Tagesordnungspunkt 32
Beratung
Untrending Frauenhass - Feministische Bildung ausbauen, Antifeminismus in der Schule wirksam bekämpfen
Antrag Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drs. 8/6645
Alternativantrag Fraktionen CDU, SPD und FDP - Drs. 8/6684
Einbringerin ist Frau Susan Sziborra-Seidlitz. - Sie haben das Wort. Bitte sehr.
Susan Sziborra-Seidlitz (GRÜNE):
Vielen Dank. - Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Frauenhass und Antifeminismus sind im Trend.
(Oh! bei der AfD)
Das glauben Sie nicht?
(Zuruf von der AfD: Nein!)
Vielleicht liegt das daran, dass das meistens ziemlich simpel und einfach daherkommt:
- als Lifestyle-Vlog einer Frau, die beim Backen selbst das eigene Mehl herstellt und dabei erzählt, wie gern sie sich als Hausfrau um Mann und Kinder kümmert,
- als „TikTok“ eines selbsternannten Dating-Experten, in dem er erklärt, dass Mann, wenn er nur hartnäckig genug dranbleibt, doch jede Frau rumkriegt, auch wenn sie Nein gesagt hat,
- als Reel, in dem ein durchtrainierter Mann erzählt, es sei besonders männlich, Frauen auf der Straße nicht auszuweichen, sondern sie einfach umzurempeln, wenn sie nicht Platz machen, so haben sich Alpha-Männer nun einmal zu benehmen,
- als Reality-TV-Show, in der ein Z Promi stolz damit prahlt, wie er seine Freundin nach der Verlobung durch emotionale Erpressung zum Sex gedrängt hat, obwohl sie eigentlich nicht wollte und Nein gesagt hatte, schließlich habe er als maskuliner Mann sich das doch als Belohnung für die Verlobung verdient.
(Zurufe von der AfD: Oh! - Geschichten aus dem Paulanergarten!)
Frauenverachtung ist überall: in Medien, in der Gesellschaft und auch hier im Parlament, wenn sexuelle Belästigung im Innenhof des Landtages als verunglückter Handkuss bezeichnet wird, wenn bei einer Dienstreise nur ein Zimmer für den Abgeordneten und seine Mitarbeiterin gebucht wird, der Vorwurf einer Vergewaltigung im Raum steht und das dann medial als heimliche Affäre betitelt wird.
Frauenhass verbreitet sich im Netz rasant und weitreichend. Das passiert nicht nur in Videos, wie schon beschrieben,
(Jörg Bernstein, FDP: Was gucken sie denn für Sachen!)
sondern auch in Online-Communitys, in Blogs und in Foren. Dort findet man von Männlichkeitscoachings und Tipps zur Selbstoptimierung über die Fantasien männlicher Vorherrschaft bis hin zum extremen Frauenhass so ziemlich alles. Egal ob Männlichkeitsinfluencer, misogyne Männerrechtsaktivisten, Pick-up-Artists oder Incels, also unfreiwillig zölibatär lebende Männer, sie alle eint eines: Sie lehnen die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ab und machen sie für alle gesellschaftlichen und ihre persönlichen Probleme verantwortlich, getragen von dem Gefühl, dass die moderne Gesellschaft gegen Männer eingestellt sei und Männer irgendwie benachteiligt würden.
Frauenverachtung ist vor allem eines: das Abwerten von Frauen aufgrund ihres Geschlechts.
(Zustimmung bei den GRÜNEN und von Kristin Heiß, Die Linke)
Es ist eine feindselige Haltung gegenüber Frauen bis hin zum ausdrücklich empfundenen Hass auf Frauen als Gruppe oder auf einzelne Personen, einfach weil sie Frauen sind. Antifeminismus ist kein harmloses Randphänomen. Es ist eine Gegenbewegung zur Emanzipation und zur Gleichberechtigung der Geschlechter und es ist eine antidemokratische Weltanschauung. Warum? - Weil Antifeminismus an einem Grundpfeiler rüttelt: der Gleichwertigkeit aller Menschen.
Damit zum zweiten, entscheidenden Punkt. Antifeminismus funktioniert als Brückenideologie. Er ist Türöffner, über den Menschen, insbesondere junge Männer, in autoritäre, rechtsextreme oder fundamentalistische Weltbilder gezogen werden.
(Nadine Koppehel, AfD: Ah!)
Denn wie z. B. die Leipziger Autoritarismus-Studie feststellte, bilden Antifeminismus und z. B. auch Muslimfeindlichkeit eine wichtige Grundlage rechter Mobilisierungsstrategien.
(Unruhe bei der AfD)
Es ist wie eine Einstiegsdroge zum Rechtsextremismus.
(Lachen bei der AfD - Zuruf von der AfD: Da waren sie wieder! - Weitere Zurufe von der AfD)
Und ja, antifeministische Narrative sind nicht nur im Rechtsextremismus ein Werkzeug, auch islamistische Akteure nutzen antifeministische Debatten, um junge Männer
(Unruhe bei der AfD)
Vizepräsident Wulf Gallert:
Warten Sie bitte, Frau Sziborra-Seidlitz. - Ich bitte die Kollegen von der AfD, zumindest zuzuhören. Wenn Sie nicht zuhören wollen, dann gehen Sie bitte raus.
(Zustimmung bei den GRÜNEN - Zurufe von der AfD: Nein, nein, wir wollen das hören! - Wir brennen darauf!)
Es wäre schon schön, wenn das, was hier vorn gesagt wird, wenigstens verstanden werden kann, selbst wenn man es vielleicht nicht verstehen will. Trotz alledem wäre es fair. - Danke.
Susan Sziborra-Seidlitz (GRÜNE):
Antifeministische Narrative sind nicht nur im Rechtsextremismus ein Werkzeug. Auch islamistische Akteure nutzen antifeministische Debatten, um junge Männer für ihre Ideologie zu gewinnen. Deshalb ist mir an der Stelle eines sehr wichtig: Frauenhass wird auch instrumentalisiert. Es gibt Akteure, die so tun, als ginge es ihnen um den Schutz von Frauen, und dann nutzen sie das, um Islamfeindlichkeit und Rassismus zu befeuern. Das ist nichts anderes als der Missbrauch einer realen alltäglichen Gefahr für Frauen für Hetze.
(Lachen bei und Zurufe von der AfD)
Wer Frauenrechte vorschiebt, um gegen Migranten, Muslime oder Menschen mit anderer Hautfarbe zu hetzen, der schützt nicht Frauen. Das ist kein Feminismus, das ist Spaltung und das ist brandgefährlich.
(Zustimmung bei den GRÜNEN, von Kristin Heiß, Die Linke, und von Henriette Quade, fraktionslos)
Antifeminismus ist also nicht nur eine Gefahr für Frauen, er ist ein Angriff auf unser aller Freiheit, auf Selbstbestimmung, ein Angriff auf die Grundwerte unserer Gesellschaft und damit ganz klar eine Gefahr für die Demokratie.
(Christian Hecht, AfD, lacht - Zurufe von der AfD: Immer! - Alles ist eine Gefahr für die Demokratie!)
Doch weder irgendeine Religion noch irgendeine Kultur sind das eigentliche Problem oder die Ursache von Frauenhass. Es ist die Sozialisation von Männern,
(Christian Hecht, AfD, lacht)
also die Frage, wie Jungen und Männer in unserer Gesellschaft erzogen werden, wie sie aufwachsen, welches Männlichkeitsbild sie erfahren und sie dann haben, mit welchem Selbstverständnis sie sich in der Gesellschaft bewegen. Wer Frauen und Mädchen vor Gewalt schützen möchte, der setzt genau da an. Deshalb reicht es nicht, nur über Strafverfolgung zu sprechen. Ja, Strafverfolgung bei Gewalt gegen Frauen ist wichtig, doch Fußfesseln und Frauenhausplätze, so wichtig sie sind, behandeln vor allem Symptome, aber nicht die Ursache. Bildung und Aufklärung behandeln die Ursachen.
(Zustimmung bei den GRÜNEN - Unruhe bei der AfD)
Unser Antrag ist deswegen Teil einer ganzheitlichen Strategie, einer Strategie, die mit Prävention durch Bildung beginnt und mit konsequenter Strafverfolgung enden muss. In unserem Antrag beschäftigen wir uns vor allem damit, was Schulen und insbesondere der Unterricht dafür leisten können.
Denn getragen von der medialen Verbreitung findet Frauenhass selbstverständlich auch den Weg in unsere Schulen: wenn Jungen und Mädchen sich antifeministische und frauenverachtende Videos zu Hause, in der Straßenbahn, auf dem Bolzplatz oder auf dem Schulhof ansehen; wenn Jungen ihren Klassenkameradinnen in der Mittagspause beim Vorbeigehen an die Brust fassen; wenn weinende Jungs als Mädchen bezeichnet werden; wenn Mädchen schon auf dem Weg zur Schule morgens gecatcalled werden; wenn der Lehrer erklärt, dass Mädchen eben nicht so gut in Mathe und Physik sind wie Jungs; wenn dem Jungen gesagt wird, er soll kein Rosa oder Glitzer mögen, weil das nur für Mädchen sei. - All das sind Folgen antifeministischer Bewegungen.
(Wolfgang Aldag, GRÜNE, hält ein Mobiltelefon mit rosafarbener Schutzhülle hoch)
- Sehr schönes Rosa.
All das sind Ausprägungen von Sexismus, von Frauenfeindlichkeit und von Frauenhass. Deshalb wollen wir Feminismus in der Schule stärker vermitteln. Das heißt, die Geschichte der Frauenbewegung und die Errungenschaften von Frauen sollen sichtbarer werden. Vor allem die Leistung von Frauen in Geschichte, in Kunst und Kultur und in Wissenschaft und Forschung soll viel stärker betont werden als bisher. Warum?
Erstens: Weil das Wissen darüber viel zu wenig verbreitet ist viel zu oft wird Geschichte nur aus der Sicht der männlichen Akteure vermittelt , aber auch, weil Frauenhass davon lebt, Frauen kleinzumachen, sie unsichtbar zu machen und sie auf bestimmte Rollen wie Hausfrau, Mutter oder Geliebte zu reduzieren, und das nicht nur in der Gegenwart, sondern eben auch bezüglich der Historie. Feministische Bildung zeigt positive Vorbilder und stärkt damit Mädchen. Gleichzeitig zeigt das Jungs: Stärke, Wissen und Errungenschaften haben nichts mit dem Geschlecht zu tun; große Leistungen für die Gesellschaft, für Technik und für Wissenschaft haben Frauen wie Männer erbracht.
(Zustimmung bei den GRÜNEN und bei der SPD)
Zweitens. Wir wollen, dass im Unterricht gezielt über Frauenhass und Antifeminismus gesprochen wird; darüber, wie er entsteht und welche Folgen er hat. Dazu gehört ganz ausdrücklich auch die Verbreitung antifeministischer Inhalte über Social Media und dazu gehört die kritische Auseinandersetzung mit Rollenbildern und mit ihren negativen Auswirkungen.
Kinder und Jugendliche sollen lernen, wie Algorithmen funktionieren und warum ihnen immer wieder extreme Inhalte vorgeschlagen werden. Und sie sollen lernen, sich dagegen zu wehren - argumentativ, solidarisch und demokratiefest. Das ist der Kern dessen, was Schule leisten soll: junge Menschen zu mündigen Bürgerinnen machen, zu Menschen, die, ja, umfassend gebildet sind, aber auch Verantwortung übernehmen für sich und für andere. Natürlich heißt das auch: Wir dürfen die Lehrkräfte damit nicht allein lassen. Es braucht entsprechende Fortbildungen und Materialien, die Lehrkräften Sicherheit im Umgang mit Antifeminismus geben. Es braucht Schulsozialarbeit an allen Schulen und es braucht kostenfreien Zugang zu Beratungsstrukturen.
Wir GRÜNEN kämpfen dafür, dass Frauenhass und Antifeminismus als das behandelt werden, was sie sind: eine Bedrohung der Sicherheit von Frauen und Mädchen, eine Gefahr für die Gesellschaft und auch ein Angriff auf die Demokratie. Wer die Ursache von Frauenhass und Antifeminismus bekämpfen will, der setzt bereits in der Bildung an. Deswegen gehört feministische Bildung für uns GRÜNE an die Schule. Deshalb ist es wichtig, die Geschichte der Frauenbewegung und die Leistungen von Frauen sichtbar zu machen, vielfältige Rollenbilder aufzuzeigen und Antifeminismus sowie seine Verbreitung in sozialen Medien im Unterricht klar zu thematisieren.
Bitte stimmen Sie unserem Antrag zu, für mehr Schutz von Frauen und Mädchen sowie für eine Schule, die die Demokratie stärkt, damit Frauenhass endlich zum Antitrend wird. - Vielen Dank.
(Zustimmung bei den GRÜNEN, von Kristin Heiß, Die Linke, und von Henriette Quade, fraktionslos)
Vizepräsident Wulf Gallert:
Ich sehe keine Fragen.