Tagesordnungspunkt 30

Beratung

Rückkehr zur spezialisierten Pflegeausbildung in Sachsen-Anhalt - Abschaffung der generalistischen Pflegeausbildung

Antrag Fraktion AfD - Drs. 8/6495


Einbringer ist Herr Siegmund für die Fraktion der AfD. - Bitte sehr, Sie haben das Wort.

(Zustimmung bei der AfD)


Ulrich Siegmund (AfD):

Vielen Dank, Herr Präsident. - Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir haben alle möglichen Probleme in diesem Land   das wissen wir  , in fast allen Bereichen. Aber über ein Thema wird unserer Meinung nach immer noch zu wenig gesprochen, und zwar ist das die Pflege. Es wird immer noch zu wenig darüber gesprochen. Man muss sich einfach darüber im Klaren sein, dass das ein Problem ist, das in den nächsten Jahren noch in einem viel größeren Ausmaß auf uns zurollt.

Es ist eine mathematische Gewissheit, das muss man ganz klar so sagen: Immer mehr Menschen werden in den nächsten Jahren pflegebedürftig werden. Aber immer mehr Pfleger gehen in Rente. Auch das ist Mathematik, das heißt, hier rollt   das muss man so ehrlich benennen   eine Katastrophe auf uns zu, wenn wir nicht gegensteuern.

Wir machen das insbesondere deswegen, weil auch sehr viele jüngere Menschen damit konfrontiert werden. Ich weiß nicht, wer von Ihnen in seinem familiären Umfeld einmal vor der Herausforderung stand, einen Pflegeplatz für einen zu pflegenden Angehörigen zu finden. Es wird immer schwieriger. Es wird immer komplizierter. Dort kommt es jetzt schon an.

Und gerade bei uns im Land kommt es an. Wir sind das älteste Bundesland in ganz Deutschland. Auch das ist Fakt. Deswegen wollen wir dieses Thema auch hier und heute diskutieren. Ich weiß, das ist ein Bundesthema, trotzdem müssen wir es hier besprechen, weil wir die Auswirkungen hier besonders spüren. Dazu komme ich nachher auch noch einmal.

Wir möchten dieses Problem lösen, indem wir schon jetzt die ersten Schritte für die Zukunft angehen, und das ist die Ausbildung. Das Entscheidende ist, dass wir auch in Zukunft gute Fachkräfte für diesen Bereich gewinnen können. Das können wir nur, indem wir eine gute, qualifizierte Ausbildung sicherstellen, die auch attraktiv ist, die funktioniert. An dieser Stelle haben wir das Problem: Das ist seit 2020 nun einmal etwas anders ist.

Bis 2020 gab es eine spezialisierte Ausbildung in der Pflege. Es gab die Altenpflege, es gab die Kranken- bzw. Gesundheitspflege und es gab die Kinderkrankenpflege. Insbesondere bei letzterer liegt der Hase im Pfeffer   das zeigt sich, wenn man mit den Betroffenen spricht  ; denn es ist ein großer Unterschied, ob ich jemanden pflege, der nicht mal 500 g schwer ist, oder jemanden pflege, der mehr als 100 kg schwer ist. Das ist die Stimme aus der Praxis, die durch die generalistische Pflegeausbildung in eine Schieflage geraten ist.

Seit 2020 wurde   auf der Bundesebene beschlossen   genau diese spezialisierte Pflege zusammengefasst zu einer generalistischen Ausbildung. Es gibt nur noch eine Ausbildung. Der Vorstoß   das muss ich auch als AfDler sagen   war gut gemeint. In der Theorie ist es in Ordnung, dass man die Ausbildung flexibler gestalten möchte   das war ja die Hauptintention  , dass man sie attraktiver gestalten möchte und dass man sie auch zukunftsfähiger macht.

Nach knapp fünf Jahren   das ist übrigens auch Grundlage für unseren Antrag   haben wir aber festgestellt, dass die Stimme aus der Praxis nun einmal eine andere ist. Es hat nicht so funktioniert, wie man sich das vorgestellt hat. Darum geht es heute.

Die Ausbildung ist viel theoretischer geworden. Die Praxis wurde nach Aussagen vieler Betriebe, vieler Auszubildender weit hintangestellt. Was ist das Ergebnis? Frau Ministerin, korrigieren Sie mich gleich, aber ich habe Zahlen gefunden. Die Abbrecherquote liegt bundesweit bei etwa 30 %. Für das Land Sachsen-Anhalt habe ich keine eigenen Zahlen gefunden. Vielleicht können Sie uns dazu gleich erhellen. Bei der spezialisierten Ausbildung waren es wohl 15 %. Das ist eine Steigerung   das ist eine Verdopplung, wenn das so stimmen sollte; darüber können wir gleich noch sprechen  , die eine eindeutige Sprache spricht. Das ist eine Katastrophe. Fast ein Drittel Abbrecher - das geht nicht.

Hinzu kommt, dass sich auch die Quote derjenigen, die dann im Berufsfeld in den ersten Monaten wieder aussteigen, erhöht hat, und zwar deshalb, weil durch den fehlenden Praxisbezug viele merken: Mensch, das, was ich vorher theoretisch gelernt haben, hat gar nichts mit dem zu tun, was ich jetzt am Patienten, am Menschen machen soll; ich habe mir diesen Beruf anders vorgestellt. Dem kann man vorher entgegenwirken, indem man die Ausbildung praxisnah gestaltet. Auch das ist eine Konsequenz dieser höheren Theorie.

Woran liegt das alles? - Die zentralen Kritikpunkte   das muss ich erst einmal sagen   kommen ja nicht nur von uns, das sagen auch viele Verbände. Viele, die genau das vertreten, sagen, dass in der generalistischen Pflegeausbildung z. B. ein Verlust der fachlichen Tiefe zu beobachten ist. Zentrale medizinische Kernfächer wie Anatomie, Krankheitslehre, Medikamentenlehre, Ernährungslehre oder Psychologie wurden entsprechend deutlich reduziert; stattdessen wird der Schwerpunkt gelegt auf Dokumentation, auf Konzeptarbeit, auf Kommunikationsmodelle, auf MD-Standards, also Standards des Medizinischen Dienstes.

Diese Themen sind natürlich relevant   das sagen wir auch  , sie sind handlungsleitend, aber sie bereiten nicht so auf die Praxis vor, wie es sein sollte, insbesondere nicht   das ist das ganz Entscheidende   auf Notfälle. Das ist die Stimme aus der Praxis, wo es dann auch um Menschenleben geht. Deswegen muss man das besonders betrachten.

Wir haben daher eine spätere Überforderung der Auszubildenden, weil Theorie und Praxis auseinanderliegen. Viele erleben in der Ausbildung, dass diese zu abstrakt, zu wenig praxisnah, zu theoretisch ist und dass der ständige Wechsel zwischen den Versorgungsbereichen erschwert wird, weil in der Praxis   das habe ich vorhin schon gesagt   nun einmal ein großer Unterschied zwischen Kinderpflege, Altenpflege und Gesundheitskrankenpflege besteht, der so halt nicht gelehrt wird.

Die Konsequenzen   das kommunizieren uns die Träger   sind folgende: Pflegeeinrichtungen berichten über ein erhebliches Defizit bei den Berufsanfängern, insbesondere bei den praktischen und medizinischen Kompetenzen, was dazu führt, dass große Träger Anleitungsphasen für neue Auszubildende von zum Teil bis zu einem Jahr einplanen, wodurch dann wieder Fachkräfte und damit auch finanzielle Mittel gebunden sind, die an anderer Stelle fehlen.

Außerdem stellen die Einrichtungen eine Überforderung bei Berufsanfängern fest, eben weil der Praxisbezug fehlt. Dadurch kommt es zu erhöhten Fehlerquoten, was mit einer Gefährdung der Patientensicherheit einhergehen kann. Das muss man immer im Konjunktiv so sagen.

Wie sehen wir das unterm Strich? Wir haben mit sehr vielen gesprochen, die das auf allen Ebenen ausbaden müssen und die gleichwohl auch die Vorteile reflektiert haben. Nach Abwägung aller Vor- und Nachteile sind sie zu dem Schluss gekommen: Es war einen Versuch wert, die Idee war in Ordnung, aber sie ist einfach an der Realität gescheitert. Entweder baut man die generalistische Pflegeausbildung so um, dass man größere Praxisschwerpunkte hat, d. h., man muss noch einmal an das Gesetz herangehen, oder   das möchten wir eigentlich vielmehr; warum muss man das Rad immer wieder neu erfinden   man geht wieder zurück.

Warum kann man, wenn man einmal einen Versuch gemacht hat, der nicht optimal war, nicht so, wie man es sich vorgestellt hat, nicht wieder zurückgehen? Das beantragen wir heute, meine sehr geehrten Damen und Herren: wieder zurück zur spezialisierten Pflegeausbildung.

Wir wissen, ja, wir müssen über Berlin gehen. Das ist ein Bundesthema, das wissen wir auch. Ich habe vorhin schon gesagt: Wir als Land müssen es aber später politisch besonders ausbaden, weil wir nun einmal das älteste Bundesland in Deutschland sind. Deswegen sind wir auch der Meinung, dass das in diesen Landtag gehört. Wir würden uns freuen, wenn wir eine starke Stimme nach Berlin schicken, dass wir als Land Sachsen-Anhalt dieses Thema so bewerten. Ich freue mich auf Ihre Zustimmung. Denn ich kann natürlich davon ausgehen, dass das fraktionsübergreifend Konsens sein sollte; denn das ist die Stimme aus der Praxis. - Ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.