsch spielt die Erkrankung eine erhebliche Rolle. Bei etwa jeder zweiten Frau mit unerfülltem Kinderwunsch liegt eine Endometriose vor. Typisch für den Umgang mit der Erkrankung ist der lange Diagnosezeitraum. Zwischen den ersten Symptomen und der endgültigen Diagnose liegen durchschnittlich 10,4 Jahre.
Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt hatten im Jahr 2023 in Sachsen-Anhalt 10 084 Frauen eine gesicherte Endometriosediagnose. Gleichzeitig wissen wir, dass die tatsächliche Zahl schwer zu bestimmen ist, weil die Erkrankung oft spät, zufällig oder gar nicht erkannt wird.
Wir können heute Symptome lindern. Eine ursächliche Heilung gibt es bislang aber nicht. Es gibt auch nicht die eine Therapie, die allen gleichermaßen hilft. Wir brauchen ein abgestimmtes Versorgungskonzept von der ersten Untersuchung in der gynäkologischen Praxis über eine strukturierte weitere Abklärung bis zur spezialisierten Behandlung komplexer Verläufe. Gleichzeitig brauchen wir gut koordinierte Forschung. Dieses Zusammenspiel ist entscheidend. Nicht jede Patientin braucht sofort universitäre Spezialversorgung, aber jede Patientin braucht einen verlässlichen Weg dorthin, wenn Beschwerden schwer, unklar oder wiederkehrend sind.
In Sachsen-Anhalt gibt es bereits etablierte Ansätze. Im universitären Bereich sind als Beispiele zu nennen das wissenschaftlich begleitete Projekt ENDO-EVE im Universitätsklinikum Halle oder auch das Universitätsklinikum Magdeburg, das als Endometriose-Zentrum nach dem Standard EuroEndoCert zertifiziert wurde.
Gerade bei komplexen Verläufen ist die interdisziplinäre Herangehensweise bei Diagnose und Therapie, die an unseren Universitätskliniken unterstützt und weiterentwickelt wird, besonders wichtig.
Mit dem Eisenmoorbad Bad Schmiedeberg haben wir in Sachsen-Anhalt zudem ein zertifiziertes Endometriose-Rehabilitationszentrum zur Verfügung. Diese Einrichtung beeindruckt, weil sie eine wichtige Lücke schließt. Sie hilft bei besonders schweren Verlaufsformen oder auch nach großen Operationen zur Entfernung von Endometriose-Herden. Zudem trägt sie zur Methodenentwicklung für strukturierte Krankheitsbewältigung bei.
Physiotherapie, Bewegungstherapie, psychologisch geleitete Seminare, Ernährungsberatung und der Austausch in Gruppen können Betroffenen helfen, Schmerzen besser zu bewältigen, körperliche Funktionen zu stabilisieren und wieder mehr Sicherheit im Alltag zu gewinnen.
Nicht zu unterschätzen ist auch die gesellschaftlich wichtige Arbeit der Selbsthilfegruppen in Sachsen-Anhalt und deutschlandweit. Der Wert der Selbsthilfegruppen das möchte ich auch im Rückblick auf meine fünf Jahre im Landtag sagen ist in diesem Bereich und in anderen Bereichen wirklich sehr, sehr groß. Ich habe sie gerade auch in Sachsen-Anhalt als besonders aktiv erlebt. Das ist eine der vielen positiven Erfahrungen aus dieser Arbeit und der Zusammenarbeit mit vielen Menschen.
Der Antrag fordert, dass sich Sachsen-Anhalt auf Bundesebene für ein deutsches Zentrum für Endometriose-Forschung einsetzt. Denn die offenen Fragen sind erheblich. Warum entsteht Endometriose? Welche Therapien helfen bei welchen Verläufen am besten? Wie können wir verhindern, dass Frauen über Jahre mit Schmerzen leben, bevor sie eine Diagnose erhalten?
Dieser Antrag verbindet Berichtspflicht, Fortbildung, Versorgungskonzept, Zentrenbildung, Aufklärung und Forschung. Er greift vorhandene Strukturen in Sachsen-Anhalt auf und formuliert zugleich den Anspruch, besser zu werden. Ich liebe diesen Antrag und bitte Sie um Ihre Zustimmung dazu. - Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD - Zustimmung bei der CDU und von Kathrin Tarricone, FDP)
Vizepräsident Wulf Gallert:
Danke. - Keine Fragen.
Dr. Heide Richter-Airijoki (SPD):
Keine Fragen. - Gut, dann möchte ich auch zum Ausdruck bringen, dass es mir wirklich eine Ehre war, Teil des Landtags von Sachsen-Anhalt zu sein. Ich danke Ihnen sehr herzlich. Es war sehr inspirierend. Ich wünsche Ihnen, uns allen und dem Land alles Gute für die Zukunft. - Danke schön.