Petra Grimm-Benne (Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung):
Herzlichen Dank. - Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordneten! Frühkindliche Bildung wird in unserem Land sehr ernst genommen. Gerade deshalb - ich sage es vornweg - ist der vorliegende Antrag fachlich nicht überzeugend und pädagogisch höchst problematisch.
(Beifall bei der SPD, bei der Linken und bei den GRÜNEN - Zustimmung von Sandra Hietel-Heuer, CDU)
Drei Punkte möchte ich herausnehmen. Erstens. Der Antrag fordert, offene pädagogische Konzepte in allen Kitas des Landes zu beenden und sie durch Gruppenmodelle mit festen Bezugserzieherinnen und -erziehern, klaren Tagesabläufen und verbindlichen Lern- und Entwicklungsangeboten zu ersetzen. Diese Forderung kann nur auf einem grundlegenden Missverständnis frühpädagogischer Qualität beruhen.
(Beifall bei der SPD - Zustimmung von Susan Sziborra-Seidlitz, GRÜNE)
Offene oder teiloffene Konzepte bedeuten nicht fehlende Struktur, fehlende Bildung oder fehlende Verantwortung. Sie sind keine Konzepte der Beliebigkeit, sondern Form professionell gestalteter Bildungsarbeit, die sich an den Bedürfnissen, den Interessen und den Entwicklungsständen der Kinder orientiert. Ein konkretes Beispiel: Die Kita Heide-Süd in Halle wurde 2023 mit dem Deutschen Kita-Preis als beste Kita Deutschlands ausgezeichnet.
(Zustimmung von Katrin Gensecke, SPD)
Die Jury würdigte ausdrücklich die hohe pädagogische Qualität des offenen Konzeptes der Kita, das auf verlässliche Beziehungen, intensive Beobachtung, bedarfs- und kindgerechte Erziehung, Beteiligung der Kinder und eine reflektierte Rolle der Fachkräfte setzt. An dieser Stelle würde ich eigentlich sagen: Besuchen Sie diese Kita. An dieser Stelle möchte ich aber sagen: Ich möchte das den Erzieherinnen und Erziehern ersparen.
(Beifall und Lachen bei der SPD)
Das Beispiel zeigt: Offenheit und Qualität schließen sich nicht aus, im Gegenteil. Sie verstärken sich gegenseitig und auch das Bildungsprogramm des Landes stellt diesen Gegensatz ausdrücklich nicht her. Es betont die zentrale Bedeutung von Bindung, Verlässlichkeit, Tagesstruktur und klaren Übergängen, verbindet diese aber mit kindgerechter Flexibilität und professioneller pädagogischer Gestaltung.
Zweitens. Der Antrag fordert einen landesweiten Maßnahmenkatalog, um bestehende offene Konzepte schrittweise in feste Gruppenstrukturen zu überführen. Die Forderung verkennt zutiefst, dass Kinder sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen haben, unterschiedliche Altersstrukturen, unterschiedliche Sprach- und Entwicklungsstände und unterschiedliche Bedarfe. Pädagogische Qualität entsteht nicht durch einheitliche Organisationsmodelle, sondern durch professionelle Entscheidungen vor Ort. Genau das leistet unser Bildungsprogramm. Es formuliert verbindliche Qualitätsprinzipien etwa zu Eingewöhnung, Beobachtung, Dokumentation, Sprachbildung und Kinderschutz, ohne eine pädagogische Einheitslösung vorzuschreiben. Ein landesweit verordneter Rückbau bestimmter Konzepte würde nicht zu mehr Qualität führen, sondern zu pädagogischer Verengung und letztlich dem Kindeswohl nicht gerecht werden.
(Beifall bei der SPD - Zustimmung bei den GRÜNEN)
Drittens. Der Antrag fordert, das Bildungsprogramm grundsätzlich zu überarbeiten, um feste Stammgruppen, verbindliche Tagesstrukturen und Bezugspersonen als alleinige pädagogische Grundprinzipien festzuschreiben. Auch diese Forderung ist nicht begründet. Denn das Bildungsprogramm enthält bereits all diese Elemente. Es beschreibt die Bedeutung stabiler Beziehungen, verlässlicher Bezugspersonen, klarer Übergänge und strukturierter Tagesabläufe, aber eingebettet in ein modernes Bildungsverhältnis, das Kinder als aktive Gestalter ihrer Bildungsprozesse ernst nimmt.
Die Entwicklungs- und Bildungsforschung zeigt eindeutig: Lern- und Bildungsprozesse verlaufen nicht linear und im Rahmen exklusiver Zuordnungen, sondern entwicklungsabhängig durch qualitativ hochwertige Interaktionen, durch dialogische Sprachbildung, durch gemeinsames Denken, durch Spiel, durch verlässliche, aber auch exklusive Beziehungen und durch professionelle Begleitung. Das Bildungsprogramm verbindet genau diese Aspekte: Struktur und Offenheit, Anleitung und Selbstständigkeit, Sicherheit und Entwicklung.
Ich will Ihnen eines sagen: Ich brauche keinen Professor aus Dresden zu bemühen. Unser Kompetenzzentrum Frühe Bildung in Stendal hat all das selbst erarbeitet. Darauf bin sehr stolz, und ich denke, Sie auch.
(Beifall bei der SPD - Zustimmung bei den GRÜNEN)
Wir diskutieren über diesen Antrag heute in einem Land, das bundesweit über ein vorbildliches Kinderbetreuungssystem verfügt. Diese Rahmenbedingungen sind eine große Stärke und sie ermöglichen pädagogische Qualität mit hohem Niveau. Sie rechtfertigen keine pauschale Abwertung bestehender Konzepte, sondern verlangen Vertrauen in die Professionalität unserer Fachkräfte. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle bei diesen ausdrücklich bedanken.
(Beifall bei der SPD - Zustimmung bei der CDU)
Ich will noch sagen, weil es überall deutlich wurde: Ich bin eigentlich sehr dankbar, dass die AfD den Entwurf ihres Regierungsprogrammes öffentlich gemacht hat. Auf der Seite 25 erhalten Sie einen Vorgeschmack, den dieser Antrag heute einleiten soll, wie man frühkindliche Bildung hier in diesem Land tatsächlich umsetzen will. Das würde einen erheblichen Rückschritt bedeuten. Ich hoffe sehr, dass viele hier heute sehen können, was in diesem Land ausprobiert werden soll.
(Daniel Rausch, AfD: Gab’s doch alles schon!)
Ich jedenfalls werde mich dagegen zur Wehr setzen. - Herzlichen Dank.