Tagesordnungspunkt 36
Erste Beratung
Multiprofessionelle Teams stärken - gebündelte Unterstützungsstrukturen in Schulen prüfen, weiterentwickeln und umsetzen
Antrag Fraktion Die Linke - Drs. 8/6506
Wir müssen noch ein bisschen Zeit aufholen. - Frau Hohmann, Sie haben das Wort.
(Zustimmung)
Monika Hohmann (Die Linke):
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Stellen Sie sich ein Klassenzimmer mit 25 Kindern vor. Es gibt unterschiedliche Voraussetzungen und unterschiedliche Belastungen. In der Zwischenzeit sitzen dort oft nicht nur eine Lehrkraft und eine Klasse. Zusätzlich sind Schulbegleitungen, therapeutische Fachkräfte und Sozialarbeiterinnen anwesend. Oftmals sind es mehrere Erwachsene gleichzeitig in engen Räumen, ohne klare Abstimmung und ohne gemeinsame Struktur.
Bei meinem letzten Besuch an einer Schule berichtete mir die Schulleiterin, dass sich in ihrer Einrichtung derzeit 28 Integrationshelferinnen von sieben verschiedenen Trägern aufhalten. Die Klassenleitungen wissen oft nicht, wer mit Unterstützungsbedarf im neuen Schuljahr eingeschult wird. Die Antwort auf unsere Große Anfrage in der Drs. 8/5246 zur Inklusion verdeutlichte, wie rasant sich die Zahlen von Schulbegleiter*innen und Integrationshelfer*innen in den letzten zehn Jahren entwickelt haben.
Ein Beispiel zum Thema Schulbegleitung. Der Landkreis Wittenberg hatte im Jahr 2015 elf Schulbegleiterinnen. Im Jahr 2024 waren es schon 62, also mehr als das Fünffache. Im Landkreis Börde waren es 2015 zwölf und im Jahr 2024 123, eine Verzehnfachung.
Bei den Integrationshelferinnen, die nach SGB IX finanziert werden, haben wir eine ähnliche Entwicklung. Im Jahr 2015 waren insgesamt 356 von den Integrationshelferinnen an Schulen tätig. Im Jahr 2024 waren es schon 994, also eine Zunahme um 179 % in neun Jahren. Beide Unterstützungsformen wachsen. Schulbegleitung sogar in noch dynamischerer Weise als Integrationshilfe.
Sehr geehrte Damen und Herren! Was eigentlich unterstützen soll, wird dann selbst zum Problem. Kinder verlieren an Selbstständigkeit, Lehrkräfte finden sich beim Koordinieren wieder, statt zu unterrichten. Fachkräfte arbeiten nebeneinander, statt miteinander.
Gleichzeitig zeigen uns alle Fachgespräche, alle Rückmeldungen aus der Praxis und auch die Daten, dass die Unterstützungsbedarfe von Kindern und Jugendlichen massiv zugenommen haben, sozial, gesundheitlich, psychosozial. Das ist kein Ausnahmezustand mehr. Das ist für viele Schulen der Alltag.
Im Ergebnis haben wir heute ein Unterstützungssystem, das zwar gut gemeint ist, aber häufig nicht gut funktioniert. Hilfen kommen zu spät, sie kommen parallel und sie kommen ungeordnet. Sie orientieren sich an Zuständigkeiten, nicht aber am pädagogischen Alltag. Das belastet alle Kinder, die sich ständig neu einstellen müssen, Eltern, die sich durch Verfahren kämpfen und Lehrkräfte und Fachkräfte, die Zeit für Koordination anstatt, wie gesagt, für den Unterricht aufbringen müssen.
Das ist kein individuelles Versagen, das ist ein strukturelles Problem. Genau deshalb haben wir heute diesen Antrag gestellt, nicht aus dem Bauch heraus, sondern auf der Grundlage von Fachgesprächen und Fachtagungen im Netzwerk gegen Kinderarmut, das wir im letzten Jahr das ganze Jahr lang bearbeitet haben, nämlich gemeinsam mit Praktikerinnen und Praktikern, Trägern, Kommunen, Landesbehörden, Verwaltung und Fachwissenschaft. Wir haben dort sehr konkret über Strukturen gesprochen, die entlasten statt zusätzlich zu belasten.
Wir haben uns angeschaut, wie andere Bundesländer Unterstützung organisieren, z. B. in Schleswig-Holstein, wo Leistungen gebündelt und koordiniert werden, statt sich unübersichtlich im Schulalltag zu stapeln. Die zentralen Ergebnisse aus diesen Gesprächen waren klar: Wenn Unterstützung gemeinsam geplant und strukturiert organisiert wird, dann wirkt sie schneller, verlässlicher und weniger stigmatisierend - für Kinder, für Schulen und für Fachkräfte.
Genau darum geht es im Kern dieses Antrages, um gebündelte schulbezogene Unterstützungsstrukturen in multiprofessionellen Teams. Wir bitten daher die Landesregierung zu prüfen, wie Unterstützungsleistungen an Schulen aller Schulformen vorrangig strukturiert und gemeinsam organisiert werden können,
(Zustimmung)
statt weiterhin isoliert im Einzelfall. Wir schlagen vor, dafür Modellregionen einzurichten, eine im städtischen Raum und eine im ländlichen, nicht als Schnellschuss, sondern mit Evaluation, mit klaren Kriterien und mit einem Bericht an den Landtag. Wir wollen außerdem wissen, unter welchen Voraussetzungen solche Strukturen langfristig als Regeloption geeignet sind.
Gleichzeitig sagen wir: Das bestehende Konzept zu multiprofessionellen Teams muss fortgeschrieben werden. Die Realität in den Schulen hat sich verändert. Psychische Belastungen haben zugenommen. Kinderarmut wirkt sich unmittelbar auf Bildungschancen aus. Digitale Fragen spielen eine immer größere Rolle. Deshalb müssen Gesundheitsberufe, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, pädagogische und sozialpädagogische Fachkräfte, sonderpädagogische und sprachführende Kompetenzen sowie koordinierende Funktionen systematisch zusammengedacht werden, mit klaren Rollen und klarer Verantwortung.
(Zustimmung)
Lassen Sie mich an dieser Stelle auch zur Kostenfrage etwas klarstellen. Das ist ja immer die Frage, die kommt: Woher nehmen Die Linken das Geld? Dieser Antrag ist kein Automatismus für Mehrkosten. Die Leistungen, über die wir sprechen, existieren bereits. Sie werden heute nur kleinteilig, unkoordiniert und oft ineffizient organisiert.
Es geht also nicht darum, neue Hilfen zu erfinden, sondern darum, bestehende Unterstützungsleistungen anders zu strukturieren, damit sie im Schulalltag tatsächlich wirken. Genau deshalb enthält der Antrag eine Finanzprüfung, nicht, um reflexartig neue Mittel zu fordern, sondern um transparent zu klären, wie vorhandene Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden können, gerade in Zeiten des Fachkräftemangels.
Meine Damen und Herren! Wir stehen vor einer Phase, in der zentrale Weichen im Bildungs- und Sozialbereich neu gestellt werden. Wenn wir jetzt nicht beginnen, Strukturen zu überprüfen und weiterzuentwickeln, dann wird sich an der Realität in der Schule wenig ändern.
Dieser Antrag schafft die Möglichkeit, noch in dieser Legislaturperiode zu koordinieren, welche Unterstützungsstrukturen funktionieren könnten, welche entlasten und welche wir in Zukunft verbindlich brauchen. Wir legen Ihnen deshalb keinen fertigen Umbau vor, sondern eine ernsthafte Prüfung, Modellierung und Bewertung, damit politische Entscheidungen auf der Grundlage von Praxis und Wirkung getroffen werden können.
Ich bitte Sie daher, diesen Antrag in die entsprechenden Fachausschüsse zu überweisen. Mir wäre es lieber zur federführenden Beratung in den Ausschuss für Soziales; denn es geht hauptsächlich um die Eingliederungshilfe, mit enger Beteiligung des Bildungsausschusses. Denn die Frage, wie Unterstützung an Schulen organisiert wird, entscheidet darüber, ob Hilfe den Alltag verbessert oder nur Akten füllt.
Ich bitte daher um Zustimmung zu unserem Antrag. - Vielen Dank, für Ihre Aufmerksamkeit.